Lexikon

Nahrungsergänzungsmittel in der Zahnheilkunde

Nahrungsergänzungsmittel sind nach der deutschen Nahrungsergänzungsmittelverordnung (NemV) Lebensmittel, die dazu bestimmt sind, die allgemeine Ernährung zu ergänzen, und in dosierter Form – etwa als Kapsel, Tablette, Brausetablette oder Tropfen – angeboten werden. Sie bestehen aus konzentrierten Nährstoffen oder sonstigen Stoffen mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung. Anders als Arzneimittel dienen sie ihrer rechtlichen Zweckbestimmung nach nicht der Heilung, Linderung oder Verhütung von Krankheiten – diese Funktion bleibt zugelassenen Arzneimitteln vorbehalten. In der Zahnmedizin werden Nahrungsergänzungsmittel vor allem im Zusammenhang mit Parodontitis, der Einheilung von Zahnimplantaten (Osseointegration) und dem Knochenstoffwechsel diskutiert.

Rechtlicher Rahmen: keine Wirksamkeitsprüfung wie bei Arzneimitteln

Ein für Patientinnen und Patienten wichtiger Aufklärungspunkt betrifft die Zulassung: Nahrungsergänzungsmittel durchlaufen kein Zulassungsverfahren wie Arzneimittel und werden vor dem Inverkehrbringen lediglich beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit angezeigt. Eine systematische, behördlich geprüfte Wirksamkeitsprüfung – wie sie für Arzneimittel vorgeschrieben ist – findet dabei nicht statt. Verantwortlich für Sicherheit und die beworbenen Angaben ist zunächst der Hersteller; die Aufsicht erfolgt über die allgemeinen lebensmittelrechtlichen Kontrollen. Für die Einordnung von Werbeaussagen bedeutet das: Ein im Handel erhältliches Präparat war nicht zwingend Gegenstand einer eigenen klinischen Wirksamkeitsstudie zum beworbenen Anwendungsgebiet.

Mikronährstoffe im zahnmedizinischen Kontext

In der zahnmedizinischen Fachliteratur wird eine begrenzte Auswahl an Mikronährstoffen im Zusammenhang mit Zahnfleisch- und Knochengesundheit untersucht. Die folgende Übersicht ordnet die derzeit diskutierten Zusammenhänge nach dem Stand der verfügbaren Evidenz ein – von leitlinienbasierten Aussagen bis zu Einzelbefunden, die noch keine gesicherte Empfehlung tragen.

NährstoffDiskutierter Zusammenhang in der ZahnmedizinEvidenzlage
Vitamin DKnochenstoffwechsel, Einheilung von Zahnimplantaten, periimplantärer KnochenabbauLeitlinienbasiert für die Implantologie; routinemäßige Bestimmung/Supplementierung wird nicht empfohlen
Vitamin CKollagenbildung, Zahnfleischgesundheit, unterstützend zur ParodontitistherapieSystematische Übersicht: möglicher Effekt auf Blutungsneigung, kein gesicherter Effekt auf Taschentiefe
Vitamin KKnochenstoffwechsel; Wechselwirkungspotenzial mit GerinnungshemmernFür die Zahnmedizin nur unzureichend untersucht; die Wechselwirkung mit Gerinnungshemmern ist pharmakologisch dokumentiert
CalciumKnochenstoffwechsel, meist in Kombination mit Vitamin D untersuchtWenige Studien; laut aktueller systematischer Übersichtsarbeit insgesamt unzureichende Beleglage
ZinkWundheilung der MundschleimhautVereinzelte systematische Übersichten, Studienlage noch unzureichend für eine Empfehlung
Omega-3-FettsäurenEntzündungshemmung als Zusatz zur nicht-chirurgischen ParodontitistherapieSystematische Übersichten/Metaanalysen mit niedriger bis moderater Ergebnissicherheit

Vitamin D, Knochenstoffwechsel und Implantateinheilung

Zur Rolle von Vitamin D bei der Einheilung von Zahnimplantaten und bei Kieferknochenaufbauten liegt eine aktuelle interdisziplinäre S3-Leitlinie vor. Sie stellt fest, dass eine routinemäßige, ungezielte Bestimmung des Vitamin-D-Spiegels vor und nach einer Implantation ebenso wenig erfolgen sollte wie eine routinemäßige, ungezielte Vitamin-D-Gabe – weder vor einer Implantation noch vor einem Knochenaufbau des Kiefers. Eine gezielte Bestimmung beziehungsweise Supplementierung kann demnach nur dann erwogen werden, wenn anamnestisch Hinweise auf einen bereits verminderten Vitamin-D-Spiegel vorliegen oder wenn ein Implantat ohne erkennbare andere Ursache frühzeitig verloren geht. Die Leitlinie beschreibt zudem Hinweise darauf, dass ein Vitamin-D-Spiegel im Normbereich mit einem geringeren periimplantären Knochenabbau und einer höheren Implantatstabilität einhergehen kann – das rechtfertigt nach Einschätzung der Leitlinienautoren aber gerade keine pauschale Supplementierung aller Patientinnen und Patienten, sondern eine gezielte Abklärung im Einzelfall.

Ergänzende systematische Übersichtsarbeiten zum Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Spiegel und Osseointegration von Zahnimplantaten kommen zu einem ähnlichen Bild: Ein Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Status und Knochenstoffwechsel rund um das Implantat erscheint möglich, die eingeschlossenen Studien sind jedoch heterogen in Design, Patientenkollektiv und Nachbeobachtungszeit, sodass daraus keine gesicherte, für alle Patientinnen und Patienten gültige Handlungsempfehlung abgeleitet werden kann.

Vitamin C, Omega-3-Fettsäuren und Zink bei Parodontitis und Wundheilung

Für Vitamin C als Zusatz zur nicht-chirurgischen Parodontitisbehandlung liegt eine systematische Übersichtsarbeit vor, die eine mögliche Verbesserung von Blutungsindizes bei Zahnfleischentzündung beschreibt, jedoch keinen belastbaren zusätzlichen Effekt auf Sondierungstiefen oder den klinischen Attachmentgewinn bei bestehender Parodontitis feststellen konnte. Die Autorinnen und Autoren verweisen ausdrücklich auf die begrenzte Zahl und Aussagekraft der bislang vorliegenden Studien und sprechen keine Empfehlung für eine routinemäßige Supplementierung aus.

Für Omega-3-Fettsäuren als begleitende Maßnahme zur nicht-chirurgischen Parodontitistherapie deuten neuere systematische Übersichtsarbeiten mit Metaanalyse auf einen möglichen zusätzlichen Nutzen bei klinischen Parametern und Entzündungsmarkern hin. Die Autorinnen und Autoren stufen die Ergebnissicherheit selbst jedoch als niedrig bis moderat ein und begründen dies mit uneinheitlichen Dosierungen, unterschiedlicher Behandlungsdauer und methodischen Schwächen der eingeschlossenen Studien.

Zu Zink im Zusammenhang mit der Wundheilung der Mundschleimhaut existieren einzelne systematische Übersichtsarbeiten, die einen möglichen unterstützenden Effekt beschreiben. Angesichts der noch geringen Zahl und Größe der zugrunde liegenden Studien lässt sich daraus derzeit keine gesicherte zahnmedizinische Empfehlung ableiten.

Zu Calcium in Kombination mit Vitamin D als Ergänzung zur unterstützenden Parodontitisbehandlung liegen überwiegend kleinere Studien vor. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse zu Zusatzmaßnahmen bei der Nachsorge von Patientinnen und Patienten mit verbliebenen Zahnfleischtaschen führt dazu eine einzelne Studie an, in der eine kombinierte Vitamin-D- und Calcium-Gabe mit möglicherweise günstigeren parodontalen Messwerten in Verbindung stand; die Übersichtsarbeit selbst stuft die Beleglage zu solchen Zusatzmaßnahmen insgesamt als unzureichend ein und sieht weiteren, größer angelegten Forschungsbedarf.

Klinische Bedeutung und kritische Einordnung

Für die zahnärztliche Beratung ergibt sich aus dieser Studienlage eine zurückhaltende Einordnung: Nahrungsergänzungsmittel können eine ausgewogene Ernährung nicht ersetzen und sind erst recht kein Ersatz für eine notwendige zahnärztliche Behandlung von Parodontitis, Karies oder anderen Erkrankungen der Mundhöhle. Auch dort, wo einzelne Studien einen unterstützenden Effekt beschreiben, handelt es sich um einen begleitenden, keinen alleine tragfähigen Baustein der Therapie.

Von einer eigenmächtigen, hochdosierten Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln im Vorfeld zahnärztlich-chirurgischer Eingriffe ohne vorherige Rücksprache ist abzuraten. Ein praxisrelevantes Beispiel ist Vitamin K: Es ist am Aufbau bestimmter Gerinnungsfaktoren beteiligt und kann die Wirkung gerinnungshemmender Medikamente wie Vitamin-K-Antagonisten beeinflussen. Wer solche Medikamente einnimmt, sollte eine zusätzliche Vitamin-K-Zufuhr über Nahrungsergänzungsmittel daher grundsätzlich mit der behandelnden Arztpraxis abstimmen, insbesondere vor einem operativen Eingriff. Auch andere Präparate können mit Medikamenten oder mit der Blutgerinnung interagieren – die vollständige Medikamenten- und Supplementeinnahme sollte deshalb vor jedem zahnärztlich-chirurgischen Eingriff offen angesprochen werden.

Kostenaspekt: keine Kassen- oder Privatleistung des Zahnarztes

Nahrungsergänzungsmittel sind keine zahnärztliche Leistung und daher weder Bestandteil der BEMA- oder GOZ-Abrechnung noch einer Festzuschuss-Regelung. Werden sie im Zusammenhang mit einer zahnärztlichen Behandlung empfohlen, werden die Präparate selbst grundsätzlich von den Patientinnen und Patienten privat beschafft und getragen – unabhängig davon, ob die zugrunde liegende zahnärztliche Behandlung eine Kassen- oder Privatleistung ist.

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Literatur

Literatur und Quellenangaben
  • AWMF-Leitlinienregister, Registernummer 083-055: S3-Leitlinie „Relevanz der Vitamin D-Bestimmung und -Supplementierung für die Implantatprognose und Augmentationschirurgie“, Deutsche Gesellschaft für Implantologie (DGI) und Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK), 2025, gültig bis 08/2030. register.awmf.org/de/leitlinien/detail/083-055
  • Verordnung über Nahrungsergänzungsmittel (Nahrungsergänzungsmittelverordnung – NemV), § 1. gesetze-im-internet.de/nemv
  • Fageeh HN, Fageeh HI, Prabhu A, Bhandi S, Khan S, Patil S: Efficacy of vitamin C supplementation as an adjunct in the non-surgical management of periodontitis: a systematic review. Systematic Reviews, 2021. DOI: 10.1186/s13643-020-01554-9
  • Benincasa et al.: The role of omega-3 polyunsaturated fatty acids in the non-surgical management of periodontitis: a systematic review and meta-analysis. Frontiers in Oral Health, 2026. DOI: 10.3389/froh.2026.1761032
  • Calciolari E, Ercal P, Dourou M, Akcali A, Tagliaferri S, Donos N: The Efficacy of Adjunctive Periodontal Therapies during Supportive Periodontal Care in Patients with Residual Pockets. A Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of Periodontal Research, 2022. DOI: 10.1111/jre.13001
  • Fachinformation Marcumar® (Phenprocoumon), Viatris Healthcare GmbH, Stand August 2025, Abschnitt „Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln und sonstige Wechselwirkungen“. fachinfo.de/fi/detail/003056/marcumar
  • Can Vitamin D Levels Influence Bone Metabolism and Osseointegration of Dental Implants? An Umbrella Review. Healthcare, 2024. DOI: 10.3390/healthcare12181867
  • Impact of Vitamin D on Osseointegration in Dental Implants: A Systematic Review of Human Studies. Nutrients, 2024. DOI: 10.3390/nu16020209
  • Protective and Healing Effects of Zinc L-Carnosine on the Oral Mucosa: A Systematic Review and Meta-Analysis. Dentistry Journal, 2026. DOI: 10.3390/dj14070408

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