Lexikon

Knochenabbau im Kieferknochen

Knochenabbau im Kieferknochen bezeichnet den Schwund von Knochengewebe, der mit einer Funktionseinschränkung einhergeht; im Kiefer wird er auch Kieferatrophie oder Atrophie des Kieferkamms genannt. Betroffen ist vor allem der Alveolarknochen — jener Teil des Kiefers, der die Zahnwurzeln umgibt. Er entsteht mit den Zähnen und geht mit ihnen wieder zurück: Fehlt die Belastung durch einen Zahn, verliert der Alveolarkamm nach und nach an Breite und Höhe. Der so verloren gegangene Knochen kommt auf natürlichem Wege — durch erneutes Wachstum — nicht zurück.

Ursachen

Nach der Art der auslösenden Belastungsstörung werden unter anderem zwei Formen unterschieden:

  • Inaktivitätsatrophie — Knochenschwund durch fehlende gewebegerechte Belastung. Das ist der Regelfall nach Zahnverlust.
  • Druckatrophie — Knochenschwund durch dauernde punktuelle Überlastung, etwa unter einer schlecht sitzenden Prothese.

Der Auslöser ist in beiden Fällen derselbe: Der Kieferknochen erhält nicht mehr die Belastung, für die er gebaut ist. Nach einer Zahnextraktion heilt die Alveole zwar zu, doch der Umbau des Kammes endet damit nicht. Auf der äußeren, zur Mundhöhle gerichteten Oberfläche des Kieferknochens bleiben knochenabbauende Zellen aktiv, ohne dass ihnen ein entsprechender Knochenaufbau gegenübersteht — der Kamm verliert unter dem Strich Substanz. Genau das unterscheidet die Kieferatrophie von einem ausgeglichenen Bone Remodelling, bei dem sich Ab- und Aufbau die Waage halten.

Wie stark der Abbau ausfällt, schwankt von Mensch zu Mensch erheblich. Übersichtsarbeiten zu diesem Thema kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass dabei die örtlichen Belastungsverhältnisse den Ausschlag geben: Ein ausgeprägter Kammschwund kann auch dann auftreten, wenn das übrige Skelett in gutem Zustand ist — und umgekehrt. Ein systemisches Knochenleiden wie eine Osteoporose erklärt den Verlauf am Kiefer also nicht allein.

Knochenabbau des Kiefers nach Zahnverlust
Typischer Knochenabbau nach Verlust der Frontzähne im Unterkiefer

Verlauf

Der Abbau setzt unmittelbar nach dem Zahnverlust ein und ist in den ersten drei bis sechs Monaten am stärksten; danach geht er langsamer, aber weiter. Systematische Übersichtsarbeiten zeigen zwei Richtungen mit sehr unterschiedlichem Ausmaß:

  • In der Breite (horizontal) verliert der Kamm am meisten. Innerhalb des ersten halben Jahres geht hier rund ein Drittel bis deutlich über die Hälfte der ursprünglichen Kammbreite verloren; in Millimetern gemessen liegt der Rückgang im Mittel bei knapp vier Millimetern.
  • In der Höhe (vertikal) fällt der Verlust deutlich geringer aus — grob ein Zehntel bis ein Fünftel der Ausgangshöhe, im Mittel etwa anderthalb Millimeter.

Praktisch bedeutet das: Ein Kieferkamm, der auf dem Röntgenbild noch ausreichend hoch wirkt, kann längst zu schmal geworden sein. Für die Beschreibung dieser Stadien hat sich die Einteilung nach Cawood und Howell durchgesetzt. Sie beruht auf der Beobachtung, dass der tragende Basalknochen von Ober- und Unterkiefer weitgehend stabil bleibt, während sich der Alveolarfortsatz in Höhe wie in Breite stark verändert — und zwar in einem vorhersagbaren Muster: vom bezahnten Kiefer über den frisch leeren und den wieder verknöcherten Kamm bis zum schmalen „Messerschneidekamm“ und schließlich zum flachen Kamm. Die einzelnen Stufen sind im Eintrag zum Alveolarkamm ausführlich dargestellt.

Ober- und Unterkiefer

Beide Kiefer bauen ab, aber nicht auf dieselbe Weise und mit unterschiedlichen Konsequenzen.

MerkmalOberkieferUnterkiefer
Zusätzlicher Mechanismus nach ZahnverlustIm Seitenzahnbereich dehnt sich die Kieferhöhle in den frei gewordenen Raum aus und mindert die verfügbare Knochenhöhe zusätzlich.Kein vergleichbarer Hohlraum beteiligt; der Kamm verliert von der Kaufläche her an Höhe und Breite.
Stadien der KlassifikationBeschrieben bis zum flachen, in Höhe und Breite unzureichenden Kamm.Zusätzlich ein eingesunkener Kamm, bei dem auch der Basalknochen betroffen ist.
Folgen für den ZahnersatzFür die implantatprothetische Versorgung des zahnlosen Oberkiefers besteht eine eigene S3-Leitlinie; Zahl und Verteilung der Implantate richten sich nach dem verbliebenen Knochenangebot.Bei stark abgebautem Kamm sind Kaufunktion und maximale Kaukraft mit einer Totalprothese messbar schlechter als bei erhaltenem Kamm.
Wirkung kammerhaltender MaßnahmenSie verringern das Nachrücken der Kieferhöhle und damit den späteren Bedarf, den Kieferhöhlenboden anzuheben.Sie mindern den Verlust an Höhe und Breite, verhindern ihn aber nicht.

Folgen

Ein schwindender Kieferkamm nimmt einer herausnehmbaren Prothese das Widerlager: Sie hat weniger Fläche, auf der sie aufliegt, und weniger Kontur, an der sie sich abstützt. Eine Auswertung klinischer Studien zeigt, dass Trägerinnen und Träger von Totalprothesen bei stark abgebautem Unterkiefer schlechter kauen und weniger Kaukraft aufbringen als bei gut erhaltenem Kamm — und dass dieser Nachteil auch dann bestehen bleibt, wenn die Prothese auf Implantaten abgestützt wird. Zahnverlust wirkt darüber hinaus über den Mund hinaus: Er verändert Ernährungsgewohnheiten, Aussprache und Erscheinungsbild und ist mit einer geringeren mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität verbunden.

Für Implantate ist der Kammschwund die häufigste anatomische Hürde. Ein Implantat braucht Knochen, der es allseitig umschließt, damit es einheilen und Kaukräfte aufnehmen kann. Reicht das Angebot nicht, muss der Knochen vor oder während der Implantation wiederhergestellt werden. Welche Verfahren dafür infrage kommen, wie sie ablaufen und was sie kosten, ist ausführlich unter Knochenaufbau des Kiefers für Zahnimplantate beschrieben; die Begriffe selbst sind unter Augmentation und Knochenersatzmaterial erklärt.

Röntgenbild eines zahnlosen Oberkiefers mit weit fortgeschrittener Atrophie des Kieferkamms
Fast vollständige Atrophie (Knochenschwund) des Oberkiefers im Röntgenbild

Diagnostik

Ein erster Überblick über die Kammhöhe gelingt mit einer Panoramaaufnahme, dem OPG. Sie zeigt jedoch nur eine Ebene und sagt nichts über die Breite des Kammes aus — also über genau die Richtung, in der am meisten verloren geht. Für die dreidimensionale Beurteilung steht die digitale Volumentomographie zur Verfügung. Wann ihr Einsatz gerechtfertigt ist, regelt eine eigene S3-Leitlinie; sie ist kein Routineverfahren, sondern an eine Fragestellung gebunden, die sich zweidimensional nicht klären lässt. Dazu zählt im Unterkiefer der Abstand des Kammes zum Nervus alveolaris inferior, der bei fortgeschrittenem Abbau nahe an die Oberfläche rückt.

Vorbeugung

Die wirksamste Vorbeugung ist der Zahnerhalt: Solange ein Zahn im Knochen steht und belastet wird, gibt es keine Inaktivitätsatrophie an dieser Stelle. Lässt sich eine Extraktion nicht vermeiden, kann die Alveole im selben Eingriff aufgefüllt und abgedeckt werden — die Socket Preservation. Metaanalysen zeigen, dass dieses Vorgehen den Rückgang des Kammes dämpft; ein Cochrane-Review bewertet die Datenlage dazu als begrenzt und sieht bislang keinen belegten Unterschied zwischen den verwendeten Materialien und Membranen. Im Oberkiefer-Seitenzahnbereich hat die Kammerhaltung einen zusätzlichen Effekt: Sie bremst das Nachrücken der Kieferhöhle und senkt damit die Wahrscheinlichkeit, dass später der Kieferhöhlenboden angehoben werden muss.

Wichtig ist die realistische Erwartung: Keine dieser Maßnahmen hält den Kamm vollständig auf dem Ausgangsniveau. Auch wenn ein Implantat unmittelbar in die frische Alveole gesetzt wird, verändern sich die Knochenmaße im ersten Jahr danach noch — der Abbau wird abgeschwächt, nicht abgeschaltet. Wer nach Zahnverlust eine implantatgetragene Versorgung anstrebt, sollte die Entscheidung deshalb früh treffen; je länger eine Lücke unbelastet bleibt, desto aufwendiger wird der spätere Wiederaufbau. Eine gut sitzende, regelmäßig kontrollierte Prothese vermeidet zudem punktuelle Überlastung und damit eine zusätzliche Druckatrophie.

Literatur

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