Stevens-Johnson-Syndrom (SJS) und Mundschleimhaut

Schmerzhafte Wunden und Blasen im Mund

Das Stevens-Johnson-Syndrom (SJS) gehört zu den seltenen, aber hochgradig gefährlichen Reaktionen des Körpers auf Arzneimittel oder Infektionen. Im Vordergrund stehen Blasenbildung, Ablösung der Haut und schwere Schleimhautbeteiligung. Für Betroffene bedeutet die Erkrankung massive Einschränkungen von Lebensqualität, Körperfunktion und unmittelbare Lebensgefahr. Besonders bedeutsam für Zahnmedizin und Implantologie ist der Befall der Mundschleimhaut: Hier entstehen großflächige, extrem schmerzhafte Läsionen, die Essen, Trinken und Mundhygiene nahezu unmöglich machen.

Stevens-Johnson-Syndrom und toxische epidermale Nekrolyse (TEN) sind keine zwei verschiedenen Krankheiten, sondern die beiden Enden eines Krankheitsspektrums, das als epidermale Nekrolyse bezeichnet wird. Eingeteilt wird nach dem Anteil abgelöster Körperoberfläche: SJS unter 10 Prozent, Übergangsform (SJS/TEN-Overlap) 10 bis 30 Prozent, TEN über 30 Prozent. Schweregrad und Prognose hängen vom Ausmaß der Ablösung ab, nicht von einer Zuordnung zu zwei getrennten Entitäten.

Grossflächige Schleimhauterosionen Stevens-Johnson-Syndrom (SJS) Toxische Epidermale Nekrolyse (TEN)

Großflächige Schleimhauterosionen

Wie häufig ist das Stevens-Johnson-Syndrom (SJS) und welche Ursachen hat es?

  • Häufigkeit: Selten (1–6 Fälle pro 1 Million Einwohner/Jahr).

  • Auslöser: In bis zu 80% der Fälle Medikamente (z. B. Antiepileptika, Allopurinol, Sulfonamide, bestimmte Antibiotika und NSAR).

  • Infektionen: Vor allem Mycoplasma pneumoniae, seltener virale Infekte.

  • Risikofaktoren: Genetische Prädisposition (HLA-Assoziationen), Alter über 60 Jahre, Komorbiditäten.

Klinischer Verlauf

Das SJS beginnt oft mit unspezifischen Prodromen: Fieber, Abgeschlagenheit, Gliederschmerzen. Wenige Tage später treten die charakteristischen Haut- und Schleimhautveränderungen auf:

  • Haut: zunächst makulopapulöses Exanthem, dann Blasen, schließlich Ablösung großflächiger Areale (epidermale Nekrolyse).

  • Augen: Konjunktivitis, Keratitis → Gefahr bleibender Sehbeeinträchtigungen.

  • Mundhöhle: Früh betroffen, mit zentraler Bedeutung für Ernährung und Lebensqualität.

Manifestationen in der Mundhöhle

Die orale Beteiligung ist charakteristisch und klinisch hochrelevant:

  • Schmerzhafte Wunden: Ulzerationen und Erosionen im Mund → Essen, Trinken und Schlucken oft unmöglich.

  • Beteiligung der Lippen → Ablösung von Haut, massive Krustenbildung, Blutungen.

  • Zahn- und Implantatpflege: Mundhygiene praktisch nicht möglich → Gefahr akuter Gingivitis, Plaqueakkumulation, sekundärer Infektionen.

  • Langzeitfolgen: Vernarbungen der oralen Mukosa, Reduktion der Mundöffnung (Mikrostomie), optisch-ästhetische Beeinträchtigungen.

Für Patienten mit Zahnimplantaten kann dies bedeutend sein: die schmerzbedingte Unterbrechung der normalen Mundhygiene kann das Risiko für Periimplantitis oder Zahnverlust erhöhen.

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Vergleich: Stevens-Johnson-Syndrom (SJS) vs. Toxische Epidermale Nekrolyse (TEN)

Merkmal Stevens-Johnson-Syndrom (SJS) SJS/TEN-Übergangsform Toxische epidermale Nekrolyse (TEN)
Abgelöste Körperoberfläche unter 10 % 10–30 % über 30 %
Häufigkeit 1–6 Fälle pro 1 Mio. Einwohner und Jahr — unter 2 Fälle pro 1 Mio. Einwohner und Jahr
Mortalität rund 5 % zwischen beiden Werten 25–35 %
Auslöser v. a. Medikamente, Infektionen meist Medikamente meist Medikamente
Schleimhautbefall fast immer fast immer fast immer
Typische Station Intensivstation / Brandverletztenzentrum Brandverletztenzentrum Brandverletztenzentrum

Behandlung des Stevens-Johnson-Syndroms

Akutmaßnahmen

  1. Sofortiges Absetzen des auslösenden Medikamentes.

  2. Stationäre Aufnahme (Intensivstation oder Brandverletztenzentrum).

  3. Supportivtherapie:

    • Flüssigkeits- und Elektrolytausgleich

    • Schmerztherapie

    • Wundversorgung wie bei großflächigen Verbrennungen

  4. Infektionskontrolle (Infektionen = Haupttodesursache).

  5. Augen- und Mundschleimhautpflege durch Spezialisten.

Medikamentöse Ansätze

Neben der Supportivtherapie wird nach der aktuellen S3-Leitlinie eine immunmodulierende Behandlung empfohlen; Ciclosporin und der TNF-α-Hemmer Etanercept sind hier die am besten untersuchten Optionen. Für intravenöse Immunglobuline (IVIG) ist ein Nutzen dagegen nicht belegt.

Prognose des Stevens-Johnson-Syndroms

  • Sterblichkeit: Sie liegt beim SJS bei rund 5 Prozent, bei der TEN bei 25 bis 35 Prozent.

  • Prognosefaktoren: Alter, Begleiterkrankungen, Ausmaß des Hautbefalls (SCORTEN-Score).

  • Langzeitfolgen: Vernarbungen, Sehschäden, chronische Schleimhautprobleme, psychische Belastung.

Das Stevens-Johnson-Syndrom ist für Implantologie und Zahnmedizin nicht nur ein seltenes, sondern auch ein hochrelevantes Krankheitsbild. Die orale Beteiligung ist in der Praxis oft der limitierende Faktor für Ernährung, Flüssigkeitshaushalt und Mundhygiene. Für dentalmedizinisch tätige Ärztinnen und Ärzte gilt:

  • Früherkennung (Blasen, Ulzerationen in der Mundhöhle nach Medikationseinleitung → sofortige Abklärung).

  • Mundhygiene-Management: Während der akuten Erkrankung praktische Unmöglichkeit, danach intensive Nachsorge.

  • Implantologische Relevanz: Periimplantitis-Risiko durch mangelnde Mundpflege, langfristige Narbenbildungen können orale Rehabilitation erschweren.

implantate.com-Fazit:

Das Stevens-Johnson-Syndrom ist eine schwerwiegende Arzneimittelreaktion mit lebensbedrohlichem Potenzial. Die orale Schleimhaut ist fast immer betroffen – für Zahnärzte und Implantologen bedeutet das: Ernährung, Mundhygiene und Langzeitprognose von Implantaten sind unter Umständen stark eingeschränkt. Früherkennung, interdisziplinäre Therapie und strukturierte Nachsorge sind entscheidend.

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Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG) u. a. S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie der epidermalen Nekrolyse (Stevens-Johnson-Syndrom und toxisch epidermale Nekrolyse) (SJS-TEN), Version 1.0, Stand 16.09.2024. AWMF-Registernummer: 013-103. register.awmf.org/de/leitlinien/detail/013-103

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Letzte Aktualisierung am Freitag, 11. September 2026