Lexikon
Gingiva (Zahnfleisch, Gum Tissue)
Die Gingiva – im Alltag als Zahnfleisch bekannt – ist der Teil der Mundschleimhaut, der den Alveolarkamm und die Zahnhälse umgibt. Sie bildet eine biologische Barriere gegen Bakterien, schützt den darunterliegenden Kieferknochen und den Zahnhalteapparat vor mechanischen Einflüssen. Rund 52 % der Erwachsenen in Deutschland zeigen Zeichen einer Zahnfleischentzündung (Gingivitis) — das macht die Gingiva zu einem der klinisch relevantesten Gewebe in der Zahnmedizin.
Aufbau der Gingiva
Anatomisch lässt sich die Gingiva in drei funktionelle Zonen gliedern:
| Zone | Lage | Funktion | Klinische Bedeutung |
|---|---|---|---|
| Freie (marginale) Gingiva | Umschließt den Zahnhals kragenförmig | Bildet den Sulkus (gesunde Tiefe: 0,5–2 mm) | Sulkustiefe > 3 mm = Hinweis auf Parodontitis |
| Befestigte (attached) Gingiva | Fest mit dem Periost verwachsen, keratinisiert | Widersteht Kaudruck und mechanischer Belastung | Breite < 2 mm = erhöhtes Rezessionsrisiko |
| Interdentale Gingiva (Papille) | Füllt den Raum zwischen zwei Zähnen | Schützt den Interdentalknochen | Papillenverlust = ästhetisches und funktionelles Problem |
Am Übergang zur beweglichen Mundschleimhaut liegt die mukogingivale Grenzlinie (Linea mucogingvialis). Klinisch relevant: Reicht die befestigte Gingiva nicht aus, steigt das Risiko für Zahnfleischrückgang.
IMPLANTAT-SPEZIALISTEN IN IHRER NÄHE
Gingivaler Biotyp — dünn vs. dick
Die Dicke der Gingiva ist nicht bei jedem Menschen gleich. Man unterscheidet zwei Biotypen, die für Behandlungsplanung und Prognose entscheidend sind:
| Merkmal | Dünner Biotyp | Dicker Biotyp |
|---|---|---|
| Gewebedicke | < 1 mm | ≥ 1,5 mm |
| Knochenform | Schmal, oft fenestriert | Breit, kompakt |
| Rezessionsrisiko | Hoch | Niedrig |
| Reaktion auf Entzündung | Rückgang (Rezession) | Schwellung (Taschenbildung) |
| Implantatprognose | Höheres ästhetisches Risiko | Stabileres Weichgewebe |
| Häufigkeit | ein erheblicher Teil der Bevölkerung | ein Großteil der Bevölkerung |
Patienten mit dünnem Biotyp brauchen bei Zahnimplantaten häufiger einen Weichgewebsaufbau, um ein stabiles Emergenzprofil zu erreichen.
Häufigkeit von Gingiva-Erkrankungen
Erkrankungen der Gingiva gehören zu den häufigsten Befunden in der zahnärztlichen Praxis:
| Erkrankung | Prävalenz in Deutschland | Altersgruppe |
|---|---|---|
| Gingivitis (Zahnfleischentzündung) | ca. 52 % der Erwachsenen | Alle Altersgruppen |
| Parodontitis (mittelschwer bis schwer) | ca. 43 % der 35–44-Jährigen | Ab 30 Jahre zunehmend |
| Gingivale Rezession | ca. 50 % der über 50-Jährigen | Ansteigend mit Alter |
| Gingivahyperplasie | < 5 % (meist medikamenteninduziert) | Variabel |
Die Fünfte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS V) zeigt, dass nahezu jeder Zweite in irgendeiner Form von einer gingivalen oder parodontalen Erkrankung betroffen ist.
Gingiva und Zahnimplantate
Bei Zahnimplantaten übernimmt die keratinisierte Mukosa die Schutzfunktion der befestigten Gingiva. Die klinische Forschung zeigt eindeutig:
- Eine Breite von mindestens 2 mm keratinisierter Mukosa um Implantate ist empfohlen (DGI/SEPA/Osteology-Konsensus 2022)
- Bei weniger als 2 mm steigt das Risiko für Plaqueakkumulation, Weichgewebsentzündung und Periimplantitis signifikant
- Ein 10-Jahres-Follow-up (Mancini et al. 2024) bestätigt: Implantate mit ausreichender keratinisierter Mukosa zeigen weniger Knochenabbau und geringere Entzündungsraten
- Bei unzureichender Breite ist ein Weichgewebsaufbau sinnvoll — entweder mit einem autologen Bindegewebstransplantat oder einer xenogenen Kollagenmatrix
Gesunde vs. erkrankte Gingiva erkennen
| Merkmal | Gesunde Gingiva | Erkrankte Gingiva |
|---|---|---|
| Farbe | Blassrosa (bei dunkler Haut: physiologische Pigmentierung) | Dunkelrot bis bläulich-livide |
| Oberfläche | Feine Stippelung (Orangenhautstruktur) | Glatt, glänzend, geschwollen |
| Blutung | Keine Blutung bei Sondierung | Blutung auf Sondierung (BOP) |
| Sulkustiefe | 0,5–2 mm | > 3 mm (Taschenbildung) |
| Papillen | Füllen Zahnzwischenraum vollständig aus | Abgeflacht, zurückgewichen |
| Konsistenz | Straff, fest anliegend | Weich, teigig, leicht eindrückbar |
Behandlung bei Gingiva-Erkrankungen
Schritt 1 — Professionelle Zahnreinigung (PZR)
Die Basistherapie: Entfernung von Plaque, Zahnstein und Biofilm oberhalb des Zahnfleischrands. Bei reiner Gingivitis oft bereits ausreichend.
Schritt 2 — Systematische Parodontitistherapie
Bei Sondierungstiefen > 3 mm und Knochenabbau: Subgingivales Debridement (geschlossene Kürettage) unter lokaler Betäubung, seit 2021 als Kassenleistung nach PAR-Richtlinie strukturiert.
Schritt 3 — Chirurgische Maßnahmen
Bei fortgeschrittenen Defekten oder Rezessionen:
- Gingivektomie/Gingivoplastik (GOZ 4080): Entfernung überschüssiger Gingiva oder Formkorrektur
- Rezessionsdeckung: Verschiebelappen, Tunneltechnik oder Bindegewebstransplantat
- Keratinisierte-Mukosa-Augmentation: Freies Gingivatransplantat (FGG) — Goldstandard bei Implantaten
Schritt 4 — Unterstützende Parodontitistherapie (UPT)
Strukturierte Nachsorge alle 3–6 Monate, seit 2021 ebenfalls Kassenleistung für 2 Jahre nach Abschluss der aktiven Therapie.
Selbsthilfe — das können Sie selbst tun
- Putztechnik: Modifizierte Bass-Technik mit weicher Zahnbürste (Anstellwinkel 45° zum Zahnfleischsaum)
- Interdentalpflege: Tägliche Reinigung mit Interdentalbürsten (effektiver als Zahnseide bei Erwachsenen)
- Mundspülung: Chlorhexidin 0,1–0,2 % kurzfristig bei akuter Entzündung, langfristig nicht empfohlen
- Zahnpasta: Fluoridhaltig (1.450 ppm), bei empfindlicher Gingiva ohne aggressive Abrasivpartikel
- Ernährung: Vitamin-C-reiche Kost (Kollagensynthese im Bindegewebe), wenig Zucker
- Rauchen aufgeben: Raucher haben ein 2–6-fach erhöhtes Parodontitisrisiko und eine schlechtere Wundheilung
Vorbeugung — was der Zahnarzt tun kann
- PSI-Screening: Parodontaler Screening-Index bei jeder Kontrolluntersuchung (Kassenleistung, alle 2 Jahre)
- PZR: Professionelle Zahnreinigung 2× jährlich (Eigenleistung: 80–150 €)
- Frühintervention: Bei Sondierungstiefen von 3–4 mm gezieltes Scaling einzelner Taschen
- Biotyp-Analyse: Vor Implantation den gingivalen Biotyp bewerten und ggf. präventive Augmentation planen
- Medikamentenanamnese: Cyclosporin, Nifedipin und Phenytoin können Gingivahyperplasie auslösen — Rücksprache mit Hausarzt
Kosten und Kassenleistung
| Leistung | Kassenleistung (GKV) | Eigenanteil |
|---|---|---|
| PSI-Screening | Ja, alle 2 Jahre | 0 € |
| Systematische PAR-Therapie | Ja, nach PAR-Richtlinie 2021 | 0 € (Antrag nötig) |
| UPT-Nachsorge (2 Jahre) | Ja, nach PAR-Richtlinie | 0 € |
| PZR (Prophylaxe) | Nein (Zuschuss je nach Kasse) | 80–150 € |
| Gingivektomie/Gingivoplastik | Nein (GOZ 4080) | 150–400 € pro Kieferhälfte |
| Rezessionsdeckung | Nein (Privatleistung) | 400–1.500 € pro Zahn |
| Keratinisierte-Mukosa-Aufbau | Nein (Privatleistung) | 300–800 € pro Region |
Seit der PAR-Richtlinie 2021 übernimmt die GKV die systematische Parodontitistherapie einschließlich zwei Jahren Nachsorge — ein deutlicher Fortschritt gegenüber der früheren Regelung. Die Rezessionsdeckung und kosmetische Gingivaformung bleiben dagegen reine Privatleistungen.
Wann zum Zahnarzt?
Suchen Sie zeitnah Ihren Zahnarzt auf, wenn:
- Zahnfleischbluten regelmäßig auftritt (nicht nur nach intensivem Putzen)
- Das Zahnfleisch dauerhaft geschwollen, dunkelrot oder bläulich ist
- Zahnhälse sichtbar frei liegen oder Zähne „länger“ wirken
- Mundgeruch trotz guter Mundhygiene bestehen bleibt
- Zähne sich lockerer anfühlen als gewohnt
- Eine schmerzhafte Schwellung oder ein Abszess am Zahnfleisch entsteht
Literatur
Literatur und Quellenangaben
Caffesse RG, Nasjleti CE, Castelli WA. The role of sulcular environment in controlling epithelial keratinization. J Periodontol. 1979;50(1):1–6. DOI: 10.1902/jop.1979.50.1.1
Sanz M, Al-Asfour A et al. Importance of keratinized mucosa around dental implants: Consensus report of group 1 of the DGI/SEPA/Osteology Workshop. Clin Oral Implants Res. 2022;33(Suppl 23):3–8. DOI: 10.1111/clr.13956
Lin G-H, Chan H-L, Wang H-L. The significance of keratinized mucosa on implant health: a systematic review. J Periodontol. 2013;84(12):1755–1767. DOI: 10.1902/jop.2013.120688
Zucchelli G, Mounssif I. Periodontal plastic surgery. Periodontol 2000. 2015;68(1):333–368. DOI: 10.1111/prd.12059
Mancini L et al. Impact of keratinized mucosa on implant-health related parameters: A 10-year prospective re-analysis study. Clin Implant Dent Relat Res. 2024;26(2):284–293. DOI: 10.1111/cid.13314
Jordan AR, Until W. Fünfte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS V). Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ), 2016. Deutscher Ärzteverlag, Köln.
Abraham, S., Deepak, K.T., Ambili, R., Preeja, C., Archana, V. Gingival biotype and its clinical significance – A review. Saudi J Dent Res. 2014;5(1):3–7.
doi: 10.1016/j.ksujds.2013.06.003
The Expert Consensus Panel. Expert consensus on peri-implant keratinized mucosa augmentation at second-stage surgery. Int J Oral Sci. 2025;17:14. DOI: 10.1038/s41368-025-00379-3
Aktualisiert am:
Verantwortlicher Autor
