Lexikon

Subgingivale Reinigung

Als subgingivale Reinigung bezeichnet man die gezielte Entfernung von bakteriellem Biofilm sowie weichen und harten Belägen unterhalb des Zahnfleischsaums – also an den Wurzeloberflächen innerhalb der Zahnfleischtasche. Fachlich entspricht sie der subgingivalen Instrumentierung, die nach der europäischen S3-Behandlungsleitlinie und der deutschen PAR-Richtlinie die zentrale Maßnahme der nichtchirurgischen Parodontitistherapie ist. Anders als die Entfernung von Zahnstein oberhalb des Zahnfleischs reicht sie bewusst in den nicht einsehbaren Bereich der Tasche hinein, wo sich hartnäckige Konkremente und krankmachende Bakterien festsetzen.

Der Begriff wird im Alltag oft mit einer „gründlichen Zahnreinigung“ verwechselt. Tatsächlich ist die subgingivale Reinigung aber keine reine Prophylaxemaßnahme, sondern ein therapeutischer Eingriff mit einem klar definierten Ziel: die entzündungsauslösenden Ablagerungen aus der Tasche zu entfernen, damit sich das entzündete Gewebe wieder anlegen und der Zahnhalteapparat stabilisieren kann.

In der Fachsprache begegnen der subgingivalen Reinigung mehrere Bezeichnungen, die im Kern dasselbe meinen: Scaling and Root Planing, geschlossene Kürettage oder Wurzelglättung. Sie alle beschreiben die instrumentelle Reinigung der Wurzeloberfläche innerhalb der Tasche, ohne dass das Zahnfleisch chirurgisch aufgeklappt wird – daher auch die Rede vom „geschlossenen“ Vorgehen. Das Ziel ist stets eine möglichst biofilm- und konkrementfreie Wurzeloberfläche, an die sich das Gewebe wieder anlegen kann.

Supragingival und subgingival: der entscheidende Unterschied

Der Zahnfleischsaum – die sichtbare Grenze zwischen Zahnkrone und Zahnfleisch – teilt die Zahn- und Wurzeloberfläche in zwei Bereiche mit völlig unterschiedlichen Anforderungen. Oberhalb dieser Linie liegt der supragingivale Bereich: Beläge sind hier sichtbar, mit dem Instrument gut erreichbar und werden im Rahmen einer professionellen Zahnreinigung entfernt. Unterhalb des Saums beginnt der subgingivale Bereich innerhalb der Zahnfleischtasche. Hier liegen die Ablagerungen verborgen, sind fest mit der Wurzel verbacken und lassen sich nur mit speziellen, feinen Instrumenten unter Sicht- oder Tastkontrolle erreichen.

Querschnitt einer Zahnfleischtasche: supragingivale Beläge an der Krone und subgingivale Konkremente an der Wurzeloberfläche
Schematischer Querschnitt: Oberhalb des Zahnfleischsaums liegen supragingivale Beläge, unterhalb – in der Zahnfleischtasche – die nur instrumentell erreichbaren subgingivalen Konkremente.

Auf einen Blick

  • Subgingivale Reinigung entfernt Biofilm und harte Beläge unterhalb des Zahnfleischsaums, an der Wurzeloberfläche in der Tasche.
  • Sie ist der Kern der nichtchirurgischen Parodontitistherapie – ein Behandlungsschritt, keine reine Prophylaxe.
  • Hand- und Ultraschallinstrumente sind nach der Studienlage vergleichbar wirksam.
  • Im Rahmen der PAR-Behandlungsstrecke ist sie für gesetzlich Versicherte eine Kassenleistung.

Warum subgingivale Beläge behandelt werden müssen

Bakterieller Biofilm, der über längere Zeit am Zahnfleischsaum verbleibt, löst eine Entzündung aus. Zunächst betrifft sie nur das Zahnfleisch selbst. Bleibt der Reiz bestehen, kann sich die Entzündung in die Tiefe ausdehnen: Es entsteht eine Parodontitis, bei der sich das Gewebe von der Wurzel löst und eine Zahnfleischtasche bildet. In dieser Tasche mineralisiert der Biofilm mit der Zeit zu festem subgingivalem Zahnstein, den Konkrementen. Ihre raue Oberfläche bietet neuen Bakterien Halt und unterhält die Entzündung – ein Kreislauf, der ohne mechanische Reinigung nicht durchbrochen wird.

Weil die Tasche für Zahnbürste und Zahnseide unerreichbar ist, lässt sich subgingivaler Biofilm nicht durch häusliche Mundhygiene beseitigen. Genau hier setzt die subgingivale Reinigung an: Sie stört den Biofilm mechanisch und glättet die Wurzeloberfläche so weit, dass sich das entzündete Gewebe wieder anlagern und die Tasche flacher werden kann. Der fortschreitende Abbau von Knochen und Fasern des Zahnhalteapparats – die eigentliche Gefahr für den Zahn – wird dadurch gestoppt oder verlangsamt.

Ablauf und Instrumente

Vor der eigentlichen Reinigung steht der Befund. Mit einer Parodontalsonde misst die Behandlerin an mehreren Stellen jedes Zahns die Sondierungstiefe und prüft, ob es beim Sondieren blutet. Erst dieser Befund zeigt, welche Zähne subgingival behandelt werden müssen. Für die Reinigung selbst stehen zwei gleichwertige Instrumentengruppen zur Verfügung:

  • Handinstrumente (Küretten, Scaler): feine, gebogene Werkzeuge, mit denen die Wurzeloberfläche unter Tastkontrolle abgetastet und gereinigt wird.
  • Schall- und Ultraschallgeräte: Eine schwingende Arbeitsspitze löst die Beläge unter gleichzeitiger Wasserkühlung – oft schneller und für tiefe Taschen gut geeignet.

Häufig werden beide Techniken kombiniert. Da die Behandlung schmerzhaft sein kann, wird sie in aller Regel unter örtlicher Betäubung durchgeführt. Ob alle Zähne in einer einzigen Sitzung („Full-Mouth“) oder nacheinander in Quadranten gereinigt werden, hat nach der aktuellen Studienlage keinen klinisch bedeutsamen Einfluss auf das Ergebnis – die Entscheidung richtet sich nach Aufwand, Ausmaß der Erkrankung und Wunsch der Patientin. Die gesamte Maßnahme ist Teil der antiinfektiösen Therapie, der zweiten Stufe der strukturierten Parodontitisbehandlung.

Supragingivale und subgingivale Reinigung im Vergleich

MerkmalSupragingivale ReinigungSubgingivale Reinigung
BereichOberhalb des Zahnfleischsaums, an der sichtbaren ZahnkroneUnterhalb des Saums, an der Wurzeloberfläche in der Zahnfleischtasche
AblagerungenSichtbarer Zahnstein, weiche BelägeSubgingivaler Biofilm und Konkremente
ErreichbarkeitGut sichtbar und direkt zugänglichVerborgen, nur unter Tast- oder Sichtkontrolle erreichbar
InstrumenteScaler, Ultraschall, Pulverstrahl, PoliturFeine Küretten, spezielle Ultraschallspitzen
ZielVorbeugung, Belagkontrolle, ÄsthetikBehandlung der Parodontitis, Stabilisierung des Zahnhalteapparats
BetäubungIn der Regel nicht nötigMeist unter örtlicher Betäubung
EinordnungProphylaxe (PZR)Therapie (PAR-Behandlung)

Nutzen und Grenzen: was die Studien zeigen

Die subgingivale Instrumentierung gilt in der Parodontologie als wirksamste nichtchirurgische Einzelmaßnahme. Systematische Übersichtsarbeiten belegen, dass sie die Sondierungstiefen verringert, das Zahnfleischbluten reduziert und einen Attachmentgewinn ermöglicht – also dazu beiträgt, dass sich das Gewebe wieder an die Wurzel anlegt. Für die Wahl des Instruments gibt die Evidenz eine klare Entlastung: Hand- und maschinelle (Schall-/Ultraschall-)Instrumente führen zu vergleichbaren Ergebnissen; keine der beiden Techniken ist der anderen grundsätzlich überlegen. Viele Patienten empfinden die Behandlung mit Schall- oder Ultraschallgeräten als angenehmer.

Grenzen bestehen ebenso. Zusätzliche Maßnahmen wie lokal in die Tasche eingebrachte Antiinfektiva bringen nach der Datenlage nur einen begrenzten Zusatznutzen und sind kein Ersatz für die mechanische Reinigung. Auch ist die subgingivale Reinigung von der routinemäßigen „Politur“ bei zahngesunden Menschen zu unterscheiden: Bei ansonsten Gesunden lässt sich für eine routinemäßige Zahnsteinentfernung und Politur nur ein geringer bis kein Nutzen für Zahnfleischgesundheit belegen. Der therapeutische Wert entsteht erst dort, wo eine behandlungsbedürftige Erkrankung mit vertieften Taschen vorliegt.

Ihre Wirksamkeit stößt außerdem an anatomische Grenzen: In sehr tiefen Taschen und an mehrwurzeligen Zähnen mit Furkationsbefall lässt sich die Wurzeloberfläche instrumentell nicht immer vollständig erreichen. In solchen Fällen kann nach der Wiederbefundung ein weiterer, mitunter chirurgischer Behandlungsschritt nötig werden. Die subgingivale Reinigung bleibt dennoch der obligate erste therapeutische Schritt – auch eine spätere Operation baut auf einer zuvor entzündungsarm gereinigten Wurzeloberfläche auf.

Bemerkenswert ist der Nutzen über den Mund hinaus: Bei Menschen mit Diabetes mellitus kann eine konsequente Parodontitistherapie den Langzeit-Blutzuckerwert (HbA1c) in moderatem Umfang senken. Das unterstreicht, dass die Behandlung der Zahnfleischtaschen mehr ist als eine lokale Reinigung.

Nachsorge in der Praxis

Nach der subgingivalen Reinigung ist die Behandlung nicht abgeschlossen. Drei bis sechs Monate nach Abschluss der antiinfektiösen Therapie wird der parodontale Befund erneut erhoben, um zu prüfen, ob die Taschen flacher geworden sind und die Blutungsneigung zurückgegangen ist; diesen Abstand gibt die PAR-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses vor. Verbleiben tiefe, weiterhin entzündete Taschen, kann eine erneute Instrumentierung oder – seltener – ein chirurgischer Eingriff nötig werden. Entscheidend für den dauerhaften Erfolg ist danach die unterstützende Parodontitistherapie: regelmäßige Kontroll- und Reinigungssitzungen in individuell festgelegten Abständen, ergänzt durch eine sorgfältige häusliche Mundhygiene. Ohne diese Nachsorge kehren die subgingivalen Beläge und mit ihnen die Entzündung zuverlässig zurück.

Kosten und Kassenleistung

Ob die subgingivale Reinigung von der gesetzlichen Krankenkasse getragen wird, hängt vom Behandlungskontext ab. Wird sie als Teil einer diagnostizierten Parodontitis im Rahmen der PAR-Behandlungsstrecke erbracht, ist sie für gesetzlich Versicherte eine Kassenleistung. Grundlage ist die PAR-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (§ 9), die seit dem 1. Juli 2021 gilt. Die subgingivale Instrumentierung wird darin als antiinfektiöse Therapie über zwei BEMA-Positionen abgerechnet – je nach Zahntyp:

BEMA-PositionLeistungBewertung
AIT aAntiinfektiöse Therapie je behandelten einwurzeligen Zahn14 Punkte
AIT bAntiinfektiöse Therapie je behandelten mehrwurzeligen Zahn26 Punkte

Voraussetzung ist ein zuvor genehmigter Parodontalbehandlungsplan. Für die gesetzlich Versicherten entstehen für diesen Schritt der PAR-Strecke keine eigenen Zuzahlungen. Wird die subgingivale Reinigung dagegen außerhalb der PAR-Strecke privat erbracht – etwa als Selbstzahlerleistung oder bei privat Versicherten –, richtet sich die Abrechnung nach der Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ). Maßgeblich ist die geschlossene parodontale Behandlung nach GOZ-Nr. 4070 und 4075:

GOZ-Nr. (Punktzahl)2,3-fach3,5-fach5,0-fach
4070 – einwurzeliger Zahn / Implantat (100 P.)12,94 €19,68 €28,12 €
4075 – mehrwurzeliger Zahn (130 P.)16,82 €25,59 €36,56 €

Die Beträge gelten je behandeltem Zahn und ergeben sich aus dem GOZ-Punktwert von 5,62421 Cent, multipliziert mit der Punktzahl und dem Steigerungsfaktor. Da bei einer Parodontitis meist zahlreiche Zähne behandelt werden, summieren sich die Kosten entsprechend. Der konkrete Faktor innerhalb der Spanne richtet sich nach Schwierigkeit und Zeitaufwand des Einzelfalls und wird auf dem Heil- und Kostenplan ausgewiesen. Der Gebührenrahmen endet beim 3,5-fachen Satz (§ 5 Abs. 1 GOZ); jede darüber hinausgehende Vergütung – auch der hier ausgewiesene 5,0-fache Satz – bedarf einer schriftlichen Vereinbarung nach § 2 GOZ.

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Literatur

Literatur und Quellenangaben
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