Lexikon

Adhäsives Zementieren

Adhäsives Zementieren bezeichnet das Eingliedern einer Restauration, bei dem Zahnhartsubstanz und Werkstück über ein Adhäsivsystem und ein Befestigungskomposit chemisch und mikromechanisch miteinander verbunden werden — und nicht allein über die Formschlüssigkeit eines Zements in der Präparation gehalten werden. Das Verfahren wurde vor allem für das haftoptimierte Einkleben von Kronen, Inlays und Veneers aus fragilen Vollkeramik-Restaurationen entwickelt, um einen maximalen Verbund zwischen Zahn und Keramik zu erzielen. Bei den heute gebräuchlichen, mechanisch belastbareren Keramiken für Zahnkronen — Zirkonoxid und Lithiumdisilikat — gilt das adhäsive Zementieren nicht mehr in jedem Fall als zwingend.

Wirkprinzip

Der Verbund entsteht auf zwei Seiten gleichzeitig. Auf der Zahnseite wird die Oberfläche physikalisch-chemisch konditioniert: Das Anätzen der Zahnsubstanz legt im Zahnschmelz ein Mikrorelief frei, in das der Kunststoff eindringt; im Dentin vermittelt ein Dentinadhäsiv den Übergang zwischen der feuchten, kollagenhaltigen Zahnsubstanz und dem hydrophoben Kunststoff. Auf der Seite der Restauration wird die Klebefläche je nach Werkstoff aufgeraut und mit einem Haftvermittler belegt, der eine chemische Brücke zum Kunststoff bildet.

Zwischen beiden vorbehandelten Flächen liegt das Befestigungskomposit — ein gefüllter Kunststoff, der lichtinitiiert, chemisch oder dual aushärtet. Erst diese durchgehende Kette aus konditionierter Zahnoberfläche, Adhäsiv, Befestigungskomposit und vorbehandelter Restaurationsfläche macht den Unterschied zur konventionellen Zementierung aus, bei der der Zement die Restauration im Wesentlichen mechanisch in der Präparation verkeilt.

Ablauf

Der abrechnungsrelevante Leistungsinhalt der adhäsiven Befestigung umfasst mehrere klar benannte Arbeitsschritte. In der Praxis gliedert sich der Vorgang üblicherweise so:

  1. Konditionieren der Zahnkontaktflächen — Schmelz, Dentin und gegebenenfalls Wurzeldentin — durch Anätzen, klassisch mit Phosphorsäure.
  2. Auftragen eines Dentinadhäsivs zur Haftvermittlung im Dentin.
  3. Auftragen der Adhäsivschichten (Bonding) unter Verwendung eines Befestigungskomposits.
  4. Adhäsives Eingliedern und Anpassen der Restauration — Aufbau, Krone, Inlay, Teilkrone, Veneer.
  5. Lichthärtung.
  6. Entfernen der Überschüsse des Befestigungskomposits.

Die Adhäsivsysteme unterscheiden sich darin, wie viele dieser Schritte in einem Produkt zusammengefasst sind. Etch-and-Rinse-Systeme trennen Ätzung, Primer und Bonding; selbstätzende Systeme verbinden Ätzung und Primer; selbstadhäsive Befestigungskomposite kommen ohne separate Konditionierung der Zahnoberfläche aus. In einer Übersichtsarbeit mit Metaanalyse randomisierter klinischer Studien schnitten selbstadhäsive Befestigungskomposite hinsichtlich Verlustrate und Überleben schlechter ab als Systeme mit separater selektiver Schmelzätzung oder selbstätzendem Adhäsiv; im Vergleich zum Etch-and-Rinse-Vorgehen bei intrakoronalen Restaurationen fand sich über die dort ausgewerteten, eher kurzen Beobachtungszeiträume kein Unterschied. Postoperative Überempfindlichkeiten waren in derselben Auswertung nicht vom gewählten Adhäsivprotokoll abhängig.

Abgrenzung zur konventionellen Zementierung

Konventionelle Zemente wie Zinkphosphat- oder Glasionomerzement füllen den Spalt zwischen Stumpf und Restauration und halten diese vor allem über Reibung und Formschluss. Adhäsive Befestigung ersetzt diesen Halt durch einen Klebeverbund und wird deshalb überall dort eingesetzt, wo die Präparation für einen rein mechanischen Halt zu wenig Fläche bietet oder wo die Restauration selbst auf den Verbund angewiesen ist — etwa bei Veneers, Keramikeinlagefüllungen und Klebebrücken.

MerkmalAdhäsive BefestigungKonventionelle Zementierung
HaltemechanismusKlebeverbund zu Zahnhartsubstanz und RestaurationFormschluss und Reibung in der Präparation
BefestigungsmaterialBefestigungskomposit mit AdhäsivsystemZinkphosphat-, Glasionomer- oder Carboxylatzement
Vorbehandlung der ZahnoberflächeAnätzen und Adhäsiv erforderlichKeine Konditionierung erforderlich
Vorbehandlung der RestaurationWerkstoffabhängig, siehe Tabelle untenIn der Regel nicht erforderlich
Empfindlichkeit gegen FeuchtigkeitHoch — Speichel und Blut stören den VerbundGeringer
Typische AnwendungVeneers, Keramikinlays und -teilkronen, Klebebrücken, adhäsive AufbautenKronen und Brücken auf ausreichend retentiven Stümpfen
Arbeitsaufwand am BehandlungsstuhlMehrere aufeinander abgestimmte EinzelschritteWenige Arbeitsschritte

Vorbehandlung der Restauration

Welche Vorbehandlung die Klebefläche braucht, hängt vom Werkstoff ab. Glaskeramiken lassen sich chemisch anätzen und silanisieren, Oxidkeramiken wie Zirkonoxid nicht — dort übernehmen mechanisches Aufrauen und phosphatmonomerhaltige Haftvermittler diese Rolle. Die Belege dafür stammen überwiegend aus Laboruntersuchungen an Haftverbundwerten; klinische Vergleichsstudien über lange Zeiträume liegen nur eingeschränkt vor.

WerkstoffgruppeVorbehandlung der KlebeflächeBelegsituation
Glaskeramik (Feldspat- und leuzitverstärkte Keramik)Ätzung mit Flusssäure, anschließend SilanisierungEtabliertes Referenzprotokoll der Laborstudien
LithiumdisilikatÄtzung mit Flusssäure und Silanisierung; selbstätzende Silanprimer werden als Alternative untersuchtIn-vitro-Metaanalyse sieht selbstätzende Silanprimer als aussichtsreiche Alternative zum Referenzprotokoll
ZirkonoxidAbstrahlen mit Aluminiumoxid, danach phosphatmonomerhaltiger (MDP-)Primer oder MDP-haltiges BefestigungskompositIn-vitro-Netzwerk-Metaanalyse: höchste Haftwerte bei mechanischer und mechano-chemischer Vorbehandlung; klinisch bislang kurzfristige Ergebnisse
Schichtenfolge beim adhäsiven Zementieren: konditionierter Zahn, Adhäsiv, Befestigungskomposit, Haftvermittler und Restauration
Die Verbundkette beim adhäsiven Zementieren: Jede Schicht muss zur nächsten passen, damit der Klebeverbund trägt.

Trockenlegung

Da mehrere Komponenten des Verfahrens feuchtigkeitsempfindlich sind, kann zusätzlich eine absolute Trockenlegung mittels Kofferdam (Spanngummi) zur Isolation des Zahns vom Rest der Mundhöhle angezeigt sein. Ein Cochrane-Review zu direkten Füllungen fand Hinweise darauf, dass Restaurationen unter Kofferdam nach sechs Monaten seltener versagten als solche unter Watterollen-Trockenlegung; die Aussagesicherheit dieser Evidenz stufen die Autoren als niedrig ein, und für spätere Zeitpunkte ist sie sehr unsicher. Für indirekte, adhäsiv befestigte Restaurationen liegt keine vergleichbare Auswertung vor. Erschwerte Trockenlegung, etwa bei Papillenblutung oder starkem Speichelfluss, gilt nach dem GOZ-Kommentar der Bundeszahnärztekammer als zusätzlicher Aufwand, der eine Steigerung des Gebührensatzes begründen kann.

Klinische Bedeutung

Für adhäsiv befestigte keramische Einlagefüllungen ist die Datenlage vergleichsweise gut. Eine systematische Übersicht mit Metaanalyse ermittelte für keramische Inlays, Onlays und Overlays Überlebensraten zwischen 92 und 95 Prozent nach fünf Jahren und 91 Prozent nach zehn Jahren; häufigster Misserfolgsgrund waren Frakturen und Abplatzungen, während ein Verlust des Klebeverbunds nur etwa ein Prozent der Restaurationen betraf. Für keramische Veneers aus Feldspat-, leuzitverstärkter und Lithiumdisilikat-Keramik ergab eine weitere Metaanalyse Überlebensraten zwischen rund 94 und 97 Prozent bei einer mittleren Beobachtungszeit von etwa zehn Jahren.

Bei Zirkonoxid ist der Klebeverbund seltener der Träger der Versorgung, aber dort besonders wichtig, wo keine retentive Präparation existiert. Eine systematische Übersicht mit Metaanalyse klinischer Studien berichtet für zirkonoxidbasierte Klebebrücken Überlebensraten um 97 Prozent über zehn bis fünfzehn Jahre. Für Einzelkronen, die nach Abstrahlen und MDP-Anwendung befestigt wurden, fanden die Autoren günstige, allerdings kurzfristige Ergebnisse; die Vertrauenswürdigkeit der Gesamtevidenz stufen sie als sehr gering ein.

Kosten und Berechnung

In der Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ) 2012 ist für das adhäsive Zementieren eine eigene Gebührenposition enthalten: die GOZ 2197 „Adhäsive Befestigung (plastischer Aufbau, Stift, Inlay, Krone, Teilkrone, Veneer etc.)“. Die Position ist mit 130 Punkten bewertet; darüber hinaus enthält die Anlage 1 zur GOZ zu dieser Nummer keine Abrechnungsbestimmung. Nach dem GOZ-Kommentar der Bundeszahnärztekammer gilt sie der Abgeltung des intraoral erforderlichen zahnärztlichen Mehraufwands gegenüber einer konventionellen Zementierung.

SteigerungsfaktorGebühr GOZ 2197Einordnung
2,3-fach16,82 €Regelspanne, ohne besondere Begründung
3,5-fach25,59 €Obergrenze des Gebührenrahmens, Begründung erforderlich
5,0-fach36,56 €Oberhalb des Gebührenrahmens, nur mit schriftlicher Vereinbarung nach § 2 GOZ

Grundlage der Beträge sind 130 Punkte und der Punktwert von 5,62421 Cent. Auch die Abgrenzung zu benachbarten Positionen folgt dem Kommentar der Bundeszahnärztekammer: Danach ist die Nummer 2197 neben zahlreichen Restaurationsleistungen zusätzlich berechnungsfähig, unter anderem neben Einlagefüllungen, plastischem Aufbau, Stiftaufbauten sowie Kronen und Teilkronen; bei der Befestigung von Brücken wird sie je Brückenpfeiler angesetzt. Im Zusammenhang mit der Fissurenversiegelung nach GOZ 2000 ist sie dagegen nicht zusätzlich berechnungsfähig, weil die adhäsive Befestigung dort bereits Bestandteil der Leistung ist. Die extraorale Vorbereitung des zahntechnischen Werkstücks, etwa durch Anätzen oder Abstrahlen, ist eine zahntechnische Leistung und wird gesondert ausgewiesen.

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Literatur

Literatur und Quellenangaben
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  • Alghauli MA, Alqutaibi AY, Wille S, Kern M. Clinical reliability of self-adhesive luting resins compared to other adhesive procedures: A systematic review and meta-analysis. J Dent. 2023;129:104394. doi:10.1016/j.jdent.2022.104394
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  • Brunetto JL, Pesqueira AA, do Vale-Souza JP, et al. Comparison of self-etching and conventional bifunctional coupling agent in lithium disilicate ceramic: A systematic review and meta-analysis. J Clin Exp Dent. 2024;16(3):e367–e376. doi:10.4317/jced.61369
  • Klein P, Spitznagel FA, Zembic A, et al. Survival and Complication Rates of Feldspathic, Leucite-Reinforced, Lithium Disilicate and Zirconia Ceramic Laminate Veneers: A Systematic Review and Meta-Analysis. J Esthet Restor Dent. 2025;37(3):601–619. doi:10.1111/jerd.13351
  • Miao C, Yang X, Wong MCM, et al. Rubber dam isolation for restorative treatment in dental patients. Cochrane Database Syst Rev. 2021;5(5):CD009858. doi:10.1002/14651858.CD009858.pub3
  • Alqutaibi AY, Alghauli MA, Almuzaini SA, et al. Failure and complication rates of different materials, designs, and bonding techniques of ceramic cantilever resin-bonded fixed dental prostheses for restoring missing anterior teeth: A systematic review and meta-analysis. J Esthet Restor Dent. 2024;36(10):1396–1411. doi:10.1111/jerd.13238
  • Bundeszahnärztekammer. GOZ-Kommentar, GOZ Nr. 2197 – Adhäsive Befestigung. bzaek.de
  • abrechnung dental. GOZ 2197 – Adhäsive Befestigung (plastische Aufbaufüllung, Stift, Inlay, Krone, Teilkrone, Veneer etc.). abrechnung-dental.de

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