Antibiotikatherapie der Parodontitis und Periimplantitis

Bei schwerer Parodontitis können Antibiotika den Unterschied machen. Sie erreichen Bakterien im Gewebe, die der Zahnarzt mit Instrumenten nicht entfernen kann – Keime, die tief in  das Gewebe eingedrungen sind und die Entzündung von dort aus am Laufen halten. Mit der richtigen Indikation eingesetzt, können schwere Parodontitis-Fälle deutlich erfolgreicher behandelt werden.

Die entscheidende Frage ist: Wann ist der richtige Moment – und warum braucht es mehr als nur Tabletten?

Antibiose in der Parodontologie auf einen Blick

Frage Antwort
Sind systemische Antibiotika bei Parodontitis immer notwendig? Nein – sie sind nur bei bestimmten schweren Verläufen als adjuvante Maßnahme sinnvoll.
Welche Patienten profitieren am meisten? Jüngere Patienten (unter 56 Jahren) mit einem hohen Anteil tiefer Taschen (mehr als 35 % der Stellen ≥ 5 mm).
Empfohlenes Standardregime Amoxicillin 500 mg plus Metronidazol 400 mg, jeweils 3× täglich für 7 Tage.
Therapie bei Penicillin-Allergie Metronidazol als Monotherapie; alternative Schemata nach individueller Risikoabschätzung und Erregerlage. Siehe Tabelle weiter unten.
Werden Antibiotika von der Kasse übernommen? Ja, die Medikamente selbst in der Regel schon – der mikrobiologische Keimtest ist jedoch eine Selbstzahlerleistung (typischerweise im zweistelligen bis niedrigen dreistelligen Euro-Bereich).
Optimaler Zeitpunkt für den Beginn Unmittelbar nach der subgingivalen Instrumentierung (Scaling/Root Planing) – nicht vor der mechanischen Therapie (Biofilm-Problematik)

Das Problem: Antibiotika und Biofilm

Parodontitis ist keine gewöhnliche bakterielle Infektion. Die krankmachenden Keime leben nicht frei im Gewebe, sondern in einem organisierten Gemeinschaftsverbund: dem Biofilm. In dieser Struktur umhüllen sich die Bakterien gegenseitig mit Schutzschichten aus Proteinen und Zuckermolekülen. Das Ergebnis: Antibiotika kommen schlecht durch. Bakterien, die im Labor noch auf ein Mittel ansprechen würden, können im intakten Biofilm um ein Vielfaches toleranter gegenüber denselben Wirkstoffen sein.

Antibiotika: kaum Wirkung bei intaktem Biofilm

Das hat eine wichtige praktische Konsequenz: Wer Antibiotika bei Parodontitis einsetzt, ohne den Biofilm vorher mechanisch zu zerstören, erreicht wenig. Die Leitlinien sind deshalb eindeutig – die mechanische Reinigung, das sogenannte Scaling und Root Planing, geht immer zuerst. Antibiotika beginnen unmittelbar danach.

Antibiotikawirkung nach Auflösen des Bioflims

Die roten Komplex-Bakterien – Porphyromonas gingivalisTreponema denticola und Tannerella forsythia – können zudem Epithelzellen invadieren und sich so der mechanischen Reinigung teilweise entziehen. Das ist einer der Gründe, warum eine adjuvante Antibiose bei schweren Formen sinnvoll sein kann: Sie erreicht das Gewebe, das der Zahnarzt mit dem Instrument nicht direkt berüh

Wann sind Antibiotika sinnvoll bei Parodontose?

Die aktuelle S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie (DG PARO), die seit 2021 für Deutschland gilt und auf der europäischen EFP-Leitlinie von 2020 basiert, ist bei diesem Punkt ungewöhnlich klar: Antibiotika sollen nicht routinemäßig bei der Parodontitistherapie eingesetzt werden.

Das klingt strenger als es früher war – und das ist Absicht. Antibiotikaresistenzen nehmen weltweit zu, und auch die Zahnmedizin trägt dazu bei. Jede Verordnung ohne klare Indikation ist eine Verordnung zu viel.

Konkret empfiehlt die Leitlinie eine adjuvante Antibiose nur unter bestimmten Bedingungen. Die folgende Übersicht fasst die wichtigsten Kriterien zusammen. Entscheiden muss der Zahnarzt.

✔ Adjuvante Antibiose erwägenswert ✘ Antibiotika nicht indiziert
Patienten unter 56 Jahren Patienten ab 56 Jahren
Stadium III (schwer) Stadium I oder II (mild bis moderat)
Mehr als 35 % der Messstellen mit Taschentiefe ≥ 5 mm Wenige tiefe Taschen, gutes Ansprechen auf Reinigung
A. actinomycetemcomitans im Abstrich nachgewiesen Keine aggressiven Markerkeime nachweisbar
Rascher Attachmentverlust (Grad C), Patient ≤ 35 Jahre Langsame Progression, stabile Befunde
Wichtig: Die ersten drei Kriterien (Alter, Stadium, Taschenausmaß) greifen laut Leitlinie als Kombination – nicht als unabhängige Einzelpunkte. Ein Patient über 56 Jahren mit Stadium III erhält laut DG PARO primär keine Antibiose. Der A.a.-Nachweis ist dagegen eine eigenständige Indikation. Stadium IV ist in der Leitlinie für diese Indikation nicht explizit erwähnt, wird aber in der klinischen Praxis analog bewertet. Die Entscheidung trifft ausschließlich der behandelnde Zahnarzt.
Leitliniengrundlage: DG PARO / EFP S3-Leitlinie 2020/2021 · implantate.com

Die stärksten Belege gibt es für Patienten unter 56 Jahren mit schwerer Parodontitis bei mehr als 35 Prozent tiefer Stellen.  Bei A. actinomycetemcomitansNachweis gilt die Antibiose als gesondert indiziert – unabhängig vom Alter. Ob A.a. vorliegt, zeigt ein mikrobiologischer Abstrich. Die Leitlinie schreibt diesen Test nicht vor – die GKV erstattet ihn nicht – er verbessert aber die Zielgenauigkeit der Therapie erheblich.

Was ist erste das Antibiotikum der 1. Wahl bei Parodontitis?

Wenn eine Antibiose indiziert ist, gibt es klare Empfehlungen. Wichtig vorab: Die DG PARO-Leitlinie ist primär als empirische Empfehlung formuliert – also ohne zwingenden Bakterientest vorab. Das bedeutet: Amoxicillin + Metronidazol bleibt erste Wahl bei allen Markerkeimen:

Porphyromonas gingivalis (P.g.)
Tannerella forsythia (T.f.)
Treponema denticola (T.d.)

auch wenn kein A.a. nachgewiesen wurde. Der Grund: Die Kombination hat in klinischen Studien konsistent bessere Ergebnisse gezeigt als Metronidazol allein, und das Keimspektrum ist bei schwerer Parodontitis in der Praxis oft nur unvollständig bekannt.

Die folgende Tabelle zeigt alle gängigen Optionen mit korrekter Einstufung nach Erst- und Zweitwahl:

Systemische Antibiotika bei Parodontitis – ÜbersichtLeitlinienbasierte Zusammenstellung · Keine Therapieempfehlung · Stand: DG PARO/EFP S3-Leitlinie 2021
Indikation Wirkstoff Dosierung Dauer Besonderheit Leitlinie
① Empirisch / kein A.a. – Standardfall (auch ohne Bakterientest)
Empirisch oder A.a.-negativ 1. Wahl
Amoxicillin
+ Metronidazol
500 mg · 3× tägl.
400 mg · 3× tägl.
7 Tage Erste Wahl auch ohne A.a.-Nachweis. Kombination zeigt in klinischen Studien bessere Ergebnisse als Metronidazol allein – gilt unabhängig vom Keimtest. DE EFP AAP
Amoxicillin nicht verfügbar oder nicht verträglich 2. Wahl
Metronidazol
(allein)
400 mg · 3× tägl. 7 Tage Ausdrücklich zweite Wahl laut DG PARO – nur bei Nicht-Verfügbarkeit oder Unverträglichkeit von Amoxicillin. Kein Standardschema. DE EFP
② A. actinomycetemcomitans nachgewiesen – Kombinationstherapie zwingend
A.a.-positiver Befund Amoxicillin
+ Metronidazol
500 mg · 3× tägl.
400 mg · 3× tägl.
7 Tage Van-Winkelhoff-Schema. A.a. zeigt regelmäßig sehr hohe Metronidazol-MIC-Werte; Amoxicillin verbessert die Wirkstoffaufnahme synergistisch. Metronidazol-Monotherapie nicht zuverlässig. DE EFP AAP
Ciprofloxacin
+ Metronidazol
250 mg · 2× tägl.
500 mg · 2× tägl.
7 Tage Alternative bei Amoxicillin-Unverträglichkeit. Fluorochinolone (Cipro, Moxifloxacin) zeigen konsistent gute Wirksamkeit gegen A.a.-Stämme. AAP
③ Penicillin-Allergie – Alternativen bei Amoxicillin-Unverträglichkeit
Penicillin- / Amoxicillin-Allergie Metronidazol
(allein)
400 mg · 3× tägl. 7 Tage Erste Wahl bei Penicillin-Allergie laut DG PARO – sofern kein A.a. nachgewiesen. In dieser Konstellation korrekte Ersttherapie. DE EFP
Doxycyclin 100 mg · 1–2× tägl. 7 Tage Option bei A.a.-Nachweis und Penicillin-Allergie. Photosensibilisierung beachten. Nicht bei Kindern < 8 Jahren. DE AAP
Azithromycin 500 mg · 1× tägl. 3 Tage Kurzes Schema, gute Gewebegängigkeit. ⚠ In Deutschland für Zahn-/Mundbereich nicht zugelassen (Off-Label). EFP AAP
④ Reserveantibiotika – nur in begründeten Ausnahmefällen
Therapieversagen, Resistenznachweis Moxifloxacin 400 mg · 1× tägl. 7 Tage Fluorchinolon Gr. 4. In vitro sehr konsistente Wirksamkeit gegen alle parodontalpathogenen Keime inkl. A.a. Nur Reservemittel – nicht für Routinetherapie. DE
Amoxicillin/
Clavulansäure
500/125 mg · 3× tägl. 7 Tage Bei Therapieversagen auf Amoxicillin. Breiteres Spektrum durch Betalactamaseschutz. AAP
⑤ Historisch gebräuchlich – für Parodontitis-Therapie nicht leitlinienkonform
Penicillin-Allergie (historisch DE) Clindamycin 300 mg · 4× tägl. 7 Tage Fehlt in allen aktuellen Parodontitis-Leitlinien (DG PARO, EFP, AAP). In DE weiterhin überdurchschnittlich verschrieben – ohne internationale Evidenzbasis für Parodontitis-Therapie. Natürliche Resistenz von A.a. gegen Clindamycin. Black-Box-Warnung: C.-difficile-Kolitis.
Hinweis: AHA 2021 strich Clindamycin aus der Endokarditis-Prophylaxe – das betrifft eine Einmalgabe präoperativ, nicht die Parodontitis-Therapie.
⚠ DE (Sonderrolle)
Lokal statt systemisch: Eine Alternative für einzelne hartnäckige Resttaschen nach der Hauptbehandlung ist das lokale Antibiotikum – zum Beispiel ein Doxycyclin-Gel, das direkt in die Tasche eingebracht wird. Es wirkt hochkonzentriert am Ort des Problems, ohne den gesamten Körper zu belasten. Das ist kein Ersatz für die systemische Gabe, aber ein sinnvoller Baustein bei isolierten Problemstellen.

Periimplantitis: grösseres Problem, kaum mit Antibiotika beizukommen

Was bei natürlichen Zähnen gilt, gilt am Implantat in verschärfter Form. Die Bakterien, die eine Periimplantitis verursachen, überlappen stark mit den Parodontitis-Erregern: roter Komplex, Fusobacterium nucleatumPrevotella intermedia – bekannte Gesichter in neuem Kontext.

Periimplantitis PArodontitis  Implantat vs. Zahn Antibiose

Das Problem: Die raue Titanoberfläche eines Implantats bietet Bakterien sogar noch mehr Anhaftungsmöglichkeiten als eine Zahnwurzel. Biofilme haften dort hartnäckiger. Gleichzeitig ist die mechanische Reinigung schwieriger – klassische Küretten, die für Zahnwurzeln entwickelt wurden, können die Implantatoberfläche beschädigen.

Bei chirurgischer Periimplantitis-Therapie wird eine begleitende Antibiose diskutiert und in Einzelfällen eingesetzt. Die Datenlage ist hier weniger eindeutig als bei der Parodontitis-Therapie. Belastbare Leitlinienempfehlungen mit klaren Grenzwerten fehlen bislang. Auch hier gilt: mechanische Reinigung zuerst.

Der entscheidende Unterschied zur Prophylaxe: Das Kapitel zur Antibiotikaprophylaxe vor Implantationen behandelt die präoperative Einmalgabe zur Infektionsprävention – eine andere Situation als die therapeutische Antibiose bei bereits bestehender Entzündung.

Nebenwirkungen – Nutzen: Risiko abwägen

Antibiotika wirken nicht selektiv. Wer Amoxicillin und Metronidazol nimmt, verändert vorübergehend das gesamte Mikrobiom des Körpers. Magen-Darm-Beschwerden, Durchfall und eine erhöhte Anfälligkeit für Pilzinfektionen sind häufige Begleiterscheinungen. Die Einnahme mit einer Mahlzeit verbessert die Verträglichkeit deutlich.

Antibiotika Nebenwirkungen bei Parodontitisl

Der tiefere Punkt ist ein anderer: Jede Antibiotikaeinnahme hinterlässt Spuren im Resistenzgeschehen. Untersuchungen aus Deutschland an rund 8.000 Parodontitispatienten zeigen, dass parodontalpathogene Bakterien in etwa zwei Dritteln der Fälle bereits gegen mindestens ein getestetes Antibiotikum resistent sind. Amoxicillin und Metronidazol halten sich noch gut – aber die Situation ist nicht statisch.

Das ist kein Argument gegen den gezielten Einsatz. Es ist ein Argument gegen den unkritischen Einsatz. Ein Parodontologe, der keine Antibiotika verschreibt, handelt nicht nachlässig – er folgt der Leitlinie.

Kosten: Wer bezahlt die Antibiotika bei Parodontitis?

Die Antibiotika selbst – Amoxicillin und Metronidazol – sind bei entsprechender Indikation im Rahmen der Kassenbehandlung verordnungsfähig. Die Kosten trägt die gesetzliche Krankenkasse.

Anders verhält es sich mit dem mikrobiologischen Test. Dieser ist keine Kassenleistung – er wird als individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) privat abgerechnet und kostet je nach Labor zwischen 80 und 150 Euro. Mehr dazu im Kapitel Mikrobiologischer Test bei Parodontitis sowie in der Kostenübersicht zur Parodontitisbehandlung.

implantate.com-Fazit

Antibiotika bei Parodontitis: kein Automatismus, aber kein Tabu. Der Biofilm entscheidet, warum die Tablette allein nichts ausrichten kann – und die Leitlinie entscheidet, wer sie überhaupt braucht. Wer jung ist, schwer erkrankt und tief befundet wird, kann messbar davon profitieren. Wer eine milde Parodontitis hat und gut auf die mechanische Reinigung anspricht, braucht sie schlicht nicht.

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Letzte Aktualisierung am Samstag, 21. Februar 2026