Milchzahn ziehen: wann es nötig ist und wie es abläuft

Ein Milchzahn wird gezogen, wenn er sich nicht mehr sinnvoll erhalten lässt: bei tiefer Zerstörung durch Karies, bei einer Entzündung von Zahnnerv oder Wurzelspitze, die sich nicht behandeln lässt, nach einem Unfall oder wenn er dem bleibenden Zahn im Weg steht. Der Grundsatz ist allerdings der umgekehrte. Fachlich ist das Ziel, Milchzähne bis zum natürlichen Zahnwechsel zu erhalten, weil Kinder sie zum Kauen und Sprechen brauchen und sie die Entwicklung des bleibenden Gebisses sichern. Die Kassenrichtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses sieht ebenfalls die erhaltende Behandlung der Milchzähne vor.

Gezogen wird unter örtlicher Betäubung, und beides ist Kassenleistung. Danach stellt sich die Frage, was mit der Lücke passiert. Fehlt ein Milchbackenzahn, etwa nach einer Milchzahnkaries, kann dort Platz für den bleibenden Zahn verloren gehen. Einen Überblick über Vorsorge und Behandlung im Kindesalter gibt das Kapitel Kinderzahnheilkunde.

Auf einen Blick

Wann wird gezogen? Wenn der Zahn nicht erhaltbar ist: tiefe Karies, nicht behandelbare Entzündung, Unfall, Behinderung des bleibenden Zahns, kieferorthopädische Gründe
Grundsatz Erhalten geht vor Ziehen
Betäubung Örtliche Betäubung, vorher oft ein Betäubungsgel auf das Zahnfleisch
Narkose Nur als letzte Stufe, wenn örtliche Betäubung, Lachgas oder Sedierung nicht ausreichen
Danach Auf den Tupfer beißen, nichts essen, solange die Betäubung wirkt, nicht auf Lippe oder Wange beißen
Lücke Bei Milchbackenzähnen kann Platz verloren gehen; ob ein Lückenhalter nötig ist, wird im Einzelfall entschieden
Kosten Kassenleistung, Betäubung eingeschlossen

Wann muss ein Milchzahn gezogen werden?

Fachlich kommt das Ziehen eines Milchzahns vor allem aus diesen Gründen in Betracht. Die Kassenrichtlinie nennt vergleichbare Gründe, unter denen die Krankenkasse das Ziehen übernimmt.

Grund Was dahintersteckt
Tiefe Zerstörung durch Karies Der Zahn lässt sich mit Füllung oder Krone nicht mehr aufbauen.
Nicht behandelbare Entzündung Zahnnerv oder Wurzelspitze sind so erkrankt, dass eine Behandlung keine Aussicht auf Erfolg hat.
Allgemeinerkrankung Bei manchen Allgemeinerkrankungen wird ein entzündeter Milchzahn eher entfernt als behandelt.
Unfall Der Zahn ist so gebrochen, dass er nicht zu erhalten ist.
Platz und Stellung Der Milchzahn behindert den Durchbruch des Nachfolgers, oder die kieferorthopädische Behandlung sieht seine Entfernung vor.
Schlechte Aussicht anderer Behandlungen Füllung, Krone oder Nervbehandlung versprechen keinen dauerhaften Erfolg.

Bei entzündeten Milchzähnen kommt ein weiterer Grund hinzu: Die Wurzelspitze liegt direkt neben dem Zahnkeim des bleibenden Zahns. Wiederholte Entzündungen können dessen Zahnschmelz schädigen.

persistierender Milchzahn 85

Röntgenbild eines Milchbackenzahns (85), der über die Zeit des Zahnwechsels hinaus im Mund geblieben ist. Ob ein Nachfolger angelegt ist, zeigt nur das Röntgenbild.

Ziehen oder erhalten: welche Alternativen gibt es?

Bevor gezogen wird, prüft der Zahnarzt, ob sich der Zahn halten lässt. Ist nur die Zahnhartsubstanz betroffen, wird der Zahn gefüllt; ist ein Milchbackenzahn stark zerstört, kann eine vorgefertigte Kinderkrone ihn bis zum Zahnwechsel schützen. Ist der Zahnnerv entzündet (Pulpitis), kommt eine Teilentfernung des Nervs infrage, die Pulpotomie. Als Kassenleistung ist sie nur bei Kindern und Jugendlichen vorgesehen; beim Milchzahn wird sie zusammen mit einer Füllung oder Krone in derselben Sitzung abgerechnet.

Ob sich der Erhalt lohnt, hängt nicht nur vom Zahn ab. In die Entscheidung gehen auch das Alter des Kindes, die Zeit bis zum natürlichen Zahnwechsel, die Mitarbeit bei der Behandlung und die Zahnpflege zu Hause ein. Ist die Wurzel des Milchzahns bereits zu einem großen Teil abgebaut (Wurzelresorption), lohnt sich eine aufwendige Nervbehandlung in der Regel nicht mehr.

Bei den Milch-Schneidezähnen ist ein vorzeitiger Verlust weniger heikel als bei den Backenzähnen: Einen Lückenhalter braucht es dort in der Regel nicht.

Tut Milchzahn ziehen weh?

Gezogen wird unter örtlicher Betäubung. Vor der Spritze kann der Zahnarzt ein Betäubungsgel auf das Zahnfleisch geben, damit der Einstich weniger spürbar ist. Im Oberkiefer wird das Gewebe um den Zahn betäubt (Infiltrationsanästhesie). Im Unterkiefer oder bei einer Entzündung ist oft eine Leitungsanästhesie nötig, die einen ganzen Nervenast ausschaltet; bei Milchbackenzähnen im Unterkiefer kann aber auch die Betäubung direkt am Zahn ausreichen. Richtig dosiert wirkt die örtliche Betäubung bei Kindern zuverlässig und ist sehr risikoarm. Mehr zu den Verfahren unter Anästhesie beim Zahnarzt.

Eine Behandlung in Vollnarkose ist die Ausnahme. Bei Kindern bis zwölf Jahren übernimmt die Krankenkasse sie, wenn eine Schmerzausschaltung auf anderem Weg nicht möglich ist; die Narkose selbst ist eine ärztliche Leistung. Was Kindern mit großer Zahnarztangst hilft, ist ein eigenes Thema.

Was ist nach dem Ziehen zu beachten?

Nach dem Ziehen beißt das Kind etwa eine Viertelstunde auf einen Tupfer. Blutet es nach, hilft es, rund eine halbe Stunde auf ein angefeuchtetes, sauberes Stofftaschentuch zu beißen. Solange die Betäubung wirkt, sollte das Kind nichts essen und nichts Heißes trinken; danach ist weiche Kost am angenehmsten.

Der wichtigste Hinweis für Eltern betrifft die Zeit, in der die Betäubung noch wirkt: Lippe, Wange und Zunge sind taub, und Kinder beißen oder kauen darauf herum. Solche Bissverletzungen an Lippe und Zunge heilen meist von selbst, lassen sich aber vermeiden, wenn Eltern ihr Kind bis zum Abklingen der Betäubung im Blick behalten. Das Risiko kann höher sein, wenn im Unterkiefer auf beiden Seiten betäubt wurde.

Gegen Schmerzen sind Ibuprofen oder Paracetamol in der für das Alter vorgesehenen Dosis die Mittel der ersten Wahl. Codein und Tramadol sind für Kinder unter zwölf Jahren nicht geeignet.

Wackelzahn: selbst ziehen oder zum Zahnarzt?

Ein Wackelzahn, dessen Wurzel sich im Zahnwechsel aufgelöst hat, fällt in aller Regel ohne Behandlung aus.

Manchmal zeigt sich der bleibende Zahn schon, bevor sein Vorgänger ausgefallen ist, typischerweise hinter den unteren Schneidezähnen in zweiter Reihe. Auch dann löst sich der Milchzahn meist bald, und der Druck der Zunge bringt den neuen Zahn nach vorn in den Zahnbogen. Bleibt der Milchzahn fest, obwohl das Kind für den Wechsel deutlich zu alt ist, entfernt ihn der Zahnarzt. Fällt ein Milchzahn gar nicht aus, klärt ein Röntgenbild, ob ein Nachfolger angelegt ist.

Was passiert mit der Lücke?

Geht ein Milchbackenzahn früher als vorgesehen verloren, können die Nachbarzähne in die Lücke rücken, und der bleibende Zahn findet später zu wenig Platz. Für den ersten Milchbackenzahn bleiben Gesamtlänge und -breite des Zahnbogens in den ersten Monaten bis etwa zwei Jahre nach dem Verlust meist gleich; an der Lücke selbst geht aber Platz verloren, im Oberkiefer im Mittel etwa ein halber Millimeter, im Unterkiefer gut ein bis knapp zwei Millimeter. Nach dem Verlust des zweiten Milchbackenzahns kann der Platzverlust größer ausfallen.

Ein Lückenhalter kann den Platzverlust an der Lücke verringern. Ob er spätere Zahnfehlstellungen verhindert oder abschwächt, ist dagegen nicht belegt: Die amerikanische Fachgesellschaft für Kinderzahnheilkunde sieht dafür weder einen Konsens noch Belege, rät aber, nach vorzeitigem Milchzahnverlust einen Lückenhalter zu erwägen. Lückenhalter haben zudem eigene Nachteile: Sie können sich lösen oder verloren gehen, Beläge und Karies begünstigen oder den Durchbruch des Nachfolgers behindern. Deshalb wird im Einzelfall entschieden. Ein herausnehmbarer Lückenhalter nach vorzeitigem Milchzahnverlust ist eine Kassenleistung aus dem kieferorthopädischen Bereich.

Was kostet das Ziehen eines Milchzahns?

Für gesetzlich versicherte Kinder ist das Ziehen eines Milchzahns eine Kassenleistung, ebenso die örtliche Betäubung. Für das einfache Ziehen unterscheidet der Bewertungsmaßstab der Kassen (BEMA) nach der Zahl der Wurzeln: Milch-Frontzähne gelten als einwurzelige, Milchbackenzähne als mehrwurzelige Zähne. Muss ein Kind in Narkose behandelt werden, weil es anders nicht geht, trägt die Krankenkasse bei Kindern bis zwölf Jahren auch die Narkose.

BEMA-Nr. Leistung Bei Milchzähnen
40 Infiltrationsanästhesie Betäubung am Zahn
41a Leitungsanästhesie vor allem im Unterkiefer
43 Entfernen eines einwurzeligen Zahnes alle Milch-Frontzähne
44 Entfernen eines mehrwurzeligen Zahnes alle Milchbackenzähne
27 Pulpotomie nur zusammen mit Füllung oder Krone in derselben Sitzung
123a Herausnehmbarer Lückenhalter bei vorzeitigem Milchzahnverlust, je Kiefer

Was eine Zahnzusatzversicherung für Kinder darüber hinaus abdeckt, steht auf einer eigenen Seite.

Schema des Milchgebisses: 20 Milchzähne in vier Quadranten mit FDI-Nummern 51 bis 85, farbig unterschieden nach Schneidezähnen, Eckzahn und Milchbackenzähnen

Das Milchgebiss: Schneidezähne und Eckzähne gelten beim Ziehen als einwurzelige, die Milchbackenzähne als mehrwurzelige Zähne.

implantate.com-Fazit

Ein Milchzahn wird nicht leichtfertig gezogen, aber auch nicht um jeden Preis erhalten. Entscheidend ist, ob er sich mit Füllung, Krone oder Nervbehandlung bis zum Zahnwechsel halten lässt – und was die Lücke für den bleibenden Zahn bedeutet. Ein lockerer Wackelzahn braucht meist keinen Zahnarzt. Steht ein Milchzahn fest, obwohl der Nachfolger schon sichtbar ist und das Kind für den Wechsel deutlich zu alt ist, zieht ihn der Zahnarzt.

Ist es schlimm, einen Milchzahn ziehen zu lassen?

Nicht, wenn der Zahn nicht mehr zu erhalten ist. Bei Milch-Schneidezähnen hat ein früher Verlust meist wenig Folgen. Bei Milchbackenzähnen kann an der Lücke Platz für den bleibenden Zahn verloren gehen; deshalb prüft der Zahnarzt vorher, ob Füllung, Krone oder Nervbehandlung den Zahn bis zum Zahnwechsel halten können.

Wie schmerzhaft ist das Ziehen eines Milchzahns?

Unter örtlicher Betäubung spürt das Kind beim Ziehen in der Regel nur Druck. Ein Betäubungsgel macht schon den Einstich angenehmer. Gegen Wundschmerzen danach sind Ibuprofen oder Paracetamol in altersgerechter Dosis die Mittel der ersten Wahl.

Kann man einen Milchzahn selbst ziehen?

Ein stark gelockerter Wackelzahn löst sich meist von allein. Ob ein fest sitzender Milchzahn gezogen werden muss, entscheidet der Zahnarzt.

Der neue Zahn ist schon da, der Milchzahn wackelt aber nicht. Was tun?

Wächst der bleibende Zahn in zweiter Reihe, meist bei den unteren Schneidezähnen, fällt der Milchzahn in der Regel bald aus. Bleibt er fest, obwohl das Kind für den Wechsel deutlich zu alt ist, entfernt ihn der Zahnarzt; der Druck der Zunge bringt den neuen Zahn danach in den Zahnbogen.

Wann darf mein Kind nach dem Ziehen wieder essen?

Erst wenn die Betäubung abgeklungen ist, damit es sich nicht auf Lippe, Wange oder Zunge beißt. Heiße Getränke sollten bis dahin ebenfalls warten; danach ist weiche Kost am angenehmsten.

Zahlt die Krankenkasse das Ziehen eines Milchzahns?

Ja. Das Ziehen und die örtliche Betäubung sind Kassenleistungen, ebenso bei Kindern bis zwölf Jahren eine Narkose, wenn die Behandlung anders nicht möglich ist, und ein herausnehmbarer Lückenhalter nach vorzeitigem Milchzahnverlust.

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Letzte Aktualisierung am Montag, 28. September 2026