Lexikon

Zahnextraktion (Zahn ziehen)

Die Zahnextraktion ist das kontrollierte Entfernen eines Zahns aus seiner Alveole (Zahnfach) im Kieferknochen. Sie gehört zu den häufigsten Eingriffen in der zahnärztlichen Praxis und wird durchgeführt, wenn ein Zahn nicht mehr erhaltungswürdig ist – etwa wegen fortgeschrittener Karies, einer Wurzelfraktur, schwerer Parodontitis mit hochgradigem Knochenabbau oder als Vorbereitung einer kieferorthopädischen Behandlung. In vielen Fällen schließt sich der Zahnextraktion eine prothetische Versorgung an – zum Beispiel durch ein Zahnimplantat, eine Brücke oder eine herausnehmbare Prothese.

Infografik: Ablauf einer Zahnextraktion in 5 Schritten – von der Diagnostik bis zur Nachsorge
Ablauf einer Zahnextraktion: Diagnostik, Anästhesie, Lockerung, Extraktion, Nachsorge – optional Socket Preservation.

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Wann muss ein Zahn gezogen werden?

Nicht jeder beschädigte Zahn muss entfernt werden. Die Extraktion ist die letzte Option, wenn alle konservativen und endodontischen Maßnahmen ausgeschöpft sind. Typische Indikationen sind:

IndikationErläuterung
Fortgeschrittene KariesZahnsubstanz nicht mehr restaurierbar, Karies bis zur Wurzel
Parodontitis (Grad III–IV Lockerung)Knochen um den Zahn weitgehend abgebaut, Zahn hochgradig locker
WurzelfrakturLängsfraktur der Wurzel – nicht reparierbar
Apikale EntzündungWiederkehrende Wurzelspitzenentzündung trotz Revision
Retinierter WeisheitszahnVerlagert, verursacht Druck auf Nachbarzähne oder wiederkehrende Infektionen
Kieferorthopädische IndikationPlatzmangel im Kiefer, Extraktion zur Lückengewinnung
Vor ImplantatinsertionNicht erhaltungswürdiger Zahn wird extrahiert, ggf. Sofortimplantation

Ablauf einer Zahnextraktion

  1. Diagnostik: Klinische Untersuchung und Röntgenbild (Einzelzahnfilm oder OPG). Bei komplexen Fällen zusätzlich DVT (Digitale Volumentomographie).
  2. Lokalanästhesie: Leitungs- oder Infiltrationsanästhesie. Bei Zahnarztangst oder umfangreichen Eingriffen kann eine Sedierung erwogen werden; eine Vollnarkose ist bei Zahnarztangst nach der S3-Leitlinie nur in begrenzten Ausnahmefällen angezeigt.
  3. Mobilisation: Der Zahnarzt löst den Zahn zunächst mit einem Hebel (Bein-Hebel) aus dem Parodontalspalt und lockert ihn durch kontrollierte Rotations- und Kippbewegungen.
  4. Extraktion: Mit einer Extraktionszange wird der gelockerte Zahn aus der Alveole gezogen. Bei Mehrwurzelzähnen kann eine vorherige Trennung der Wurzeln (Separation) nötig sein.
  5. Wundkontrolle: Die Alveole wird inspiziert, Granulationsgewebe entfernt, scharfe Knochenkanten geglättet. Bei Bedarf wird eine Socket Preservation durchgeführt.
  6. Wundverschluss: Kompression mit Tupfer, ggf. Naht. Der Patient beißt 20–30 Minuten auf den Tupfer.

Einfache vs. chirurgische Extraktion (Osteotomie)

MerkmalEinfache ExtraktionChirurgische Extraktion
EingriffZahn wird mit Hebel und Zange entferntSchnitt, Knochen abtragen, ggf. Wurzeltrennung
Typisches BeispielLockerer einwurzeliger ZahnRetinierter Weisheitszahn, frakturierte Wurzel
Dauer5–15 Minuten20–60 Minuten
NahtOft nicht nötigIn der Regel ja
SchwellungGeringMäßig bis deutlich
AbrechnungBEMA 43/44 (Kasse)BEMA 45/47a/48 (Kasse); privat GOZ 3020–3045

Mögliche Komplikationen

Die Zahnextraktion ist ein Routineeingriff, dennoch können Komplikationen auftreten. Die häufigste ist die Alveolitis sicca (trockene Alveole), bei der sich das Blutgerinnsel vorzeitig auflöst und die Knochenwand freiliegt – verbunden mit starken, ausstrahlenden Schmerzen zwei bis vier Tage nach dem Eingriff. Weitere mögliche Komplikationen sind Nachblutung (meist durch zu frühe körperliche Belastung oder blutverdünnende Medikamente), Infektion der Alveole, Verletzung des Nervus alveolaris inferior bei Unterkieferzähnen (vorübergehende Taubheit der Unterlippe), Kieferfraktur (extrem selten, bei stark atrophiertem Kiefer) und Eröffnung der Kieferhöhle bei oberen Backenzähnen (Mund-Antrum-Verbindung).

Verhalten nach der Zahnextraktion

In den ersten 24 Stunden:

  • 20–30 Minuten fest auf den Tupfer beißen, um die Blutung zu stillen.
  • Keine heißen Getränke, kein Alkohol, kein Kaffee – Wärme fördert Nachblutung.
  • Nicht rauchen – Rauchen erhöht das Risiko einer Alveolitis sicca erheblich.
  • Kühlen (Eisbeutel in Tuch gewickelt, 20 Min. an – 20 Min. aus) reduziert die Schwellung.
  • Körperliche Anstrengung, Sauna und Sport vermeiden.
  • Nicht spülen – das Blutgerinnsel in der Alveole darf nicht ausgespült werden.

Ab dem zweiten Tag:

  • Vorsichtige Mundspülung mit Chlorhexidin oder Salbeitee (nicht kräftig gurgeln).
  • Weiche Kost bevorzugen (Suppe, Joghurt, Brei) und auf der anderen Seite kauen.
  • Zähneputzen mit weicher Bürste, Extraktionsstelle aussparen.
  • Bei zunehmenden Schmerzen ab Tag 2–3 (statt Besserung) umgehend den Zahnarzt kontaktieren – Verdacht auf Alveolitis sicca.

Kosten und Kassenleistung

LeistungKosten (ca.)
Einfache Extraktion (Kassenleistung)Kostenfrei (BEMA 43/44)
Chirurgische Extraktion (osteotomie)Kassenleistung (BEMA 47a/48)
Weisheitszahn-OP (alle 4)Kassenleistung bei medizinischer Indikation (BEMA 48)
Socket Preservation (zusätzlich)je nach Umfang und Region (Privatleistung)
Sedierung / DämmerschlafPrivatleistung, wenn der Zahnarzt sediert; Analgosedierung oder Vollnarkose durch einen Arzt, etwa einen Anästhesisten, nur dann Kassenleistung, wenn eine Schmerzausschaltung auf anderem Weg nicht möglich ist

Hinweis: Die tatsächlichen Kosten variieren je nach Praxis, Region und individueller Behandlungssituation.

Die einfache Zahnextraktion und auch die chirurgische Zahnentfernung (Osteotomie) sind Kassenleistungen, wenn eine medizinische Indikation vorliegt. Zusatzleistungen wie Socket Preservation oder Knochenaugmentation sind in der Regel Privatleistungen; eine Sedierung durch den Zahnarzt ist Privatleistung. Eine Analgosedierung oder Narkose durch einen Arzt, etwa einen Anästhesisten, übernimmt die Kasse nur, wenn eine Schmerzausschaltung auf anderem Weg nicht möglich ist; für welche Fälle das bei der Vollnarkose anerkannt ist, nennt die Patienteninformation der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, mehr dazu im Eintrag Zahnarztangst.

Wann zum Zahnarzt?

Suchen Sie umgehend Ihren Zahnarzt auf, wenn nach der Extraktion starke Schmerzen ab Tag 2–3 auftreten (Verdacht auf Alveolitis sicca), die Blutung nach mehr als 2 Stunden nicht zum Stillstand kommt, Fieber über 38 °C auftritt, die Schwellung nach 3 Tagen zunimmt statt abzunehmen, oder ein Taubheitsgefühl in Lippe oder Zunge länger als einen Tag anhält.

Das Wichtigste in Kürze
Die Zahnextraktion ist ein Routineeingriff – über 10 Millionen Zähne werden in Deutschland jährlich entfernt. Entscheidend für die komplikationsfreie Heilung sind das Verhalten in den ersten 24 Stunden (nicht rauchen, nicht spülen, kühlen) und das Erhalten des Blutgerinnsels in der Alveole. Bei einer geplanten Implantatversorgung sollte bereits vor der Extraktion über Socket Preservation oder Sofortimplantation gesprochen werden.

Literatur

Literatur und Quellenangaben
  1. Akinbami BO, Godspower T. Dry Socket: Incidence, Clinical Features, and Predisposing Factors. Int J Dent. 2014;2014:796102. DOI: 10.1155/2014/796102
  2. Araújo MG, Lindhe J. Dimensional ridge alterations following tooth extraction. An experimental study in the dog. J Clin Periodontol. 2005;32(2):212–218. DOI: 10.1111/j.1600-051X.2005.00642.x
  3. Farina R, Trombelli L. Wound healing of extraction sockets. Endodontic Topics. 2011;25(1):16-43. DOI: 10.1111/etp.12016
  4. Schwartz-Arad D et al. Smoking and Complications of Endosseous Dental Implants. J Periodontol. 2002;73(2):153–157. DOI: 10.1902/jop.2002.73.2.153
  5. Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung. Bewertungsmaßstab zahnärztlicher Leistungen (BEMA), Stand 01.01.2026. kzbv.de
  6. Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ), Anlage 1 Gebührenverzeichnis. gesetze-im-internet.de
  7. Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung. Alternativen der örtlichen Betäubung. Patienteninformation, Stand November 2023 (Abschnitt Kostenübernahme: Stand 2021). kzbv.de
  8. Kassenzahnärztliche Vereinigung Hamburg. Abrechnungsfragen A–Z: Narkosen. zahnaerzte-hh.de
  9. Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. S3-Leitlinie Zahnbehandlungsangst beim Erwachsenen. AWMF-Registernummer 083-020, Stand 31.10.2019. register.awmf.org

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