Implantate im Oberkiefer
Planung, Erfolgsquoten, Risiken
In vielen wesentlichen Punkten unterscheiden sich Implantate im Unterkiefer und Oberkiefer nicht. Sorgfältige Implantatplanung und Einsetzen des Implantats, Einheilung und Zahnersatz sind grundlegende Gemeinsamkeiten. Je nach Position im Oberkiefer kann es aber besondere Anforderungen an ein Zahnimplantat geben. Im Sichtbereich, gerade bei den Frontzähnen, sind besonders hohe Ansprüche an die Ästhetik zu berücksichtigen. Im Seitenzahnbereich das geringe Knochenangebot durch die Ausdehnung der Kieferhöhle. In dieser Region ist auch oftmals die Knochenstruktur sehr dünn, was einer frühen Belastbarkeit entgegensteht.
Zwei Fragen bestimmen also die Besonderheiten von Implantaten im Oberkiefer: Wie erziele ich ein perfektes Lächeln und wie bekomme ich stabile Implantate im Seitenzahnbereich?
| Bereich | Worauf es dort ankommt | Typisches Vorgehen |
|---|---|---|
| Frontzähne | Lachlinie! Knochenhöhe, Knochenbreite, Zahnfleischverlauf | Knochenaufbau? Bindegewebstransplantat? |
| Kleine Backenzähne | meist gutes Knochenangebot | Standardvorgehen |
| Große Backenzähne | Höhe bis zur Kieferhöhle, Festigkeit des Knochens | kurze Implantate oder Sinuslift |
| Zahnloser Oberkiefer | Halt, Gaumenfreiheit, Zahl der Implantate | Deckprothese oder feste Brücke |
Die sichtbare Oberkieferfront
Im Bereich der Schneide- und Eckzähne entscheidet vor allem eines: ob man das Implantat sieht. Drei Dinge bestimmen das Ergebnis — wie viel Zahnfleisch beim Lächeln sichtbar wird, wie dick dieses Zahnfleisch ist, und wie viel Knochen vor dem Implantat zur Lippe hin steht. Diese äußere Knochenwand ist im Oberkiefer häufig nur etwa einen Millimeter dünn.
In der Höhe ist dagegen meist reichlich Knochen vorhanden. Die Frage lautet hier also selten, ob ein Implantat hineinpasst. Sie lautet, ob es genau dort sitzen kann, wo der neue Zahn später stehen soll — und ob das Zahnfleisch davor auf Dauer stehen bleibt. Reicht es nicht, kommen ein Knochenaufbau oder ein Bindegewebstransplantat in Betracht.
Wie hoch der Anspruch ausfällt, hängt stark von der Lachlinie ab. Wer beim Lachen nur die Zähne zeigt, dem verzeiht dieser Bereich einiges. Wird auch das Zahnfleisch sichtbar, zählt jeder Millimeter. Ausführlich behandeln wir das beim Frontzahnimplantat.
Die Region der kleinen Backenzähne
Zwischen Eckzahn und den großen Backenzähnen liegt der unauffälligste Abschnitt des Oberkiefers. Das Knochenangebot ist hier häufig gut, und sichtbar wird dieser Bereich nur bei einer ausgeprägten Lachlinie. In aller Regel genügt das Standardvorgehen.
Ein Punkt gehört trotzdem in die Planung: Die Kieferhöhle endet nicht immer dort, wo man sie vermutet. Sie kann nach vorn bis in die Region der kleinen Backenzähne reichen. Auf einem gewöhnlichen Röntgenbild lässt sich das schlecht beurteilen, auf einer dreidimensionalen Aufnahme dagegen genau.
Der Oberkiefer-Seitenzahnbereich: reicht der Knochen?
Über den Wurzeln der oberen Backenzähne liegt die Kieferhöhle. Gehen diese Zähne verloren, dehnt sie sich nach unten aus, während sich der Kieferkamm von oben zurückzieht. Zwischen beiden bleibt dann manchmal nur eine dünne Schicht Knochen übrig.
Dafür gibt es drei Wege.
Aufbauen. Fehlen nur wenige Millimeter, lässt sich der Boden der Kieferhöhle vorsichtig anheben — durch dieselbe Öffnung, durch die auch das Implantat kommt. Braucht es mehr Höhe, wird über ein kleines Fenster in der seitlichen Kieferhöhlenwand aufgebaut. Ob das Implantat gleich mit hinein kann oder ob der Aufbau erst ausheilen muss, hängt davon ab, wie viel eigener Knochen noch vorhanden ist. Beide Varianten beschreiben wir beim Sinuslift.
Kürzer werden. Kurze Implantate sind heute eine verlässliche Lösung. Wo der vorhandene Knochen sie zulässt, erspart das den Aufbau ganz.
Ausweichen. Eine andere Position, eine andere Verankerung, eine etwas kürzere Zahnreihe oder herausnehmbarer Zahnersatz sind ebenfalls Wege — keine schlechteren, nur andere.
Eines sollte man dabei wissen: Ein Sinuslift macht den Kieferkamm nicht höher, er verkleinert die Kieferhöhle. Der Abstand zu den Gegenzähnen bleibt gleich.
Hält ein Implantat im Oberkiefer schlechter?
Im vorderen Oberkiefer ist der Knochen meist fest genug. Dünn und weich wird er vor allem dort, wo die Backenzähne schon länger fehlen. Dann kann es sein, dass ein Implantat anfangs nicht so fest sitzt, wie man es sich wünscht — und genau das steht einer frühen Belastung entgegen. Anspruchsvoll wird es besonders, wenn dort eine größere festsitzende Brücke geplant ist, die den Bereich über der Kieferhöhle überspannen soll.
Unlösbar ist das nicht. Der Knochen lässt sich beim Vorbereiten verdichten, statt ihn auszubohren. Und man kann das Implantat schrittweise an seine Aufgabe gewöhnen, statt ihm sofort die volle Kaukraft zuzumuten: Es bekommt für einige Wochen einen Aufbau, der noch nicht mitkäut. Der Knochen wird in dieser Zeit fester.
Wie belastbar der Oberkiefer sein kann, zeigt das All-on-4-Konzept: Dort bekommen Patienten am Tag der Operation feste Zähne auf vier Implantaten — oben genauso wie unten. Mehr dazu unter Einheilung und Belastung.
Der zahnlose Oberkiefer
Fehlen alle Zähne, stehen zwei Wege offen.
Herausnehmbar. Eine Deckprothese hält auf zwei bis vier Implantaten. Der große Gewinn gegenüber der gewöhnlichen Vollprothese ist nicht nur der feste Sitz, sondern die Möglichkeit, den Gaumen frei zu lassen — das ändert Geschmacksempfinden und Sprechen spürbar. Das Aussehen der Implantate spielt hier keine Rolle, das übernimmt die Prothese.
Festsitzend. Für eine feste Brücke sind sechs Implantate gängig; beim All-on-4-Konzept sind es vier, die dafür weiter vorn im besseren Knochen sitzen und geneigt eingebracht werden. Genau daraus ist das Konzept entstanden: Wo hinten die Kieferhöhle den Platz begrenzt, rücken die Implantate nach vorn.
Welche Zahl für welche Versorgung sinnvoll ist, steht unter Wie viele Zahnimplantate braucht man.
IMPLANTAT-SPEZIALISTEN IN IHRER NÄHE
Was kostet ein Implantat im Oberkiefer?
Das Implantat selbst kostet im Oberkiefer nicht mehr als im Unterkiefer. Was den Betrag bewegt, sind die Zusatzschritte — und die fallen oben häufiger an: ein Knochenaufbau oder Sinuslift im Seitenzahnbereich, das Knochenersatzmaterial, und im sichtbaren Frontbereich der höhere Aufwand für Krone und Aufbauteil.
Wie hoch der Eigenanteil ausfällt, hängt von der Versorgung, der Zahl der Implantate und dem Festzuschuss der Kasse ab. Statt hier ein Beispiel vorzurechnen, das auf die wenigsten passt: Kostenrechner für Zahnimplantate. Was die Kasse beisteuert, steht unter Festzuschuss für Zahnimplantate.
Was oben wie unten gleich ist
Vieles unterscheidet sich zwischen den Kiefern gar nicht. Damit es hier nicht doppelt steht, in Kürze — mit dem Weg zur ausführlichen Antwort.
Der Eingriff. Örtliche Betäubung reicht in aller Regel; ein einzelnes Implantat ist meist in 20 bis 40 Minuten gesetzt. Auf Wunsch sind Sedierung oder Vollnarkose möglich. → Zahnimplantation
Schmerzen und Schwellung. Spürbar sind meist der Operationstag und ein bis zwei Tage danach, gut behandelbar mit einfachen Schmerzmitteln. Die Schwellung ist eine normale Heilreaktion; frühes Kühlen hilft am meisten. → Schmerzen nach der Implantation und Verhalten nach der OP
Sport und Alltag. Die ersten ein bis zwei Tage ruhig angehen, danach ist moderate Bewegung wieder möglich. Vorsicht gilt bei Sturz- und Kontaktsport, bis die Einheilung abgeschlossen ist. Nach einem Knochenaufbau im Oberkiefer kommt eines hinzu: starke Druckunterschiede meiden, also Tauchen und kräftiges Schnäuzen. → Implantate und Sport
Einheilung. Im Idealfall vier bis sechs Wochen, in der Praxis eher sechs bis acht. Entscheidend ist die Festigkeit des Knochens, nicht der Kiefer. Nach einem aufwendigen Aufbau können bis zu neun Monate vergehen. → Einheilzeit
Haltbarkeit. Nach zehn Jahren sind je nach Auswertung noch etwa 93 bis 96 Prozent der Implantate in Funktion, ab einem Alter von 65 Jahren eher gut 91 Prozent. In Funktion heißt allerdings nicht beschwerdefrei: Entzündungen am Implantat sind in diesem Zeitraum häufig. Eigene Zehn-Jahres-Zahlen für den Oberkiefer gibt es nicht. Wichtiger als der Kiefer sind Mundhygiene und Rauchverzicht. → Wie lange halten Implantate
Implantate im Oberkiefer: Welche Risiken sind anders?
Der Oberkiefer stellt die Implantologie vor andere Aufgaben als der Unterkiefer. Über den Seitenzähnen liegt die Kieferhöhle, hinter den Frontzähnen der Nasenboden, und der Knochen ist weicher als unten. Daraus ergeben sich Risiken, die es im Unterkiefer so nicht gibt. Dafür fehlt dem Oberkiefer das schwerwiegendste Problem des Unterkiefers: Der große Gefühlsnerv, der im Unterkiefer die gesamte Planung bestimmt, verläuft hier nicht im Implantatgebiet.
Eine verbreitete Annahme über den Oberkiefer stimmt so nicht mehr: dass bei wenig Knochen fast immer aufgebaut werden muss – bei mittlerem Knochenangebot ist ein kurzes Implantat eine ernsthafte Alternative. Was bleibt, ist die Nachbarschaft zur Kieferhöhle.
Frontzahnbereich: Risiko des ästhetischen Misserfolges
Zu hoch platziertes Frontzahnimplantat bei Knochenmangel. Hier kann man nur hoffen, dass die Oberlippe alles verdeckt.
Ein Implantat kann fest sitzen, einwandfrei eingeheilt sein und trotzdem ein Misserfolg sein — wenn man es sieht. Im Frontzahnbereich ist das kein Randproblem. Es ist das Risiko, das Patienten hinterher am meisten beschäftigt.
Sichtbar wird es an wenigen typischen Stellen. Die Krone wirkt länger als der Nachbarzahn, weil sich das Zahnfleisch zurückgezogen hat. Zwischen den Zähnen bleibt ein dunkles Dreieck, wo die Zahnfleischspitze fehlt. Oder der Implantatkörper schimmert gräulich durch dünnes Zahnfleisch hindurch.
Hoch ist das Risiko vor allem, wenn zwei Dinge zusammenkommen: eine hohe Lachlinie, bei der beim Lächeln auch das Zahnfleisch sichtbar wird, und ein girlandenförmiger Zahnfleischverlauf mit ausgeprägten Spitzen zwischen den Zähnen. Kommt Knochenmangel dazu und das Implantat muss weiter oben gesetzt werden, hilft am Ende nur eine tiefe Lippe — so wie auf dem Bild oben.
Der Unterschied zu den übrigen Risiken dieser Seite liegt in der Korrigierbarkeit. Ein Implantat, das nicht einheilt, lässt sich entfernen und der Bereich neu versorgen. Ein ästhetisch unbefriedigendes Ergebnis dagegen ist nur mit erheblichem Aufwand zu ändern, weil sich Knochen und Zahnfleisch rund um ein bereits eingeheiltes Implantat schwer wieder aufbauen lassen.
Deshalb fällt hier fast alles vor dem Eingriff: die ehrliche Beurteilung der Lachlinie, die dreidimensionale Planung der Implantatposition, die Frage nach zusätzlichem Weichgewebe — und der Zeitpunkt. Die spätere Implantation schneidet in Sicherheit und ästhetischem Ergebnis besser ab als die besonders rasche Sofortimplantation.
Ausführlich zu den vier Faktoren Lachlinie, Knochenmenge, Zahnfleischdicke und Zahnfleischverlauf: Das Frontzahnimplantat.
Wie häufig sind Komplikationen bei Implantaten im Oberkiefer?
| Komplikation | Wie häufig | Was bedeutet das |
|---|---|---|
| Einriss der Kieferhöhlenschleimhaut beim Aufbau von der Seite, während des Eingriffs erkannt | je nach Auswertung 16–31 %; mit Ultraschall 8 % statt 24 % mit rotierenden Bohrern | Ein Abbruch und ein zweiter Anlauf sind oft die sicherere Wahl: Ein größerer Riss lässt sich nur schwer wieder dicht bekommen, und ohne dichte Schleimhaut ist kaum zu verhindern, dass Knochenersatzmaterial in die Kieferhöhle gelangt. Wird trotz Riss aufgebaut, steigt die Rate an Kieferhöhlenentzündungen von 1 auf 10 % und die des Transplantatverlusts von 3 auf 11 %. |
| Großer Riss über 10 mm bei dünner Schleimhaut | 75 % Komplikationen gegenüber 25 % bei den übrigen Rissen | Die kritischste Konstellation. Hier spricht am meisten dafür, den Aufbau zu verschieben. |
| Einriss beim Aufbau durch das Implantatbett hindurch | 3–6 % | Seltener als beim seitlichen Fenster, aber ohne Sicht: Ein Teil der Risse bleibt unbemerkt. |
| Nicht erkannter Riss mit Austritt von Knochenersatzmaterial in die Kieferhöhle | keine belastbare Zahl — dazu gibt es nur Einzelfallberichte | Der problematischste Verlauf. Das Material vollständig zu entfernen ist schwierig, eine chronische Entzündung und eine Reaktion des Gewebes auf den Fremdkörper sind möglich. Häufig ist ein zusätzlicher Eingriff durch den HNO-Arzt nötig. |
| Abdeckmembran des Knochenaufbaus liegt frei | kommt vor; belastbare Häufigkeitszahlen aus randomisierten Studien fehlen | Der Aufbau gewinnt dann weniger Knochen. Kommt eine Infektion dazu, ist der gesamte Aufbau gefährdet. |
| Implantat wandert in die Kieferhöhle | Einzelfälle | Operative Entfernung nötig; bleibt bei rechtzeitigem Eingriff folgenlos. |
| Komplikationen nach Sinuslift insgesamt | rund 18 von 100 Behandelten im ersten Jahr, gegenüber rund 4 von 100 bei kurzen Implantaten ohne Aufbau | Der Aufbau selbst ist der risikoreichere Weg. Wo die Restknochenhöhe kurze Implantate zulässt, spricht das für den Verzicht auf den Aufbau. |
Reißt die Kieferhöhlenschleimhaut während des Eingriffs ein, ist der Abbruch in vielen Fällen die bessere Entscheidung — besonders bei größeren Rissen und dünner Schleimhaut. Der Knochenaufbau lässt sich nach einigen Wochen in Ruhe wiederholen; Knochenersatzmaterial, das erst einmal in der Kieferhöhle liegt, wieder vollständig zu entfernen, ist ungleich schwieriger. Die Zahlen zu Kieferhöhlenentzündung und Transplantatverlust nach einem Riss sprechen für dieses zurückhaltende Vorgehen.
Die Häufigkeitsangaben stammen aus der im Quellenverzeichnis genannten Fachliteratur. Die Einordnung in der Spalte „Was bedeutet das“ ist eine Einschätzung von implantate.com.
Woran Betroffene ein Problem zuerst bemerken
Im Patientenforum von implantate.com werden solche Verläufe seit Jahren geschildert. Woran Betroffene ein Problem zuerst bemerkt haben: weiße Körnchen im Nasensekret oder ein Sandkorngefühl beim Beißen, gelbes oder bitteres Sekret, Eiter aus der Nase, ein Mundgeruch, den Angehörige zuerst wahrnehmen, oder eine Schwellung, die nach anfänglichem Abklingen wieder zunimmt. Läuft beim Mundspülen Flüssigkeit aus der Nase, gehört das sofort in die Praxis.
Ein Punkt kehrt dabei immer wieder: Ein unauffälliges normales Röntgenbild schließt nichts aus. Klarheit bringt in diesen Fällen erst die dreidimensionale Aufnahme.
Erfahrungsberichte im Patientenforum zu den Stichworten Sinuslift und Knochenersatzmaterial.
Die Nachbarschaft zur Nasennebenhöhle
Über den Wurzeln der oberen Seitenzähne liegt die Kieferhöhle – bei manchen Menschen trennt sie vom Kieferkamm nur ein millimeterdünnes Knochenblatt. Ausgekleidet ist sie von der Schneiderschen Membran, einer dünnen Schleimhaut, die beim Aufbau angehoben werden muss.
Beim Zugang von der Seite reißt diese Membran in etwa jedem vierten bis fünften Fall ein. Der Unterschied zwischen den Instrumenten ist dabei erheblich: Mit rotierenden Bohrern liegt die Rate bei 24 Prozent, mit ultraschallbetriebenen Geräten bei 8 Prozent. Kleine Risse lassen sich mit einer Kollagenmembran decken und der Eingriff fortsetzen. Bei größeren Rissen und bei dünner Schleimhaut ist der Abbruch in vielen Fällen die sicherere Wahl: Ohne dichte Schleimhaut ist kaum zu verhindern, dass Knochenersatzmaterial in die Kieferhöhle gelangt. Der Aufbau lässt sich nach einigen Wochen in Ruhe wiederholen.
Was dabei im Einzelnen passiert und wie ein Einriss versorgt wird, steht ausführlich im Kapitel über Verletzungen der Kieferhöhle und des Nasenbodens.
Muss im Oberkiefer wirklich aufgebaut werden?
Nach dem Verlust der oberen Backenzähne dehnt sich die Kieferhöhle nach unten aus, während der Kieferkamm von oben schrumpft. Lange galt: Was fehlt, wird aufgebaut. Bei einer Restknochenhöhe von etwa vier bis neun Millimetern gilt das nicht mehr uneingeschränkt.
In diesem Bereich ließ sich im ersten Jahr nach Belastung kein Unterschied im Implantatverlust zwischen einem kurzen Implantat ohne Aufbau und einem längeren nach Sinuslift nachweisen; belastbare Aussagen über längere Zeiträume fehlen. Der Unterschied liegt woanders: An den aufgebauten Stellen treten deutlich mehr Komplikationen auf – rund 18 von 100 Behandelten im ersten Jahr gegenüber rund 4 von 100 ohne Aufbau. Dazu kommen ein zweiter Eingriff, mehrere Monate zusätzliche Behandlungszeit und höhere Kosten.
Das heißt nicht, dass der Sinuslift überholt wäre. Unter vier Millimetern Restknochen führt in der Regel kein Weg an ihm vorbei. Es lohnt sich aber, vor einem geplanten Aufbau nach der gemessenen Restknochenhöhe zu fragen – und danach, ob ein kürzeres Implantat infrage kommt.
Kurz ist nicht gleich kurz
Wie kurze Zahnimplantate aufgebaut sind und wo sie eingesetzt werden, ist an anderer Stelle beschrieben. Je kürzer das Implantat, desto mehr hängt das Ergebnis an Knochenqualität, Primärstabilität und prothetischer Gestaltung – nicht am Implantat selbst, sondern an der Technik, die es verlangt. Eine Versorgung mit Implantaten unter sechs Millimetern gehört nach unserer Einschätzung in die Hände eines Implantologen, der mit genau diesen Implantaten viel Erfahrung hat. Danach zu fragen ist völlig legitim.
Wenn ein Implantat in die Kieferhöhle wandert
Findet ein Implantat im weichen Oberkieferknochen keinen Halt, kann es in die Kieferhöhle abwandern. Das passiert selten – über 31 Jahre hinweg sind in der gesamten Fachliteratur 321 Fälle beschrieben. Betroffen ist am häufigsten der erste Backenzahn, und knapp zwei Drittel der Fälle treten in den ersten sechs Monaten auf.
Ein Implantat in der Kieferhöhle muss heraus. Bleibt es liegen, entwickeln sich Entzündungen oder eine offene Verbindung zwischen Mund und Kieferhöhle. Wird es rechtzeitig entfernt, bleibt nichts zurück.
Der Nasenboden hinter den Frontzähnen
Im oberen Frontzahnbereich ist die Nase die Nachbarin. Ist der Knochen dort niedrig, kann ein Bohrer den Nasenboden durchstoßen. Eine kleine Perforation ist meist harmlos; ragt ein Implantat deutlich hinein, muss es entfernt werden. Gefühlvolles Vorgehen und eine Längenkontrolle während des Eingriffs verringern das Risiko deutlich.
Ausführlich behandelt wird der Nasenboden gemeinsam mit der Kieferhöhle im eigenen Kapitel dazu.
Der schlechte Ruf des Oberkiefers stammt aus einer anderen Zeit
Über Jahrzehnte galt der Oberkiefer als der riskantere Kiefer. Diese Einschätzung stammt aus der Zeit glatter, maschinell bearbeiteter Implantatoberflächen. Vergleicht man in derselben Klinik glatte gegen die heute üblichen aufgerauten Oberflächen, verschwindet der Nachteil weitgehend, und in neueren Auswertungen schneidet der hintere Oberkiefer nicht mehr schlechter ab als der Unterkiefer. Der Unterschied lag nie am Kiefer allein, sondern an der Technik seiner Zeit.
Belegt ist dagegen, dass Rauchen und die Einnahme bestimmter Medikamente das Risiko eines frühen Implantatverlusts erhöhen – und das unabhängig vom Kiefer. Nach unserer Einschätzung kommt die Erfahrung des Behandlers als ebenso gewichtiger Faktor hinzu.
Welche Risiken für beide Kiefer gleichermaßen gelten, ist im Überblick Welche Risiken haben Zahnimplantate zusammengestellt.
Was gute Planung im Oberkiefer ausmacht
Vor jedem Eingriff im Oberkiefer-Seitenzahnbereich gehört die Restknochenhöhe unter der Kieferhöhle vermessen. Eine dreidimensionale Aufnahme zeigt zusätzlich Scheidewände in der Kieferhöhle, die beim Anheben der Membran die typischen Einrisse verursachen. Eine Bohrschablone überträgt die geplante Position anschließend in den Mund.
Was danach kommt – Schwellung, Wundheilung, die ersten Wochen – ist in beiden Kiefern gleich und im Kapitel über den Verlauf nach der Operation beschrieben.
Wann eine dreidimensionale Aufnahme sinnvoll ist: In unkomplizierten Fällen reicht die übliche zweidimensionale Übersichtsaufnahme. In zwei Situationen empfehlen wir eine dreidimensionale Darstellung: bei knappem Knochenangebot unter der Kieferhöhle im Oberkiefer und bei einer Implantation nahe am Nervkanal im Unterkiefer. Der Grund ist einfach: In beiden Fällen hängt das Risiko an wenigen Millimetern, und die zweidimensionale Aufnahme verzerrt und überlagert. Der übliche Sicherheitsabstand von zwei Millimetern zum Nervkanal stammt genau daher – er ist ein Zuschlag für die Ungenauigkeit des Verfahrens, nicht für die Biologie. Wer den Abstand genau kennt, kann näher und sicherer planen.
Risiken, die für beide Kiefer gelten
Alles bisher Genannte ist Oberkiefer-Anatomie: die Kieferhöhle, der Nasenboden, der weiche Knochen, das Implantat, das keinen Halt findet. Daneben steht das, was jede Implantation mitbringt – im Unterkiefer nicht anders als hier. Der Vollständigkeit halber kurz benannt:
- Wundheilungsstörung und Infektion. Schwellung, Schmerz und ein verzögerter Wundverschluss in den ersten Tagen nach dem Eingriff. Meist beherrschbar, gelegentlich der Grund, warum ein Implantat nicht einheilt. Siehe Mein Implantat schmerzt.
- Periimplantitis. Die Entzündung des Implantatlagers, oft erst Jahre nach dem Eingriff – sie betrifft rund 12,5 Prozent der Implantate und 19,5 Prozent der Patienten und kann zum Verlust des Implantats führen; verlorener Knochen wächst nicht nach. Siehe Periimplantitis und Ursachen und Risikofaktoren.
- Implantatverlust. Entweder früh, weil die Einheilung ausbleibt, oder spät unter Überlastung durch den Zahnersatz.
- Verletzung der Nachbarwurzel. Weicht die Bohrachse ab, trifft sie die Wurzel des Nachbarzahns. Über alle Untersuchungen hinweg überleben mehr als 95 von 100 der betroffenen Implantate, in einzelnen Serien deutlich weniger – ausführlich unter Wurzelschädigung durch Zahnimplantate.
- Patientenseitige Risikofaktoren. Rauchen, schlecht eingestellter Diabetes, bestimmte Medikamente. Sie wiegen in beiden Kiefern gleich schwer. Für Raucher ist die Verlustrate messbar höher – siehe Rauchen und Implantate.
Ausführlich behandelt werden diese Punkte auf der Seite Welche Risiken haben Zahnimplantate? Was im anderen Kiefer anders ist, steht unter Implantate im Unterkiefer.
IMPLANTAT-SPEZIALISTEN IN IHRER NÄHE
Häufige Fragen
Ist ein Implantat im Oberkiefer schlimmer als im Unterkiefer?
Nicht schlimmer, aber anders. Im Oberkiefer ist häufiger ein Aufbau nötig, und die Kieferhöhle liegt unmittelbar daneben. Im Unterkiefer sind die Eingriffe meist unkomplizierter, dafür liegt dort mit dem Gefühlsnerv die Struktur, deren Verletzung dauerhafte Folgen haben kann.
Muss im Oberkiefer immer Knochen aufgebaut werden?
Nein. Im Frontbereich reicht das Angebot oft aus. Im Seitenzahnbereich hängt es davon ab, wie lange die Zähne fehlen und wie weit sich die Kieferhöhle ausgedehnt hat – und ab etwa vier Millimetern Restknochen ist ein kurzes Implantat eine Alternative.
Woran merke ich, dass die Kieferhöhle betroffen ist?
Typisch sind einseitiger Druck über der Wange, Nasenlaufen auf dieser Seite sowie Luft- oder Flüssigkeitsdurchtritt beim Naseschnäuzen. Das gehört zeitnah abgeklärt.
implantate.com-Fazit
Die Risiken im Oberkiefer sehen bedrohlicher aus, als sie sind. Kieferhöhle und Nasenboden sind unmittelbare Nachbarn, aber Verletzungen dort heilen in aller Regel folgenlos aus. Die wichtigere Frage ist heute eine andere: ob der geplante Knochenaufbau überhaupt nötig ist. Ernst zu nehmen bleibt vor allem die Implantatentzündung im Langzeitverlauf – sie ist die einzige häufige Komplikation, bei der wirklich etwas zurückbleibt.
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