Lexikon

Pulpanekrose und avitaler Zahn

Eine Pulpanekrose ist das Absterben des Zahnmarks (Pulpa). Der betroffene Zahn heißt avitaler oder devitaler Zahn (auch Pulpa avitalis), umgangssprachlich toter Zahn. In der nekrotischen Pulpa sind die Blutgefäße und Nerven zugrunde gegangen, sodass der Zahn nicht mehr durchblutet wird und auf Reize wie Kälte nicht mehr reagiert. Der Zahn selbst bleibt im Kiefer fest verankert und kann jahrelang unauffällig bleiben. Deshalb wird eine Pulpanekrose oft erst spät bemerkt, etwa durch eine zunehmende graue Verfärbung oder als Zufallsbefund beim Vitalitätstest. Woran man einen toten Zahn erkennt, ob er raus muss und wie er behandelt wird, beschreibt die Seite Toter Zahn: Symptome, Behandlung und Risiken.

Apikale Ostitis, toter Zahn

Entzündung an der Wurzelspitze mit Knochenauflösung: mögliche Folge eines abgestorbenen Zahns

Definition und Einordnung

Das Innere jedes Zahnes wird von der Zahnpulpa ausgefüllt – einem weichen Gewebe aus Blutgefäßen, Nerven und Bindegewebe, das den Zahn mit Nährstoffen versorgt und auf Reize reagiert. Stirbt dieses Gewebe ab, liegt eine Pulpanekrose vor. Der Zahn ist dann avital oder devital, umgangssprachlich tot. Die Pulpanekrose ist nicht umkehrbar: Abgestorbenes Pulpagewebe regeneriert sich nicht von selbst.

„Devital“ bedeutet nicht automatisch „krank“. Ein Zahn kann auf zwei sehr unterschiedliche Weisen nervtot sein. Im einen Fall wurde das Zahnmark im Rahmen einer Wurzelkanalbehandlung gezielt entfernt, der Kanal gereinigt und gefüllt – der Zahn ist gewollt devital, aber saniert und funktionsfähig. Im anderen Fall ist die Pulpa unbehandelt abgestorben und das Wurzelkanalsystem oft bakteriell besiedelt – ein krankhafter, behandlungsbedürftiger Zustand.

Vitaler und avitaler Zahn im Vergleich

MerkmalVitaler ZahnAvitaler Zahn (Pulpanekrose)Bedeutung
Pulpadurchblutet, lebendes Gewebeabgestorben (nekrotisch)kein Stoffwechsel mehr im Zahninneren
Reaktion auf Kältekurzes, klares Empfindenkeine ReaktionGrundlage des Vitalitätstests
Farbenatürlich, transluzentoft grau bis dunkelVerfärbung als Warnsignal
Beschwerdenkeinehäufig zunächst keine, später möglichtote Zähne bleiben oft lange stumm
Verbindung zum Kieferüber vitalen ZahnhalteapparatZahn bleibt zunächst festein toter Zahn fällt nicht von selbst aus
Schematischer Vergleich eines vitalen Backenzahns mit durchbluteter Pulpa in Pulpakammer und beiden Wurzelkanälen und eines toten Zahns mit abgestorbener Pulpa und apikaler Ostitis an der Wurzelspitze
Vitaler versus toter Zahn: links die durchblutete, auf Kälte reagierende Pulpa, rechts die abgestorbene Pulpa ohne Kältereaktion.

Devital nach Wurzelbehandlung oder unbehandelt nekrotisch

Beide Zustände werden umgangssprachlich als „toter Zahn“ bezeichnet, sind medizinisch aber grundverschieden. Die folgende Tabelle stellt die beiden Situationen gegenüber.

AspektDevital nach WurzelbehandlungUnbehandelt nekrotischKonsequenz
Zustand des Kanalsgereinigt, desinfiziert, gefülltnekrotisches Gewebe, oft bakteriell besiedeltInfektionsrisiko nur im unbehandelten Fall
Beurteilunggewollter, kontrollierter Zustandkrankhafter Zustanddevital nach Wurzelbehandlung ist ein Therapieziel
Funktionkaufähig, meist mit Krone geschütztfunktionsfähig, aber gefährdetErhalt vs. Behandlungsbedarf
Risikogering bei dichter Wurzelfüllungapikale Entzündung, Abszess, Zyste möglichunbehandelt drohen Komplikationen
Vitalitätstestnegativ (erwartet)negativ (krankhaft)Testergebnis allein reicht nicht zur Bewertung

Ein negativer Vitalitätstest sagt nur aus, dass die Pulpa nicht mehr lebt – nicht, ob der Zustand gut oder schlecht ist. Bei einem wurzelbehandelten Zahn ist das Ergebnis erwartet und unproblematisch. Bei einem ansonsten unbehandelten Zahn ist es ein Hinweis auf eine behandlungsbedürftige Pulpanekrose.

Ursachen einer Pulpanekrose

Die Pulpa ist gut geschützt durch Zahnschmelz und Dentin, kann aber über verschiedene Wege geschädigt werden. Zu den wichtigsten Ursachen zählen:

  • Tiefe Karies: Bakterien dringen über Schmelz und Dentin bis zur Pulpa vor und lösen eine Entzündung aus, die in eine Nekrose übergehen kann. Dies ist der häufigste Weg.
  • Zahntrauma: Ein Schlag oder Sturz – typischerweise auf die Frontzähne – kann die feinen Blutgefäße an der Wurzelspitze abreißen. Die Pulpa kann dann absterben, teils erst Jahre nach dem Unfall.
  • Wiederholte Behandlungen: Mehrfache Präparationen, große Füllungen oder das Beschleifen für eine Krone können die Pulpa kumulativ belasten und ihre Vitalität gefährden.
  • Risse und Frakturen: Über feine Sprünge im Zahn können Bakterien in das Zahninnere eindringen.

Je nachdem, ob Bakterien beteiligt sind, unterscheidet man eine infizierte von einer zunächst sterilen (etwa traumabedingten) Nekrose. Auch eine sterile Nekrose kann sich später sekundär infizieren.

Pathophysiologie

Die Pulpa reagiert auf Reize zunächst mit einer Entzündung – einer Pulpitis. Solange diese reversibel ist, kann sich das Gewebe nach Beseitigung der Ursache erholen. Hält der Reiz an, geht die Entzündung in eine irreversible Pulpitis über: Das Gewebe kann sich nicht mehr regenerieren. Eine Besonderheit der Pulpa ist, dass sie in einem starren Hohlraum eingeschlossen ist und nur über die enge Wurzelspitze versorgt wird. Schwillt das entzündete Gewebe an, steigt der Druck im Inneren, die Durchblutung bricht zusammen, und das Gewebe stirbt ab. Es entsteht die Pulpanekrose.

Ein häufiges Missverständnis ist, dass ein toter Zahn von selbst „abfällt“. Das ist nicht der Fall: Die Verankerung des Zahnes im Kiefer erfolgt über den Zahnhalteapparat und ist von der Vitalität der Pulpa unabhängig. Ein toter Zahn bleibt deshalb fest sitzen, während das nekrotische, oft keimbesiedelte Wurzelkanalsystem als stille Infektionsquelle bestehen bleiben kann. Da die körpereigene Abwehr das Kanalinnere nicht erreicht, heilt eine infizierte Nekrose nicht von allein aus; sie kann nur zahnärztlich behandelt werden.

Symptome

Weil die schmerzleitenden Nerven der Pulpa abgestorben sind, verursacht ein toter Zahn häufig zunächst keine Beschwerden. Lassen starke Zahnschmerzen plötzlich nach, kann das auch bedeuten, dass das Zahnmark abgestorben ist. Auf folgende Anzeichen sollte man achten:

  • Zahnverfärbung: das häufigste sichtbare Zeichen. Der Zahn wird grau, bräunlich oder dunkel.
  • Fehlende Kältereaktion: der Zahn reagiert nicht mehr auf kalte Speisen oder Getränke.
  • Schmerzen bei Komplikationen: Aufbiss- oder Druckschmerz, Pochen oder Schwellung treten meist erst auf, wenn sich die Entzündung über die Wurzelspitze ausbreitet.

Verfärbung

Die typische graue bis dunkle Verfärbung entsteht von innen heraus. Nach einem Trauma kann es zu einer Einblutung in die Pulpakammer kommen; Blutbestandteile dringen in die Dentinkanälchen ein, werden abgebaut und führen zu einer dunklen Einlagerung. Eine kurz nach einem Unfall auftretende gräuliche Verfärbung spiegelt häufig eine solche Einblutung wider. Auch Zerfallsprodukte des absterbenden Pulpagewebes können das Dentin verfärben. Diese intrinsische Verfärbung lässt sich nicht wegputzen und ist deshalb ein wichtiger optischer Hinweis auf einen devitalen Zahn. Bei Milchzähnen kann eine Verfärbung nach einem Sturz über Wochen oder Monate auch wieder verblassen; mehr dazu unter Zahnunfall beim Kind.

Diagnostik: der Vitalitätstest und mehr

Den Verdacht auf einen toten Zahn klärt die Zahnärztin oder der Zahnarzt mit mehreren Verfahren ab. Kein Einzeltest ist für sich allein beweisend; erst die Zusammenschau ergibt die Diagnose.

  • Sensibilitäts-/Vitalitätstest: Beim Kältetest wird ein Kältereiz an den Zahn gebracht. Bleibt eine Reaktion aus, spricht das für eine nekrotische Pulpa. Beim elektrischen Test (elektrischer Pulpatest) wird ein schwacher Reizstrom angelegt. Genau genommen prüfen diese Tests die Sensibilität (Nervenreaktion), nicht direkt die Durchblutung – deshalb der Fachbegriff Sensibilitätstest.
  • Röntgenaufnahme: zeigt Veränderungen an der Wurzelspitze, etwa eine Aufhellung als Zeichen einer Entzündung des umgebenden Knochens.
  • Aufbiss- und Klopfprobe (Perkussion): ein druck- oder klopfempfindlicher Zahn weist auf eine Beteiligung des umliegenden Gewebes hin.
  • Vergleich mit Nachbarzähnen: die Tests werden immer im Seitenvergleich beurteilt.

Der Kältetest ist das gebräuchlichste Sensibilitätsverfahren. Er erkennt knapp neun von zehn abgestorbenen Zähnen, ist aber nicht unfehlbar. Der elektrische Test erkennt vitale Zähne sehr zuverlässig, ist beim sicheren Nachweis einer Nekrose aber etwas schwächer. In Summe sind beide Verfahren genauer, wenn sie kombiniert und im Seitenvergleich angewendet werden. Bei jungen oder traumatisierten Zähnen ist Vorsicht geboten, weil die Nervenreaktion vorübergehend ausbleiben kann, ohne dass die Pulpa endgültig tot ist – hier entscheidet erst die Verlaufskontrolle. Bleibt der Befund trotz aller Tests unklar, kommt als letztes Mittel eine Probetrepanation in Betracht: Der Zahn wird ohne Betäubung vorsichtig angebohrt; reagiert er schmerzhaft, spricht das dafür, dass das Zahnmark noch lebt. Weil der Eingriff nicht rückgängig zu machen ist und kaum mehr Aufschluss gibt als Kälte- und elektrischer Test, wird er nur ausnahmsweise eingesetzt.

Behandlung

Eine Pulpanekrose heilt nicht von selbst aus. Lässt sich der Zahn erhalten, wird er mit einer Wurzelkanalbehandlung behandelt: Das abgestorbene Gewebe wird entfernt, das Kanalsystem gereinigt, desinfiziert und dicht gefüllt, danach wird der Zahn stabil verschlossen. Ist er nicht erhaltungsfähig, etwa bei einem Längsbruch der Wurzel oder zu wenig Zahnsubstanz, wird er entfernt (Zahnextraktion).

Wie die Behandlung abläuft, beschreibt Die Behandlung Schritt für Schritt; wann ein Zahn nicht mehr zu halten ist, Wann muss ein Zahn raus?. Eine bleibende Verfärbung lässt sich nach abgeschlossener Wurzelfüllung von innen aufhellen (Einzelzahn-Bleaching); alternativ kommen eine Verblendschale oder eine Krone infrage.

Mögliche Komplikationen

Bleibt eine infizierte Pulpanekrose unbehandelt, kann sich die Entzündung über die Wurzelspitze in den Kieferknochen ausbreiten. Mögliche Folgen sind:

  • Apikale Parodontitis: Entzündung des Gewebes rund um die Wurzelspitze, oft als Aufhellung im Röntgenbild sichtbar.
  • Zahnabszess: eine Eiteransammlung, die zu Schwellung und Schmerzen führt – siehe Zahnabszess.
  • Zahnfistel: ein Eitergang, über den sich der Druck nach außen entlädt – siehe Zahnfistel.
  • Zyste: eine mit Flüssigkeit gefüllte Hohlraumbildung an der Wurzelspitze, die über längere Zeit entstehen kann.
  • Resorption: insbesondere nach Trauma kann es zu einer Wurzelresorption kommen.

Schwere odontogene Infektionen, die sich in benachbarte Gewebsräume ausbreiten, sind selten, aber ernst zu nehmen. Bei zunehmender Schwellung, Fieber oder allgemeinem Krankheitsgefühl ist sofort zahnärztliche Hilfe nötig.

Vorbeugung

Da die häufigste Ursache eine tiefe Karies ist, schützt eine gute Mundhygiene mit konsequenter Kariesprophylaxe vor einem toten Zahn. Regelmäßige Kontrolltermine helfen, beginnende Karies und Risse früh zu erkennen, bevor die Pulpa Schaden nimmt. Beim Sport mit Kontaktrisiko beugt ein Mundschutz Frontzahntraumata vor. Nach einem Zahnunfall ist eine zahnärztliche Abklärung mit Verlaufskontrollen wichtig, weil sich eine traumabedingte Nekrose erst verzögert zeigen kann.

Herd und ganzheitliche Sicht

Ob ein toter Zahn zum Herd werden kann, der eine Entzündung an anderer Stelle im Körper anstößt, ordnet die Seite Toter Zahn ein, vertieft unter Herdsanierung. In der ganzheitlichen Zahnmedizin gelten tote Zähne als mögliche Störfelder; was hinter dem Ansatz steht, beschreibt Ganzheitliche Zahnmedizin. Wie eine Entzündung toter Zähne im Röntgenbild aussieht, zeigt Wurzelentzündungen, apikale Zysten und tote Zähne.

Was eine Wurzelbehandlung kostet und was die Krankenkasse davon trägt, steht unter Kosten der Wurzelbehandlung.

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Literatur

Literatur und Quellenangaben
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