Lexikon

Probiotika in der Parodontologie

Probiotika sind lebende Mikroorganismen, die in ausreichender Menge zugeführt einen gesundheitlichen Nutzen für den Menschen bringen sollen. In der Parodontologie werden sie als Ergänzung zur mechanischen Behandlung erprobt – bei der Parodontitis, in der Nachsorge, bei der Gingivitis und bei Entzündungen rund um Zahnimplantate. Meist handelt es sich um Tabletten mit ausgewählten Milchsäurebakterien. Die Idee ist einleuchtend, der Nutzen dagegen bislang schwach belegt: Zur Parodontitistherapie und zur nichtchirurgischen Behandlung der Periimplantitis raten die S3-Leitlinien von Probiotika ab, bei der periimplantären Mukositis sind sie sich uneinig, und ob Probiotika in der Nachsorge nützen, ist nicht geklärt.

Wirkprinzip

Parodontitis gilt heute nicht als Infektion mit einem einzelnen Erreger, sondern als Folge eines aus dem Gleichgewicht geratenen Biofilms in der Zahnfleischtasche. Hier setzt der Gedanke hinter den Probiotika an: Statt Bakterien möglichst vollständig zu beseitigen, sollen erwünschte Keime die Lebensgemeinschaft in der Tasche so verändern, dass sich wieder eine für den Wirt verträgliche Flora einstellt.

Für diesen Effekt werden mehrere Wege angenommen: Probiotische Bakterien könnten mit krankheitsfördernden Keimen um Nährstoffe und Anheftungsflächen konkurrieren, antibakteriell wirksame Stoffe bilden, die Biofilmbildung und die Kommunikation der Bakterien untereinander stören, die Schleimhautbarriere stärken und die Entzündungsantwort des Körpers dämpfen. Diese Wirkungen gelten als stammspezifisch – ein Befund zu einem bestimmten Bakterienstamm lässt sich nicht ohne Weiteres auf andere Stämme oder Produkte übertragen. Beim Menschen ist keiner dieser Mechanismen als Ursache eines klinischen Nutzens nachgewiesen; es handelt sich um Erklärungsmodelle.

Geprüfte Stämme und Darreichungsformen

Klinisch untersucht wurden in der Parodontologie vor allem Präparate mit Lactobacillus reuteri (heute auch als Limosilactobacillus reuteri bezeichnet), daneben Lactobacillus rhamnosus sowie eine Kombination mehrerer Streptokokkenstämme. Bei der periimplantären Mukositis stützt sich die Leitlinie ausschließlich auf Tabletten mit L. reuteri, die zu Hause eingenommen wurden. Bei der Periimplantitis wurde ein L.-reuteri-Präparat sowohl örtlich in der Tasche als auch als Tablette angewendet.

Weil Wirkungen an den Stamm gebunden sind, sagt die Aufschrift „probiotisch“ allein nichts darüber aus, ob ein Produkt einem in klinischen Prüfungen verwendeten Präparat entspricht. Dieser Eintrag nennt bewusst keine Einnahmeschemata: Ob und in welcher Form ein Präparat sinnvoll ist, klärt die behandelnde Zahnärztin oder der behandelnde Zahnarzt.

Leitlinienlage

Parodontitis Stadium I bis III

Nach der S3-Leitlinie der European Federation of Periodontology und ihrer deutschen Fassung von DG PARO und DGZMK sollten Probiotika nicht zusätzlich zur subgingivalen Reinigung eingesetzt werden (Empfehlungsgrad B, Konsens). Der gemessene Zusatzeffekt auf die Taschentiefe war nicht signifikant und lag unter einem halben Millimeter, also im Bereich geringer klinischer Bedeutung. Die Ergebnisse der einzelnen Präparate streuten stark. Ein Vorteil zeigte sich, wenn überhaupt, bei Präparaten mit L. reuteri. Die deutsche Fassung hat die europäische Empfehlung unverändert übernommen.

Unterstützende Parodontitistherapie

Für die unterstützende Parodontitistherapie (UPT) formuliert dieselbe Leitlinie keine Empfehlung, sondern eine offene Feststellung: Ob Probiotika – ebenso wie Präbiotika, entzündungshemmende Mittel oder antioxidative Mikronährstoffe – die Zahnfleischentzündung bei Patienten in der Nachsorge beherrschen helfen, ist nicht geklärt; weitere Forschung ist nötig. Die Empfehlung zur Parodontitistherapie bezieht sich nicht auf die Nachsorge; Daten zu dieser Phase sind in sie nicht eingeflossen.

Gingivitis

Eine eigene Leitlinienempfehlung zu Probiotika bei der plaquebedingten Gingivitis liegt nicht vor. Bei dieser Form der Zahnfleischentzündung verbessern Probiotika zum Schlucken oder Lutschen Blutungsneigung, Entzündungszeichen und Plaque in der Regel nicht erkennbar; auch messbare Veränderungen der Keimbesiedlung bleiben meist aus.

Parodontitis Stadium IV

Die europäische S3-Leitlinie zum Stadium IV enthält keine Aussage zu Probiotika.

EinsatzbereichWas belegt istWas offen istWas denkbar wäre
Parodontitis Stadium I–III, zusätzlich zur subgingivalen ReinigungLeitlinie: sollte nicht eingesetzt werden (Grad B)ob einzelne Stämme doch einen kleinen, klinisch relevanten Vorteil habenstammspezifisch ausgewählte, besser standardisierte Präparate in größeren, längeren Prüfungen
Unterstützende ParodontitistherapieLeitlinie: Nutzen nicht geklärtob Probiotika die Entzündung in der Nachsorge dauerhaft beeinflussenWiederherstellung einer günstigen Keimflora in der Tasche
Plaquebedingte Gingivitisin der Regel kein erkennbarer Vorteilkeine LeitlinienaussageErgänzung der Mundhygiene – bislang ohne belastbaren Beleg
Periimplantäre Mukositiseuropäische Leitlinie: kann erwogen werden (Grad 0); deutsche Leitlinie: sollte nicht (Grad B)Wirkung über drei Monate hinausErgänzung der häuslichen Pflege bei Implantaten
Periimplantitis, nichtchirurgische Behandlungbeide Leitlinien: sollte nicht eingesetzt werden (Grad B)Datengrundlage sehr schmalkeine belastbare Grundlage für eine Prognose
Übersicht der Leitlinienempfehlungen zu Probiotika bei Parodontitis Stadium I bis III, in der unterstützenden Parodontitistherapie, bei periimplantärer Mukositis und bei Periimplantitis
Leitlinienlage zu Probiotika: „Sollte nicht“ gilt bei Parodontitis Stadium I bis III und bei Periimplantitis; in der Nachsorge bleibt der Nutzen unbekannt; zur periimplantären Mukositis kommen EFP und DGI/DGZMK zu unterschiedlichen Empfehlungen.

Bedeutung für Zahnimplantate

Bei Implantaten widersprechen sich die beiden maßgeblichen Leitlinien. Für die periimplantäre Mukositis hält die europäische S3-Leitlinie eine zahnärztlich angeleitete Einnahme von Probiotika zusätzlich zur professionellen Reinigung für erwägenswert (Empfehlungsgrad 0, mittlere Qualität der Evidenz). Nach drei Monaten gingen Blutung und Plaque stärker zurück als ohne Probiotika, die Taschentiefe dagegen nicht; nach sechs Monaten war kein Unterschied mehr nachweisbar. Die deutsche S3-Leitlinie von DGI und DGZMK kommt auf schmalerer Grundlage zum gegenteiligen Schluss: Eine begleitende probiotische Therapie sollte bei der Mukositis nicht zum Einsatz kommen (Empfehlungsgrad B, starker Konsens).

Bei der Periimplantitis sind sich beide Leitlinien einig: Zusätzlich zur nichtchirurgischen Reinigung sollten Probiotika nicht eingesetzt werden (Empfehlungsgrad B). Die europäische Leitlinie bewertet die Datenlage hier als sehr schwach. Für die Implantatnachsorge folgt daraus: Probiotika ersetzen weder die professionelle Reinigung noch die sorgfältige häusliche Pflege der Implantatdurchtrittsstelle. Bei der Mukositis sind sie allenfalls eine Ergänzung, über die im Einzelfall gesprochen werden kann – mit der ehrlichen Einschränkung, dass ein anhaltender Effekt nicht belegt ist.

Wie belastbar die Datengrundlage ist

Die Leitlinienempfehlung zur Parodontitistherapie ruht auf wenigen, kleinen placebokontrollierten Prüfungen. Sie stammen aus nur zwei Ländern, überwiegend von zwei Forschergruppen, die jeweils ein anderes Präparat verwendeten. Ein Teil der Arbeiten wurde von Herstellern unterstützt oder mit Präparaten aus der Industrie beliefert. Das macht die Ergebnisse nicht falsch, aber es schränkt ein, wie weit sie sich verallgemeinern lassen. Die Leitlinie selbst hält fest, dass sich aus diesen Daten keine Schlussfolgerung zur Wirksamkeit von Probiotika als Ergänzung der subgingivalen Reinigung ziehen lässt.

Auch für die Parodontitisbehandlung insgesamt ist die Wirksamkeit jenseits der Leitlinienfrage nicht entschieden. Ein kleiner Zusatznutzen beim Zahnfleischbluten und beim Attachmentniveau ist möglich; bei der Taschentiefe, der Plaquemenge und den Entzündungsindizes zeigt sich meist kein Vorteil. Weil sich Stämme, Darreichungsformen, Anwendungsdauer und Beobachtungszeiträume stark unterscheiden, lassen sich die Ergebnisse kaum miteinander vergleichen. Eine abschließende Aussage zur Wirksamkeit ist deshalb derzeit nicht möglich.

Verträglichkeit und Sicherheit

Die in der Parodontologie geprüften Präparate gelten nach den Leitlinien als sicher; Nebenwirkungen wurden von den Behandelten nicht angegeben. Das gilt für die untersuchten Präparate und Anwendungszeiträume. Die Leitlinie zu periimplantären Erkrankungen weist außerdem darauf hin, dass Probiotika zum Einnehmen in der Bevölkerung noch nicht breit akzeptiert sind.

Kosten

Beide europäischen Leitlinien halten fest, dass durch Probiotika zusätzliche Kosten entstehen, die die Patientin oder der Patient trägt.

Abgrenzung zu Präbiotika, Postbiotika und Synbiotika

Die vier Begriffe werden oft durcheinander verwendet, bezeichnen aber Verschiedenes. Probiotika enthalten lebende Mikroorganismen. Präbiotika sind Stoffe, die von bereits vorhandenen Mikroorganismen des Körpers gezielt verwertet werden und dadurch der Gesundheit nützen – sie liefern also keine Bakterien, sondern deren Nahrung. Postbiotika bestehen aus abgetöteten Mikroorganismen oder deren Bestandteilen, gegebenenfalls zusammen mit Stoffwechselprodukten. Synbiotika sind Mischungen aus lebenden Mikroorganismen und Substraten, die von Mikroorganismen des Körpers gezielt verwertet werden. In der Parodontologie sind Synbiotika und Postbiotika bislang seltener klinisch geprüft worden als Probiotika; ob Präbiotika in der Nachsorge nützen, ist nach der Parodontitis-Leitlinie nicht bekannt.

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Literatur

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