Lexikon
Erosion (Zahnerosion)
Als Erosion (Zahnerosion) bezeichnet man den chemischen Verlust von Zahnhartsubstanz durch direkte Einwirkung von Säuren – ohne Beteiligung von Bakterien. Genau das unterscheidet die Erosion grundlegend von der Karies: Bei der Karies bilden Bakterien im Zahnbelag die Säure, die den Zahn von innen heraus untergräbt. Bei der Erosion stammt die Säure dagegen unmittelbar aus der Nahrung, aus Getränken oder aus dem Magen und löst die Zahnoberfläche flächig von außen auf. Die Erosion ist eine von mehreren Formen des nicht-kariösen Zahnhartsubstanzverlusts; eine vergleichende Übersicht aller Formen finden Sie auf der Seite Zahnhartsubstanzverlust. Während die Erosion durch Säure entsteht, beschreibt die Abrasion den Verschleiß durch mechanische Reibung von außen (etwa falsches Zähneputzen) und die Attrition den Abrieb durch Zahn-zu-Zahn-Kontakt. Treffen Erosion und mechanische Belastung zusammen, sprechen Fachleute vom erosiven Zahnhartsubstanzverlust.
Auf einen Blick
- Erosion ist säurebedingter Zahnschmelzverlust ohne bakterielle Beteiligung – im Gegensatz zur Karies.
- Auslöser sind Säuren von außen (Ernährung, Beruf) oder von innen (Reflux, Erbrechen).
- Unterhalb eines kritischen pH-Werts von etwa 5,5 beginnt sich der Zahnschmelz aufzulösen.
- Typische Zeichen sind glatt-glänzende Mulden, abgerundete Zahnkanten und überstehende Füllungsränder.
- Wichtigster Schritt der Behandlung ist das Ausschalten der Säurequelle – erst danach wird remineralisiert oder restauriert.
Begriffliche Einordnung: In der revidierten Verschleiß-Terminologie nach Grippo ist die Erosion die säurebedingte Untergruppe der übergeordneten Korrosion (Biokorrosion), die zusätzlich enzymatisch-proteolytische und elektrochemische Auflösungsvorgänge sowie die Materialkorrosion von Dentallegierungen umfasst.
Ursachen: extrinsische und intrinsische Säuren
Damit eine Erosion entsteht, muss Säure wiederholt und ausreichend lange auf die Zahnoberfläche einwirken. Die Erosion ist dabei ein vielschichtiges Geschehen: Ob und wie stark ein Zahn geschädigt wird, hängt vom Zusammenspiel chemischer Faktoren (pH-Wert, Säuremenge, Mineral- und Kalziumgehalt eines Getränks), biologischer Faktoren (Speichelmenge, Zahnoberfläche) und des Verhaltens (Ess- und Trinkgewohnheiten) ab. Grundsätzlich unterscheidet man zwei Herkunftsquellen der Säure: extrinsische Säuren von außen und intrinsische Säuren von innen.
| Quelle | Beispiele | Typische Lokalisation |
|---|---|---|
| Extrinsisch (von außen) – Säuren aus Ernährung, Beruf und Umwelt | Softdrinks und Cola, Frucht- und Zitrussäfte, Sportgetränke, Wein, Essig und Salatdressings, saure Früchte und Bonbons; im beruflichen Umfeld Säuredämpfe oder chlorhaltiges Schwimmbadwasser | Vorwiegend an den nach außen (zur Wange/Lippe) gerichteten Flächen und an den Kauflächen |
| Intrinsisch (von innen) – körpereigene Magensäure | Gastroösophagealer Reflux (Rückfluss von Magensäure, GERD), häufiges Erbrechen, Essstörungen, Rumination (erneutes Heraufwürgen von Mageninhalt) | Vorwiegend an den zur Zunge bzw. zum Gaumen gerichteten Innenflächen der oberen Frontzähne |
Der Zusammenhang zwischen Reflux und Erosion ist gut belegt: Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse zeigt, dass Menschen mit gastroösophagealer Refluxkrankheit ein deutlich erhöhtes Risiko für erosiven Zahnhartsubstanzverlust tragen verglichen mit gesunden Kontrollpersonen. Treten Erosionen vor allem an den Innenflächen der oberen Schneidezähne auf, ist das ein wichtiger Hinweis, an eine innere Säurequelle wie Reflux oder wiederkehrendes Erbrechen zu denken – auch wenn die Betroffenen selbst keine Beschwerden bemerken.
Wie Säure den Zahnschmelz löst
Zahnschmelz besteht zum überwiegenden Teil aus Mineral (Kalzium-Phosphat in Form von Apatit). Dieses Mineral ist nur stabil, solange die Umgebung nicht zu sauer wird. Sinkt der pH-Wert an der Zahnoberfläche unter einen kritischen Schwellenwert von etwa 5,5, ist die Mundflüssigkeit gegenüber dem Zahnmineral nicht mehr gesättigt – Mineral geht in Lösung, der Schmelz wird demineralisiert. Mit jeder weiteren Absenkung des pH-Werts steigt die Löslichkeit des Schmelzes stark an. Entscheidend ist nicht der pH-Wert allein, sondern auch die titrierbare Säuremenge eines Getränks sowie sein Kalzium- und Phosphatgehalt: Ein kalziumangereichertes Saftgetränk greift den Schmelz weniger an als ein gleich saures, mineralarmes.
Ein wichtiger Unterschied zur Karies liegt im Ort des Geschehens. Bei der Karies löst die bakterielle Säure das Mineral unterhalb der Oberfläche heraus, während die äußere Schmelzschicht zunächst bestehen bleibt. Die Erosion dagegen löst die Oberfläche direkt und Schicht für Schicht ab – der Zahn verliert flächig Substanz, ohne dass eine kreidig-poröse Oberschicht zurückbleibt.
Der Körper besitzt eigene Schutzmechanismen. Der Speichel verdünnt und neutralisiert (puffert) die Säure und kann nach dem Säureangriff wieder Mineral an den Zahn zurückführen. Außerdem überzieht ein dünnes Eiweißhäutchen aus dem Speichel – das erworbene Schmelzoberhäutchen (Pellikel) – den Zahn und wirkt wie eine Schutzschicht, die den Säurekontakt etwas abmildert. Ist der Speichelfluss vermindert oder der Säureangriff sehr häufig und intensiv, reichen diese Schutzmechanismen jedoch nicht aus. Besonders kritisch wird es, wenn auf den Säureangriff eine mechanische Belastung folgt: Der angeätzte, kurzzeitig erweichte Schmelz lässt sich durch Zähneputzen oder Kaubelastung leichter abtragen. Dieses Zusammenspiel aus chemischer Erweichung und mechanischem Abrieb wird als erosiver Zahnhartsubstanzverlust bezeichnet.
Symptome und klinisches Bild
Erosionen entwickeln sich langsam und schmerzlos, weshalb sie häufig erst spät bemerkt werden. Frühe Veränderungen zeigen sich als glatte, seidig glänzende Schmelzoberfläche, weil die natürliche Mikrostruktur des Schmelzes abgetragen wird. Im weiteren Verlauf entstehen charakteristische Zeichen:
- Muldenförmige Defekte (Cupping und Grooving): An den Höckerspitzen der Kauflächen und an den Schneidekanten bilden sich flache, schüsselförmige Vertiefungen und Rinnen, deren Breite die Tiefe deutlich übersteigt.
- Überstehende Füllungsränder: Vorhandene Füllungen werden vom Säureangriff nicht angegriffen und scheinen mit der Zeit über die umgebende, abgetragene Zahnoberfläche „herauszuragen“.
- Durchscheinende, abgerundete Schneidekanten: Die Frontzähne wirken an der Kante zunehmend durchsichtig (transluzent) und verlieren ihre klare Form.
- Empfindliche Zähne: Wird der Zahnschmelz so dünn, dass das darunterliegende Dentin freiliegt, können die Zähne mit Überempfindlichkeit auf Kälte, Süßes oder Säure reagieren – mehr dazu im Eintrag überempfindliche Zähne.
Diagnostik: visuelle Befundung und BEWE-Index
Die Diagnose der Erosion stellt die Zahnärztin oder der Zahnarzt zunächst durch genaue Sichtprüfung der gereinigten Zähne unter guter Beleuchtung. Beurteilt werden Form, Glanz und Oberflächenrelief sowie die typische Lage der Defekte – etwa Innenflächen oben als Hinweis auf eine innere Säurequelle, Außenflächen als Hinweis auf Ernährungssäuren.
Zur strukturierten Erfassung dient der international etablierte BEWE (Basic Erosive Wear Examination). Dabei wird das Gebiss – ähnlich wie beim parodontalen Screening – in sechs Bereiche (Sextanten) eingeteilt. In jedem Sextanten wird nur die am stärksten betroffene Zahnfläche bewertet, und zwar mit einem vierstufigen Score:
| BEWE-Score | Befund an der am stärksten betroffenen Fläche |
|---|---|
| 0 | Kein erosiver Zahnhartsubstanzverlust erkennbar |
| 1 | Beginnender Verlust der Oberflächenstruktur |
| 2 | Deutlicher Defekt, der weniger als die Hälfte der Zahnfläche betrifft |
| 3 | Ausgedehnter Defekt über mehr als die Hälfte der Zahnfläche |
Die Einzelwerte der sechs Sextanten werden zu einer Gesamtsumme addiert. Diese Summe ordnet den Patienten einer Risikostufe zu und gibt dem Behandler eine Orientierung für das weitere Vorgehen – von reiner Aufklärung und Beobachtung bei niedriger Summe bis hin zu engmaschiger Kontrolle und gezielten Schutzmaßnahmen bei hoher Summe. Der BEWE eignet sich dadurch sowohl zur ersten Einordnung als auch zur Verlaufskontrolle.
Zur Ursachensuche gehört eine sorgfältige Anamnese: Ein Ernährungstagebuch deckt häufige Säurekontakte durch Getränke und Nahrung auf, und bei Verdacht auf eine innere Säurequelle ist eine ärztliche Abklärung von Reflux oder einer Essstörung sinnvoll. Um das Fortschreiten zuverlässig zu beurteilen, werden Studienmodelle (Gipsabformungen) oder ein digitaler Intraoralscan angefertigt und im zeitlichen Verlauf verglichen – so lässt sich objektiv erkennen, ob die Erosion zum Stillstand gekommen ist oder weiter voranschreitet.
Behandlung der Zahnerosion
Ziel der Behandlung ist es, das Fortschreiten zu stoppen, Beschwerden zu lindern und verlorene Substanz bei Bedarf zu ersetzen. Vorrang hat immer die Ursachenbeseitigung – ohne sie wären auch aufwendige Restaurationen nicht von Dauer.
- Ursachen ausschalten (Kausaltherapie): Reduktion und zeitliche Bündelung saurer Getränke und Speisen, ärztliche Abklärung und Behandlung von Reflux oder Essstörungen sowie Korrektur des Putzverhaltens – insbesondere nicht unmittelbar nach einem Säurekontakt putzen, da der erweichte Schmelz dann besonders leicht abgetragen wird.
- Remineralisieren und schützen: Fluoride härten die Zahnoberfläche und mindern den Säureangriff. Besonders gut belegt ist die Schutzwirkung von Zinnfluorid-haltigen Zahnpasten, die in Studien den erosiven Schmelzverlust deutlich verringern. Ergänzend können Präparate mit CPP-ACP (einem Kalzium-Phosphat-Komplex aus Milcheiweiß) eingesetzt werden.
- Restaurativ – gestuft nach Ausmaß: Kleinere Defekte und empfindliche Stellen lassen sich durch Versiegelung oder zahnfarbene Kompositfüllungen schützen. Bei größerem Substanzverlust an den Frontzähnen kommen Verblendschalen (Veneers) infrage, bei sehr ausgedehntem Verlust Kronen. Dabei wird substanzschonend gearbeitet, also so wenig gesunder Zahn wie möglich geopfert. Details zu den restaurativen Verfahren behandeln die jeweiligen Restaurations-Seiten.
Wichtig ist die Reihenfolge: Restaurationen werden erst dann sinnvoll, wenn die Säureeinwirkung unter Kontrolle ist. Andernfalls schreitet der Substanzverlust an den ungeschützten Nachbarflächen weiter voran, und der Erfolg der Versorgung bleibt begrenzt.
Vorbeugung: was Sie selbst tun können
- Säurekontakte bündeln: Saure Getränke und Speisen lieber zu den Mahlzeiten als über den Tag verteilt zu sich nehmen – so bekommt der Speichel zwischendurch Zeit zur Neutralisierung.
- Mit Strohhalm trinken: Ein Strohhalm hinter den Frontzähnen führt das saure Getränk an den Schneidezähnen vorbei.
- Nach Säure neutralisieren: Nach einem Säurekontakt den Mund mit Wasser ausspülen oder einen zuckerfreien Kaugummi kauen, um den Speichelfluss anzuregen. Wer eine Stunde mit dem Zähneputzen wartet, schützt den kurzzeitig erweichten Schmelz.
- Konsequent fluoridieren: Eine fluoridhaltige Zahnpasta – bei erhöhtem Risiko mit Zinnfluorid – stärkt die Zahnoberfläche gegen künftige Säureangriffe.
- Innere Ursachen behandeln: Reflux und Essstörungen gehören ärztlich abgeklärt; nach dem Erbrechen die Zähne zunächst nur mit Wasser ausspülen statt sofort zu putzen.
IMPLANTAT-SPEZIALISTEN IN IHRER NÄHE
Kosten und Kassenleistung
Die wichtigsten vorbeugenden Maßnahmen – Ernährungsberatung, Fluoridierung und Anpassung der Putzgewohnheiten – sind kostengünstig und in der zahnärztlichen Routinebetreuung verankert. Werden erosionsbedingte Defekte restaurativ versorgt, richtet sich die Abrechnung bei gesetzlich Versicherten nach dem BEMA und bei privatzahnärztlichen Leistungen nach der Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ). Zahnfarbene Kompositfüllungen im Seitenzahnbereich sowie Veneers oder Kronen sind in der Regel privat zu tragende Mehrleistungen; die konkrete Höhe hängt von Befund und Aufwand ab und sollte vorab im Heil- und Kostenplan besprochen werden.
Beispielhaft für eine zahnfarbene Kompositfüllung (Adhäsivtechnik) gelten nach GOZ folgende Positionen. Der Punktwert beträgt 5,62421 Cent; ausgewiesen sind die gebräuchlichen Steigerungsfaktoren:
| GOZ-Position | Punktzahl | 2,3-fach | 3,5-fach | 5,0-fach |
|---|---|---|---|---|
| 2060 – einflächige Kompositfüllung (Adhäsivtechnik) | 527 | 68,17 € | 103,74 € | 148,20 € |
| 2080 – zweiflächige Kompositfüllung (Adhäsivtechnik) | 556 | 71,92 € | 109,45 € | 156,35 € |
Die Eurobeträge ergeben sich aus Punktzahl × Punktwert × Steigerungsfaktor und dienen der Orientierung; der tatsächlich berechnete Faktor wird vom Behandler je nach Schwierigkeit und Zeitaufwand festgelegt. Der Gebührenrahmen endet beim 3,5-fachen Satz (§ 5 Abs. 1 GOZ); jede darüber hinausgehende Vergütung – auch der hier ausgewiesene 5,0-fache Satz – bedarf einer schriftlichen Vereinbarung nach § 2 GOZ. Verbindliche Auskunft gibt der individuelle Heil- und Kostenplan.
Literatur
Literatur und Quellenangaben
- Bartlett D, Ganss C, Lussi A. Basic Erosive Wear Examination (BEWE): a new scoring system for scientific and clinical needs. Clin Oral Investig. 2008;12(Suppl 1):65–68. DOI: 10.1007/s00784-007-0181-5
- Lussi A, Jaeggi T. Erosion – diagnosis and risk factors. Clin Oral Investig. 2008;12(Suppl 1):5–13. DOI: 10.1007/s00784-007-0179-z
- Schlueter N, Luka B. Erosive tooth wear – a review on global prevalence and on its prevalence in risk groups. Br Dent J. 2018;224(5):364–370. DOI: 10.1038/sj.bdj.2018.167
- Carvalho TS, Colon P, Ganss C, et al. Consensus report of the European Federation of Conservative Dentistry: erosive tooth wear – diagnosis and management. Clin Oral Investig. 2015;19(7):1557–1561. DOI: 10.1007/s00784-015-1511-7
- Jordão HWT, McKenna G, McKee G, et al. The association between erosive toothwear and gastro-oesophageal reflux-related symptoms and disease: A systematic review and meta-analysis. J Dent. 2020;95:103284. DOI: 10.1016/j.jdent.2020.103284
- Bartlett DW, Fares J, Shirodaria S, et al. Recommendations and guidelines for dentists using the basic erosive wear examination index (BEWE). Br Dent J. 2020;228(3):153–157. DOI: 10.1038/s41415-020-1246-y
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