Zahnhalsdefekte: Nehmen sie wirklich zu – und ist das Zähneputzen schuld?

Freiliegende, eingekerbte Zahnhälse gelten als Zeitkrankheit: zu hart geputzt, zu viel Saures getrunken. Beide Erklärungen klingen einleuchtend, und beide werden in Praxen und Ratgebern seit Jahren weitergegeben. Prüft man die Studienlage, zeigt sich ein deutlich unschärferes Bild – vor allem bei der Frage, ob solche Defekte in den letzten zwei Jahrzehnten tatsächlich häufiger geworden sind.

Wie Zahnhalsdefekte entstehen

Für den Verlust von Zahnhartsubstanz sind drei Vorgänge verantwortlich: Erosion (chemisches Herauslösen von Mineral durch Säure), Abrasion (mechanischer Abtrag, in westlichen Ländern vor allem durch Zahnpasta) und Attrition (Zahn-gegen-Zahn-Kontakt). Eine 2025 erschienene Übersicht fasst zusammen, was dabei entscheidend ist: Die Mechanismen wirken praktisch nie allein. Die wichtigste Wechselwirkung ist, dass Säure die Oberfläche aufweicht und der mechanische Abtrag dadurch stark verstärkt wird. Genau diese Kombination gilt als Hauptfaktor für krankhaften Substanzverlust an Kau- und Zahnhalsflächen.

Die vierte, populäre Erklärung – „Abfraktion“, also Mikrorisse am Zahnhals durch Kaubelastung – ist bis heute nicht belegt. Schon eine kritische Übersicht im Journal of Dental Research kam 2006 zu dem Ergebnis, dass es außerhalb von Laborversuchen kaum Belege für ihre Existenz gibt; die Monografie von 2025 bewertet die Evidenz weiterhin als unzureichend.

Die Datenlage zur Häufigkeit: viel, aber nicht vergleichbar

Eine 2024 veröffentlichte Untersuchung an 3.551 Erwachsenen in sieben europäischen Ländern fand erosiven Zahnhartsubstanzverlust bei 97,6 Prozent der Teilnehmer, Zahnfleischrückgang von mindestens einem Millimeter bei 87,9 Prozent und überempfindliche Zähne bei 75,9 Prozent. Solche Zahlen wirken alarmierend, sagen aber weniger, als sie scheinen: Erfasst wurde bereits die leichteste Stufe des Messindex – also jeder sichtbare Anfangsverlust am Schmelz, nicht der behandlungsbedürftige Defekt. Die Autoren selbst weisen darauf hin, dass ihre Werte höher liegen als in den meisten früheren Arbeiten.

Wie unsicher das Feld ist, zeigt die aktuelle Übersicht zur weltweiten Verbreitung: Bei Erwachsenen reichen die berichteten Häufigkeiten von 2 bis 100 Prozent, als grober Mittelwert werden 30 bis 50 Prozent genannt. Unterschiedliche Messverfahren, kleine Stichproben und nicht einheitlich geschulte Untersucher machen einen Vergleich zwischen Studien kaum möglich. Hinzu kommt: Gemessen wird dabei erosiver Substanzverlust an allen Zahnflächen – nicht der keilförmige Zahnhalsdefekt im engeren Sinn. Eigene Zahlenreihen dazu fehlen.

Und damit auch einen Vergleich über die Zeit. Wer behauptet, Zahnhalsdefekte hätten in 20 Jahren zugenommen, stützt sich nicht auf wiederholte, standardisierte Erhebungen an vergleichbaren Bevölkerungsgruppen – solche Daten fehlen weitgehend. Hinzu kommt, dass die heute gebräuchlichen Messverfahren erst in den letzten beiden Jahrzehnten entwickelt wurden. Was zunimmt, ist deshalb zunächst die Aufmerksamkeit für das Thema.

Was heißt das für das Zähneputzen?

Die Vorstellung, waagerechtes, kräftiges Schrubben kerbe die Zahnhälse aus, stammt aus frühen Beobachtungsstudien. Eine systematische Übersichtsarbeit für den Europäischen Workshop für Parodontologie prüfte 2015 gezielt, ob „traumatisches“ Putzen Zahnfleischrückgang und Zahnhalsdefekte auslöst. Häufig genannte Faktoren waren Putzhäufigkeit, Putztechnik, Borstenhärte und Putzdauer – das Fazit der Autoren fiel dennoch ernüchternd aus: Die Daten reichen weder aus, um den Zusammenhang zu belegen, noch um ihn zu widerlegen.

Plausibel, aber ebenfalls nicht hochwertig belegt, ist die Rolle des Poliermittels: Die Abrasivität der Zahnpasta wirkt im Zusammenspiel mit dem Putzdruck, und eine Übersicht von 2025 rät zu niedrigem Druck sowie Pasten mit niedrigem RDA-Wert. Wichtig: Kritisch wird das erst dann, wenn die Oberfläche zuvor durch Säure erweicht wurde.

Die 30-Minuten-Regel wackelt

Aus dieser Erweichung leitet sich der verbreitete Rat ab, nach saurem Essen eine halbe Stunde mit dem Putzen zu warten – ein Ratschlag, den auch wir hier auf implantate.com weitergegeben haben. Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse von 2020 fand für menschlichen Zahnschmelz jedoch keinen signifikanten Unterschied zwischen sofortigem und verzögertem Putzen; ein Vorteil des Wartens zeigte sich nur an Rinderschmelz. Für menschliches Dentin lagen keine Studien vor. Die Regel ist damit nicht widerlegt, aber sie ist deutlich schwächer belegt als ihr Bekanntheitsgrad vermuten lässt.

Und die Getränke?

Auch hier lohnt der zweite Blick. In Deutschland ging der Pro-Kopf-Verbrauch von Erfrischungsgetränken 2025 auf 123,3 Liter zurück (2024: 125,5 Liter). Ein Trend, der eine wachsende Säurelast belegen würde, lässt sich daraus jedenfalls nicht ableiten.

Eine vierjährige Längsschnittstudie einer deutschen Arbeitsgruppe, im Juni 2026 veröffentlicht, verfolgte 91 Zahnmedizinstudierende über vier Jahre. Ergebnis: Die Säurebelastung blieb auf Gruppenebene stabil, schwankte individuell aber erheblich. Getragen wurde sie überwiegend von Obst und Frucht­säften – nicht von Softdrinks. Knapp die Hälfte der Teilnehmer zeigte wechselnde Muster, nur knapp 9 Prozent durchgehend hohe Säureexposition.

Einordnung für Patienten

Zahnhalsdefekte sind häufig, sie nehmen mit dem Alter zu, und sie entstehen fast immer aus Säure und Mechanik zusammen. Was sich daraus praktisch ableiten lässt:

  • Der Blick sollte zuerst auf die Säurequelle gehen – tägliche Zitrusfrüchte, Saft, Sportgetränke, Wein, dazu Reflux und Erbrechen. Bei schweren Verläufen sind tägliche Refluxbeschwerden der stärkste bekannte Risikoindikator; insgesamt erklären solche inneren Ursachen aber nur einen kleinen Teil der Fälle.
  • Putztechnik und Zahnpasta sind ein Stellhebel, aber kein Alleintäter. Geringer Druck, weiche Borsten und niedrig abrasive Pasten sind sinnvoll; Putzen ganz zu reduzieren ist es nicht.
  • Wer plötzlich empfindliche Zahnhälse bemerkt, sollte sie fotografisch oder per Abdruck dokumentieren lassen. Ob ein Defekt fortschreitet, lässt sich nur im Verlauf beurteilen – nicht an einer einzelnen Momentaufnahme.
  • Und: Nicht jede eingekerbte Stelle braucht eine Füllung. Sie braucht zuerst eine Ursachenklärung.

Quellen

  • Shellis RP, Addy M. Attrition, Abrasion and Erosion and Their Interactions in Tooth Wear. Monogr Oral Sci. 2025;33:19–31. doi:10.1159/000543571
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  • West NX, Davies M, Sculean A, Jepsen S, et al. Prevalence of dentine hypersensitivity, erosive tooth wear, gingival recession and periodontal health in seven European countries. J Dent. 2024;150:105364. doi:10.1016/j.jdent.2024.105364
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  • Ganss C, Jung K, Schlenz MA. Dietary acid exposure and intake phenotypes in young adults: a 4-year longitudinal study with implications for erosive tooth wear. J Dent. 2026;176:106843. doi:10.1016/j.jdent.2026.106843
  • Kumar S, Gopalkrishna P, Syed AK, Sathiyabalan A. The Impact of Toothbrushing on Oral Health, Gingival Recession, and Tooth Wear – A Narrative Review. Healthcare (Basel). 2025;13(10):1138. doi:10.3390/healthcare13101138
  • Alaraudanjoki V, Laitala ML, Tjäderhane L, et al. Influence of Intrinsic Factors on Erosive Tooth Wear in a Large-Scale Epidemiological Study. Caries Res. 2016;50(5):508–16. doi:10.1159/000448292
  • Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke (wafg), Pressemitteilung vom 31.07.2026

Letzte Aktualisierung am Mittwoch, 23. September 2026