Lexikon
Milchzahn
Ein Milchzahn ist ein Zahn der ersten Dentition, also des zuerst durchbrechenden Gebisses des Kindes. Fachsprachlich werden Milchzähne als Dentes decidui bezeichnet, weil sie wie Laub im Lauf der Kindheit wieder ausfallen. Das vollständige Milchgebiss umfasst 20 Zähne und ist damit kleiner als das bleibende Gebiss mit 32 Zähnen. Pro Kieferhälfte (Quadrant) finden sich fünf Milchzähne: zwei Schneidezähne, ein Eckzahn und zwei Milchmolaren. Anders als das bleibende Gebiss enthält das Milchgebiss keine Prämolaren. Welcher Zahn welche Position einnimmt, lässt sich übersichtlich am Zahnschema ablesen. Milchzähne sind keine bloßen Lückenfüller bis zum bleibenden Gebiss, sondern erfüllen wichtige Aufgaben beim Kauen, beim Sprechenlernen und als Platzhalter für die nachrückenden bleibenden Zähne.
Auf einen Blick
- Das Milchgebiss besteht aus 20 Milchzähnen – je Quadrant zwei Schneidezähne, ein Eckzahn und zwei Milchmolaren; Prämolaren gibt es im Milchgebiss nicht.
- Der Durchbruch beginnt meist mit den unteren mittleren Schneidezähnen im Alter von etwa einem halben Jahr; das Milchgebiss ist in der Regel im dritten Lebensjahr vollständig.
- Der Zahnwechsel setzt um das sechste Lebensjahr ein und ist meist um das zwölfte Lebensjahr abgeschlossen.
- Milchzähne haben einen dünneren Schmelz und ein dünneres Dentin, eine relativ größere Pulpa und wirken bläulich-weißer als bleibende Zähne.
- Milchzähne sichern den Platz für die bleibenden Zähne – ihr vorzeitiger Verlust kann zu Platzmangel führen.
Das Milchgebiss: Aufbau und Zahnformel
Das vollständige Milchgebiss umfasst 20 Zähne, die sich symmetrisch auf Ober- und Unterkiefer sowie auf die rechte und linke Seite verteilen. Jede der vier Kieferhälften – jeder Quadrant – enthält genau fünf Milchzähne: von der Mitte nach hinten gezählt zwei Schneidezähne (einen mittleren und einen seitlichen), einen Eckzahn und zwei Milchmolaren. Daraus ergibt sich die Milchzahnformel 2-1-2 je Quadrant. Die beiden Milchmolaren werden später nicht durch Molaren, sondern durch die bleibenden Prämolaren ersetzt; eigene Prämolaren besitzt das Milchgebiss nicht.
Zur eindeutigen Benennung dient das internationale Zahnschema der Fédération Dentaire Internationale (FDI). Die Milchzähne werden den Quadranten 5 bis 8 zugeordnet: Quadrant 5 ist der Oberkiefer rechts, Quadrant 6 der Oberkiefer links, Quadrant 7 der Unterkiefer links und Quadrant 8 der Unterkiefer rechts. Innerhalb jedes Quadranten werden die Zähne von der Mitte nach hinten von 1 bis 5 durchnummeriert. Die erste Ziffer benennt also den Quadranten, die zweite die Position. So bezeichnet etwa 55 den zweiten Milchmolaren oben rechts und 85 den zweiten Milchmolaren unten rechts; 51 steht für den mittleren Schneidezahn oben rechts. Eine vollständige Übersicht aller Positionen und ihrer Nummerierung bietet das Zahnschema.
Milchzahn und bleibender Zahn im Vergleich
Milchzähne sind keine verkleinerten Kopien der bleibenden Zähne, sondern unterscheiden sich in mehreren anatomischen Merkmalen. Der Zahnschmelz und das darunterliegende Dentin sind dünner als bei bleibenden Zähnen, sodass die vergleichsweise große Pulpa (das Zahnmark) näher an der Oberfläche liegt. Die Krone ist kleiner und wirkt durch den dünnen, mineralärmeren Schmelz bläulich-weißer. An den Milchmolaren sind die Wurzeln dünn und weit gespreizt – sie umfassen den Keim des nachfolgenden bleibenden Zahns. Diese Unterschiede haben praktische Folgen: Weil Schmelz und Dentin dünner sind, kann Karies einen Milchzahn schneller bis zum Zahnmark durchdringen als einen bleibenden Zahn.
| Merkmal | Milchzahn | Bleibender Zahn |
|---|---|---|
| Anzahl im vollständigen Gebiss | 20 | 32 |
| Zähne je Quadrant | 5 (2 Schneidezähne, 1 Eckzahn, 2 Milchmolaren) | 8 (inkl. Prämolaren und Weisheitszahn) |
| Schmelz und Dentin | dünner | dicker |
| Farbe | bläulich-weißer | eher gelblich-weiß |
| Kronengröße | kleiner, Molaren bauchiger | größer |
| Pulpa (relativ zur Krone) | größer | kleiner |
| Wurzeln der Molaren | dünn, weit gespreizt | kräftiger, weniger gespreizt |
| Verweildauer im Mund | nur bis zum Zahnwechsel | auf Lebenszeit angelegt |
Durchbruch und Zahnwechsel
Der Durchbruch der Milchzähne – im Volksmund das Zahnen – verläuft in einer typischen Reihenfolge, auch wenn der genaue Zeitpunkt von Kind zu Kind deutlich schwanken kann. Den Anfang machen meist die unteren mittleren Schneidezähne etwa im Alter von einem halben Jahr, gefolgt von den oberen mittleren Schneidezähnen. Danach brechen die seitlichen Schneidezähne, die ersten Milchmolaren, die Eckzähne und zuletzt die zweiten Milchmolaren durch. In der Regel ist das Milchgebiss mit 20 Zähnen bis etwa zum dritten Lebensjahr vollständig. Alle Durchbruchszeiten der Milchzähne und der bleibenden Zähne zeigt die Seite Wann kommt welcher Zahn?
Der Zahnwechsel beginnt um das sechste Lebensjahr und ist meist um das zwölfte Lebensjahr abgeschlossen. Damit ein Milchzahn ausfallen kann, werden seine Wurzeln durch den nachrückenden bleibenden Zahn allmählich aufgelöst (resorbiert). Übrig bleibt am Ende nur die lockere Krone, die das Kind häufig selbst verliert. Während dieser Phase besteht für einige Zeit ein Wechselgebiss aus Milchzähnen und bleibenden Zähnen nebeneinander. Die folgende Tabelle fasst die Durchbruchs- und Ausfallzeiten der einzelnen Milchzahngruppen zusammen; die Spannen geben den üblichen Bereich an, in dem der jeweilige Zahn erscheint beziehungsweise ausfällt.
| Zahn (Gruppe) | Durchbruch (Monate) | Ausfall (Jahre) |
|---|---|---|
| Mittlere Schneidezähne (unten) | 5–8 | 6–7 |
| Mittlere Schneidezähne (oben) | 6–10 | 7–8 |
| Seitliche Schneidezähne (unten) | 7–10 | 7–8 |
| Seitliche Schneidezähne (oben) | 8–12 | 8–9 |
| Erste Milchmolaren (oben) | 11–18 | 9–11 |
| Erste Milchmolaren (unten) | 11–18 | 10–12 |
| Eckzähne (oben) | 16–20 | 11–12 |
| Eckzähne (unten) | 16–20 | 9–11 |
| Zweite Milchmolaren (oben) | 20–30 | 9–12 |
| Zweite Milchmolaren (unten) | 20–30 | 11–13 |
Funktion und Bedeutung der Milchzähne
Milchzähne werden manchmal unterschätzt, weil sie ohnehin ausfallen. Tatsächlich erfüllen sie über mehrere Jahre wichtige Aufgaben. Sie zerkleinern feste Nahrung und ermöglichen damit eine vollwertige Ernährung in einer entscheidenden Wachstumsphase. Beim Erlernen der Sprache sind sie als Anschlagpunkt für Zunge und Lippen an der Bildung vieler Laute beteiligt; fehlen vordere Milchzähne früh, kann das die Aussprache vorübergehend beeinträchtigen. Hinzu kommen das natürliche Aussehen des Kindes und die soziale Bedeutung eines unbeschwerten Lächelns.
Die vielleicht wichtigste Aufgabe ist die Platzhalterfunktion. Jeder Milchzahn hält im Kiefer den Raum frei, den später der bleibende Nachfolger einnimmt. Geht ein Milchzahn – etwa ein Milchmolar – zu früh verloren, können die Nachbarzähne in die Lücke kippen oder wandern und so den Platz für den bleibenden Zahn verengen. Nach dem Verlust eines Milchmolaren kann der größte Teil dieser Wanderung bereits in den ersten Monaten eintreten. Daraus kann ein Platzmangel resultieren, der später eine kieferorthopädische Behandlung erforderlich macht. In solchen Fällen kann ein Platzhalter die Lücke offen halten, bis der bleibende Zahn durchbricht. Dies unterstreicht, warum auch Milchzähne erhalten und gepflegt werden sollten.
Persistierende Milchzähne
Als persistierende (auch: persistente) Milchzähne bezeichnet man Milchzähne, die über das übliche Wechselalter hinaus erhalten bleiben und nicht ausfallen. Die häufigste Ursache ist das Fehlen des bleibenden Nachfolgers (Nichtanlage). Ohne nachrückenden Zahn fehlt der Reiz, der normalerweise die Wurzel des Milchzahns auflöst – der Milchzahn bleibt deshalb stehen und kann mitunter bis ins Erwachsenenalter funktionsfähig sein. Besonders häufig betroffen sind der zweite untere Milchmolar (bei Nichtanlage des zweiten Prämolaren) sowie der Bereich der seitlichen Schneidezähne im Oberkiefer.

Ein persistierender Milchzahn ist nicht automatisch ein Behandlungsfall. Ist er kariesfrei, gut im Knochen verankert und steht im Bissgefüge nicht störend, kann er über viele Jahre erhalten bleiben und so auch den Kieferknochen stützen. Ob der Zahn belassen oder entfernt wird, entscheidet sich individuell – meist im Zusammenspiel von Zahnarzt und Kieferorthopädie und auf Basis einer Röntgenaufnahme, die zeigt, ob ein Nachfolger angelegt ist. Wird der Milchzahn entfernt, muss geplant werden, ob die Lücke kieferorthopädisch geschlossen oder später mit Zahnersatz versorgt wird.
Erkrankungen der Milchzähne
Die mit Abstand häufigste Erkrankung der Milchzähne ist Karies. Weil Schmelz und Dentin dünner sind, schreitet ein kariöser Defekt am Milchzahn oft rascher voran und erreicht früher das Zahnmark. Karies an Milchzähnen ist daher kein zu vernachlässigendes Problem, sondern behandlungsbedürftig – nicht zuletzt wegen der Platzhalterfunktion der Zähne. Die Einzelheiten zu Entstehung, Verlauf und Behandlung sind in eigenen Lexikoneinträgen ausführlich dargestellt: zur Milchzahnkaries allgemein, zur besonders frühen Form der frühkindlichen Karies sowie zur durch zuckerhaltige Getränke aus der Nuckelflasche begünstigten Flaschenkaries.
Lässt sich ein Milchzahn nicht mehr erhalten – etwa bei tiefer Karies oder bei einer Entzündung, die auf den Keim des bleibenden Zahns überzugreifen droht –, kann eine Zahnextraktion notwendig werden. Wird ein Milchzahn vorzeitig gezogen, ist im Anschluss zu prüfen, ob ein Platzhalter (Lückenhalter) sinnvoll ist, um Platzmangel im bleibenden Gebiss vorzubeugen. Vorbeugend gelten für Milchzähne dieselben Grundsätze wie für bleibende Zähne: gründliches Zähneputzen, eine zahngesunde Ernährung und Fluoridierung. Die Fissurenversiegelung der Kauflächen übernimmt die Krankenkasse bei den bleibenden großen Backenzähnen, nicht bei Milchzähnen.
Literatur
Verwendete Quellen
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