Lexikon
BOP (Blutung auf Sondieren)
BOP (Blutung auf Sondieren, englisch Bleeding on Probing) bezeichnet das Auftreten einer punktförmigen Blutung, wenn eine Parodontalsonde mit definiertem, leichtem Druck in den Sulkus zwischen Zahn oder Implantat und dem umgebenden Weichgewebe eingeführt wird. Bleibt die Blutung aus, gilt der Befund als BOP-negativ; tritt innerhalb weniger Sekunden ein Blutstropfen aus, als BOP-positiv. Der Befund gilt neben der Sondierungstiefe als einer der wichtigsten klinischen Parameter zur Beurteilung einer aktiven Entzündung der Gingiva oder der periimplantären Mukosa und wird sowohl in der Erstdiagnostik als auch in der Verlaufskontrolle erhoben.
Historische Entwicklung
Die Idee, den Anteil blutender Stellen als einfachen, objektiven Entzündungsparameter zu erfassen, geht auf eine Arbeit der Zahnmediziner Jorma Ainamo und I. Bay aus dem Jahr 1975 zurück. Sie schlugen vor, anstelle der bis dahin gebräuchlichen, mehrstufig abgestuften Gingivitis-Indizes den Anteil der beim Sondieren blutenden Stellen an der Gesamtzahl der untersuchten Stellen zu bestimmen – ein Verfahren, das sich als einfach, reproduzierbar und für die zahnärztliche Praxis alltagstauglich erwies. Aus diesem Vorschlag entwickelte sich die heute übliche Erhebung von BOP als Prozentsatz blutender Sondierungsstellen, die in nahezu jedem parodontalen Index- und Klassifikationssystem verwendet wird.
Einordnung in die aktuelle Klassifikation
Nach der gemeinsam von der American Academy of Periodontology und der European Federation of Periodontology getragenen Klassifikation parodontaler Erkrankungen von 2018 ist der BOP-Anteil das zentrale Kriterium, um bei einem intakten Parodont zwischen parodontaler Gesundheit und einer Gingivitis zu unterscheiden und deren Ausdehnung zu beurteilen:
| BOP-Anteil der Messstellen | Befund |
|---|---|
| unter 10 % | Parodontale Gesundheit |
| 10 bis 30 % | Lokalisierte Gingivitis |
| über 30 % | Generalisierte Gingivitis |
Für Patientinnen und Patienten mit bereits reduziertem Zahnhalteapparat gilt eine abgewandelte Definition: Auch hier spricht ein BOP-Anteil ab 10 % für eine gingivale Entzündung, sofern an keiner Stelle gleichzeitig eine Sondierungstiefe von 4 mm oder mehr vorliegt – andernfalls handelt es sich um eine floride Parodontitis und nicht mehr nur um eine Gingivitis. Im Rahmen der deutschen PAR-Richtlinie ist die Sondierungsblutung eine von vier verpflichtenden Befundpositionen des Parodontalstatus; Einzelheiten zur Erhebung, zum Parodontalen Screening-Index (PSI) und zur Einstufung nach Stadium und Grad sind dort ausführlich beschrieben.
Durchführung
Die Erhebung selbst folgt der allgemeinen Sondiertechnik: Eine kalibrierte Parodontalsonde wird mit standardisiert leichtem Druck in den Sulkus eingeführt; ob und wie stark es dabei blutet, wird unmittelbar im Anschluss beurteilt. Die genaue Handhabung der Sonde, die gebräuchlichen Sondentypen und die Besonderheiten der Messung am Implantat sind ausführlich im Eintrag zur Parodontalsonde beschrieben.


Aussagekraft und Vorhersagewert
Eine systematische Übersichtsarbeit zur Vorhersagekraft von Sondierungsblutung und Resttaschentiefe nach parodontaler Erstbehandlung fand in der verfügbaren Literatur nur eine Arbeit, die ihre strengen methodischen Einschlusskriterien erfüllte: Danach sagte eine verbleibende Sondierungstiefe weiteren Attachmentverlust eher voraus als eine anhaltende Sondierungsblutung. Die zugrunde liegende Datenlage ist damit schmal. Eine ältere, vielzitierte Einzeluntersuchung an parodontal nachbetreuten Patientinnen und Patienten über zweieinhalb Jahre kam zu einem differenzierteren Bild: Blieb die Sondierungsblutung an einer Stelle über wiederholte Kontrollen hinweg durchgehend aus, wertete die Studie das als Hinweis darauf, dass dort kein weiterer Attachmentverlust zu erwarten war; ein einzelner positiver Befund allein sagte dagegen nur eingeschränkt etwas über den weiteren Verlauf aus. In der zahnärztlichen Praxis wird BOP deshalb nicht als isolierter Einzelbefund, sondern im Vergleich zu vorangegangenen Kontrollen bewertet.
Grenzen und Störfaktoren
Mehrere Faktoren schränken die Aussagekraft eines einzelnen BOP-Befundes ein. Bei Raucherinnen und Rauchern ist die Gefäßreaktion des Zahnfleischs durch die gefäßverengende Wirkung des Tabakkonsums gedämpft; ein negativer BOP-Befund schließt bei ihnen eine bestehende Entzündung deshalb möglicherweise weniger sicher aus als bei Nichtrauchern.
Auch die Sondiertechnik selbst beeinflusst das Ergebnis: Wird mit zu hohem Druck sondiert, kann bereits die mechanische Reizung einer gesunden Gingiva eine Blutung auslösen, die keine Entzündung anzeigt – ein falsch positiver Befund. Zur korrekten, standardisierten Sondierkraft siehe den Eintrag zur Parodontalsonde. Umgekehrt kann eine zu vorsichtige oder zu kurz gehaltene Sondierung eine tatsächlich vorhandene Entzündung übersehen (falsch negativer Befund). Der Befund ist damit technik-sensitiv und in seiner Aussagekraft an eine korrekte, reproduzierbare Durchführung gebunden.
Bedeutung für Recall und unterstützende Parodontitistherapie
Weil ein anhaltend negativer BOP-Befund als Hinweis darauf gilt, dass an der betreffenden Stelle keine floride Entzündung mehr besteht, ist die regelmäßige Erhebung fester Bestandteil der Nachsorge. Im Rahmen der PAR-Richtlinie wird die Sondierungsblutung deshalb nicht nur zu Behandlungsbeginn, sondern bei jeder Kontrolle der unterstützenden Parodontitistherapie (UPT) erneut erfasst; steigt der BOP-Anteil im Verlauf wieder an, ist das ein Hinweis auf ein Wiederaufflammen der Erkrankung und löst in der Regel eine erneute, gezielte Reinigung der betroffenen Stellen aus. Auch außerhalb der systematischen PAR-Behandlung ist die BOP-Kontrolle beim Recall im Rahmen der professionellen Zahnreinigung ein einfaches Mittel, um Zahnfleischentzündungen frühzeitig zu erkennen, bevor sie sich zu einer Parodontitis ausweiten.
BOP an Zahnimplantaten
Am Implantat hat BOP eine noch größere diagnostische Bedeutung als am natürlichen Zahn, weil dem Implantat das parodontale Ligament mit seiner Gefäß- und Abwehrfunktion fehlt und sich Entzündungen dort rascher ausbreiten können. Eine positive Sondierungsblutung (BOP+) ist definitionsgemäß Voraussetzung für die Diagnose einer periimplantären Mukositis und – zusammen mit nachweisbarem Knochenabbau – auch der Periimplantitis. Wie beide Krankheitsbilder anhand von BOP, Sondierungstiefe und Röntgenbefund voneinander abgegrenzt werden, ist dort ausführlich beschrieben.
IMPLANTAT-SPEZIALISTEN IN IHRER NÄHE
Literatur
Literatur und Quellenangaben
- Ainamo J, Bay I. Problems and proposals for recording gingivitis and plaque. Int Dent J. 1975;25(4):229–235. PMID: 1058834
- Chapple ILC, Mealey BL, Van Dyke TE, et al. Periodontal health and gingival diseases and conditions on an intact and a reduced periodontium: Consensus report of workgroup 1 of the 2017 World Workshop on the Classification of Periodontal and Peri-Implant Diseases and Conditions. J Clin Periodontol. 2018;45(Suppl 20):S68–S77. DOI: 10.1111/jcpe.12940
- Trombelli L, Farina R, Silva CO, Tatakis DN. Plaque-induced gingivitis: Case definition and diagnostic considerations. J Clin Periodontol. 2018;45(Suppl 20):S44–S67. DOI: 10.1111/jcpe.12939
- Renvert S, Persson GR, Pirih FQ, Camargo PM. Peri-implant health, peri-implant mucositis, and peri-implantitis: Case definitions and diagnostic considerations. J Clin Periodontol. 2018;45(Suppl 20):S278–S285. DOI: 10.1111/jcpe.12956
- Renvert S, Persson GR. A systematic review on the use of residual probing depth, bleeding on probing and furcation status following initial periodontal therapy to predict further attachment and tooth loss. J Clin Periodontol. 2002;29(Suppl 3):82–89. DOI: 10.1034/j.1600-051x.29.s-3.2.x
- Lang NP, Adler R, Joss A, Nyman S. Absence of bleeding on probing. An indicator of periodontal stability. J Clin Periodontol. 1990;17(10):714–721. DOI: 10.1111/j.1600-051x.1990.tb01059.x
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