Chemotherapie und Zahnbehandlung

Eine Chemotherapie wirkt nicht nur auf den Tumor, sondern auf den gesamten Körper – und die Mundhöhle gehört zu den Regionen, die das besonders deutlich spüren. Die sich schnell teilenden Zellen der Mundschleimhaut, ein zeitweise geschwächtes Immunsystem und eine veränderte Speichelproduktion machen den Mund während einer Chemotherapie anfällig für Entzündungen, Infektionen und schmerzhafte Schleimhautveränderungen. Umgekehrt kann ein unsanierter, entzündeter Zahn oder eine unbehandelte Parodontitis während der Immunsuppression zu einer ernsten Komplikation werden. Deshalb ist die zahnärztliche Mitbetreuung heute Teil der onkologischen Behandlungsplanung – von der zahnärztlichen Untersuchung vor Therapiebeginn bis zur Frage, wann nach abgeschlossener Chemotherapie wieder implantologisch geplant werden kann.

Übergeordnetes Thema: Die Chemotherapie ist eine vorübergehende Form der Immunsuppression — den Gesamtüberblick bietet Immunsuppression und Zahnbehandlung.

Dieser Ratgeber konzentriert sich bewusst auf die zahnmedizinische Seite der Chemotherapie – nicht auf die onkologische Behandlung selbst. Für allgemeine Informationen zu Krebstherapien sind die Seiten der behandelnden Klinik oder onkologischer Fachgesellschaften die richtige Anlaufstelle; hier geht es um das, was für Zähne, Zahnfleisch und Zahnimplantate rund um eine Chemotherapie wichtig ist.

Warum eine zahnärztliche Untersuchung vor Beginn der Chemotherapie wichtig ist

Internationale Leitlinien empfehlen übereinstimmend, Krebspatientinnen und -patienten möglichst schon bei Diagnosestellung zahnärztlich vorzustellen – noch bevor die Chemotherapie beginnt. Die britische Leitlinie des Royal College of Surgeons (Faculty of Dental Surgery) verlangt eine interdisziplinäre zahnärztliche Einschätzung bereits zum Zeitpunkt der Diagnose, mit dem Ziel, aktive Zahn- und Zahnfleischerkrankungen zu erkennen und zu behandeln, bevor die Immunabwehr durch die Therapie geschwächt wird. Das gemeinsame Positionspapier von MASCC/ISOO und der European Society for Blood and Marrow Transplantation (EBMT) zur Basisversorgung von hämatologisch-onkologischen Patienten formuliert es ähnlich: Vor Beginn einer Chemotherapie oder einer Stammzelltransplantation soll eine zahnärztliche Untersuchung erfolgen, um bestehende oder potenzielle Infektionsquellen im Mund zu identifizieren und zu sanieren.

Der Hintergrund: Während der Chemotherapie sinkt die Zahl der weißen Blutkörperchen zeitweise ab (Neutropenie), wodurch der Körper Infektionen schlechter abwehren kann. Ein entzündeter oder nicht erhaltungswürdiger Zahn, der unter normalen Umständen kein akutes Problem wäre, kann in dieser Phase zum Ausgangspunkt einer schwerer beherrschbaren Infektion werden. Eine rechtzeitige Fokussanierung – also die gezielte Behandlung oder Entfernung von Zähnen mit Entzündungspotenzial – reduziert dieses Risiko, bevor es überhaupt entsteht.

Für das Zeitfenster gibt die RCS/FDS-Leitlinie eine konkrete Orientierung: Zahnextraktionen sollen möglichst mindestens 10 Tage vor Beginn der Krebstherapie abgeschlossen sein, durchgeführt mit einer möglichst gewebeschonenden Technik, damit die Wunde vor dem stärksten Abfall der Immunabwehr verheilen kann. Bleibt bis zum geplanten Therapiestart weniger Zeit, entscheidet das Behandlungsteam – Zahnarzt und Onkologe gemeinsam –, welche Maßnahmen noch vorher sinnvoll sind und welche auf einen späteren, stabileren Zeitpunkt verschoben werden. Diese Abstimmung ist wichtig, weil eine onkologische Therapie in aller Regel nicht wegen zahnärztlicher Maßnahmen verzögert werden soll.

Orale Mukositis: die häufigste Mundschleimhautkomplikation der Chemotherapie

Die orale Mukositis – eine schmerzhafte Entzündung und teils Ulzeration der Mundschleimhaut – ist eine der häufigsten und belastendsten Nebenwirkungen vieler Chemotherapieprotokolle. Sie entsteht, weil die Zellen der Mundschleimhaut sich sehr schnell erneuern und dadurch besonders empfindlich auf zellschädigende (zytotoxische) Medikamente reagieren. Betroffene haben Schmerzen beim Essen, Trinken und Sprechen, und die geschädigte Schleimhaut ist anfälliger für zusätzliche Infektionen, etwa durch Pilze (Mundsoor) oder Viren.

Die MASCC/ISOO-Leitlinie zur Mukositis fasst die internationale Evidenz zu vorbeugenden Maßnahmen zusammen. Ein einzelnes, allen Patienten gleichermaßen empfehlenswertes Mundpflegeprotokoll lässt sich daraus nicht ableiten – die wirksamsten Maßnahmen hängen stark vom jeweiligen Chemotherapieprotokoll ab. Für bestimmte Situationen gibt es aber eine gute Evidenzlage: Bei einer Bolus-Gabe von 5-Fluorouracil sowie bei hochdosierter Melphalan-Therapie vor Stammzelltransplantation wird orale Kryotherapie – das Lutschen von Eiswürfeln oder Eischips während der Infusion – empfohlen, weil sich dadurch Häufigkeit und Schweregrad der Mukositis reduzieren lassen. Ein Cochrane-Review zur oralen Kryotherapie bestätigt diesen Effekt für Erwachsene unter entsprechender Chemotherapie. Bei Patienten vor Stammzelltransplantation sowie bei Kopf-Hals-Tumoren unter kombinierter Radiochemotherapie wird zudem die Photobiomodulation (Low-Level-Lasertherapie) als vorbeugende Option genannt – eine Maßnahme, die in spezialisierten Zentren nach festgelegten Protokollen eingesetzt wird.

Unabhängig vom konkreten Protokoll gilt eine konsequente, sanfte Mundhygiene als Basismaßnahme, die das Risiko und den Schweregrad einer Mukositis mindern kann. Welche Maßnahmen im Einzelfall sinnvoll sind, legt das behandelnde onkologische Team fest; die Zahnarztpraxis unterstützt dabei, Schmerzen frühzeitig zu erkennen, Sekundärinfektionen wie Mundsoor abzugrenzen und die häusliche Mundpflege anzuleiten.

Neutropenie, Infektionsrisiko und Blutungsneigung bei zahnärztlichen Eingriffen während der Therapie

Chemotherapie kann vorübergehend sowohl die Zahl der weißen Blutkörperchen (Neutropenie) als auch die Zahl der Blutplättchen (Thrombozytopenie) senken. Beides ist für zahnärztliche Eingriffe relevant: Neutropenie erhöht das Infektionsrisiko nach einem Eingriff, Thrombozytopenie die Blutungsneigung. Die RCS/FDS-Leitlinie empfiehlt deshalb, invasive zahnärztliche Eingriffe während der laufenden Chemotherapie nach Möglichkeit zu vermeiden und akute Behandlungsanlässe, wenn sie sich nicht verschieben lassen, eng mit dem behandelnden onkologischen Team abzustimmen.

Auch die tägliche Mundhygiene wird während der Therapie nicht ausgesetzt, sondern an die Blutwerte angepasst: Das gemeinsame Positionspapier von MASCC/ISOO und EBMT empfiehlt weiterhin zweimal tägliches, sanftes Zähneputzen mit einer weichen Zahnbürste; ob und wie Zahnseide verwendet wird, soll dagegen anhand des aktuellen Thrombozyten- und Gerinnungsstatus entschieden werden, um Zahnfleischverletzungen und Blutungen zu vermeiden. Ist während der Therapie ein zahnärztlicher Eingriff unumgänglich, wird vorab in der Regel ein aktuelles Blutbild benötigt, damit Zahnarzt und Onkologe das Infektions- und Blutungsrisiko gemeinsam einschätzen können – etwa auch bei der Frage, ob eine begleitende Antibiotikagabe sinnvoll ist. implantate.com widmet dieser Abwägung bei stark geschwächtem Immunsystem ein eigenes Kapitel: Antibiotika vor Zahnbehandlungen.

Für die Einordnung des Blutungsrisikos gelten im Grundsatz ähnliche Überlegungen wie bei Patienten unter Gerinnungshemmern: Auch hier lässt sich eine Blutung bei kleineren Eingriffen meist mit lokalen Maßnahmen – Naht, Kompression, blutstillende Tupfer – gut beherrschen. Mehr zu diesen Techniken und zur Abwägung bei größeren Eingriffen im Kapitel Gerinnungshemmer (Antikoagulanzien) und Zahnbehandlungen.

Mundtrockenheit (Xerostomie) unter Chemotherapie

Eine verminderte Speichelproduktion ist eine weitere mögliche Begleiterscheinung der Chemotherapie. Weil Speichel Zähne und Schleimhaut schützt, Nahrung beim Kauen bindet und am Geschmacksempfinden beteiligt ist, wirkt sich sein Fehlen gleich mehrfach aus: trockene, leichter verletzliche Schleimhaut, ein höheres Karies- und Pilzinfektionsrisiko sowie Beschwerden beim Kauen, Schlucken und Sprechen. Das Positionspapier von MASCC/ISOO und EBMT nennt als einfache, alltagstaugliche Basismaßnahmen häufiges Trinken in kleinen Schlucken, den Einsatz von Speichelersatzmitteln sowie die Pflege der Lippen, um Austrocknung und Rhagaden vorzubeugen.

Da Mundtrockenheit auch außerhalb einer Chemotherapie ein eigenständiges Thema mit vielen Ursachen ist, haben wir Hintergründe, weitere Auslöser und ausführliche Pflegetipps in einem eigenen Kapitel zusammengefasst: Mundtrockenheit.

Zahnärztliche Behandlung und Implantatplanung nach abgeschlossener Chemotherapie

Ist die Chemotherapie abgeschlossen, normalisieren sich Blutbild und Immunabwehr in der Regel wieder. Die RCS/FDS-Leitlinie empfiehlt für die Zeit danach individualisierte, an das verbleibende Risiko angepasste zahnärztliche Kontrollintervalle statt eines starren Schemas – wie engmaschig nachkontrolliert wird, hängt vom Therapieprotokoll, möglichen Spätfolgen im Mundbereich und dem individuellen Krankheitsverlauf ab.

Für eine Implantatplanung gilt: Aus den vorliegenden Leitlinien lässt sich keine pauschale Wartezeit in Wochen oder Monaten ableiten, die für alle Patienten gleichermaßen gilt. Entscheidend ist die individuelle Gesamtsituation – insbesondere, ob sich Blutbild und Wundheilung wieder normalisiert haben und ob im Rahmen der Krebserkrankung weitere Faktoren zu berücksichtigen sind, etwa eine begleitende oder nachfolgende Behandlung mit Antiresorptiva (siehe unten) oder eine zurückliegende Bestrahlung im Kopf-Hals-Bereich. Diese Einschätzung sollte gemeinsam von Zahnarzt bzw. Implantologen und dem behandelnden onkologischen Team getroffen werden, nicht anhand einer festen Frist.

Abgrenzung: Kiefernekrose ist vor allem ein Thema bei Antiresorptiva – nicht bei klassischer Chemotherapie

Ein Begriff, der in der Diskussion um Krebstherapie und Zahnbehandlung häufig auftaucht, aber leicht zu Verwechslungen führt, ist die Kiefernekrose (Medication-Related Osteonecrosis of the Jaw, MRONJ). Sie ist ganz überwiegend mit knochenwirksamen Medikamenten – Bisphosphonaten und Denosumab, zusammengefasst als Antiresorptiva – assoziiert, die bei bestimmten Tumorerkrankungen (etwa bei Knochenmetastasen oder Multiplem Myelom) zusätzlich zur eigentlichen Chemotherapie eingesetzt werden. Bei einer klassischen zytotoxischen Chemotherapie ohne begleitende Antiresorptiva-Therapie ist das Kiefernekrose-Risiko ein anderes und deutlich selteneres Thema als bei einer Antiresorptiva-Behandlung.

Wer zusätzlich zur Chemotherapie Bisphosphonate oder Denosumab erhält oder erhalten hat, findet die ausführlichen Hintergründe, Risikoeinschätzung und Verhaltensregeln in den entsprechenden Lexikon-Beiträgen: Antiresorptiva-assoziierte Kiefernekrose (AR-ONJ), Bisphosphonate und Zahnimplantate sowie Denosumab und Zahnimplantate. Dieser Ratgeber wiederholt diese Inhalte bewusst nicht, sondern verweist an dieser Stelle nur darauf, damit beide Themen nicht vermischt werden.

PhaseZahnmedizinischer SchwerpunktWorauf es ankommt
Vor Beginn der ChemotherapieFokussanierung, zahnärztlicher BefundMöglichst frühzeitige Untersuchung nach Diagnosestellung; Extraktionen nach Möglichkeit mindestens 10 Tage vor Therapiestart abschließen
Während der ChemotherapieMukositis, Infektions- und Blutungsrisiko, MundtrockenheitSanfte, konsequente Mundhygiene; invasive Eingriffe möglichst vermeiden bzw. eng mit dem onkologischen Team abstimmen; aktuelles Blutbild vor unumgänglichen Eingriffen
Nach abgeschlossener ChemotherapieKontrolle, ggf. ImplantatplanungIndividualisierte Nachsorgeintervalle; Implantatplanung erst nach Erholung von Blutbild und Wundheilung, in Abstimmung mit dem onkologischen Team

Praktische Tipps für Patienten: Mundhygiene während der Chemotherapie

implantate.com-Empfehlung

  • Lassen Sie sich möglichst schon bei Diagnosestellung und vor Beginn der Chemotherapie zahnärztlich untersuchen – nicht erst, wenn bereits Beschwerden bestehen.
  • Informieren Sie Zahnarztpraxis und onkologisches Team gegenseitig über geplante Termine, damit Zahnbehandlung und Chemotherapie zeitlich sinnvoll aufeinander abgestimmt werden.
  • Putzen Sie auch während der Therapie zweimal täglich sanft mit einer weichen Zahnbürste; ob und wie Zahnseide genutzt wird, klären Sie anhand Ihrer aktuellen Blutwerte mit dem Behandlungsteam.
  • Bei wunder, schmerzender Mundschleimhaut (Mukositis) frühzeitig Zahnarzt oder onkologisches Team ansprechen, statt abzuwarten.
  • Bei Mundtrockenheit häufig kleine Schlucke trinken, Speichelersatzmittel nutzen und die Lippen pflegen.
  • Vereinbaren Sie invasive zahnärztliche Eingriffe während laufender Chemotherapie nur nach Rücksprache mit dem onkologischen Team.
  • Eine Implantatplanung erfolgt sinnvollerweise erst nach Abschluss der Therapie und in Abstimmung mit den behandelnden Ärzten.

Quellen und weiterführende Informationen

Die Aussagen dieser Seite stützen sich auf aktuelle Leitlinien und Positionspapiere von Fachgesellschaften sowie auf einen Cochrane-Review. Die vollständigen Belege finden Sie im folgenden Aufklappbereich.

Quellen und Literaturangaben
  • Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie, Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie): S3-Leitlinie „Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen“, AWMF-Registernummer 032-054OL, Version 2.1, Stand 04/2025, gültig bis 04/2030. AWMF-Register 032-054OL
  • Royal College of Surgeons of England, Faculty of Dental Surgery: „The Oral and Dental Management of Patients Before, During and After Cancer Therapy“, 2025. rcseng.ac.uk – Publikation (PDF)
  • Elad S, Cheng KKF, Lalla RV, et al. (Mucositis Guidelines Leadership Group of MASCC/ISOO): „MASCC/ISOO clinical practice guidelines for the management of mucositis secondary to cancer therapy.“ Cancer, 2020. mascc.org – Mucositis Guidelines doi: 10.1002/cncr.33100
  • Elad S, et al. (Joint Task Force von MASCC/ISOO und EBMT): „Basic oral care for hematology-oncology patients and hematopoietic stem cell transplantation recipients: a position paper.“ Supportive Care in Cancer, 2015.
  • Riley P, et al.: „Interventions for preventing oral mucositis in patients with cancer receiving treatment: oral cryotherapy.“ Cochrane Database of Systematic Reviews, 2015 (Cochrane Library). doi: 10.1002/14651858.CD011552.pub2

Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S3-Leitlinie Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen, Registernummer 032-054OL, Version 2.1, Stand 02.04.2025, gültig bis 01.04.2030. register.awmf.org/de/leitlinien/detail/032-054OL

Elad, S. et al. (2020). MASCC/ISOO clinical practice guidelines for the management of mucositis secondary to cancer therapy. Cancer, 126(19). PubMed 32786044

Beth-Tasdogan, N. H. et al. (2022). Interventions for managing medication-related osteonecrosis of the jaw. Cochrane Database of Systematic Reviews. PubMed 35866376

Colella, G. et al. (2023). Interventions for the prevention of oral mucositis in patients receiving cancer treatment. Current Oncology, 30(1). PubMed 36661723

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Letzte Aktualisierung am Mittwoch, 16. September 2026