Erektionsstörung durch Parodontose
Es ist ein Thema, über das Männer ungern sprechen – die erektile Dysfunktion (ED). Schätzungen zufolge werden bis 2025 weltweit über 300 Millionen Männer betroffen sein, in Deutschland leiden je nach Altersgruppe zwischen 10 und 50 Prozent der Männer an Erektionsproblemen. Was die wenigsten wissen: Die Mundgesundheit spielt dabei eine überraschend große Rolle. Die Forschung der letzten Jahre hat einen Zusammenhang zwischen Parondontitis und Impotenz taufgedeckt, der auf den ersten Blick absurd erscheint – bei näherer Betrachtung aber biologisch nachvollziehbar und klinisch bedeutsam ist.
Studienlage eindeutig: Häufiger Impotenz bei Parodontitis
Eine europäische Studie im Journal of Clinical Periodontology untersuchte 158 Männer, davon 80 mit diagnostizierter erektiler Dysfunktion. Das Ergebnis war bemerkenswert: 74 Prozent der Männer mit ED litten gleichzeitig an einer Parodontitis. Zum Vergleich: In der Kontrollgruppe ohne ED waren es deutlich weniger. Das Risiko für Erektionsprobleme verdoppelt sich bei Vorliegen einer chronischen Zahnbettentzündung (Martín et al. 2018).
Die bisher größte Einzelstudie stammt aus Taiwan: Keller et al. analysierten 2012 Daten von über 32.000 Männern mit erektiler Dysfunktion und verglichen sie mit über 162.000 Kontrollen. Männer mit Parodontitis hatten ein 3,35-fach erhöhtes Risiko für ED – auch nach Korrektur für Einkommen, Alter, Bluthochdruck, Diabetes und koronare Herzerkrankung. Eine zweite taiwanesische Studie (Tsao et al. 2015) bestätigte den Zusammenhang mit einem um 79 Prozent erhöhten Risiko (OR 1,79) bei über 15.000 untersuchten Männern.
Eine umfassende Metaanalyse von Farook et al. (2021) wertete alle verfügbaren Studien mit insgesamt über 38.000 Betroffenen und 176.000 Kontrollen aus. Das Ergebnis: Männer mit Parodontitis haben ein 2,56-fach erhöhtes Risiko für erektile Dysfunktion. Die Analyse bestätigte drei wesentliche Zusammenhänge: Parodontitis ist ein eigenständiger Risikofaktor für ED – unabhängig von Alter, Rauchen, Diabetes und anderen bekannten Risikofaktoren. Die Schweregrade korrelieren: Je ausgeprägter die Parodontitis, desto schwerer die ED. Und die vielleicht wichtigste Erkenntnis: Parodontitis-Behandlung verbessert die ED-Symptome
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Gefässentzündung, Durchblutungsstörung im besten Teil
Der Zusammenhang ist kein statistischer Zufall – er beruht auf einem biologisch plausiblen Mechanismus, der sich in drei Stufen erklären lässt.
Stufe 1: Gefäßgesundheit ist entscheidend. Eine Erektion ist im Kern ein vaskuläres Ereignis. Die Schwellkörper des Penis müssen sich mit Blut füllen – dafür muss sich die glatte Muskulatur in den Penisarterien entspannen. Gesteuert wird diese Entspannung durch Stickstoffmonoxid (NO), einen kurzlebigen Botenstoff, der von den Endothelzellen der Gefäßwände produziert wird. Nur wenn genügend NO verfügbar ist und die Gefäße gesund sind, funktioniert der Mechanismus.
Stufe 2: Parodontitis schädigt die Gefäße. Die chronische Entzündung im Mund führt zu einer endothelialen Dysfunktion – also einer Funktionsstörung der Gefäßinnenwand – im gesamten Körper. Die Entzündungsbotenstoffe (IL-6, TNF-alpha, CRP) fördern oxidativen Stress. Dieser Stress reduziert die verfügbare Menge an Stickstoffmonoxid, weil es durch reaktive Sauerstoffspezies abgebaut wird, noch bevor es wirken kann. Tierexperimentelle Studien haben gezeigt, dass Parodontitis die Aktivität der Stickstoffmonoxid-Synthase (eNOS) im Schwellkörpergewebe direkt reduziert (Zuo et al. 2011).
Stufe 3: Kleine Gefäße zuerst betroffen. Die Penisarterien gehören zu den kleinsten Arterien im Körper – ihr Durchmesser beträgt nur 1–2 mm. Zum Vergleich: Die Herzkranzgefäße haben 3–4 mm Durchmesser, die Halsschlagader 5–7 mm. Atherosklerotische Veränderungen und endotheliale Dysfunktion machen sich deshalb zuerst in den kleinen Gefäßen bemerkbar. Die erektile Dysfunktion kann damit ein Frühwarnsignal für eine generalisierte Gefäßerkrankung sein – auch für einen drohenden Herzinfarkt.
Dieser letzte Punkt hat wichtige klinische Implikationen: Kardiologen wissen seit Jahren, dass eine erektile Dysfunktion dem Herzinfarkt oft um drei bis fünf Jahre vorausgeht (Montorsi et al. 2006). Die Parodontitis als gemeinsame Ursache schließt den Kreis.
Erektile Dysfunktion als Frühwarnung: die „Artery-Size"-Hypothese
Die Artery-Size-Hypothese erklärt, warum erektile Dysfunktion häufig Jahre vor kardiovaskulären Ereignissen auftritt. Da alle Arterien im Körper von denselben pathologischen Prozessen – Atherosklerose, Endotheldysfunktion, chronische Entzündung – betroffen sind, manifestieren sich Probleme zuerst in den kleinsten Gefäßen.
Die Reihenfolge: Zuerst versagen die Penisarterien (1–2 mm), dann die Herzkranzgefäße (3–4 mm), dann die größeren Arterien. Ein Mann mit erektiler Dysfunktion hat also möglicherweise bereits subklinische Veränderungen an den Herzkranzgefäßen, die noch keine Symptome verursachen. Wird die Ursache – darunter möglicherweise eine Parodontitis – nicht behandelt, droht in einigen Jahren ein kardiovaskuläres Ereignis.
Das bestätigt auch die Nachverfolgung der europäischen Martín-Studie: Mesa et al. (2022) begleiteten die 158 Männer über durchschnittlich 4,2 Jahre. Männer, die sowohl an Parodontitis als auch an ED litten, erlitten 3,7-mal häufiger schwere kardiovaskuläre Ereignisse als die übrigen Teilnehmer.
Für Männer mit ED bedeutet das: Neben der urologischen Abklärung ist auch ein kardiologisches Screening sinnvoll. Und ein Zahnarztbesuch.
Parodontiosebehandlung verbessert die Erektionsfähigkeit
Interventionsstudien zeigen: Eine erfolgreiche Parodontitis-Behandlung kann die Symptome der erektilen Dysfunktion verbessern. Die Reduktion der Entzündung und die Normalisierung der Gefäßfunktion kommen auch der Potenz zugute.
Eine randomisierte kontrollierte Studie von Eltas et al. (2013) teilte 120 Männer mit Parodontitis und ED in zwei Gruppen: 60 erhielten eine Parodontitis-Behandlung, 60 dienten als Kontrollgruppe ohne Behandlung. Drei Monate nach der Parodontitis-Therapie hatten sich die Werte im International Index of Erectile Function (IIEF) – dem Standardfragebogen zur Beurteilung der erektilen Funktion – in der Behandlungsgruppe signifikant verbessert, während die Kontrollgruppe unverändert blieb. Die parodontalen Entzündungsparameter waren gleichzeitig gesunken.
Der Effekt ist nachvollziehbar: Wenn die chronische Entzündung abnimmt, sinkt der oxidative Stress, mehr Stickstoffmonoxid steht zur Verfügung, und die Gefäßfunktion verbessert sich. Dieser Prozess braucht Zeit – eine Besserung zeigt sich typischerweise nach einigen Wochen bis Monaten. Nach einem Monat war der Unterschied noch nicht signifikant, nach drei Monaten deutlich messbar.
Niedrigere Testosteron-Werte bei Zahnfleischentzüdnungen
Ein weiterer Faktor, der Parodontitis und erektile Dysfunktion verbinden könnte, ist das Testosteron. Studien deuten darauf hin, dass chronische Entzündungen den Testosteronspiegel senken können. Bei Männern mit schwerer Parodontitis wurden niedrigere Testosteronwerte gefunden als bei Männern mit gesundem Zahnfleisch.
Testosteron ist nicht nur für die Libido wichtig, sondern auch für die Gefäßgesundheit und die NO-Produktion. Ein durch chronische Entzündung gesenkter Testosteronspiegel könnte die erektile Funktion zusätzlich beeinträchtigen – ein weiterer Mechanismus in der Kette von Ursache und Wirkung.
Mit einem Männerproblem zum Zahnarzt?
Für Männer mit Erektionsproblemen bedeutet das: Ein Zahnarztbesuch könnte mehr bringen als gedacht. Die Parodontitis ist ein behandelbarer Risikofaktor – anders als Alter oder genetische Veranlagung kann man hier aktiv etwas tun.
Die Botschaft ist nicht, dass Zahnfleischbehandlung ein Ersatz für etablierte ED-Therapien ist. PDE-5-Hemmer (wie Sildenafil oder Tadalafil) bleiben die Standardbehandlung bei erektiler Dysfunktion. Aber die Parodontitis-Behandlung adressiert eine Ursache, nicht nur das Symptom. Die Kombination aus ursächlicher Therapie (Entzündungsreduktion) und symptomatischer Behandlung (Medikamente) dürfte am wirksamsten sein.
Und für Zahnärzte: Bei männlichen Parodontitis-Patienten kann ein vorsichtiger Hinweis auf diesen Zusammenhang zusätzliche Motivation zur konsequenten Behandlung und regelmäßigen Nachsorge sein. Viele Männer nehmen eine Parodontitis nicht ernst genug – die Information, dass sie auch die Potenz betreffen kann, ändert das erfahrungsgemäß schlagartig.
implantate.com-Fazit:
Der Zusammenhang zwischen Parodontitis und der Impotentia coeundi überrascht auf den ersten Blick – auf den zweiten ist er biologisch zwingend. Beide Erkrankungen sind Gefäßprobleme. Die chronische Entzündung schädigt zuerst die kleinsten Arterien – und die sitzen im Penis.
Für Männer mit Erektionsproblemen ist der Zahnarztbesuch keine Verlegenheitslösung, sondern adressiert eine mögliche Ursache. Für männliche Parodontitis-Patienten kann der vorsichtige Hinweis auf diesen Zusammenhang ein wirksamer Motivator für eine Therapie sein.
Tsao CW, Liu CY, Cha TL, Wu ST, Chen SC, Hsu CY: Exploration of the association between chronic periodontal disease and erectile dysfunction from a population-based view point. Andrologia 2015;47(5):513–518.
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Montorsi P, Ravagnani PM, Galli S et al.: Association between erectile dysfunction and coronary artery disease. Role of coronary clinical presentation and extent of coronary vessels involvement: the COBRA trial. Eur Heart J 2006;27(22):2632–2639.
Kellesarian SV, Kellesarian TV, Ros Malignaggi V, Al-Askar M, Ghanem A, Malmstrom H, Javed F: Association between periodontal disease and erectile dysfunction: A systematic review. Am J Mens Health 2018;12(2):338–346.



