Vor- und Nachteile der Privatisierung von Zahnbehandlungen
Diese Frage taucht in gesundheitspolitischen Debatten regelmäßig auf – zuletzt durch ein Positionspapier des CDU-Wirtschaftsrats im Februar 2026. Der Vorschlag löst reflexartig heftige Reaktionen aus. Doch jenseits der politischen Aufregung lohnt ein nüchterner Blick: Was würde es für Patienten tatsächlich bedeuten, wenn Zahnbehandlungen aus der gesetzlichen Krankenversicherung fielen? Wie machen es andere Länder – und könnte die Rechnung sogar aufgehen?
Das Reformpapier des CDU-Wirtschaftsrates: „Zahnarztbehandlungen, lassen sich gut privat absichern“
Am 1. Februar 2026 veröffentlichte der CDU-Wirtschaftsrat sein Reformpapier „Agenda für die Arbeitnehmer in Deutschland“. Darin heißt es: „Verschiedene Leistungen, etwa Zahnarztbehandlungen, lassen sich generell gut privat absichern und sollten nicht länger im Umlageverfahren den Beitragszahlern zur Last fallen.“
Das Ziel: Die „explodierenden Sozialabgaben“ begrenzen. Das potenzielle Einsparvolumen: rund 17 bis 18 Milliarden Euro jährlich – so viel geben die gesetzlichen Krankenkassen derzeit für zahnärztliche Versorgung aus.
Wichtig zu wissen: Der CDU-Wirtschaftsrat ist kein offizielles Parteigremium, sondern eine CDU-nahe Lobbyorganisation. Das Papier ist ein Debattenbeitrag, kein Gesetzentwurf. Doch die Frage, die er aufwirft, ist grundsätzlicher Natur – und verdient eine sachliche Betrachtung.
Welche Zahnarzt-Leistungen sollen gestrichen werden?
Die Formulierung „Zahnarztbehandlungen“ ist bewusst unscharf gehalten. Unklar ist, ob nur bestimmte Leistungen gemeint sind (etwa Zahnersatz oder Kieferorthopädie) oder sämtliche zahnärztlichen Leistungen – von der Vorsorge über Füllungen bis zur Wurzelbehandlung. Ebenso offen bleibt, ob Notfallbehandlungen weiterhin übernommen würden.
Je nach Auslegung würde der Vorschlag von einer moderaten Ausweitung der Eigenanteile bis hin zu einer vollständigen Privatisierung der Zahnmedizin reichen.
Soziale Kürzungen sorgen immer für Empörung
Die Kritik kam prompt und folgte vorhersehbaren Mustern. Der SPD-Politiker Bernd Rützel, Vorsitzender des Ausschusses für Arbeit und Soziales im Bundestag, bezeichnete die Forderungen als „Eiszeit pur“ und einen „Schlag ins Gesicht von 90 Prozent der Deutschen“.
Der Sozialverband Deutschland nannte das Papier „verstörend“. Die Vorstandsvorsitzende Michaela Engelmeier warnte: Das Exkludieren der Zahnversorgung würde die „bereits bestehende Zwei-Klassen-Medizin“ befeuern – „Vermögende hätten schöne Zähne, Bedürftige noch mehr Lücken.“
Bemerkenswert: Auch aus den eigenen Reihen kam scharfe Kritik. Der CDU-Arbeitnehmerflügel (CDA) distanzierte sich deutlich. CDA-Vorsitzender Dennis Radtke kommentierte: „Hier erklärt eine Gruppe von Superprivilegierten anderen Leuten, auf was diese verzichten sollen.“
BSW-Politiker Fabio De Masi brachte einen interessanten Aspekt ein: „Wer den Zahnarztbesuch nicht mehr erstattet, wird nur mehr Folgekosten verursachen und die private Kaufkraft weiter schwächen.“
Jenseits der Aufregung: Was sagen die Zahlen?
Ist die Zahnmedizin ein Kostentreiber?
Die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) kontert mit einer aufschlussreichen Zahlenreihe: Der Anteil vertragszahnärztlicher Leistungen an den GKV-Gesamtausgaben ist seit Jahren rückläufig:
| Jahr | Anteil an GKV-Ausgaben |
|---|---|
| 2003 | 8,7 % |
| 2013 | 6,9 % |
| 2023 | 6,1 % |
| Q1–Q3 2025 | 5,7 % |
Die Zahnmedizin ist also relativ gesehen kein „explodierender“ Kostenfaktor – im Gegenteil: Ihr Anteil sinkt seit zwei Jahrzehnten. Die KZBV interpretiert das als Erfolg der Prävention.
Deutschlands Präventionserfolg
Die Sechste Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS 6), veröffentlicht im März 2025, dokumentiert beeindruckende Fortschritte: Bei 12-Jährigen ist die Karieserfahrung seit 1989 um 90 Prozent zurückgegangen. Der DMFT-Wert liegt bei nur noch 0,5 – ein internationaler Spitzenwert. Die Zahnlosigkeit bei jüngeren Senioren hat sich auf nur noch 5 Prozent mehr als halbiert.
Das Schweizer Modell: Was zeigt das Beispiel?
Die Schweiz praktiziert seit Jahrzehnten genau das, was der Wirtschaftsrat vorschlägt: Die obligatorische Krankenversicherung übernimmt grundsätzlich keine zahnärztlichen Behandlungen.
Die gute Nachricht: Schweizer haben keine schlechten Zähne
In internationalen Vergleichen rangiert die Schweiz konstant unter den Ländern mit der besten Mundgesundheit. Der DMFT-Wert bei 14-Jährigen sank von 12,5 (1964) auf 1,31 (2009) – eine Reduktion von ebenfalls rund 90 Prozent. Die Erklärung: Die Schweiz führte in den 1960er-Jahren eine flächendeckende Schulzahnpflege ein. Prävention funktioniert also auch ohne Kassenleistung – wenn sie anders organisiert wird.
Das Problem: Verzicht aus Kostengründen
Die Kehrseite zeigt sich bei den Verzichtszahlen. Laut Bundesamt für Statistik verzichten 2,4 % auf notwendige Behandlungen, laut International Health Policy Survey meiden 20,7 % den Zahnarzt aus Kostengründen. In der untersten Einkommensklasse verzichten 4,6 % auf den Zahnarzt, aber nur 0,7 % auf den Arzt. Die fehlende Kassendeckung macht einen messbaren Unterschied.
Schweizer Preise
| Behandlung | Kosten (CHF) |
|---|---|
| Zahnfüllung | ca. 200–300 |
| Wurzelbehandlung | 500–850 |
| Zahnimplantat | 1.000–10.000 |
| Zahnspange | 4.000–15.000 |
Könnte die Rechnung aufgehen? Das Argument der Beitragsentlastung
Ein Aspekt geht in der politischen Aufregung oft unter: Der Wirtschaftsrat argumentiert nicht einfach mit Streichung, sondern mit Umverteilung. Die Logik: Wenn Zahnbehandlungen aus dem GKV-Katalog fallen, sinken die Beiträge. Das eingesparte Geld hätten Arbeitnehmer dann für private Vorsorge zur Verfügung.
Eine Beispielrechnung
Die GKV gibt jährlich etwa 17–18 Milliarden Euro für zahnärztliche Versorgung aus. Bei rund 74 Millionen GKV-Versicherten entspricht das rechnerisch etwa 230–240 Euro pro Versichertem und Jahr. Eine private Zahnzusatzversicherung kostet je nach Alter zwischen 120 und 600 Euro jährlich. Für jüngere Versicherte mit guter Zahngesundheit könnte die Rechnung tatsächlich aufgehen.
Die Haken an der Rechnung
1. Solidarprinzip vs. Risikoselektion: Die GKV funktioniert nach dem Solidarprinzip. Private Versicherungen kalkulieren individuell nach Risiko. Wer bereits Zahnprobleme hat, zahlt deutlich mehr oder wird gar nicht versichert.
2. Einkommensschwache tragen das Risiko: Für Menschen mit niedrigem Einkommen ist die Beitragsersparnis geringer (da die GKV-Beiträge einkommensabhängig sind), die Kosten für private Vorsorge aber gleich hoch.
3. Prävention könnte leiden: Deutschlands Erfolg bei der Mundgesundheit basiert auf niedrigschwelligem Zugang zu Vorsorge. Wenn Kontrolluntersuchungen zur Privatleistung werden, könnten besonders Einkommensschwache diese meiden.
4. Verwaltungsaufwand: Statt einer Krankenversicherungskarte bräuchten Patienten künftig zusätzlich eine Zahnversicherungspolice.
Was würde das konkret für Patienten bedeuten?
Szenario 1 – Vollstreichung: Sämtliche Zahnbehandlungen würden zur Privatleistung. Patienten müssten eine private Zahnzusatzversicherung abschließen oder alle Kosten selbst tragen.
Szenario 2 – Teilstreichung: Nur bestimmte Leistungen werden ausgegliedert. Basisleistungen wie Kontrolluntersuchungen und Füllungen bleiben Kassenleistung.
Szenario 3 – Status quo mit Kostendämpfung: Die Leistungen bleiben im GKV-Katalog, aber die Festzuschüsse werden eingefroren. Die Eigenanteile steigen schleichend.
Einordnung: Aufregung und Fakten
| Behauptung | Kritik sagt | Evidenz zeigt |
|---|---|---|
| Mundgesundheit ohne Kasse | „Zwei-Klassen-Medizin“ | Schweiz zeigt: grundsätzlich möglich |
| Soziale Schieflage | „Arme leiden“ | Messbar: 4,6 % vs. 0,7 % Verzicht |
| Zahnmedizin als Kostentreiber | (implizit: ja) | Nein – Anteil sinkt seit 20 Jahren |
| Beitragsersparnis nutzbar | „Milchmädchenrechnung“ | Für Junge möglich; für Risikogruppen problematisch |
Fazit: Ein Vorstoß mit Diskussionspotenzial
Der Vorschlag des CDU-Wirtschaftsrats ist kein Gesetzentwurf und hat angesichts der breiten Ablehnung derzeit keine realistische Umsetzungschance. Als Debattenbeitrag wirft er dennoch relevante Fragen auf.
Das Beispiel Schweiz zeigt: Gute Mundgesundheit ist auch ohne Kassenleistung für Behandlungen möglich – wenn die Prävention stimmt. Gleichzeitig zeigt es aber auch: Die soziale Schieflage ist real und messbar. Einkommensschwache verzichten deutlich häufiger auf zahnärztliche Versorgung.
Das stärkste Argument gegen den Vorschlag liefert paradoxerweise die Zahnmedizin selbst: Der sinkende Anteil an den GKV-Ausgaben dokumentiert den Erfolg der Prävention. Das solidarisch finanzierte System hat in Deutschland zu international herausragenden Ergebnissen geführt. Es ausgerechnet jetzt zu zerschlagen, erscheint nicht als kluge Kostendämpfung, sondern als Gefährdung eines funktionierenden Modells.
Für Patienten bleibt die Empfehlung: Wer sich absichern will, kann schon heute eine Zahnzusatzversicherung abschließen – unabhängig davon, wie die politische Debatte ausgeht. Wer noch keine hat und darüber nachdenkt, sollte dies tun, solange die Zähne gesund sind. Denn eines zeigt das Schweizer Modell klar: Bei akutem Bedarf wird private Vorsorge teuer oder unmöglich.
Quellen
- CDU-Wirtschaftsrat: „Agenda für die Arbeitnehmer in Deutschland“, veröffentlicht 01.02.2026
- KZBV: Vertreterversammlung November 2025, Rede Martin Hendges
- Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ): Sechste Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS 6), März 2025
- Bundesamt für Statistik Schweiz: SILC-Erhebung 2021
- Commonwealth Fund: International Health Policy Survey 2020
- Schweizerischer Gesundheitsbericht 2020, Kapitel 4.7 Zahngesundheit

