Lexikon
Zahnfleischabszess (Parodontalabszess)
„Zahnfleischabszess“ ist ein Alltagsbegriff für eine Eiteransammlung am Zahnfleisch. Er kann den früher unterschiedenen, auf das Zahnfleisch begrenzten Gingivaabszess ebenso meinen wie den parodontalen Abszess (Parodontalabszess), um den es in diesem Eintrag geht. Der parodontale Abszess ist eine umschriebene Eiteransammlung in der Zahnfleischwand einer Zahnfleischtasche oder, an einem bis dahin gesunden Zahn, der Zahnfleischfurche (Sulkus). Er entsteht innerhalb kurzer Zeit, baut dabei Gewebe des Zahnhalteapparats rasch ab und macht sich meist durch Schmerzen und eine Schwellung seitlich an der Zahnwurzel bemerkbar. Am häufigsten bildet er sich in einer bereits vertieften Tasche bei Parodontitis. Er zählt zu den odontogenen Abszessen, im Alltag zusammengefasst als Zahnabszess: Anders als der periapikale Abszess, der von einer abgestorbenen Pulpa an der Wurzelspitze ausgeht, liegt sein Ursprung im Zahnhalteapparat.
Einordnung
In der Klassifikation der Parodontalerkrankungen von 2017/2018 ist der parodontale Abszess ein eigenes akutes Krankheitsbild. Eine Unterteilung in akut und chronisch gibt es nicht mehr, weil ein Abszess seinem Wesen nach eine akute Veränderung ist. Eiteransammlungen unter der Schleimhautkappe eines durchbrechenden Zahns zählen nicht dazu. Wie sich der Abszess in das Gesamtsystem einfügt, zeigt die Einteilung der Parodontalerkrankungen.
Zu den akuten Erkrankungen am Zahnhalteapparat, wegen derer Betroffene kurzfristig eine Praxis aufsuchen, gehören neben dem Abszess die nekrotisierenden Parodontalerkrankungen. Die Paro-Endo-Läsion kann akut oder schleichend verlaufen; nach einer Wurzelfraktur oder Perforation zeigt sie sich am häufigsten als schmerzhafter Abszess.
Gingivaabszess und Parodontalabszess
Die Klassifikation von 1999 führte den auf das Zahnfleisch begrenzten Gingivaabszess noch als eigene Form neben dem Parodontalabszess. Weil sich beide schwer trennen ließen und die Unterscheidung Lage und Ursache vermischte, sieht die Einteilung von 2017/2018 den Gingivaabszess nicht mehr vor. Seither gibt es nur noch den parodontalen Abszess, eingeteilt danach, ob er bei bestehender Parodontitis oder an einer sonst gesunden Stelle entsteht.
Entstehung und Ursachen
Am Anfang dringen Bakterien aus der Tasche in das umgebende Weichgewebe ein. Abwehrzellen wandern ein, Bindegewebe wird abgebaut, die Infektion kapselt sich ab und es bildet sich Eiter. Begünstigt wird das, wenn sich der Eingang einer tiefen Tasche verschließt und der Eiter nicht mehr abfließen kann. Die beteiligten Bakterien entsprechen weitgehend denen der Parodontitis.
Bei bestehender Parodontitis kann ein Abszess auftreten:
- als akuter Schub einer unbehandelten Parodontitis oder während der Nachsorge,
- nach einer Reinigung unter dem Zahnfleisch, wenn Zahnsteinbruchstücke ins Gewebe gedrückt werden oder sich der obere Taschenanteil schließt, während in der Tiefe Beläge verbleiben,
- nach parodontalchirurgischen Eingriffen, etwa an Membranen oder Nahtmaterial,
- nach Einnahme eines Antibiotikums ohne gleichzeitige Reinigung der Taschen bei schwerer Parodontitis,
- unter bestimmten Medikamenten, beschrieben etwa für Nifedipin.
Gewundene Taschen, ein Furkationsbefall und senkrechte Knocheneinbrüche erschweren den Abfluss und gelten als begünstigend.
Ohne Parodontitis kann sich ein Abszess an bis dahin gesunden Stellen bilden, etwa durch eingeklemmte Fremdkörper wie Zahnseide, kieferorthopädische Gummiringe, Zahnstocherreste oder Popcornschalen, durch Gewohnheiten wie Nägelkauen oder Pressen, durch kieferorthopädische Kräfte, durch Zahnfleischwucherungen oder durch Besonderheiten der Wurzel. Dazu zählen Rillen und Schmelzperlen ebenso wie Perforationen, Längsfrakturen und von außen fortschreitende Resorptionen der Wurzel.
Symptome
Typisch ist eine ovale, prall gespannte Vorwölbung des Zahnfleischs seitlich an der Zahnwurzel. Sie ist gerötet, schmerzt und reagiert empfindlich auf Druck; manche Betroffene haben das Gefühl, der Zahn stehe höher als seine Nachbarn. Der Zahn ist häufig gelockert. Beim Sondieren der Tasche tritt meist Eiter aus, ein Fistelgang wie bei einer Zahnfistel ist dagegen die Ausnahme.

Anders als viele andere Zeichen einer Parodontitis macht sich der Abszess meist durch Schmerzen bemerkbar. Allgemeinsymptome sind selten. Kommen eine Schwellung im Gesicht, Fieber, Abgeschlagenheit oder geschwollene Lymphknoten hinzu, kann sich die Infektion über den Zahn hinaus ausbreiten. Welche Warnzeichen eine Behandlung noch am selben Tag erfordern, beschreibt der Eintrag zum Zahnabszess.
Diagnostik
Die Diagnose ergibt sich aus Vorgeschichte, Untersuchung und Röntgenbild. Wichtig ist die Frage nach kurz zurückliegenden Behandlungen wie Taschenreinigung, Parodontalchirurgie, Antibiotika oder Wurzelbehandlung und nach eingeklemmten Fremdkörpern. Mit der Parodontalsonde wird die Tasche gemessen; typisch sind eine tiefe Tasche, Blutung, Eiter und eine erhöhte Beweglichkeit des Zahns. Das Röntgenbild zeigt in der Regel Knochenabbau.
Ob die Pulpa beteiligt ist, klärt ein Sensibilitätstest. Reicht eine Tasche bis an oder nahe an die Wurzelspitze und reagiert der Zahn nicht, spricht das für eine Paro-Endo-Läsion. Weil auch Zysten, Infektionen nach Eingriffen und selten Tumoren ähnlich aussehen können, gehört die sorgfältige Abgrenzung zur Diagnostik.
Abgrenzung zu periapikalem Abszess und Paro-Endo-Läsion
Klinisch können sich diese Abszesse stark ähneln. Die Unterscheidung entscheidet darüber, ob die Behandlung an der Tasche, am Wurzelkanal oder an beidem ansetzt.
| Merkmal | Parodontaler Abszess | Periapikaler Abszess | Paro-Endo-Läsion |
|---|---|---|---|
| Ausgangspunkt | Zahnfleischtasche | abgestorbene Pulpa, infizierter Wurzelkanal | krankhafte Verbindung zwischen Pulpa und Zahnhalteapparat |
| Lage | Zahnfleischwand seitlich an der Wurzel | Wurzelspitze | Tasche reicht bis an oder nahe an die Wurzelspitze |
| Leitbefund | tiefe Tasche mit Eiter, oft gelockerter Zahn | abgestorbene Pulpa; Klärung über den Sensibilitätstest | tiefe Tasche und fehlende oder veränderte Reaktion der Pulpa |
| Behandlungsschwerpunkt | Entlastung und Reinigung der Tasche, danach Parodontitistherapie | Beseitigung der Ursache am Zahn selbst | Wurzelkanal und Zahnhalteapparat werden beide behandelt; bei Fraktur oder Perforation ist die Prognose meist ungünstig |
Ein eigenes Bild bieten die nekrotisierenden Parodontalerkrankungen: Kennzeichen sind abgestorbene Zahnfleischpapillen, Blutung und Schmerz.
Behandlung
Im Mittelpunkt steht die Entlastung: Der Eiter wird abgeleitet, meist über die Tasche, und das entzündete Gewebe wird gereinigt. Ob zusätzlich ein Antibiotikum sinnvoll ist, etwa bei Ausbreitung der Infektion oder Allgemeinsymptomen, entscheidet die Zahnärztin oder der Zahnarzt im Einzelfall nach örtlichem Befund und Allgemeinzustand. Ein Antibiotikum ersetzt die Reinigung nicht. Auswahl, Dosierung und Behandlungsdauer legt die behandelnde Praxis fest; zu den Wirkstoffen informieren die Seiten Amoxicillin bei Parodontitis und Clindamycin in der Zahnheilkunde.
Ist die akute Phase abgeklungen, wird die Grunderkrankung behandelt: bei Parodontitis mit der systematischen Therapie einschließlich der subgingivalen Reinigung, bei anderer Ursache durch deren Beseitigung. Bei sehr tiefen Taschen kann die Reinigung unter dem Zahnfleisch schon mit der ersten Behandlungsstufe zusammengelegt werden, um einem Abszess vorzubeugen.
Prognose
Ein Abszess kann in kurzer Zeit viel Halteapparat zerstören. Gefährdet sind vor allem Zähne, die schon vorher deutlich an Halt verloren haben. Bei Menschen mit Parodontitis ist die Aussicht meist ungünstiger als an sonst gesunden Zähnen, am ungünstigsten in der Regel bei Wurzelfrakturen und Perforationen. Kehrt ein Abszess am selben Zahn wieder, ist der Zahn häufig nicht mehr zu erhalten; in der Nachsorge, der unterstützenden Parodontitistherapie, gilt der Abszess als einer der wichtigen Gründe für Zahnverlust. Die Infektion kann sich zudem über den Zahn hinaus im Körper ausbreiten.
Kosten und Kassenleistung
Für gesetzlich Versicherte ist die Akutbehandlung Kassenleistung. Wird der Abszess eröffnet, führt der BEMA die Eröffnung eines oberflächlichen, unmittelbar unter der Schleimhaut gelegenen Abszesses unter Ä 161 (Inz1); die Röntgendiagnostik der Zähne steht unter Ä 925. Die anschließende Parodontitistherapie ist im BEMA-Teil 4 „Systematische Behandlung von Parodontopathien“ erfasst, unter anderem mit Befundaufnahme und Parodontalstatus (Nr. 4), parodontologischem Aufklärungs- und Therapiegespräch (ATG), Mundhygieneunterweisung (MHU) und antiinfektiöser Therapie (AIT).
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Literatur
Literatur und Quellenangaben
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