Lexikon
Keratinisierte Gingiva
Keratinisierte Gingiva ist der verhornte Saum des Zahnfleischs, der vom Zahnfleischrand bis zur Mukogingivalgrenze reicht. Dort geht er in die bewegliche, nicht verhornte Schleimhaut über. Bis auf den freien Rand ist dieser Saum fest mit Kieferknochen und Zahnwurzel verwachsen und heißt deshalb auch befestigte Gingiva; beide Begriffe beschreiben im Kern dasselbe Gewebe. Um Zahnimplantate trägt das entsprechende Gewebe den Namen keratinisierte Mukosa.
Aufbau und Lage
In der Mundschleimhaut unterscheidet man unter anderem verhornte Kauschleimhaut und nicht verhornte, auskleidende Schleimhaut, wie sie Lippen und Wangen innen bedeckt. Die keratinisierte Gingiva gehört zur Kauschleimhaut: Ein verhorntes Epithel liegt auf dichtem Bindegewebe mit kräftigen Kollagenfaserbündeln, die das Gewebe am Knochen und am Wurzelzement verankern. Deshalb bewegt sich der befestigte Teil nicht mit, wenn Lippe oder Wange gezogen werden.

Am Zahnhals beginnt der Saum mit dem freien Zahnfleischrand, der den Sulkus begrenzt, eine schmale Furche zwischen Zahnfleisch und Zahn. Darunter folgt der fest verwachsene Anteil. Klinisch zählt beides zusammen als keratinisierte Breite; zieht man die Tiefe des Sulkus ab, bleibt der befestigte Anteil übrig. Wo die verhornte Gingiva endet, verläuft die Mukogingivalgrenze (mukogingivale Grenzlinie) als sichtbare Linie zur verschieblichen Alveolarmukosa.
Die Breite ist nicht überall gleich: Im bleibenden Gebiss reicht der befestigte Anteil etwa von 1 bis 9 mm.
| Merkmal | Keratinisierte Gingiva | Bewegliche Alveolarmukosa |
|---|---|---|
| Gewebetyp | Kauschleimhaut | Auskleidende Schleimhaut |
| Oberfläche | Verhornt | Nicht verhornt |
| Verankerung | Bis auf den freien Rand fest an Knochen und Wurzelzement, unverschieblich | Verschieblich, folgt Lippen- und Wangenbewegungen |
| Lage | Vom Zahnfleischrand bis zur Mukogingivalgrenze | Ab der Mukogingivalgrenze in Richtung Mundvorhof |
| Bezeichnung am Implantat | Keratinisierte Mukosa | Nicht keratinisierte Mukosa |
Messung der Breite
Gemessen wird mit einer millimeterskalierten Parodontalsonde, die außen auf das Zahnfleisch gelegt wird: vom Zahnfleischrand bis zur Mukogingivalgrenze, üblicherweise in der Mitte der Zahnaußenfläche. Zusammen mit der Dicke des Zahnfleischs ergibt die Breite den gingivalen Phänotyp, also das individuelle Erscheinungsbild des Zahnfleischs.
Die Grenze selbst lässt sich auf drei Wegen bestimmen: durch reines Hinsehen, durch Bewegen von Lippe oder Wange, wobei sich nur die bewegliche Schleimhaut mitbewegt, und durch Anfärben der Schleimhaut, das die Grenze sichtbar macht. Alle drei Wege können gut übereinstimmende Werte liefern.
Bedeutung am natürlichen Zahn
Als Faustregel gelten am natürlichen Zahn etwa 2 mm keratinisierte Gingiva, davon etwa 1 mm befestigt, als wünschenswert, vor allem wenn die Plaquekontrolle nicht gelingt. Bei gründlicher Mundhygiene bleibt das Zahnfleisch meist auch bei schmalem Saum gesund und stabil. Ein Zahn mit schmalem Saum ist also nicht automatisch behandlungsbedürftig.
Gelingt die Plaquekontrolle nicht, zählt ein fehlender Saum zu den begünstigenden Faktoren für Entzündung und Zahnfleischrückgang. Dünnes Zahnfleisch erhöht das Risiko für Rückgang.
Zwei Situationen verdienen besondere Aufmerksamkeit. Liegt der Rand einer Krone oder Füllung im Sulkus, kann es sinnvoll sein, dort auf ein ausreichend breites Band Gingiva zu achten. Und vor einer kieferorthopädischen Behandlung kann bei dünnem, schmalem Zahnfleisch eine Verbreiterung sinnvoll sein, vor allem wenn ein Zahn nach außen über den Knochen hinaus bewegt werden soll.
Keratinisierte Mukosa an Implantaten
Auch ein Implantat ist von Schleimhaut umgeben. Je nach Lage kann sie verhornt sein, also aus Kauschleimhaut bestehen, oder aus nicht verhornter, auskleidender Schleimhaut. Ob rund um den Implantathals ein ausreichend breites verhorntes Band vorhanden ist, hängt mit Pflege und Gesundheit des Implantats zusammen.
Plaque, Entzündung und Knochen
Ein schmaler Saum unter etwa 2 mm geht an Implantaten mit mehr Belag, häufigeren Entzündungszeichen, stärkerem Rückgang der Schleimhaut und mehr Knochenabbau am Implantathals einher. Eine Periimplantitis findet sich an solchen Implantaten häufiger als an Implantaten mit breiterem Band. Für die periimplantäre Mukositis, die Entzündung der Schleimhaut ohne Knochenverlust, ist der Zusammenhang weniger eindeutig.
Die 2 mm sind eine Orientierungsgrenze, keine feste Vorgabe. Ein noch breiteres Band scheint die Entzündungsneigung nicht wesentlich weiter zu senken, und ein schmalerer Saum bedeutet nicht, dass das Implantat zwangsläufig erkrankt.
Beschwerden beim Putzen
Fehlt verhornte Schleimhaut oder ist sie schmal, empfinden Patienten das Putzen am Implantat offenbar häufiger als unangenehm oder schmerzhaft. Das betrifft möglicherweise besonders Implantate im Seitenzahnbereich des Unterkiefers. Weil sich an solchen Stellen zudem leichter Belag ansammelt, kann dort eine engmaschigere Nachsorge sinnvoll sein.
Messung und Kontrolle am Implantat
Am Implantat wird die Breite ebenfalls mit der Parodontalsonde gemessen, vom Schleimhautrand bis zur Mukogingivalgrenze, außen und im Unterkiefer auch innen. Da sich die Breite im Lauf der Zeit verändern kann, lässt sie sich bei den Kontrollterminen mitbeurteilen. Ein flacher Mundvorhof geht möglicherweise mit einem schmaleren Saum einher.
Wann eine Verbreiterung infrage kommt
Fehlt an einem Implantat die keratinisierte Mukosa oder ist sie schmal und bereitet das Putzen Beschwerden, kann eine Verbreiterung erwogen werden. Weitere Anlässe können eine immer wiederkehrende Entzündung der Schleimhaut, ein fortschreitender Schleimhautrückgang oder ein sehr flacher Mundvorhof sein. Eine Verbreiterung kann die Entzündungszeichen verringern und den Knochen am Implantathals stabiler halten.
Bei einem gesunden, beschwerdefreien Implantat liegt die Sache anders. Ob eine Verbreiterung dort späteren Erkrankungen vorbeugt, ist bislang nicht gezielt untersucht. Ob und wann operiert wird, entscheidet die Zahnärztin oder der Zahnarzt nach Befund, Beschwerden und Pflegesituation am einzelnen Implantat.
Kurzfassungen wissenschaftlicher Arbeiten zum Thema finden sich in den Wissens-Abstracts zum Weichgewebsmanagement, darunter eine Übersicht zur Frage, ob keratinisierte Mukosa für gesundes Weichgewebe am Implantat notwendig ist, und ein Expertenkonsens zur Planung der Verbreiterung.
Verbreiterung
Fehlt am natürlichen Zahn keratinisierte Gingiva, ohne dass Entzündung oder Rückgang bestehen, kann es genügen, die Stelle zu beobachten. Ein Eingriff kommt eher infrage, wenn das Risiko für Rückgang und Schäden an der Wurzel steigt oder eine der oben genannten Situationen vorliegt. Am Implantat gelten die im vorigen Abschnitt beschriebenen Anlässe.
Für die Verbreiterung gilt das freie Schleimhauttransplantat als Standardverfahren. Dabei wird ein Stück verhornter Schleimhaut vom Gaumen entnommen und an die gewünschte Stelle übertragen. Am Implantat wird es üblicherweise mit einem apikalen Verschiebelappen kombiniert: Ähnlich wie bei einer Vestibulumplastik wird die bewegliche Schleimhaut vom Kieferkamm weg verlagert, hier, um Platz für das Transplantat zu schaffen. Das Transplantat schrumpft beim Einheilen deutlich; das lässt sich bei der Größe des Transplantats berücksichtigen.
Ein Bindegewebstransplantat stammt ebenfalls vom Gaumen, wird aber unter die vorhandene Schleimhaut gelegt. Es macht das Gewebe vor allem dicker; zur Verbreiterung des verhornten Saums trägt es nach heutigem Wissen weniger bei als das freie Schleimhauttransplantat. Als Ersatz für Eigengewebe stehen Kollagenmatrizes tierischen Ursprungs zur Verfügung, etwa Mucograft. Sie ersparen die Entnahmewunde am Gaumen, können weniger Schmerzen verursachen und den Eingriff verkürzen. Der Gewinn an Breite fällt mit Eigengewebe meist etwas größer aus. Fehlt an einem Implantat verhornte Schleimhaut vollständig, kann vor allem Eigengewebe infrage kommen; Kollagenmatrizes können infrage kommen, wenn nur wenig Breite gewonnen werden muss oder der Gaumen als Entnahmestelle nicht ausreicht. Wie die einzelnen Verfahren im direkten Vergleich abschneiden, fasst ein Abstract zu Eigengewebe und Kollagenmatrizes zusammen.
| Verfahren | Herkunft des Gewebes | Wirkung auf die keratinisierte Breite | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| Freies Schleimhauttransplantat | Gaumen des Patienten | Verbreitert am zuverlässigsten | Zweite Wunde am Gaumen; schrumpft beim Einheilen deutlich |
| Bindegewebstransplantat | Gaumen des Patienten | Weniger als das freie Schleimhauttransplantat; macht das Gewebe vor allem dicker | Zweite Wunde am Gaumen; wird unter die Schleimhaut gelegt |
| Kollagenmatrix | Tierisches Kollagen | Verbreitert, meist etwas weniger als Eigengewebe | Keine Entnahmestelle, möglicherweise weniger Schmerzen und kürzerer Eingriff |
| Apikaler Verschiebelappen | Kein zusätzliches Gewebe | Allein weniger als zusammen mit einem freien Schleimhauttransplantat | Vertieft zugleich den Mundvorhof |
Kosten und Kassenleistung
Ob die gesetzliche Krankenkasse eine Behandlung übernimmt, hängt vom Befund ab. Das klärt die Praxis vor Beginn.
IMPLANTAT-SPEZIALISTEN IN IHRER NÄHE
Literatur
Literatur und Quellenangaben
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