Lexikon

Kieferkamm, Alveolarkamm, Alveolarknochen und Alveolarfortsatz

Der Alveolarkamm ist der Abschnitt des Kieferkamms, der die Zahnfächer (Alveolen) enthält und in dem die Zahnwurzeln verankert sind. Er bildet das Fundament für die natürliche Bezahnung und — nach Zahnverlust als Kieferkamm — für Zahnimplantate. Anders als der darunterliegende Basalknochen entsteht er zusammen mit den Zähnen — und bildet sich nach deren Verlust wieder zurück.

Begriffsabgrenzung

Kieferkamm ist der Oberbegriff und zugleich der klinische Ausdruck: der obere Rand des Ober- oder Unterkiefers, der sich im Mund als Wall abzeichnet — bezahnt oder zahnlos. Die drei übrigen Begriffe bezeichnen dasselbe Gewebe aus unterschiedlichem Blickwinkel. Alveolarfortsatz ist der anatomische Name für den zahntragenden Abschnitt — und streng genommen enger, als er meist verwendet wird. Ein echter Fortsatz des Kieferkörpers liegt nur im Oberkiefer vor (Processus alveolaris maxillae). Am Unterkiefer trägt derselbe Abschnitt in der anatomischen Nomenklatur den Namen Pars alveolaris mandibulae — ein Teil des Unterkieferkörpers, kein Fortsatz. Im klinischen Sprachgebrauch steht „Alveolarfortsatz“ dennoch für beide Kiefer. Alveolarknochen benennt dasselbe Gebilde als Gewebe — den Knochen, der die Zahnfächer formt und über den Zahnhalteapparat mit der Wurzel verbunden ist. Alveolarkamm bezeichnet genau den Abschnitt des Kieferkamms, der die Alveolen enthält. Der Name sagt es: ein Kamm mit Zahnfächern. Für den zahnlosen Kiefer sind Restkamm und atropher Kieferkamm die genaueren Bezeichnungen. In der zahnmedizinischen Umgangssprache steht Alveolarkamm allerdings auch nach Zahnverlust für den ehemals zahntragenden Abschnitt — schon weil sich in einem teilbezahnten Kiefer bezahnte und zahnlose Bereiche nicht sinnvoll auseinanderhalten lassen.

Im engeren Sinn wird zusätzlich die Innenwand des Zahnfachs als Alveolarknochen bezeichnet (Alveolarknochen proprius, Bündelknochen). Wo im Folgenden vom Alveolarkamm die Rede ist, ist stets der knöcherne Anteil gemeint; das bedeckende Zahnfleisch gehört nicht dazu, wirkt aber funktionell mit ihm zusammen.

Aufbau

Der zahntragende Abschnitt bildet den knöchernen Kamm über dem Kieferkörper — im Oberkiefer als aufsitzender Fortsatz, im Unterkiefer als oberer Teil des Körpers selbst. Im Inneren formt er die einzelnen Zahnfächer: Jede Alveole umschließt eine Zahnwurzel und ist durch einen schmalen Spalt von ihr getrennt, in dem die Wurzelhaut (Desmodont) liegt.

Knochen und Weichgewebe bilden am Kamm ein funktionelles System: Auf den knöchernen Schichten liegt die Knochenhaut, darüber das Zahnfleisch (Gingiva), das die Barriere zwischen Mundhöhle und Knochen bildet. Die folgende Übersicht führt die knöchernen Anteile des Kamms und die ihnen unmittelbar anliegende Knochenhaut auf.

StrukturLage und BeschaffenheitBedeutung
Bündelknochen (Alveolarknochen im engeren Sinn, Lamina dura)Dünne, kompakte Knochenlamelle, die das Zahnfach auskleidet; von feinen Kanälen für Gefäße und Nerven durchbohrt (Siebplatte, Lamina cribriformis)In ihr verankern sich die Sharpey-Fasern der Wurzelhaut; sie gehört funktionell zum Zahn und geht nach dessen Verlust zugrunde
Kompakta (Kortikalis)Harte äußere Knochenrinde, zur Wange und Lippe wie zur Zunge hinGibt dem Kamm Form und Festigkeit und trägt wesentlich zur Primärstabilität eines Implantats bei
SpongiosaSchwammartiges Bälkchengeflecht mit Mark und Gefäßen zwischen Innen- und AußenwandVerteilt die Kaukräfte und bestimmt zusammen mit der Kompakta die Knochendichte (Klassen D1 bis D4)
PeriostKnochenhaut auf der äußeren Kompakta, mit Blutgefäßen und knochenbildenden ZellenVersorgt den Kamm und ist an jeder Knochenregeneration beteiligt

Über die einstrahlenden Sharpey-Fasern ist der Bündelknochen unmittelbar mit dem Zahnhalteapparat verbunden. Der Zahn hängt dadurch nicht starr im Knochen, sondern federnd in seinem Fach. In der Wurzelhaut liegen zudem Sinneszellen (Mechanorezeptoren), die Druck und Berührung registrieren; über ihre Rückmeldung lässt sich die Kaukraft fein dosieren. Der Alveolarknochen ist damit nicht nur passives Stützgerüst, sondern Teil eines Steuerungssystems beim Kauen.

Schematische Darstellung der Verankerung eines Zahns im Alveolarknochen über die Wurzelhaut, mit beschriftetem Zahnhalteapparat
Verankerung des Zahns im Alveolarknochen: Die Sharpey-Fasern strahlen aus der Wurzelhaut in den Bündelknochen ein.

Die zur Wange und zur Lippe gerichtete (vestibuläre) Wand des Zahnfachs ist die schwächste Stelle dieses Aufbaus. Im Frontzahnbereich des Oberkiefers ist sie am Kammrand meist dünner als ein Millimeter, häufig sogar dünner als ein halber. Wie dick diese Wand ist, beeinflusst, wie stark der Kamm nach einer Zahnextraktion zurückgeht: Bei dünner Wand kann der Höhenverlust deutlich größer ausfallen als bei kräftiger.

Abgrenzung zum Basalknochen

Ober- und Unterkiefer bestehen aus zwei Anteilen mit sehr unterschiedlichem Schicksal: dem tragenden Basalknochen und dem zahntragenden Abschnitt darüber. Die Form des Basalanteils bleibt weitgehend stabil, während sich der Alveolarfortsatz in Höhe wie in Breite erheblich verändert — und zwar in einem vorhersagbaren Muster. Praktisch heißt das: Das leere Zahnfach füllt sich mit neuem Knochen, während die äußere Kammkontur an Höhe und Breite verliert — mal mehr, mal weniger. Das knöcherne Grundgerüst des Kiefers bleibt davon unberührt. Erst bei weit fortgeschrittener Atrophie greift der Verlust auf den Basalknochen über.

Funktion und ständiger Knochenumbau

Die zentrale Aufgabe des Alveolarknochens ist es, die Zähne zu tragen und zu verankern und die beim Kauen entstehenden Kräfte aufzunehmen und in den übrigen Kiefer abzuleiten. Über die elastische Aufhängung in der Wurzelhaut werden diese Kräfte nicht starr, sondern gedämpft übertragen — ein Schutzmechanismus für Zahn und Knochen zugleich.

Der Alveolarknochen ist kein statisches Gerüst, sondern lebendiges, sich ständig erneuerndes Gewebe. Wie jeder Knochen unterliegt er einem fortlaufenden Umbau, dem Remodeling. Dabei lösen knochenabbauende Zellen (Osteoklasten) gezielt Knochensubstanz auf, anschließend bauen knochenbildende Zellen (Osteoblasten) neue Knochenmatrix auf, die danach mineralisiert. Resorption, Umkehrphase und Anbau laufen in einem fein abgestimmten Zyklus ab und sind über Botenstoffe miteinander gekoppelt.

Dieser Umbau passt den Knochen laufend an die mechanische Belastung an: Knochen, der regelmäßig gefordert wird, bleibt erhalten; Knochen, der seine Funktion verliert, wird zurückgebaut. Genau hier zeigt sich die enge Bindung zwischen Zahn und Knochen — der Alveolarfortsatz entwickelt sich erst mit dem Durchbruch der Zähne und ist damit ein zahnabhängiges Gebilde. Solange ein Zahn vorhanden ist und über die Wurzelhaut Kaukräfte in den Knochen leitet, erhält dieser Reiz den Knochen. Fällt der Reiz weg, verschiebt sich das Gleichgewicht dauerhaft zugunsten des Abbaus.

Im gesunden Mund erfüllt das Remodeling mehrere Aufgaben gleichzeitig: Es ersetzt ermüdete Knochensubstanz durch frische, repariert kleine Schäden in der Knochenstruktur und passt die Form des Knochens an veränderte Belastungen an. Bei einer kieferorthopädischen Zahnbewegung wird der Alveolarknochen auf der Druckseite abgebaut und auf der Zugseite neu gebildet — nur so kann ein Zahn durch den Knochen wandern, ohne dass die Verankerung verloren geht. Auch die Wanderung der Zähne in Richtung der Zahnreihenmitte im Lauf des Lebens beruht auf diesem ungleichmäßigen Umbau.

Dasselbe Gleichgewicht kann auch von der anderen Seite gestört werden: Eine fortgeschrittene Entzündung des Zahnhalteapparats verschiebt es in Richtung Resorption, sodass der knöcherne Halt der Zähne nach und nach schwindet. Und für den Rückgang des Restkamms geben in der Regel die örtlichen Belastungsverhältnisse den Ausschlag — ein ausgeprägter Kammschwund kann auch dann auftreten, wenn das übrige Skelett in gutem Zustand ist, und umgekehrt.

Ober- und Unterkiefer

Beide Kiefer tragen einen Kieferkamm, aber unter deutlich verschiedenen anatomischen Bedingungen.

MerkmalOberkieferUnterkiefer
KnochendichteEher gering — dünne Kompakta, weitmaschige Spongiosa, besonders im SeitenzahnbereichHöher — kräftige Kompakta, dichte Spongiosa, am ausgeprägtesten im Frontzahnbereich
Benachbarte StrukturenIm Seitenzahnbereich grenzt der Kamm an die Kieferhöhle, die sich nach Zahnverlust in den frei gewordenen Raum ausdehntIm Kiefer verläuft der Kanal mit dem Nervus alveolaris inferior, sodass er bei fortschreitendem Abbau immer dichter unter der Kammoberfläche liegt
Rolle als ProthesenlagerNeben dem Kamm steht der harte Gaumen als zusätzliche Auflagefläche zur VerfügungDie Prothese stützt sich allein auf dem Kamm ab; sein Rückgang schlägt unmittelbar auf Halt und Kaufunktion durch

Für die Planung im Oberkiefer ist deshalb die Lage der Kieferhöhle maßgeblich, im Unterkiefer der Verlauf des Nervus alveolaris inferior.

Kammformen nach Cawood und Howell

Die international gebräuchliche Einteilung nach Cawood und Howell beschreibt die Form des Kieferkamms in sechs Stufen — vom bezahnten Kiefer bis zum eingesunkenen Kamm. Sie ist keine Zeitangabe, sondern eine Formbeschreibung: Zwei Menschen können nach gleich langer Zahnlosigkeit in unterschiedlichen Stufen stehen.

KlasseKammformKnochenangebot für ein Implantat
IBezahnter Kiefer — Alveolarfortsatz vollständigNicht zutreffend
IIUnmittelbar nach der Zahnentfernung — Alveole noch offenVorhanden, aber noch nicht ausgeheilt
IIIAbgerundeter Kamm, Höhe und Breite ausreichendIn der Regel ausreichend
IVMesserschneidenförmiger Kamm — Höhe ausreichend, Breite unzureichendIn der Breite unzureichend
VFlacher Kamm — Höhe und Breite unzureichendIn beiden Richtungen unzureichend
VIEingesunkener Kamm mit Verlust auch am BasalknochenUnzureichend
Übersicht der sechs Kammformen des Kieferkamms nach Cawood und Howell, von Klasse I bis Klasse VI
Die sechs Kammformen nach Cawood und Howell

Rückbildung nach Zahnverlust

Weil der Alveolarkamm ein zahnabhängiges Gewebe ist, beginnt er sich nach einer Zahnentfernung zurückzubilden. Der Rückgang ist in den ersten drei bis sechs Monaten am stärksten und läuft danach langsamer, aber weiter. Breite und Höhe nehmen dabei von Anfang an gemeinsam ab; der Breitenverlust fällt nur sehr viel größer aus. Nach drei Monaten ist meist rund ein Drittel der ursprünglichen Kammbreite verschwunden, nach einem halben Jahr je nach Ausgangslage zwischen knapp einem Drittel und deutlich über der Hälfte — in Millimetern gerechnet im Mittel knapp vier Millimeter. Die Höhe geht im selben Zeitraum in der Regel um grob ein Zehntel bis ein Fünftel zurück. Verbreitet ist der Irrtum, der Höhenverlust setze erst nach Monaten ein: Bei dünner vestibulärer Knochenwand kann ein erheblicher Teil davon bereits in den ersten acht Wochen anfallen.

Die folgende Übersicht stellt einen bezahnten und einen zahnlosen Kieferabschnitt gegenüber.

MerkmalMit ZahnNach Zahnverlust
FunktionTrägt und verankert den Zahn, leitet Kaukräfte abOhne tragende Aufgabe, der Belastungsreiz entfällt
Höhe und BreiteVollständig ausgebildeter KieferkammRückgang in Höhe und – besonders ausgeprägt – in der Breite
BündelknochenVorhanden, von Sharpey-Fasern durchsetztWird abgebaut, da die einstrahlenden Fasern wegfallen
UmbaugleichgewichtAusgewogenes Verhältnis von Auf- und AbbauVerschiebung zugunsten des Abbaus, vor allem in den ersten Monaten
VerlaufStabil bei gesundem HalteapparatRascher Verlust zu Beginn, danach langsamer fortschreitend

Besonders deutlich wird das an der wangenseitigen (bukkalen) Wand, die häufig nur aus dünnem Bündelknochen besteht. Wie ausgeprägt der Rückbau im Einzelfall ausfällt, schwankt stark von Mensch zu Mensch — eine pauschale Vorhersage ist deshalb nicht möglich.

Ursachen, Verlauf und Folgen dieses Vorgangs sind im Eintrag Knochenabbau und ausführlich auf der Seite Knochenverlust nach Zahnentfernung dargestellt. Unmittelbar nach der Extraktion kann das leere Zahnfach aufgefüllt und abgedeckt werden, um den Rückgang zu dämpfen — die Socket Preservation.

Bedeutung für Implantate und Zahnersatz

Für ein Implantat ist der Kieferkamm das Lager. Es braucht Knochen, der es allseitig umschließt, damit es einheilen und Kaukräfte aufnehmen kann. Kammbreite und Kammhöhe entscheiden deshalb darüber, ob ohne vorbereitenden Knochenaufbau implantiert werden kann; die Knochendichte beeinflusst die Primärstabilität, also wie fest das Implantat unmittelbar nach dem Einbringen sitzt.

Reicht das Angebot nicht aus, wird der Kamm vor oder während der Implantation wiederhergestellt — die Verfahren sind unter Augmentation beschrieben; ein etabliertes Vorgehen ist die gesteuerte Knochenregeneration mit Barrieremembran (GBR).

Umgekehrt wirkt ein eingeheiltes Implantat auf den Kamm zurück: Es leitet Kaukräfte wieder in den Knochen, und der Restkamm um ein Implantat herum bleibt dadurch in der Regel eher erhalten. Für herausnehmbaren Zahnersatz ist der Kamm dagegen Auflage und Widerlager zugleich. Bei stark abgebautem Unterkieferkamm kauen Trägerinnen und Träger von Totalprothesen in der Regel messbar schlechter und bringen weniger Kaukraft auf als bei gut erhaltenem Kamm.

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Literatur

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