Implantate im Unterkiefer

Knochenangebot, Möglichkeiten, Risiken

Als man vor 60 Jahren begann, schlecht haltende Vollprothesen im Unterkiefer mit Hilfe von Implantaten stabil zu verankern, begann die Erfolgsgeschichte der Implantologie. Noch immer gelten vier Implantate im Unterkiefer  als die bewährteste und sicherste Methode, eine Prothese auf Implantaten zu fixieren. In der Unterkieferfront interforaminal zwischen Zahnregion 4 und 4 platziert, ist der Knochen gut und eine Nervverletzung praktisch ausgeschlossen.
Der Knochen gilt als stabiler als im Oberkiefer, was günstig für den Implantaterfolg anzusehen ist. Auch ist jeder Zahnersatz auf Implantaten im Unterkiefer ästhetisch meist unproblematisch. Im Gegensatz zum Oberkiefer verdeckt beim Lächeln die Lippe fast vollständig den Übergangsbereich am Zahnfleisch.

Stegprothese auf 4 Implantaten im Unterkiefer
Stegprothese auf 4 Implantaten: sicherer Halt, risikoarme Behandlung im Unterkiefer

Was ist bei Unterkiefer-Implantaten zu beachten?

Die klaren anatomischen Unterschiede in Frontzahn und Seitenzahnbereich sorgen für angepasstes Vorgehen bei der Implantatbehandlung im Unterkiefer.

Unterkieferregion Fallstricke Vorgehen/Konzept
Einzelzahnimplantate Front Geringe Knochenbreite, Kleine Zähne Bei Platzmangel: dünne Implantate
Zahnloser Unterkiefer Prothesenhalt, Kippmeidung Prothese auf 2 besser 4, feste Brücke
Backenzähne Abstand zum Nervkanal beachten Sicherheitsabstand! Kurzimplantate?

Die Unterkieferfront: der unkomplizierteste Bereich

Zwischen den beiden ersten kleinen Backenzähnen liegt die dankbarste Region für ein Implantat. Der Knochen ist hier dicht und in aller Regel reichlich vorhanden, ein Nervkanal verläuft nicht hindurch, und beim Lächeln sieht man von diesem Bereich wenig. Weder Knochenangebot noch Aussehen sind hier üblicherweise das Problem.

Was stattdessen knapp werden kann, ist der Platz zwischen den Zähnen. Untere Schneidezähne sind schmal; geht einer verloren, bleibt oft nur eine enge Lücke. Dann kommen schmalere Implantate zum Einsatz.

Ganz ohne Anatomie ist auch dieser Bereich nicht: Unter der Zunge verlaufen Blutgefäße, und die Knochenwand ist dort dünner, als sie auf einem Röntgenbild wirkt. Mehr dazu weiter unten bei den Risiken.

Am Kinnloch: wo der Nerv austritt

Etwa in Höhe der kleinen Backenzähne tritt der Nerv aus dem Knochen aus — durch das Kinnloch, das Foramen mentale. Von dort versorgt er Unterlippe und Kinn.

Die Besonderheit: Der Kanal endet nicht am Kinnloch, sondern zieht bei vielen Menschen zunächst ein Stück weiter nach vorn und kehrt dann in einer Schlinge zurück. Wie weit diese Schlinge reicht, ist von Mensch zu Mensch verschieden und auf einer gewöhnlichen Röntgenaufnahme kaum zu erkennen. Wer in dieser Region implantiert, plant deshalb dreidimensional.

Planung von Implantaten im Unterkiefer: Nervverlauf beachten
Planung von Implantaten im Unterkiefer: Nervverlauf beachten

Der Seitenzahnbereich: es geht um Millimeter

Hinten entscheidet der Abstand. Der Nervkanal verläuft dort im Knochen, und darüber wird das Implantat gesetzt. Je weiter der Zahnverlust zurückliegt, desto weniger Knochen steht dafür zur Verfügung — der Kieferkamm bildet sich von oben zurück, während der Kanal bleibt, wo er ist.

Daraus ergeben sich zwei Wege. Entweder ein kürzeres Implantat, das den nötigen Sicherheitsabstand einhält — kurze Implantate sind heute eine verlässliche Lösung. Oder ein Knochenaufbau, um wieder Höhe zu gewinnen. Welcher Weg der richtige ist, entscheidet die dreidimensionale Aufnahme, nicht das Übersichtsröntgen.

Was bei zu geringem Abstand passieren kann und wie häufig das ist, steht weiter unten im Abschnitt zu den Risiken.

Sind Implantate im Unterkiefer besser belastbar?

Der Unterkieferknochen ist kompakter als der des Oberkiefers. Ein Implantat sitzt darin von Anfang an fester, und das hat eine praktische Folge: Die Wartezeit bis zur Belastung fällt hier meist kürzer aus. In der Praxis kalkuliert man mit sechs bis acht Wochen, im Oberkiefer je nach Knochenqualität länger.

Entscheidend ist dabei nicht der Kiefer als solcher, sondern die Festigkeit des Knochens. Ein weicher Unterkieferknochen braucht ebenso Zeit wie ein weicher Oberkiefer. Nur ist er unten seltener weich.

In großen Auswertungen ist der Kiefer kein eigenständiger Risikofaktor für den Implantatverlust – der Knochen entscheidet, nicht seine Lage. Das liegt am verbesserten Implantatdesign und an den Implantatoberflächen, die auch unter komplizierten Knochenverhältnissen einen hohen Implantaterfolg ermöglichen. Mehr dazu unter Einheilung und Belastung.

Der zahnlose Unterkiefer

Der zahnlose Unterkiefer ist der klassische Fall für Implantate — und zugleich der, bei dem sie am meisten verändern. Eine untere Vollprothese hat wenig Auflagefläche und wird von der Zunge bei jedem Sprechen und Schlucken bewegt. Sie hält deutlich schlechter als eine obere.

Herausnehmbar. Schon zwei Implantate geben einer Deckprothese festen Halt. Vier verteilen die Kräfte besser und verhindern das Kippen. Die Ästhetik übernimmt die Prothese.

Festsitzend. Für eine feste Brücke sind sechs verteilte Implantate gängig. Dafür muss der Knochen im Seitenzahnbereich oberhalb des Nerven genügend Platz für Implantate zur Verfügung stellen.
Beim All-on-4-Konzept wird der qualitativ gute und meist ausreichend vorhandene Knochen in der Unterkieferfront (interforaminal)  genutzt, um mithilfe von vier Implantaten eine feste Brücke einzusetzen.

Welche Zahl für welche Versorgung sinnvoll ist, steht unter Wie viele Zahnimplantate braucht man.

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Was kostet ein Implantat im Unterkiefer?

Das Implantat selbst kostet im Unterkiefer nicht weniger als im Oberkiefer. Was den Betrag bewegt, sind auch hier die Zusatzschritte — nur fallen sie unten seltener an. Ein Knochenaufbau ist im Unterkiefer weniger häufig nötig, und einen Sinuslift gibt es hier gar nicht.

Wie hoch der Eigenanteil ausfällt, hängt von der Versorgung, der Zahl der Implantate und dem Festzuschuss der Kasse ab: Kostenrechner für Zahnimplantate. Was die Kasse beisteuert, steht unter Festzuschuss für Zahnimplantate.

Was oben wie unten gleich ist

Vieles unterscheidet sich zwischen den Kiefern gar nicht. Damit es hier nicht doppelt steht, in Kürze — mit dem Weg zur ausführlichen Antwort.

Der Eingriff. Örtliche Betäubung reicht in aller Regel; ein einzelnes Implantat ist meist in 20 bis 40 Minuten gesetzt. Auf Wunsch sind Sedierung oder Vollnarkose möglich. → Zahnimplantation

Schmerzen und Schwellung. Spürbar sind meist der Operationstag und ein bis zwei Tage danach, gut behandelbar mit einfachen Schmerzmitteln. Die Schwellung ist eine normale Heilreaktion; frühes Kühlen hilft am meisten. → Schmerzen nach der Implantation und Verhalten nach der OP

Sport und Alltag. Die ersten ein bis zwei Tage ruhig angehen, danach ist moderate Bewegung wieder möglich. Vorsicht gilt bei Sturz- und Kontaktsport, bis die Einheilung abgeschlossen ist. → Implantate und Sport

Haltbarkeit. Nach zehn Jahren sind je nach Auswertung noch etwa 93 bis 96 Prozent der Implantate in Funktion, ab einem Alter von 65 Jahren eher gut 91 Prozent. In Funktion heißt allerdings nicht beschwerdefrei: Entzündungen am Implantat sind in diesem Zeitraum häufig. Wichtiger als der Kiefer sind Mundhygiene und Rauchverzicht. → Wie lange halten Implantate

Implantate im Unterkiefer: auf welche Risiken muss man achten?

Mit Implantaten im Unterkiefer hat man die meiste Erfahrung. Zahnimplantate erreichen hier beim Einsetzen eine hohe Primärstabilität, was eine wichtige Voraussetzung für den Implantaterfolg darstellt. Allerdings liegt im Unterkiefer die Struktur, deren Verletzung  dauerhafte Folgen haben kann: der große Gefühlsnerv für Lippe und Kinn: N. alveolaris inferior.

Nervverletzung als Risiko

Ausfall des Nervus mentalis: Taubheitsgefühl im Versorgungsgebiet

 

Dieser Unterkiefer-Hauptnerv liegt anatomisch verlässlich im Unterkiefer-Seitenzahnbereich  zwischen dem vierten Zahn von vorne und dem Weisheitszahn im unteren Drittel des Unterkiefers. Beim Einsetzen eines tragfähigen Implantats in diesem Kieferabschnitt gilt es, Abstand zum Nervkanal zu halten: biologisch genügt bereits ein Millimeter, in der Planung rechnet man mit zwei als Puffer für die Ungenauigkeit der Messung. Die Gefahr einer Nervverletzung ist bei einer solchen Millimeterarbeit aber stets präsent.
Zwischen den vierten Zähnen ist dieses Risiko weitgehend gebannt, da der Nerv in Höhe des fünften Zahnes als Kinnnerv (N. mentalis) aus dem Knochen austritt. Im Frontzahnbereich ist der Knochen oft schmal. Eine Perforation beim Implantieren zur Zungenseite kann hier Blutungen auslösen, was aber höchst selten passiert.
Wenn extremer Knochenmangel komplizierte Eingriffe erfordert, dann steigt allerdings auch das Risiko, dass etwas schiefgeht.

Wie häufig ist was?

Komplikation Wie häufig Schweregrad Bleibt etwas zurück?
Vorübergehendes Taubheits- oder Kribbelgefühl an Lippe oder Kinn rund 2 von 100 Patienten einen Monat nach dem Eingriff gering bis mittel nein – etwa 90 Prozent klingen binnen acht Wochen ab
Dauerhafte Gefühlsstörung durch Nervverletzung – nur im Seitenzahnbereich unter 1 von 100 hoch ja
Missempfindung durch Schnittführung und Wundhaken keine belastbare Häufigkeit; in großen Serien nur Einzelfälle mit längerem Verlauf gering fast nie – dauerhafte Gefühllosigkeit ist nicht beschrieben
Starke Blutung im Mundboden – vor allem zwischen den vierten Zähnen Einzelfälle – rund 25 dokumentierte, davon gut zwei Drittel mit Notfallsicherung der Atemwege sehr hoch, lebensbedrohlich selten
Bruch des Unterkiefers nach Verlagerung des Nervs 2 von 98 Patienten hoch in der Regel nein nach Ausheilung
Bruch des Unterkiefers nach normaler Implantation keine belastbare Häufigkeit – nur Einzelfallberichte bei stark abgebautem Kiefer hoch in der Regel nein nach Ausheilung

Die Häufigkeitsangaben stammen aus der im Quellenverzeichnis genannten Fachliteratur. Schweregrad und bleibende Folgen sind eine Einschätzung von implantate.com. Für die Häufigkeit einer Nervgefühlsstörung gehen die Zahlen der Literatur weit auseinander: In Fallserien und den darauf aufbauenden Übersichtsarbeiten erreicht dieselbe Störung über 80 Prozent, in großen Behandlungsreihen gut ein Prozent. Beide Zahlen sind richtig, sie beantworten nur verschiedene Fragen. Fallserien sammeln Fälle, in denen etwas passiert ist, und beschreiben deshalb, wie eine Nervverletzung verläuft, wenn sie eintritt. Große Behandlungsreihen zählen alle Behandlungen und beschreiben, wie oft sie eintritt. In der Tabelle steht die Zahl aus den Behandlungsreihen; wie eine eingetretene Störung weitergeht, steht im Kapitel zur Nervverletzung.

Die zwei Zonen des Unterkiefers

Der Nervkanal zieht vom Kieferwinkel nach vorn und verlässt den Knochen etwa in Höhe des zweiten kleinen Backenzahns. Daraus folgt eine einfache Aufteilung: Im Bereich der Backenzähne liegt der Kanal unter dem Implantatbett – hier ist der Abstand zu ihm die zentrale Größe der Planung. Zwischen den vierten Zähnen verläuft kein Kanal mehr, und eine Verletzung des Unterkiefernervs ist dort praktisch ausgeschlossen.

Diese Grenze ist allerdings keine Linie aus dem Lehrbuch, sondern von Mensch zu Mensch verschieden – deshalb ersetzt sorgfältige Diagnostik hier jede Faustregel.

Im Seitenzahnbereich entscheidet der Abstand

Schema des Sicherheitsabstands zwischen Implantat und Mandibularkanal

Der Abstand zwischen Implantatspitze und Nervkanal ist die entscheidende Planungsgröße.

Wie stark der Nerv gefährdet ist, hängt fast vollständig davon ab, wie nah das Implantat an den Kanal gesetzt wird. Eine Auswertung der vorliegenden Untersuchungen nach Abstandsklassen zeigt einen bemerkenswert scharfen Übergang:

Abstand zum Nervkanal Anteil mit Gefühlsstörung
ab 2 Millimeter kein einziger Fall
1 bis 2 Millimeter kein einziger Fall
unter 1 Millimeter 68 Prozent
Implantat ragt in den Kanal 53 Prozent

Das ist die eigentliche Botschaft dieser Seite: Eine Nervverletzung ist kein Unglück, das einen trifft, sondern eine Frage von Millimetern. Wird der Abstand eingehalten, ist in den vorliegenden Untersuchungen keine Gefühlsstörung aufgetreten. Wird er unterschritten, passiert sehr wahrscheinlich etwas.

DVT-Aufnahme zur Implantatplanung im Unterkiefer mit farblich markiertem Verlauf des Nervus alveolaris inferior

DVT-Planung: Der Abstand zwischen Implantat und Mandibularkanal wird vor dem Eingriff dreidimensional vermessen.

Der oft genannte Sicherheitsabstand von zwei Millimetern stammt übrigens aus der Zeit der zweidimensionalen Aufnahmen und ist ein Zuschlag für deren Ungenauigkeit – biologisch reicht bereits ein Millimeter. Was eine Verletzung des Nervs im Einzelnen bedeutet, wie sie sich äußert und behandelt wird, steht im eigenen Kapitel dazu.

Unteres Gesicht mit grau markiertem Areal an Lippe und Kinn als Zeichen einer Gefühlsstörung nach Nervverletzung

Taubheitsgefühl an Lippe und Kinn nach Verletzung des Nervus mentalis, des Endasts des Unterkiefernervs.

Zwischen den vierten Zähnen: kein Kanal, dafür Gefäße

Der Bereich zwischen den vierten Zähnen gilt als der sichere Teil des Unterkiefers, und für den Nerv stimmt das auch. Dafür liegt hier das seltenste, aber gefährlichste Ereignis der gesamten Implantologie: die Blutung in den Mundboden.

Sie entsteht, wenn die zungenseitige Knochenwand durchbohrt und ein darunter liegendes Gefäß verletzt wird. Der Mundboden schwillt dann binnen Minuten bis Stunden an, hebt die Zunge und kann die Atemwege verlegen. Von den in der Fachliteratur dokumentierten Fällen ging ein Großteil auf genau diese zungenseitige Perforation zurück, und gut zwei Drittel der Betroffenen mussten notfallmäßig intubiert oder tracheotomiert werden.

Das klingt dramatisch und ist es auch – nur ist es extrem selten. Weltweit sind über Jahrzehnte hinweg gut zwei Dutzend Fälle beschrieben. Vermeidbar ist es dadurch, dass die Kontur des Unterkiefers vor dem Eingriff bekannt ist: Viele Unterkiefer sind zungenseitig eingezogen, sodass eine gerade Bohrrichtung aus dem Knochen heraustritt, obwohl von außen alles unauffällig aussieht.

Missempfindungen durch Schnittführung und Wundhaken

Ein Nerv liegt im Unterkiefer so, dass die Schnittführung ihn überhaupt betreffen kann: der Kinnnerv. Er verlässt den Knochen in der Prämolarenregion und fächert sich von dort unter der Schleimhaut zu Lippe und Kinn auf. Ein vertikaler Entlastungsschnitt in diesem Bereich kreuzt sein Ausbreitungsgebiet – außerhalb des Knochens, wo ihn keine Röntgenaufnahme mehr schützt. Deshalb wird er so gelegt, dass er das Foramen mentale umgeht statt es zu queren.

Nicht jede Missempfindung nach einem Eingriff im Unterkiefer hat mit dem großen Nerv zu tun. Beim Aufklappen des Zahnfleischs werden zwangsläufig feinste Schleimhautäste durchtrennt, und Wundhaken üben Zug auf das Gewebe aus. Ein pelziges oder leicht taubes Gefühl am Zahnfleisch oder an der Lippe kann daraus entstehen. Vollständig vermeiden lässt sich das nicht.

Diese Missempfindungen sind harmlos und vorübergehend. In einer Serie von 250 Eingriffen – dokumentiert bei Weisheitszahnentfernungen, deren Wundhakenzug sich unmittelbar auf die Implantatchirurgie übertragen lässt – war jede einzelne Störung nach drei Wochen bis zwei Monaten wieder verschwunden. Bei fast 3.900 Eingriffen mit Lappenbildung zur Knochenentnahme trat keine bleibende Gefühllosigkeit im Sinne einer dauerhaften Anästhesie auf; hielt ein Taubheitsgefühl nur in Einzelfällen bis zu einem Jahr an.

Der Unterschied zur Verletzung des Unterkiefernervs ist also kein gradueller, sondern ein grundsätzlicher: Das eine gehört zur Wundheilung, das andere ist ein Schaden.

Verletzung der Zahnwurzel
Verletzungen der Zahnwurzel eines Nachbarzahns bei der Implantation können sowohl im Unterkiefer als auch im Oberkiefer vorkommen

Die Wurzel des Nachbarzahns

Das Bild darüber zeigt ein Risiko, über das nicht der Kiefer entscheidet, sondern die Bohrachse: Weicht sie ab, trifft sie die Wurzel des Nachbarzahns. Das kann oben wie unten passieren.

Wie es dann weitergeht, hängt vom Ausmaß ab. Über alle bislang ausgewerteten Untersuchungen hinweg überleben mehr als 95 von 100 der betroffenen Implantate. In einzelnen Serien fällt die Bilanz für das Implantat deutlich schlechter aus – für den Zahn dagegen nicht: Unter 43 Fällen mit versehentlichem Wurzelkontakt ging kein einziger Zahn verloren. 32 reagierten vorübergehend druckempfindlich, 16 zeigten Rückbildungen am Wurzelzement, drei verloren die Empfindlichkeit ihres Zahnnervs. Bezahlt hat den Fehler dort das Implantat: Elf der 43 mussten innerhalb eines halben Jahres wieder entfernt werden. Folgenlos bleibt ein Kontakt deshalb nicht: Die zugehörige Planungsgröße ist ein Sicherheitsabstand von eineinhalb Millimetern zur Nachbarwurzel, und wird er unterschritten oder berührt das Implantat die Wurzel, braucht der betroffene Zahn in etwa jedem vierten bis fünften Fall eine Wurzelbehandlung.

Auf dieser Seite steht die Wurzelverletzung trotzdem nicht ohne Grund. Im Unterkiefer-Seitenzahnbereich ist die Bohrachse nach unten bereits gedeckelt – vom Nervkanal. Wer dort Abstand nach unten gewinnt, indem er das Implantat kippt oder verkürzt, verschiebt die Spitze zwangsläufig zur Seite. Die beiden Grenzen liegen also auf derselben Achse und lassen sich nicht unabhängig voneinander vergrößern. Ausführlich behandelt wird sie auf der Seite Wurzelschädigung durch Zahnimplantate.

Wenn der Kiefer stark abgebaut ist

Bei langem Zahnverlust schrumpft der Unterkiefer, und im Seitenzahnbereich kann die Höhe über dem Nervkanal so gering werden, dass ein Implantat dort nicht mehr ohne Weiteres Platz findet. Eine Möglichkeit ist dann, vor der Implantation den Knochen aufzubauen; eine andere, den Nerv vorübergehend aus seinem Kanal zu verlagern. Das ist ein anspruchsvoller Eingriff mit eigenem Risikoprofil – und die Zahlen dazu gehören sauber getrennt von denen der normalen Implantation.

Nach einer Nervverlagerung kommt es in etwa 15 bis 40 Prozent der Fälle zu einer vorübergehenden Gefühlsstörung – bei der aufwendigeren Transposition eher am oberen Rand dieser Spanne, bei der schonenderen Seitwärtsverlagerung eher am unteren. Bei den meisten bildet sie sich innerhalb von sechs Monaten zurück. In einer Nachbeobachtung über zehn Jahre kam es bei 2 von 98 so behandelten Patienten drei bis vier Wochen nach dem Eingriff zu einem Bruch des Unterkiefers.

Nach einer normalen Implantation gibt es für den Kieferbruch keine belastbare Häufigkeit. Es existieren Einzelfallberichte bei sehr stark abgebautem Knochen, aber keine Zahl, die man seriös auf den Regelfall übertragen könnte. Wer Ihnen für den Standardeingriff eine Prozentzahl zum Kieferbruch nennt, hat sie vermutlich von der Nervverlagerung übernommen.

implantate.com-Empfehlung: Wird Ihnen eine Verlagerung des Nervs vorgeschlagen, fragen Sie nach den Alternativen – kürzere Implantate, eine andere Position, oder ein Aufbau des Kiefers. Die Verlagerung ist eine Lösung, aber selten die einzige.

Gerinnungshemmer: absetzen oder nicht?

Weil im Unterkiefer die Blutungsfrage anders wiegt als im Oberkiefer, lohnt der Blick auf die Medikamente. Gerinnungshemmer werden für eine Implantation heute in aller Regel nicht abgesetzt. Sie erhöhen zwar die Blutungsneigung während und nach dem Eingriff, führen aber nicht zu klinisch bedeutsamen Blutungen – lokale Maßnahmen wie Naht, Kollagenvlies und Aufbissschiene genügen.

Das größere Risiko liegt beim Absetzen: Thrombose, Embolie, Schlaganfall. Die Entscheidung ist deshalb immer eine Abwägung zwischen Blutungs- und Thromboserisiko, und sie trifft nicht der Zahnarzt allein, sondern der verordnende Arzt. Setzen Sie ein solches Medikament niemals eigenmächtig vor einem Eingriff ab.

Was gute Planung im Unterkiefer ausmacht

Wann eine dreidimensionale Aufnahme sinnvoll ist: In unkomplizierten Fällen reicht die übliche zweidimensionale Übersichtsaufnahme. In zwei Situationen empfehlen wir eine dreidimensionale Darstellung: bei einer Implantation nahe am Nervkanal im Unterkiefer und bei knappem Knochenangebot unter der Kieferhöhle im Oberkiefer. Der Grund ist einfach: In beiden Fällen hängt das Risiko an wenigen Millimetern, und die zweidimensionale Aufnahme verzerrt und überlagert. Wer den Abstand genau kennt, kann näher und sicherer planen.

Dazu kommt die Übertragung der Planung in den Mund. Eine Bohrschablone führt den Bohrer in der geplanten Achse und Tiefe – gerade dort wertvoll, wo wenige Millimeter über das Ergebnis entscheiden. Und im Frontbereich gehört die zungenseitige Kontur des Kiefers angesehen, bevor gebohrt wird.

Was nach dem Eingriff kommt – Schwellung, Wundheilung, die ersten Wochen – unterscheidet sich zwischen den Kiefern nicht und ist im Kapitel über den Verlauf nach der Operation beschrieben. Einen Überblick über alle Risiken unabhängig vom Kiefer gibt die Seite Welche Risiken haben Zahnimplantate, und die Besonderheiten der Gegenseite stehen unter Implantate im Oberkiefer.

Risiken, die für beide Kiefer gelten

Alles bisher Genannte ist Unterkiefer-Anatomie: der Nervkanal, der Mundboden, der harte Knochen, der Kiefer, der zu wenig davon übrig hat. Daneben steht das, was jede Implantation mitbringt – im Oberkiefer nicht anders als hier. Der Vollständigkeit halber kurz benannt:

  • Wundheilungsstörung und Infektion. Schwellung, Schmerz und ein verzögerter Wundverschluss in den ersten Tagen nach dem Eingriff. Meist beherrschbar, gelegentlich der Grund, warum ein Implantat nicht einheilt. Siehe Mein Implantat schmerzt.
  • Periimplantitis. Die Entzündung des Implantatlagers, oft erst Jahre später – sie betrifft rund 12,5 Prozent der Implantate und 19,5 Prozent der Patienten und kann zum Verlust des Implantats führen; verlorener Knochen wächst nicht nach. Siehe Periimplantitis und Ursachen und Risikofaktoren.
  • Implantatverlust. Entweder früh, weil die Einheilung ausbleibt, oder spät unter Überlastung durch den Zahnersatz.
  • Verletzung der Nachbarwurzel. Eine Frage der Bohrachse, nicht des Kiefers – oben im Abschnitt zur Nachbarwurzel beschrieben, ausführlich unter Wurzelschädigung durch Zahnimplantate.
  • Patientenseitige Risikofaktoren. Rauchen, schlecht eingestellter Diabetes, bestimmte Medikamente. Sie wiegen in beiden Kiefern gleich schwer. Für Raucher ist die Verlustrate messbar höher – siehe Rauchen und Implantate.

Ausführlich behandelt werden diese Punkte auf der Seite Welche Risiken haben Zahnimplantate? Was im anderen Kiefer anders ist, steht unter Implantate im Oberkiefer.

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Häufige Fragen

Kann bei einem Implantat im Unterkiefer der Nerv getroffen werden?
Im Bereich der Backenzähne ja, denn dort verläuft der Kanal unter dem Implantatbett. Zwischen den vierten Zähnen liegt kein Kanal mehr, dort ist eine Kanalverletzung praktisch ausgeschlossen – wie weit der Nerv vor seiner Austrittsstelle nach vorn zieht, muss allerdings im Einzelfall auf einer dreidimensionalen Aufnahme geprüft werden. Entscheidend ist deshalb nicht „Unterkiefer“, sondern die Position.

Wie lange dauert ein Taubheitsgefühl nach der Operation?
Ein vorübergehendes Kribbeln oder Pelzigsein bildet sich in etwa neun von zehn Fällen innerhalb von acht Wochen zurück. Besteht eine Störung länger als sechs Monate, gilt sie als bleibend.

Ist ein Implantat im Unterkiefer sicherer als im Oberkiefer?
Der Knochen ist fester und die Eingriffe verlaufen meist unkomplizierter. Dafür liegt im Unterkiefer die einzige Struktur, deren Verletzung dauerhaft spürbar bleiben kann. Seltener, aber schwerer.

Muss vor jedem Implantat im Unterkiefer ein 3D-Röntgen gemacht werden?
Nein. Bei ausreichendem Abstand zum Nervkanal reicht die übliche Übersichtsaufnahme. Wird es eng, ist die dreidimensionale Darstellung aus unserer Sicht das Mittel der Wahl.

implantate.com-Fazit

Der Unterkiefer ist der berechenbarere der beiden Kiefer – solange man weiß, wo man ist. Im Seitenzahnbereich entscheidet der Abstand zum Nervkanal, und er entscheidet nahezu vollständig: Wird er eingehalten, tritt in den vorliegenden Untersuchungen keine Gefühlsstörung auf. Zwischen den vierten Zähnen ist der Nerv kein Thema, dafür die zungenseitige Knochenwand. Beides ist eine Frage der Diagnostik und der Planung, nicht des Glücks. Und die kleinen Missempfindungen, die aus jeder Schnittführung entstehen können, sollte man von alldem trennen – sie gehen wieder weg.

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Letzte Aktualisierung am Samstag, 22. August 2026