Die Antibiotikaprophylaxe vor Zahnbehandlungen bei Endoprothesen-Trägern ist obsolet
Die routinemäßige Antibiotikagabe vor zahnärztlichen Eingriffen bei Patienten mit Gelenkendoprothesen gehört zu den hartnäckigsten Gewohnheiten ohne wissenschaftliche Grundlage in der interdisziplinären Schnittstelle zwischen Zahnmedizin und Orthopädie. Die theoretische Begründung – transiente Bakteriämie durch Zahnbehandlung führt zur Prothesenbesiedlung – klingt plausibel, ist aber nach Jahrzehnten der Forschung kausal nicht belegt. Schmalz (2024) stellt in seinem narrativen Review klar: Die gesamte Kausalkette von der dentalen Bakteriämie zur periprothetischen Infektion bleibt hypothetisch.
Alle Studien sind sich einig: Anti vor Zahnbehandlungen hilft nicht
Die Datenlage ist mittlerweile eindeutig. Die Meta-Analyse von Mullen et al. (2025), die vier retrospektive Kohortenstudien mit 157.466 Patienten zusammenfasst, zeigt keinen Unterschied im PJI-Risiko zwischen Patienten mit und ohne Antibiotikaprophylaxe. Bereits die systematische Übersicht von Slullitel et al. (2020) konnte in neun eingeschlossenen Studien keine Evidenz für die Prophylaxe identifizieren. Die niederländische Leitlinie von Rademacher et al. hatte schon 2017 die klare Empfehlung ausgesprochen, auf die Prophylaxe zu verzichten. Und die AAOS/AAHKS-Leitlinie vom November 2024 bestätigt: Weder eine routinemäßige Antibiotikaprophylaxe noch ein präoperatives dentales Screening vor Gelenkersatz senken das PJI-Risiko nachweisbar.
Immer noch von vielen Chirurgen empfohlen, aber nutzlos
Trotzdem wird die Prophylaxe vielerorts weiterhin verordnet – nicht auf Grundlage von Evidenz, sondern aus Gewohnheit und forensischer Vorsicht. Die Kosten dafür sind real: Allein in den USA werden jährlich geschätzte 59 Millionen Dollar für eine Maßnahme ausgegeben, deren Nutzen nicht belegt ist. Hinzu kommt, was bei jeder unnötigen Antibiotikagabe gilt: Förderung von Resistenzbildung und Risiko von Nebenwirkungen wie Clostridioides-difficile-Infektionen. Wie Patel (NEJM 2023) einordnet, liegt die PJI-Inzidenz insgesamt bei 1–2 %, hämatogene Infektionen machen davon nur einen Bruchteil aus. Das Verhältnis von theoretischem Nutzen zu realem Schaden ist ungünstig.
Tägliche Bakterieämie entscheidend, nicht die Zahnbehandlung
Was tatsächlich hilft, ist weniger bequem als ein Rezeptblock: konsequente Mundhygiene, Parodontitistherapie, regelmäßige zahnärztliche Kontrollen und ein zeitlicher Abstand von mindestens drei Wochen zwischen invasiven Zahnbehandlungen und geplanter Endoprothetik. Bei immunsupprimierten Patienten oder Revisionsprothesen bleibt eine individuelle Abwägung sinnvoll – aber als Routinemaßnahme hat die dentale Antibiotikaprophylaxe bei Prothesenträgern ausgedient.
Merh zum Thema Gelenk-Endoprothetik und Antbiotikaprophylaxe
Quellen: Mullen MT et al.: Antibiotic Prophylaxis for Dental Procedures Following Total Joint Arthroplasty: A Systematic Review and Meta-Analysis. J Arthroplasty 2025. doi: 10.1016/j.arth.2025.08.079. | Slullitel PA et al.: Is there a Role for Antibiotic Prophylaxis Prior to Dental Procedures in Patients with Total Joint Arthroplasty? J Bone Jt Infect 2020;5(1):7–15. | AAOS/AAHKS Clinical Practice Guideline (November 2024). aaos.org/dentalppxcpg | Rademacher WMH et al.: Acta Orthop 2017;88(5):568–574. | Patel R: Periprosthetic Joint Infection. N Engl J Med 2023;388(3):251–262. | Schmalz G: Spec Care Dentist 2024;44(1):e12901.

