Lexikon
Biologische Breite
Die biologische Breite bezeichnet den physiologischen Gewebekomplex aus Saumepithel und bindegewebigem Attachment, der einen Zahn zirkulär oberhalb des Alveolarknochens umschließt und den Zahnhalteapparat gegenüber der Mundhöhle abdichtet. Sie schließt koronal unmittelbar an die Basis des Sulkus an und bildet gemeinsam mit diesem den dentogingivalen Komplex, über den die Gingiva mit der Zahnoberfläche verbunden ist. Weil dieser Gewebekomplex bei jeder Präparation und Restauration unterhalb des Zahnfleischsaums berührt werden kann, ist er ein zentraler Bezugspunkt der zahnärztlichen Prothetik und Parodontologie.
Aufbau
Der dentogingivale Komplex gliedert sich in drei aufeinanderfolgende Abschnitte: den Sulkus, das Saumepithel und das bindegewebige Attachment. Der Sulkus ist der schmale, mit Sulkusflüssigkeit gefüllte Spalt zwischen Zahnoberfläche und freier Gingiva; er lässt sich klinisch als Sondierungstiefe erfassen. Koronal des Alveolarknochens folgt das Saumepithel, ein nicht verhorntes Epithel, das der Zahnoberfläche anhaftet, gefolgt vom bindegewebigen Attachment, dessen Fasern in die Wurzeloberfläche einstrahlen. Saumepithel und bindegewebiges Attachment zusammen bilden die eigentliche biologische Breite.
Der klassische Referenzwert für diese Dimension stammt aus einer histologischen Untersuchung an menschlichen Kieferpräparaten und liegt bei rund 2 mm; die Sondierungstiefe des gesunden Sulkus wurde in derselben Untersuchung mit rund 0,7 mm angegeben. Eine spätere systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analysen bestätigte einen ähnlichen Mittelwert von rund 2,2 mm, fand zugleich aber eine sehr große individuelle Schwankungsbreite – von deutlich unter 1 mm bis über 6 mm, abhängig von Zahntyp, Messstelle und Zustand des Parodontiums. Einen festen, für jeden Zahn und jeden Patienten gleichermaßen gültigen Zahlenwert gibt es damit nicht; die biologische Breite ist stets patienten- und zahnspezifisch zu betrachten.
| Kenngröße | Gargiulo et al. 1961 (histologischer Referenzwert, circa) | Schmidt et al. 2013 (systematisches Review mit Meta-Analysen, circa) |
|---|---|---|
| Sondierungstiefe (Sulkus) | rund 0,7 mm | in der Übersichtsarbeit nicht gesondert erhoben |
| Biologische Breite gesamt (Saumepithel + bindegewebiges Attachment) | rund 2 mm | im Mittel rund 2,2 mm; individuell von deutlich unter 1 mm bis über 6 mm |
Terminologie
Im Zuge der internationalen Neuklassifikation parodontaler und periimplantärer Erkrankungen und Zustände wurde der Begriff biologische Breite durch die Fachbezeichnung supracrestales Attachment (englisch: supracrestal tissue attachment) ersetzt, definiert als funktionelle Einheit aus Saumepithel und supracrestalem bindegewebigem Attachment. Die Neubenennung geht auf den entsprechenden Konsensusbericht der American Academy of Periodontology und der European Federation of Periodontology zurück. Inhaltlich beschreiben beide Begriffe denselben Gewebekomplex; im deutschsprachigen klinischen Alltag hat sich „biologische Breite“ bislang nicht vollständig durch die neuere Terminologie ersetzt. Derselbe Konsensusbericht hält zugleich fest, dass ein Eindringen von Restaurationsrändern in das supracrestale bindegewebige Attachment mit Entzündung und/oder Verlust parodontalen Stützgewebes einhergehen kann – wobei offenbleibt, ob dentaler Biofilm, ein mechanisches Trauma, eine Unverträglichkeit des Restaurationsmaterials oder eine Kombination dieser Faktoren dafür ursächlich ist.
Klinische Bedeutung
Wird bei der Präparation einer Zahnkrone oder einer anderen festsitzenden Restauration die Präparationsgrenze zu weit subgingival gelegt, kann der Kronenrand in das bindegewebige Attachment eindringen und die biologische Breite verletzen. Das umliegende Gewebe reagiert auf diesen Dauerreiz typischerweise mit einer chronischen Entzündung, die sich klinisch als anhaltende Rötung, Schwellung und Blutungsneigung der Gingiva zeigt; hält der Reiz an, kann sich daraus ein fortschreitender Attachmentverlust mit Abbau des Alveolarknochens entwickeln. Klinisch fällt eine verletzte biologische Breite häufig durch eine persistierende marginale Entzündung trotz guter Mundhygiene auf, mitunter begleitet von lokalisiertem Zahnfleischrückgang im betroffenen Bereich. Von einer rein hygienebedingten Gingivitis oder einer beginnenden Parodontitis lässt sie sich am ehesten über den engen zeitlichen und örtlichen Zusammenhang mit der Restaurationsgrenze abgrenzen.
Diagnostik
Weil die biologische Breite unter der Gingiva liegt und weder auf einem Röntgenbild noch bei bloßer Sichtkontrolle zuverlässig zu beurteilen ist, wird sie klinisch über das sogenannte Bone Sounding erfasst. Dabei wird eine Parodontalsonde unter Lokalanästhesie senkrecht bis zum Knochenkontakt vorgeschoben und die Distanz zwischen Restaurationsrand beziehungsweise geplanter Präparationsgrenze und Knochenkamm gemessen. Die im gleichen Vorgang erfasste Sondierungstiefe wird von diesem Wert abgezogen, um die verbleibende biologische Breite abzuschätzen. Da Sondendruck, Gewebespannung und Entzündungsgrad das Messergebnis beeinflussen können, liefert das Bone Sounding stets eine individuelle Einzelfallmessung und keine Bestätigung eines festen Sollwerts; klinisch am lebenden Patienten gemessene Werte können von historischen histologischen Referenzwerten abweichen. Wiederholte Messungen an mehreren Stellen des Zahnumfangs erhöhen die Verlässlichkeit.
Behandlung
Ist die biologische Breite durch eine geplante Restauration voraussichtlich gefährdet oder bereits verletzt, stehen zwei etablierte Verfahren zur Verfügung, um vor der definitiven Versorgung wieder ausreichend Abstand zwischen Restaurationsrand und Knochenkamm zu schaffen:
- Chirurgische Kronenverlängerung: Dabei wird Weichgewebe reseziert (vergleiche Gingivektomie) und bei Bedarf zusätzlich Alveolarknochen abgetragen, um den Abstand zwischen Restaurationsrand und Knochenkamm dauerhaft zu vergrößern. Nach chirurgischer Kronenverlängerung bleiben die parodontalen Verhältnisse im behandelten Bereich über einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten überwiegend stabil; kontrollierte Studien zu diesem Verfahren sind bislang aber noch begrenzt. Der Eingriff kann sich zusätzlich auf benachbarte Zähne auswirken, was bei der Behandlungsplanung berücksichtigt werden sollte.
- Orthodontische Extrusion: Alternativ kann der Zahn langsam kieferorthopädisch extrudiert werden. Der Zahn wandert dabei samt umgebendem Weichgewebe koronal, wodurch sich der Abstand zwischen der neuen Restaurationsgrenze und dem Knochenkamm vergrößert, ohne dass Knochen reseziert werden muss. Bei stark zerstörten Zähnen kommt das Verfahren insbesondere als Alternative zur chirurgischen Kronenverlängerung oder zur operativen Extrusion infrage, unter anderem weil sich damit auch ein ausreichender Fassreif für die spätere Restauration wiederherstellen lässt.
Zahnimplantate
Auch um enossale Zahnimplantate bildet sich ein vergleichbarer Weichgewebekomplex aus sulkulärem Epithel, Saumepithel und bindegewebiger Manschette, der die periimplantäre Mukosa gegenüber dem Knochen abdichtet. Diese periimplantäre biologische Breite ist deutlich ausgedehnter als am natürlichen Zahn und beträgt rund 3 bis 4 mm zwischen der Spitze der periimplantären Mukosa und dem ersten Knochen-Implantat-Kontakt. Da Implantate keine Wurzelzementoberfläche besitzen, unterscheidet sich der Faseransatz der periimplantären Weichgewebsmanschette strukturell von dem des natürlichen Zahns. Für die Praxis bedeutet das, dass auch bei der Positionierung der Implantatschulter und des Abutment-Randes ausreichend Abstand zum krestalen Knochen eingeplant werden sollte.
IMPLANTAT-SPEZIALISTEN IN IHRER NÄHE
Literatur
Literatur und Quellenangaben
- Gargiulo AW, Wentz FM, Orban B. Dimensions and relations of the dentogingival junction in humans. J Periodontol. 1961;32(3):261–267. https://doi.org/10.1902/jop.1961.32.3.261
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- Cordaro M, Staderini E, Torsello F, Grande NM, Turchi M, Cordaro M. Orthodontic Extrusion vs. Surgical Extrusion to Rehabilitate Severely Damaged Teeth: A Literature Review. Int J Environ Res Public Health. 2021;18(18):9530. https://doi.org/10.3390/ijerph18189530
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