Lexikon
Distraktionsosteogenese am Kiefer
Die Distraktionsosteogenese ist ein chirurgisches Verfahren zum Aufbau des Kieferknochens: Ein abgetrennter Knochenabschnitt wird über eine Stellschraube schrittweise vom übrigen Knochen weggezogen, und im entstehenden Spalt bildet der Körper neuen eigenen Knochen. Die Übersetzung des Begriffs erklärt schon die Technik: „Knochenneubildung durch Auseinanderziehen“. Das Prinzip geht auf den russischen Chirurgen Gawriil Ilizarov zurück, der damit seit Ende der 1950er Jahre in der Beinverlängerung revolutionäre Erfolge erzielte. Später wurde das Verfahren auf den Alveolarkamm übertragen. In der Zahnmedizin dient es vor allem der vertikalen Augmentation: der Erhöhung eines Kieferkamms, der für Implantate zu niedrig ist.
Prinzip und Ablauf
Am Anfang steht eine Osteotomie: Der zu erhöhende Kieferabschnitt wird in ein ortsfestes Basissegment und ein bewegliches Transportsegment getrennt. Knochenhaut und Durchblutung des Transportsegments bleiben dabei so weit wie möglich erhalten, denn sie tragen die spätere Knochenneubildung. Auf beide Segmente wird die Distraktionsvorrichtung (Distraktor) geschraubt, deren Gewindespindel die Segmente auseinanderbewegt.
Die Behandlung läuft danach in drei Phasen ab. In der Latenzphase von etwa fünf bis sieben Tagen heilt zunächst das Weichgewebe über dem Zugang; das senkt das Risiko von Wundheilungsstörungen. In der Distraktionsphase wird die Schraube täglich aktiviert und das Transportsegment um insgesamt etwa einen halben bis einen Millimeter pro Tag angehoben, möglichst verteilt auf mehrere kleine Schritte. Im Spalt entsteht dabei fortlaufend Kallus, junges Knochengewebe aus der Bruchheilung. Ein schnelleres Tempo bringt keinen Vorteil: Höhere Tagesraten gingen häufiger mit unzureichender Knochenbildung einher. In der anschließenden Konsolidierungsphase von etwa drei bis vier Monaten reift der Kallus zu belastbarem Knochen; der Distraktor bleibt in dieser Zeit als Halterung an Ort und Stelle. Danach wird er in einem zweiten Eingriff entfernt, und die Implantate können gesetzt werden.

Durch den Distraktor werden oberer und unterer Knochenanteil unter Knochenneubildung auseinandergezogen
| Phase | Typische Dauer | Vorgang |
|---|---|---|
| Latenzphase | ca. 5 bis 7 Tage | Weichgewebe heilt über dem Zugang, die Segmente bleiben in Ruhe |
| Distraktionsphase | bis zur Zielhöhe | Tägliche Aktivierung um ca. 0,5 bis 1 mm, auf kleine Schritte verteilt; im Spalt bildet sich Kallus |
| Konsolidierungsphase | ca. 3 bis 4 Monate | Kallus reift zu tragfähigem Knochen; danach Distraktorentfernung und Implantation |
Distraktoren am Kiefer
Am Alveolarkamm kommen überwiegend vertikale Distraktoren zum Einsatz, die den Kamm in der Höhe aufbauen; daneben gibt es die horizontale Distraktion zur Verbreiterung des Kamms. Die Geräte werden intraoral getragen. Nach der Verankerung werden extraossäre Distraktoren, die außen auf dem Knochen verschraubt sind, von intraossären unterschieden, deren Spindel durch das Transportsegment verläuft. Die Ausrichtung des Geräts legt die Bewegungsrichtung fest, den Distraktionsvektor; Abweichungen des Transportsegments von dieser Richtung gehören zu den häufigsten Komplikationen des Verfahrens.
Einsatz in der Implantologie
Ihren festen Platz hat die Distraktion beim ausgeprägten vertikalen Knochendefizit, etwa nach langjähriger Atrophie eines zahnlosen Kieferabschnitts. Sie steht dort neben dem Aufbau mit einem Knochenblock und der gesteuerten Knochenregeneration (GBR) mit Membran und Knochenersatzmaterial.
Mit der Distraktion lässt sich mehr Höhe gewinnen als mit den anderen Verfahren: Der Zuwachs liegt meist um 8 mm, beschrieben sind Spannen von etwa 4 bis 20 mm. Bis zur Implantation geht davon in der Regel rund ein Millimeter wieder verloren. Zwei Eigenschaften unterscheiden das Verfahren von Knochenblock und GBR: Es wird kein Fremdmaterial und kein an anderer Stelle entnommener Knochen eingebracht, der neue Knochen entsteht an Ort und Stelle. Und das Weichgewebe wächst mit der neuen Höhe mit, statt gedehnt oder zusätzlich aufgebaut werden zu müssen. Implantate im distrahierten Knochen halten in der Regel ähnlich gut wie im nicht aufgebauten Knochen; die Überlebensraten liegen meist über 95 Prozent.
Komplikationen und Grenzen
Komplikationen sind bei der Distraktion häufig, je nach Auswertung bei etwa einem Drittel bis knapp der Hälfte der Eingriffe. Sie bleiben aber überwiegend gering und führen selten zu ernsten Problemen. Am häufigsten weicht das Transportsegment von der geplanten Richtung ab oder die Knochenbildung bleibt hinter der Erwartung zurück; ein Bruch des Basisknochens ist selten. Dazu kommen die Belastungen des Verfahrens selbst: Der Distraktor muss über Wochen im Mund getragen und täglich aktiviert werden, was die Mitwirkung des Patienten verlangt. Die Behandlung umfasst mehr Kontrolltermine als andere Aufbauverfahren, und die Entfernung des Geräts erfordert einen zweiten Eingriff.
Stellenwert
Die Distraktionsosteogenese ist kein Routineverfahren, sondern eine Option für ausgewählte Fälle, in denen viel vertikale Höhe gewonnen werden muss und kleinere Lösungen nicht ausreichen. Wo nur wenig Knochen fehlt, sind GBR oder ein Knochenblock meist die einfachere Wahl; im stark abgebauten Unterkiefer scheinen kurze Implantate oft die bessere Alternative zum vertikalen Aufbau zu sein. Den Ablauf in Bildern und die Kosten des Eingriffs zeigt der Ratgeber Distraktion zur Erhöhung des Kieferknochens; einen Überblick über alle Aufbauverfahren gibt die Seite Knochenaufbau des Kiefers.
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Literatur
Literatur und Quellenangaben
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