Lexikon

Abrasion

Als Abrasion bezeichnet man in der Zahnmedizin den mechanischen Verlust von Zahnhartsubstanz, der durch die reibende Einwirkung eines Fremdkörpers auf die Zahnoberfläche entsteht. Typische Beispiele sind eine zu harte oder falsche Putztechnik in Verbindung mit abrasiver Zahnpasta (Zahnbürstenabrasion, Putzdefekt), reibende Prothesenklammern oder berufliche und gewohnheitsbedingte Belastungen. Damit unterscheidet sich die Abrasion grundlegend von der Attrition, bei der Zahn auf Zahn reibt, und von der Erosion, bei der Säuren den Zahn chemisch auflösen. Alle drei zählen zum übergeordneten Phänomen des Zahnhartsubstanzverlusts und treten klinisch häufig gemeinsam auf. Die bekannteste Form der Abrasion ist der Defekt am Zahnhals, der oft erst bemerkt wird, wenn das freiliegende Dentin schmerzempfindlich reagiert.

Abrasion, Zahnhalsdefekte
Abrasion durch zu starkes Zähneputzen: Zahnhalsdefekte

Auf einen Blick

  • Abrasion = Substanzverlust durch Reibung eines Fremdkörpers (z. B. Zahnbürste + Zahnpasta).
  • Abzugrenzen von Attrition (Zahn-zu-Zahn) und Erosion (Säure).
  • Zentraler Faktor ist die Abrasivität der Zahnpasta, gemessen als RDA-Wert.
  • Typisches Bild: Defekt am Zahnhals, oft mit Zahnfleischrückgang und Dentinüberempfindlichkeit.
  • Wichtigster Schritt der Behandlung: zuerst die Ursache abstellen (Putztechnik, weiche Bürste, niedrig-abrasive Paste).

Ursachen der Abrasion

Die Abrasion entsteht immer durch einen körperfremden Gegenstand, der wiederholt über die Zahnoberfläche reibt. In der überwiegenden Zahl der Fälle ist das die Kombination aus Zahnbürste und Zahnpasta. Eine harte oder waagerechte „Schrubb“-Technik mit zu viel Druck überträgt die abrasiven Partikel der Zahnpasta besonders intensiv auf den empfindlichen Zahnhalsbereich. Entscheidend ist dabei weniger die Borste allein als das Zusammenspiel von Borstenhärte, Anpressdruck, Putzbewegung und vor allem der Abrasivität der verwendeten Zahnpasta.

Zahnpasta-Abrasivität: der RDA-Wert

Der wichtigste steuerbare Faktor ist die Abrasivität der Zahnpasta. Sie wird als RDA-Wert (Radioactive Dentin Abrasion) angegeben — ein im Labor gegen eine Standardreferenz gemessener Kennwert für den Substanzabtrag am Dentin. Je höher der RDA-Wert, desto stärker der mögliche Abtrag bei sonst gleicher Putztechnik. Stark aufhellende „Whitening“-Pasten liegen tendenziell höher, Pasten für empfindliche Zähne niedriger. Für den Schmelz wird teils der analoge REA-Wert (Radioactive Enamel Abrasion) herangezogen. Untersuchungen zeigen, dass das Abrasionsverhalten am freiliegenden Dentin maßgeblich von der Abrasivität und dem Fluoridgehalt der Paste mitbestimmt wird; die Borstenhärte und die Anordnung der Borsten spielen eine nachgeordnete, aber messbare Rolle.

Weitere Ursachen

Neben dem Zähneputzen kommen mechanische Reize anderer Herkunft in Betracht. Prothesenklammern, die bei jedem Einsetzen und Herausnehmen über einen Pfeilerzahn gleiten, können dort lokale Abrasionsspuren hinterlassen. Berufliche Belastungen durch abrasive Stäube oder das Halten von Werkzeugen mit den Zähnen sowie Angewohnheiten wie das Kauen auf Stiften, Nägeln oder einer Pfeife führen zu charakteristischen, an der jeweiligen Reibestelle lokalisierten Defekten. Die folgende Übersicht ordnet die häufigsten Ursachen ihrem Mechanismus und der typischen Lokalisation zu.

UrsacheMechanismusTypische Stelle
Zahnbürste + abrasive ZahnpastaHorizontales Schrubben mit hohem Druck, harte Borsten, hoher RDA-WertVestibuläre Zahnhälse, besonders Eckzähne und Prämolaren
ProthesenklammernReiben der Halteelemente beim Ein- und AusgliedernPfeilerzähne der Teilprothese
AngewohnheitenKauen auf Stiften, Nägeln, PfeifenmundstückSchneidekanten, lokal an der Reibestelle
BeruflichAbrasive Stäube, Halten von Gegenständen mit den ZähnenJe nach Tätigkeit unterschiedlich

Keildefekt (keilförmige Zahnhalsläsion)

Die bekannteste Erscheinungsform der Abrasion ist der Keildefekt: ein scharf begrenzter, keilförmiger Substanzverlust am Zahnhals, meist auf der zur Wange oder Lippe gewandten (vestibulären) Seite. Die Spitze des Keils zeigt nach innen in Richtung Zahnmark. Solche Defekte gehören zur Gruppe der nicht-kariösen Zahnhalsläsionen (NCCL) und treten häufig zusammen mit einem Rückgang des Zahnfleisches auf, sodass der ungeschützte, weichere Wurzelzement und das Dentin der Reibung besonders ausgesetzt sind.

Die Entstehung dieser Läsionen ist nach heutigem Verständnis multifaktoriell. Neben der mechanischen Abrasion und einer säurebedingten Erosion wird seit Jahrzehnten die sogenannte Abfraktion diskutiert — die Hypothese, dass Biegekräfte beim Kauen zu Mikrofrakturen im Zahnhalsbereich führen und so den Substanzverlust mit auslösen. Auch Überlastungen der Zähne werden als Mitursache keilförmiger Defekte angesehen. Als gut belegte Hauptmechanismen der nicht-kariösen Zahnhalsläsion gelten Abrasion und Erosion, häufig im Zusammenspiel. Wichtig ist die Abgrenzung zur kariösen Läsion am Zahnhals: Während der Keildefekt eine harte, glatte Oberfläche zeigt, ist die Zahnhalskaries weich und kann verfärbt sein.

Klinisches Bild und Symptome

Abrasionsdefekte machen sich zunächst optisch bemerkbar: Am Zahnhals zeigen sich glatte Einkerbungen oder muldenförmige bis keilförmige Vertiefungen, häufig in einer Reihe über mehrere Nachbarzähne hinweg. Da der Schmelz am Zahnhals dünn ist und nach Zahnfleischrückgang rasch das darunterliegende Dentin freiliegt, wird die empfindliche Hartsubstanz exponiert. Häufigstes Beschwerdebild ist dann die Dentinüberempfindlichkeit: ein kurzer, ziehender Schmerz auf Kälte, Süßes oder Berührung. Diese überempfindlichen Reaktionen sind oft das erste Symptom, das Betroffene zum Zahnarzt führt; Details dazu finden sich unter überempfindliche Zähne. In fortgeschrittenen Fällen kann der Defekt so tief werden, dass die Stabilität des Zahnes im Zahnhalsbereich gefährdet ist.

Diagnostik

Die Diagnose stellt der Zahnarzt durch Inspektion und Sondierung. Charakteristisch für die Abrasion ist die Lokalisation am vestibulären Zahnhals, eine V- oder keilförmige Geometrie und eine glatte, harte Oberfläche. Diese Merkmale grenzen die Abrasion von anderen Ursachen des Substanzverlusts ab:

  • Gegenüber der Zahnhalskaries: Karies fühlt sich bei der Sondierung weich an und ist oft bräunlich verfärbt, der Abrasionsdefekt ist hart und glatt.
  • Gegenüber der Erosion: Erosive Defekte wirken eher schüsselförmig-flach und matt, während die reine Abrasion schärfer begrenzt ist; in der Praxis überlagern sich beide oft.
  • Gegenüber der Attrition: Diese betrifft die Kau- und Schneideflächen und entsteht durch Zahn-zu-Zahn-Kontakt, nicht den Zahnhals.

Ein zentraler Baustein der Diagnostik ist die Anamnese der Putzgewohnheiten: Borstenhärte, Putztechnik, Anpressdruck, Häufigkeit und die Frage nach stark abrasiven oder aufhellenden Zahnpasten geben Hinweise auf die Ursache und sind die Grundlage jeder erfolgreichen Behandlung.

Behandlung

Die Behandlung folgt einem klaren Stufenprinzip: Erst wird die Ursache abgestellt, dann werden die bestehenden Defekte versorgt.

  1. Ursache beseitigen — Putztechnik korrigieren: Umstellung auf eine weiche Zahnbürste, Verzicht auf horizontales Schrubben zugunsten einer atraumatischen, schonenden Technik (z. B. modifizierte Bass-Technik) und Reduktion des Anpressdrucks. Wechsel auf eine niedrig-abrasive Zahnpasta mit moderatem RDA-Wert.
  2. Defekte versorgen: Tiefer reichende oder empfindliche Keildefekte werden in der Regel mit einer zahnfarbenen Komposit-Füllung in Adhäsivtechnik gedeckt. Das schützt das freiliegende Dentin, stellt die Form wieder her und reduziert die Schmerzempfindlichkeit.
  3. Überempfindlichkeit behandeln: Bei freiliegendem, schmerzempfindlichem Dentin kommen desensibilisierende Maßnahmen wie Fluoridlacke oder spezielle Pasten zum Einsatz (siehe überempfindliche Zähne).
  4. Zahnfleischsituation beachten: Geht der Defekt mit ausgeprägtem Zahnfleischrückgang einher, wird die Situation der Gingiva mitbeurteilt; in geeigneten Fällen können deckende oder rezessionsdeckende Maßnahmen sinnvoll sein.

Vorbeugung

Die wirksamste Vorbeugung setzt an der Putztechnik an. Empfehlenswert sind eine weiche Zahnbürste, eine schonende, nicht-schrubbende Bewegung und ein bewusst geringer Anpressdruck. Bei der Zahnpasta lohnt der Blick auf einen moderaten RDA-Wert; stark aufhellende Pasten sind für empfindliche Zahnhälse weniger geeignet. Elektrische Zahnbürsten mit Andruckkontrolle können helfen, einen zu hohen Putzdruck zu vermeiden — sie ersetzen aber nicht die richtige Technik. Wer zu Zahnfleischrückgang neigt oder bereits beginnende Defekte hat, sollte die Putzgewohnheiten regelmäßig zahnärztlich überprüfen lassen, da der Substanzverlust bei der Abrasion irreversibel ist: verlorener Zahnschmelz wächst nicht nach.

Kosten und Kassenleistung

Die Versorgung eines Keildefekts mit einer zahnfarbenen Komposit-Füllung in Adhäsivtechnik wird bei privat Versicherten und im Rahmen privater Mehrkostenvereinbarungen nach der GOZ abgerechnet. Für eine einflächige Kompositfüllung in Adhäsivtechnik ist die GOZ-Position 2060 mit einer Punktzahl von 527 vorgesehen; mehrflächige Versorgungen werden nach GOZ 2080 (556 Punkte) berechnet. Der Rechnungsbetrag ergibt sich aus Punktzahl × Punktwert (5,62421 Cent) × Steigerungsfaktor. Die folgende Tabelle zeigt die offiziellen Beträge.

GOZ-PositionFaktor 2,3Faktor 3,5Faktor 5,0
2060 (527 Punkte) – einflächige Kompositfüllung (Adhäsivtechnik)68,17 €103,74 €148,20 €
2080 (556 Punkte) – zweiflächige Kompositfüllung (Adhäsivtechnik)71,92 €109,45 €156,35 €
Beträge nach Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ), Punktwert 5,62421 Cent. Der Gebührenrahmen endet beim 3,5-fachen Satz (§ 5 Abs. 1 GOZ); jede darüber hinausgehende Vergütung — auch der hier ausgewiesene 5,0-fache Satz — bedarf einer schriftlichen Vereinbarung nach § 2 GOZ.

Bei gesetzlich Versicherten ist die Kompositfüllung in Adhäsivtechnik eine über die Regelversorgung hinausgehende Leistung, die im Rahmen einer Mehrkostenvereinbarung nach § 28 Abs. 2 SGB V getroffen werden kann. Die konkreten Kosten hängen von Befund, Aufwand und vereinbartem Steigerungsfaktor ab und sollten vorab im Heil- und Kostenplan besprochen werden.

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Literatur

Literatur und Quellenangaben
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