Lexikon
Augmentation am Kieferkamm
Der Begriff Augmentation stammt vom lateinischen augere für vermehren und bezeichnet in der Medizin allgemein den Aufbau oder die Vergrößerung von Gewebe. In der zahnärztlichen Implantologie ist Augmentation der Oberbegriff für alle Maßnahmen, die verlorenes Gewebe am Kieferkamm ersetzen, damit ein Zahnimplantat gesetzt werden kann oder langfristig gesund bleibt. Das eingebrachte Material wird als Augmentat bezeichnet. Außerhalb der Zahnmedizin ist der Begriff vor allem aus der ästhetischen Chirurgie bekannt, etwa als Brustaugmentation – gemeint ist dort dasselbe Prinzip an anderer Stelle.
Augmentation beschreibt also das Ziel, nicht das Verfahren. Welche Technik im Einzelfall zum Einsatz kommt – vom Sinuslift über den Knochenblock bis zur Distraktionsosteogenese –, wie ein solcher Eingriff abläuft und was er kostet, ist auf der Seite zum Knochenaufbau des Kiefers für Zahnimplantate ausführlich beschrieben. Dieser Eintrag ordnet den Begriff ein.
Hartgewebe und Weichgewebe
An einem Implantat können zwei verschiedene Gewebearten fehlen, und beide lassen sich aufbauen. Hart- und Weichgewebedefizite gelten als übliche klinische Befunde, die zu Komplikationen führen und den Erhalt eines Implantats gefährden können.
Die Hartgewebeaugmentation vermehrt Kieferknochen. Sie ist nötig, wenn der Kieferkamm nach Zahnverlust geschrumpft ist – siehe Atrophie – und dem Implantat nicht mehr genug Knochen für die Osseointegration zur Verfügung steht.
Die Weichgewebeaugmentation vermehrt Schleimhaut. Sie verfolgt zwei unterschiedliche Ziele: die Verbreiterung der keratinisierten, also festen und unverschieblichen Mukosa rund um das Implantat, und die Verdickung der Schleimhaut. Beides wird in erster Linie mit körpereigenen Weichgewebstransplantaten erreicht – die Verbreiterung vor allem mit einem freien Schleimhauttransplantat, die Verdickung mit einem Bindegewebstransplantat. Implantate mit mindestens zwei Millimetern keratinisierter Mukosa zeigen in der Zusammenschau der Studien günstigere Werte bei Blutung auf Sondierung, Plaqueanlagerung, marginalem Knochenverlust und Rezession. Diese Beobachtung beruht überwiegend auf Querschnittsstudien und belegt einen Zusammenhang, keine Ursache – eine Indikationsstellung lässt sich daraus allein nicht ableiten. In der ästhetisch sichtbaren Zone führt eine Weichgewebeaugmentation nach Konsensuslage zu besseren ästhetischen Ergebnissen als der Verzicht darauf.
Richtung des Aufbaus
Knochen kann in die Breite oder in die Höhe aufgebaut werden. Die horizontale oder laterale Augmentation verbreitert einen zu schmalen Kieferkamm. Die vertikale Augmentation erhöht einen zu flachen Kamm.
Diese Unterscheidung ist keine Formalie, sondern der wichtigste Schwierigkeitsgrad in der Augmentationschirurgie. Der Cochrane-Review zu horizontalen und vertikalen Augmentationstechniken hält fest, dass Komplikationen häufig sind und besonders bei der vertikalen Augmentation auftreten. Eine Meta-Analyse zur vertikalen Augmentation kommt auf einen mittleren Knochengewinn von gut vier Millimetern über alle Verfahren hinweg, weist aber verfahrensabhängige Komplikationsraten zwischen rund zwölf und knapp fünfzig Prozent aus. Eine Auswertung von Augmentationsmaterialien beziffert den mittleren Gewinn mit partikulären Materialien sowohl horizontal als auch vertikal auf knapp vier Millimeter; in vertikaler Richtung lässt sich der Gewinn mit raumhaltenden Titangittern steigern, allerdings bei deutlich höherer Komplikationsrate. Substanzielle vertikale Gewinne über diesen Wert hinaus erfordern laut derselben Auswertung autologe Knochenblöcke aus extraoralen Entnahmestellen.
Zeitpunkt gegenüber der Implantation
Die zweite Ordnungsgröße ist der zeitliche Bezug zur Implantation. Simultan bedeutet, dass Augmentat und Implantat in einer Sitzung eingebracht werden. Zweizeitig oder gestaffelt heißt, dass zuerst aufgebaut wird und das Implantat erst nach der Einheilung des Augmentats folgt.
Eine Meta-Analyse zur lateralen Augmentation hat beide Strategien getrennt ausgewertet und für beide Implantatüberlebens- und Erfolgsraten über 95 Prozent gefunden. Unterschiedlich war vor allem die typische Materialwahl: Beim simultanen Vorgehen überwogen xenogene Materialien in Kombination mit einer resorbierbaren Membran, beim zweizeitigen Vorgehen autologe Knochenblöcke. Ein randomisierter Direktvergleich, der eine der beiden Strategien als überlegen ausweisen würde, findet sich in den ausgewerteten Übersichtsarbeiten nicht. Die Entscheidung richtet sich deshalb nach dem Defekt: Kleinere Defekte wie Dehiszenzen und Fenestrationen sind einer simultanen Vorgehensweise gut zugänglich, ausgedehnte horizontale und vertikale Defekte werden häufiger zweizeitig versorgt.
Herkunft des Augmentats
Nach der Herkunft des Materials werden vier Klassen unterschieden: autolog (körpereigen), allogen (von einem menschlichen Spender), xenogen (aus tierischem oder pflanzlichem Gewebe) und alloplastisch (synthetisch, etwa Beta-Trikalziumphosphat). Die Eigenschaften der einzelnen Materialien sind unter Knochenersatzmaterial dargestellt.
Für die Begriffseinordnung ist eine Beobachtung wichtig: In einer Auswertung von 184 Studien mit 6.182 Patienten entlang dieser vier Klassen unterschied sich der horizontale Knochengewinn partikulärer Materialien statistisch nicht signifikant zwischen den Materialklassen. In den hier ausgewerteten Übersichtsarbeiten findet sich keine Meta-Analyse randomisierter Direktvergleiche der vier Klassen. Körpereigener Knochen gilt traditionell als Goldstandard; ein statistisch signifikanter Vorteil beim horizontalen Knochengewinn ließ sich in der Auswertung partikulärer Materialien allerdings nicht zeigen. Die Vierteilung beschreibt damit die Herkunft, nicht eine belegte Rangfolge.
Die vier Ordnungsgrößen im Überblick
| Ordnungsgröße | Ausprägungen | Wonach sich die Zuordnung richtet |
|---|---|---|
| Gewebeart | Hartgewebe · Weichgewebe | Was fehlt: Knochen oder Schleimhaut |
| Richtung | horizontal (lateral) · vertikal | Form des Defekts am Kieferkamm |
| Zeitpunkt | simultan · zweizeitig | Größe des Defekts und erreichbare Primärstabilität |
| Herkunft des Materials | autolog · allogen · xenogen · alloplastisch | Defektgröße, Verfügbarkeit, Entnahmebelastung |
Abgrenzung zu benachbarten Begriffen
Knochenaufbau wird im Sprachgebrauch häufig gleichbedeutend mit Augmentation verwendet, meint aber nur deren Hartgewebeanteil – siehe Knochenaufbau. Augmentation ist der weitere Begriff, weil er die Weichgewebeseite einschließt.
Regeneration beschreibt nicht das Einbringen von Material, sondern das gesteuerte Nachwachsen von körpereigenem Gewebe – so bei der gesteuerten Knochenregeneration (GBR) und der gesteuerten Geweberegeneration (GTR), bei denen eine Membran das rascher nachwachsende Weichgewebe fernhält, damit das langsamer wachsende Zielgewebe den Defekt besiedeln kann. Augmentation und Regeneration schließen sich nicht aus, sie werden in der Praxis meist kombiniert.
Socket Preservation ist keine Augmentation im eigentlichen Sinn, sondern deren Vermeidung: Nach einer Zahnentfernung wird das Zahnfach so versorgt, dass der Knochen möglichst wenig schrumpft – der Aufbau soll dadurch gar nicht erst nötig werden. Siehe Socket Preservation.
Evidenzlage
Zur Wirksamkeit der Augmentation im Grundsatz ist die Studienlage eindeutig: Kieferknochen lässt sich horizontal wie vertikal aufbauen, und Implantate in augmentiertem Knochen erreichen hohe Überlebensraten. Deutlich schwächer ist die Evidenz beim Vergleich der Verfahren untereinander. Die beiden einschlägigen Cochrane-Reviews kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass sich nicht sagen lässt, welche Technik die wirksamste ist – zu wenige Studien, zu kleine Fallzahlen, zu kurze Nachbeobachtung, zu hohes Verzerrungsrisiko. Beide Reviews stammen aus den Jahren 2009 und 2014 und wurden seither nicht aktualisiert; eine neuere Cochrane-Übersicht zur knöchernen Kieferkammaugmentation gibt es nicht.
Für Patientinnen und Patienten heißt das: Belegt ist vor allem, dass sich Kieferknochen aufbauen lässt und Implantate darin gut überleben. Ob im Einzelfall aufgebaut oder stattdessen ein kürzeres Implantat gesetzt wird, ist damit nicht entschieden: Für den zurückgebildeten Unterkiefer sieht der Cochrane-Review zu den horizontalen und vertikalen Augmentationstechniken kurze Implantate sogar im Vorteil, während der Cochrane-Review zur Augmentation des Oberkiefer-Sinusbodens die Evidenz für einen solchen Vergleich als unzureichend einstuft. Am wenigsten belegt ist, womit aufgebaut werden sollte. Die Auswahl des Verfahrens und des Materials trifft die behandelnde Zahnärztin oder der behandelnde Zahnarzt anhand von Defekt, Lokalisation und individuellen Voraussetzungen.
Literatur
Literatur und Quellenangaben
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