Lexikon
Attrition
Als Attrition bezeichnet man den Verlust von Zahnhartsubstanz, der durch den direkten Kontakt von Zahn zu Zahn entsteht – also durch das Aufeinandertreffen der Gegenzähne beim Kauen, Schlucken und vor allem beim Knirschen und Pressen. Anders als bei der mechanischen Abnutzung durch Fremdkörper (Abrasion, etwa durch Zahnbürste oder Speisebrei) und anders als beim säurebedingten Verlust (Erosion) wirkt bei der Attrition weder ein Fremdkörper noch eine Säure: Die Zähne reiben unmittelbar aneinander. Betroffen sind die Kau- und Schneideflächen der antagonistischen (gegenüberliegenden) Zähne sowie – seltener – die Kontaktflächen benachbarter Zähne. Die Attrition ist eine der drei klassischen Formen des nicht kariesbedingten Zahnhartsubstanzverlusts und tritt im echten Mund häufig gemeinsam mit den anderen Formen auf.

Verstärkte Attrition durch Bruxismus im Fronzahbereich
Ein gewisses Maß an Attrition ist normal und gehört zum Älterwerden: Über Jahrzehnte schleifen sich die Höcker leicht ab, das nennt man physiologische Attrition. Problematisch wird es, wenn der Substanzverlust deutlich schneller voranschreitet, als es zum Alter passt – dann spricht man von pathologischer Attrition. Häufigste treibende Kraft dahinter ist das nächtliche oder tagsüber unbewusste Zähneknirschen und -pressen.
Auf einen Blick
- Was: Hartsubstanzverlust durch direkten Zahn-zu-Zahn-Kontakt, ohne Säure und ohne Fremdkörper.
- Typisches Zeichen: glänzende, plane Schlifffacetten, die auf Ober- und Unterkieferzahn exakt zueinander passen.
- Hauptursache der pathologischen Form: Bruxismus (Knirschen und Pressen).
- Abgrenzung: physiologisch (altersgemäß, langsam) versus pathologisch (zu schnell für das Alter).
- Behandlung: zuerst die Ursache (oft Schiene), bei schwerem Verlust gestufter restaurativer Wiederaufbau.
Physiologische und pathologische Attrition unterscheiden
Die wichtigste Frage bei jeder Attrition lautet: Ist der Substanzverlust für das Alter des Patienten noch im erwartbaren Rahmen, oder läuft er aus dem Ruder? Internationale Fachleute betonen in der europäischen Konsensus-Empfehlung zum schweren Zahnverschleiß genau diese Unterscheidung, weil sich daran entscheidet, ob beobachtet oder behandelt wird. Die folgende Übersicht stellt die beiden Formen gegenüber.
| Merkmal | Physiologische Attrition | Pathologische Attrition |
|---|---|---|
| Tempo | langsam, über Jahrzehnte | beschleunigt, in wenigen Jahren sichtbar |
| Ausmaß | geringer Höckerabrieb, Schmelz bleibt überwiegend erhalten | freiliegendes Dentin, verkürzte Kronen, ggf. Bisshöhenverlust |
| Verhältnis zum Alter | passt zum Lebensalter | unverhältnismäßig stark für das Alter |
| Auslöser | normaler Kau- und Schluckkontakt | meist Bruxismus, Okklusionsstörungen, Parafunktionen |
| Symptome | meist beschwerdefrei | Empfindlichkeit, Absplitterungen, ästhetische Veränderung möglich |
Da die Grenze fließend ist, lässt sich die Unterscheidung oft erst sicher treffen, wenn der Zahnarzt den Verlauf über die Zeit beobachtet. Ein einmaliger Befund sagt wenig – entscheidend ist, ob die Abnutzung fortschreitet.
Ursachen der Attrition
Bruxismus als Hauptursache
Die mit Abstand wichtigste Ursache der pathologischen Attrition ist der Bruxismus – das wiederholte Knirschen und Pressen der Zähne. Fachlich wird er definiert als wiederholte Aktivität der Kaumuskulatur mit Pressen oder Knirschen der Zähne beziehungsweise Anspannen oder Verschieben des Unterkiefers; man unterscheidet Schlaf- und Wachbruxismus. Beim Knirschen werden die Zähne mit erheblicher Kraft und über längere Zeiträume gegeneinander bewegt – ein vielfaches der Belastung beim normalen Kauen. Genau diese Dauerreibung trägt die Hartsubstanz ab. Bruxismus ist in der Bevölkerung verbreitet; betroffen sind Kinder wie Erwachsene. Details zu Entstehung, Anzeichen und Management des Knirschens behandelt der eigene Eintrag.
Weitere Auslöser
- Okklusionsstörungen: Wenn die Zähne nicht harmonisch aufeinandertreffen, können einzelne Kontaktpunkte überlastet werden. Wie sich der Biss korrekt schließt und welche Störungen relevant sind, erläutert der Eintrag Okklusion.
- Fehlende Seitenzahnabstützung: Gehen hinten Zähne verloren, lastet mehr Kraft auf den verbliebenen Zähnen, die dann stärker abgenutzt werden.
- Parafunktionen: Gewohnheiten wie Zungen- oder Wangenbeißen, Kaugummi-Dauerkauen oder das Festbeißen auf Gegenständen.
- Harte, abrasive Kost: Eine sehr harte Ernährung verstärkt den Kontaktverschleiß zusätzlich.
Eine Sonderform ist die approximale Attrition: Auch an den Kontaktflächen benachbarter Zähne reiben diese durch winzige Kau- und Sprechbewegungen aneinander. Über Jahre flachen die ursprünglich punktförmigen Kontakte zu kleinen Flächen ab, und die Zähne wandern minimal zusammen (Kontaktpunktwanderung). Dieser Effekt ist meist gering, kann aber zur leichten Verschmälerung des Zahnbogens beitragen.
Klinisches Bild und Symptome
Das verräterische Zeichen der Attrition sind Schlifffacetten: glänzende, plane Abriebflächen, die auf dem Ober- und dem gegenüberliegenden Unterkieferzahn exakt zueinander passen, sobald der Patient zubeißt. Dieses genaue Ineinandergreifen unterscheidet die Attrition von anderen Verschleißformen, bei denen die Flächen nicht zusammenpassen. Weitere typische Befunde sind:
- abgeflachte, eingeebnete Höcker an den Backenzähnen;
- verkürzte Schneidekanten der Frontzähne, oft mit durchscheinendem Dentin;
- freiliegende, gelblich wirkende Dentininseln inmitten des Schmelzes;
- bei generalisiertem, ausgedehntem Verlust eine Verringerung der vertikalen Bisshöhe (verkürzt wirkende Zähne, veränderte Gesichtshöhe).
Wenn der Abrieb bis ins Dentin reicht, kann eine Dentinüberempfindlichkeit auftreten: kurze, stechende Schmerzen bei Kälte, Süßem oder Berührung. Viele Attritionen verlaufen jedoch lange beschwerdefrei und fallen erst auf, wenn die Zähne sichtbar kürzer werden oder kleine Kanten absplittern.
Diagnostik
Die Diagnose der Attrition stützt sich auf einen sorgfältigen klinischen Befund:
- Facetten-Matching: Der Zahnarzt prüft, ob die Schlifffacetten auf den Gegenzähnen exakt zueinander passen. Lässt sich der Abrieb durch den direkten Antagonistenkontakt erklären, spricht das für Attrition als ursächlichen Mechanismus.
- Verschleiß-Index: Zur strukturierten Bewertung dienen etablierte Bewertungssysteme. Das Tooth Wear Evaluation System erlaubt es, den Schweregrad zu graduieren, die wahrscheinliche Ursache einzuordnen und den Verlauf zu beobachten; für die Screening-Praxis wird auch der Basic Erosive Wear Examination-Index herangezogen.
- Verlaufskontrolle: Studienmodelle (Gipsabdrücke) oder ein digitaler Intraoralscan dokumentieren den Ist-Zustand, sodass sich beim nächsten Termin objektiv erkennen lässt, ob der Verlust fortschreitet.
- Abgrenzung physiologisch versus pathologisch: Befund und Alter werden zusammen bewertet, um zu entscheiden, ob beobachtet oder behandelt werden muss.
- Bruxismus-Anamnese: Fragen nach Knirschen, morgendlichen Kaumuskelschmerzen oder Hinweisen von Schlafpartnern helfen, die Ursache einzugrenzen.
Zur Abgrenzung gehört auch der Blick auf die Geschwisterformen des Substanzverlusts: Säurebedingte Defekte werden im Eintrag Zahnerosion beschrieben; keilförmige Defekte am Zahnhals (Keildefekt) und der Fremdkörperabrieb (Abrasion) zeigen ein anderes Verteilungsmuster und passen nicht zum Antagonistenkontakt.
Behandlung der Attrition
Die Behandlung folgt einem gestuften Prinzip: zuerst die Ursache stoppen, dann – nur wenn nötig – die verlorene Substanz ersetzen. Die europäische Konsensus-Empfehlung rät ausdrücklich dazu, eine restaurative Versorgung so lange wie vertretbar hinauszuzögern und, wenn sie erfolgt, möglichst zahnsubstanzschonend (minimalinvasiv) vorzugehen.
- Ursache adressieren: Liegt Bruxismus zugrunde, ist eine individuell adjustierte Knirscher- beziehungsweise Aufbissschiene die zentrale Maßnahme. Sie trennt die Zahnreihen und nimmt die Reibkraft auf, sodass die Schiene statt der Zähne abgenutzt wird. Begleitend zählen Stressmanagement und das Vermeiden von Parafunktionen zum Bruxismus-Management.
- Okklusionskorrektur: Störkontakte werden, wo erforderlich, behutsam ausgeglichen, damit die Kaukräfte gleichmäßiger verteilt werden.
- Restaurativer Wiederaufbau (gestuft): Bei beginnendem bis mäßigem Verlust lassen sich die Zähne oft schonend mit Komposit (zahnfarbenem Kunststoff) wieder aufbauen. Reicht der Platz für die Aufbauten nicht aus, kann das Dahl-Konzept genutzt werden, das durch eine kontrollierte Bisshebung im Frontzahnbereich nach und nach Raum schafft. Bei schwerem, generalisiertem Verlust kommen Onlays, Teilkronen oder Kronen zum Einsatz, um die Bisshöhe wiederherzustellen.
Welche restaurative Lösung im Einzelfall sinnvoll ist, hängt von Ausmaß, betroffenen Zähnen und Bisssituation ab und wird individuell geplant. Einen Überblick über die Einordnung des Substanzverlusts gibt der Pillar-Eintrag Zahnhartsubstanzverlust.
Vorbeugung
- Schiene tragen: Bei nachgewiesenem Knirschen schützt eine getragene Aufbissschiene die Zähne vor weiterem Abrieb.
- Bruxismus-Management: Stressreduktion, Entspannungsübungen und bei Bedarf die Abklärung von Begleitfaktoren (etwa Schlafstörungen) verringern die Knirschaktivität.
- Okklusion erhalten: Fehlende Seitenzähne frühzeitig ersetzen und Störkontakte ausgleichen lassen, damit die Kaukräfte gleichmäßig verteilt bleiben.
- Regelmäßige Kontrolle: Studienmodelle oder Scans in größeren Abständen machen ein Fortschreiten früh sichtbar, bevor größerer Schaden entsteht.
IMPLANTAT-SPEZIALISTEN IN IHRER NÄHE
Kosten und Kassenleistung
Die Kosten der Attritionsbehandlung hängen davon ab, ob nur eine Schiene angefertigt oder zusätzlich restaurativ aufgebaut wird. Für die häufigste Erstmaßnahme – die individuell adjustierte Aufbiss- beziehungsweise Knirscherschiene – gilt:
Bei gesetzlich Versicherten ist eine adjustierte Aufbissschiene als Sachleistung nach BEMA-Position K1 möglich, wenn eine medizinische Indikation wie eine Kiefergelenkstörung, eine Myoarthropathie oder die Behebung von Fehlgewohnheiten vorliegt; außerhalb der akuten Schmerztherapie ist in der Regel eine vorherige Genehmigung der Krankenkasse erforderlich. Wird die Schiene rein als Privatleistung gefertigt, rechnet die Praxis nach der GOZ-Nummer 7010 (Eingliederung eines Aufbissbehelfs mit adjustierter Oberfläche) ab.
| GOZ-Position 7010 (800 Punkte) | Faktor 2,3 | Faktor 3,5 | Faktor 5,0 |
|---|---|---|---|
| Aufbissbehelf mit adjustierter Oberfläche, je Kiefer (Honorar ohne Material-/Laborkosten) | 103,49 € | 157,48 € | 224,97 € |
Grundlage ist die Punktzahl 800 und der gesetzliche Punktwert von 5,62421 Cent. Der Gebührenrahmen endet beim 3,5-fachen Satz (§ 5 Abs. 1 GOZ); jede darüber hinausgehende Vergütung — auch der hier ausgewiesene 5,0-fache Satz — bedarf einer schriftlichen Vereinbarung nach § 2 GOZ mit dem Patienten. Hinzu kommen Material- und Laborkosten nach Aufwand, die individuell verschieden ausfallen. Die Kosten restaurativer Maßnahmen (Komposit-Aufbauten, Onlays, Kronen) lassen sich nicht pauschal beziffern, weil sie stark von Zahl und Art der versorgten Zähne abhängen; sie werden im Heil- und Kostenplan individuell ausgewiesen.
Literatur
Literatur und Quellenangaben
- Loomans B, Opdam N, Attin T, et al. Severe Tooth Wear: European Consensus Statement on Management Guidelines. The Journal of Adhesive Dentistry. 2017;19(2):111–119. DOI: 10.3290/j.jad.a38102
- Wetselaar P, Lobbezoo F. The tooth wear evaluation system: a modular clinical guideline for the diagnosis and management planning of worn dentitions. Journal of Oral Rehabilitation. 2016;43(1):69–80. DOI: 10.1111/joor.12340
- Wetselaar P, Wetselaar-Glas MJM, Katzer LD, Ahlers MO. Diagnosing tooth wear, a new taxonomy based on the revised version of the Tooth Wear Evaluation System (TWES 2.0). Journal of Oral Rehabilitation. 2020;47(6):703–712. DOI: 10.1111/joor.12972
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- Lal SJ, Sankari A, Weber KK. Bruxism Management. StatPearls [Internet]. Treasure Island (FL): StatPearls Publishing; 2024. PMID: 29494073
- Poyser NJ, Porter RWJ, Briggs PFA, et al. The Dahl Concept: past, present and future. British Dental Journal. 2005;198(11):669–676. DOI: 10.1038/sj.bdj.4812371
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