Diskussions-Forum Zahnimplantate und Zahnersatz

Problem nach Knochenaufbau, Frontzahn, Oberkiefer

Conny286
Mitglied seit 11. 11. 2018
3 Beiträge

Ich kämpfe mit Spätfolgen eines Unfalls mit 9Jahren. Inzwischen bin ich 54, beide Schneidezähne und ein kl. Schneidezahn fehlen. Als Regelversorgung wurde eine 6gliedrige Brücke im Oberkiefer im Frontzahnbereich von der Unfallkasse genehmigt. Eine Zusatzversicherung konnte ich nie abschließen, d.h. ich bin Selbstzahler. Doch ich entschied mich nach Beratung für horizontalen Knochenaufbau, 2 Implantate und anschließender dreigliedriger Brückenversorgung. Ich trage seit April (gleichzeitige Entfernung und Knochenaufbau des letzten Schneidezahns-alles i. O.) zZt ein massives metallenes Provisorium. Am 12.9.18 wurden also im Unterkiefer Knochenspäne und zwei Knochenplatten für den Aufbau beim kleinen Schneidezahn entnommen. Zusammen mit künstlichem Knochenmaterial wurde alles mit 4Schrauben befestigt. Leider entzündete sich die Wunde. Mit Antibiotika wurde erfolgreich behandelt. Nach 5Wochen öffnete sich das Zahnfleisch und die Knochenplatte schaut inzwischen 8 mm x 4 mm heraus, tendenziell langsam zunehmend... Ich bin 14tägig zur Kontrolle, pflege die Stelle mit einer Antibiotika-salbe und Solcoseryl akut. Nach dem Plan des Oralchirurgen soll ich bis Mitte Januar 19 so weitermachen....Dann möchte er die Stelle öffnen, evtl. nochmals mit künstlichem Material aufbauen, wenn möglich vielleicht auch gleich das Implantat setzen...Kann das so funktionieren? Was passiert mit dem sichtbaren Knochenmaterial? Das muss doch abgeschliffen werden? Wie soll dort wieder Zahnfleisch wachsen? Ich vertraue ihm voll, aber ich mache mir schon Gedanken, ob alles noch gut wird oder die Augmentation gescheitert ist. Der Kostenvorschlag ist schon jetzt überschritten, aber was soll's... Vier Wochen war ich deshalb dieses Jahr krank. Ich hätte nie gedacht, dass ich hier so einen langen Atem brauche. Was ist Ihre Meinung?



unfallkassenwart
unfallkassenwart

hi conny,
kann zu deinem problem zwar nicht viel sagen. aber so viel ich weiss, übernimmt die unfallkasse auch implantate. müsstest du also nicht selbst zahlen.



Conny286
Mitglied seit 11. 11. 2018
3 Beiträge

Hallo, danke für deinen Hinweis.
Aber leider habe ich den Kampf bei der Unfallkasse verloren. Trotz Widerspruch meinerseits, Schreiben vom Zahnarzt und Oralchirugen mit triftigen Gründen, Darlegung der Fakten als Unfallfolgen... wurde nur die Regelversorgung mit einer 6gliedrigen Brücke genehmigt. Für den Gang vors Gericht habe ich keine Zeit (will ja nicht 2-3 Jahre das Provisorium tragen!), auch keine Kraft und Nerven. Da ich nun die höherwertige Behandlung in Anspruch nehme, wurde die Übernahme der fiktiven Kosten einer Regelversorgung zugesichert. Doch nach Zusendung des entsprechenden Kostenvoranschlages warte ich seit August2018 auf eine Antwort. Diese zeitliche Verschleppung ist bei der Unfallkasse wahrscheinlich Taktik, soll mürbe machen...
Inzwischen habe ich übrigens einen erneuten OP-Termin zur Öffnung des Kiefers, Mitte Januar2019. Dann möchte der Oralchirurg nachschauen, was sich an Knochen gebildet hat, wahrscheinlich nochmals mit künstlichem Material nachhelfen... Mit einem Implantant wird es also noch später werden....Aufgrund meiner guten Wundpflege hofft er und ich, dass sich bis dahin nichts entzündet...
Dass das Zahnfleisch wieder von allein zuwächst, versicherte er mir zu 100%.
Nun ja, ich werde also Geduld aufbringen müssen und positiv denken!



Walburga
Mitglied seit 15. 11. 2018
2 Beiträge

Hallo Conny 286,

aus eigener Erfahrung muss ich Sie dringend warnen: Seien Sie auf der Hut, vertrauen Sie Ihrem Oralchirurgen nicht bedingungslos. Holen Sie eine Zweitmeinung ein, gehen Sie in eine Kieferklinik, die sich auch mit Knochenersatzmaterial auskennt. Und tun Sie es rasch, warten Sie auf keinen Fall bis zum Termin im Januar!

Warum bei Ihnen die ursprüngliche Brücke entfernt wurde, schreiben Sie nicht. Lag eine Entzündung oder eine Infektion vor?

Auf jeden Fall lag ja nach der Operation am 12.9. eine Entzündung vor. Bei einer Entzündung und / oder einer Infektion darf auf keinen Fall Knochenersatzmaterial (KEM) oder Eigenknochen eingebracht werden. Die Gebrauchsanweisungen sämtlicher Hersteller von KEM führen dies als Kontraindikation an. Besorgen Sie sich die Gebrauchsanweisung des Herstellers Ihres Knochenersatzmaterials. Wurden Sie aufgeklärt über die Kontraindikationen und besonderen Risiken bei der Einbringung von KEM?

Sind KEM und Eigenknochen wie bei Ihnen bereits eingebracht, wenn sich eine Entzündung zeigt, so muss es unbedingt entfernt werden. Lesen Sie hierzu unbedingt den Beitrag von Dr. Dr. Zahedi vom 2.12.2013 in diesem Forum, Thema „fistelndes Sequester“, dann wissen Sie, was Ihnen passieren könnte oder schon passiert ist. Bringen Sie diese Thematik mit in eine Klinik.

Die Bakterien haften am Knochenersatzmaterial an und können dort von Antibiotika nicht erreicht werden, weil dort noch keine Blutgefäße gebildet sind. Es stellt sich dennoch vorübergehend eine Besserung ein, weil die Entzündung des vorhandenen, durchbluteten Gewebes zurückgeht. Dies kann aber nicht nachhaltig wirken. Die Tatsache, dass sich das Zahnfleisch bei Ihnen geöffnet hat und jetzt alles nur mit lokalen Antibiotika und Desinfektion unter Kontrolle gehalten wird, bedeutet nach meiner Meinung nichts Gutes. Werden die Antibiotika abgesetzt, so gelangt die Bakterien zurück in das noch vorhandene Knochengewebe und infizieren es erneut. Bei einer Entzündung entsteht ein saures Milieu, in dem sich kein neuer Knochen bilden kann. Das Knochenersatzmaterial bleibt dann letztlich matschig und verseucht liegen und zerstört das das noch vorhandene gesunde Gewebe. Es kann sich eine sehr schwere chronische Ostitis bzw. Osteomyelitis bilden, die nicht unbedingt von außen zu sehen ist. Sie kann schleichend oder aggressiv verlaufen, je nach individuellem Immunsystem und Bakterienart. Ein Colikeim z. B. kann anaerob (ohne Sauerstoff) wachsen, bildet keinen gelben Eiter und macht keine „dicke Backe“. Ich glaube sagen zu dürfen, dass sich viele Kieferchirurgen und Zahnärzte mit Keimen nicht auskennen. Wurde bei Ihnen ein Keimbefund überhaupt gemacht?

Bei mir selbst wurde das alles jahrelang nicht beachtet. Viele Zahnärzte und Kieferchirurgen scheinen die Gebrauchsanweisung nicht ernst zu nehmen – oder nicht zu kennen? Ich möchte auf keinen Fall alle Ärzte über einen Kamm scheren, ich habe inzwischen auch viele Ärzte kennen gelernt, die sich hier auskennen – leider sehr spät. Die Folge war bei mir jedenfalls eine schwere Kiefer-Osteomyelitis mit Verlust vieler Zähne und großer Teile des Kieferknochens, unzähligen Operationen, Narbenbildungen und vermutlich lebenslangen Schmerzen. Ich kenne mittlerweile viele Patienten mit vergleichbarem Schicksal. Auch bei ihnen wurden KEM unsachgemäß eingebracht und Schmerzen nicht beachtet.

Noch ein Tipp: Knochen- und Knochenmarkentzündungen (Osteomyelitiden) sind oft schwer zu diagnostizieren und schwer zu heilen. Umso wichtiger ist eine umfassende Diagnostik. Ist ein Befund negativ, so heißt es zunächst einmal noch gar nichts. Wenn ganz offensichtlich Beschwerden vorliegen, dann haben diese meist eine physische Ursache – und sind keine Phantomschmerzen. Untersuchungsbefunde sind häufig falsch negativ.
Um sich einen Überblick über den Umfang der Entzündungen zu verschaffen, sollte ein Knochenszintigramm durchgeführt werden und zwar zur rechten Zeit, vor einer OP, weil danach erst einmal rund 8 Monate gewartet werden muss. Eventuell sind auch für Kieferentzündungen modifizierte Varianten des MRT und von CTs sinnvoll. Das übliche OPG (Panorama-Schichtaufnahme) bringt hier oft nichts, es kann unter Umständen selbst eine schwere Entzündung nicht anzeigen.
Es müssen dringend Keimbefunde durchgeführt werden. Wird nicht das passende Antibiotikum angewendet, können leicht multiresistente Keime entstehen.
Sinnvoll ist es zur genaueren Feststellung des Schadens oft auch, an verschiedenen Stellen Knochenproben histologisch untersuchen zu lassen. Die Befunde sind aber nur im positiven Falle zu verwenden, gerade auch nach Antibiosen.
Ich habe mich als Patientin mit medizinischem Hintergrund in diese Thematik mittlerweile intensiv eingearbeitet, viele Fachliteratur gelesen, mit vielen Fachärzten gesprochen und viele Patienten kennengelernt. Ich rate Ihnen dringend, schnell in eine Klinik zu gehen. Mit einer chronischen Osteomyelitis (dem „Chamäleon der Kieferchirurgie“, Zahnärzteblatt Baden-Württemberg 07/2014), die schnell entstehen kann und schwer zu diagnostizieren ist, ist nicht zu spaßen.
Es gibt zahlreiche Internet-Artikel renommierter Quellen (z. B. Zahnärzeblätter) zum Thema Implantation, Knochenersatzmaterial und Osteomyelitis. Erkundigen Sie sich hier sehr genau.

Lassen Sie keine Zeit verstreichen. Jeder Tag kann den Schaden verschlimmern und eine Heilung erschweren! Es ist immer wieder erschreckend zu erleben, wie unvorsichtig mit KEM bei Entzündung und Infektionen umgegangen wird. Gehen Sie in eine Uniklinik mit den entsprechenden Fragestellungen. Fragen Sie nach den Kontraindikationen der Hersteller – wer dagegen arbeitet, riskiert Gesundheit und am Ende bei multiresistenter Keimbildung vielleicht sogar das Leben der Patienten.

Klären Sie Ihren Fall genau, bevor sie augmentieren und implantieren lassen. Lassen Sie sich auch die Patientenakte kopieren und bewahren Sie auch die Rechnungen auf, damit nichts untergeht. Bei mir waren Augmentationen, Schmerzen, Antibioseverläufe nicht oder sehr unvollständig in der Akte eingetragen – ob aus Nachlässigkeit oder Eigenschutz sei dahingestellt. Dokumentationen sind allem Anschein nach häufig unvollständig. Wie ich selbst erleben musste kann es passieren, dass im Falle einer Klage Gutachter die mangelhafte Dokumentation nützen, um den Arzt zu schützen, und Gerichte wiederum „ihre“ Gutachter schützen und wegschauen – trotz eindeutiger Beweise und Aussagen von Fachärzten. So wird schnell der Schreibtisch leer. Vielleicht habe ich einfach nur Pech gehabt. Aber auch andere Patienten mussten diese Erfahrungen machen.

Ich hoffe, dass Ihnen das hilft. Ich will Ihnen keine Angst machen, aber ich befürchte, dass eine erneute Augmentation und Implantation in eine solche Situation zu 100 % scheitern wird. Bei mir kam der Rat leider zu spät. Die Schmerzen (schon allein durch das Narbengewebe wegen der vielen OPs und Rezidiv-OPs) werden mir voraussichtlich bis zum Lebensende erhalten bleiben, von den Nebenwirkungen der Medikamente ganz zu schweigen. Lächeln Sie lieber lange Zeit mit einer Zahnlücke als ein Leben lang mit Schmerzen.

Ich drücke Ihnen die Daumen, dass alles gut geht! Ich werde gelegentlich in das Forum hineinschauen. Melden Sie sich bei weiteren Fragen.

Liebe Grüße
Walburga



Andreas_59
Mitglied seit 13. 12. 2016
2 Beiträge

Hallo Conny,

mein Rat ist der gleiche wie der von Walburga: hole dir unbedingt eine Zweitmeinung ein, gehe in eine Klinik und lasse alles ganz genau kontrollieren.

Auch ich kenne einige Fälle, bei denen es um schwerstwiegende Probleme mit allem Anschein nach falsch eingebrachtem Knochenersatzmaterial geht. Einige Zahnärzte und Kieferchirurgen scheinen die Gebrauchsanweisungen von Knochenersatzmaterialien zu ignorieren oder von Bakteriologie nicht die geringste Ahnung zu haben und somit der Bildung multiresistenter Keime Vorschub zu leisten. Die Bakterien haften dem Knochenersatzmaterial an, werden dort vom Antibiotikum nicht erreicht und kehren nach Ende der Behandlung wieder in den Knochen zurück. Eine Knochen- oder Knochenmarkentzündung (Osteomyelitis) ist oft schwer zu behandeln und es kann sehr lange dauern, bis sich eventuell erst nach Jahren, wenn überhaupt, ein Erfolg einstellt. Auf diese Weise spielen manche Ärzte Roulette mit der Gesundheit ihrer Patienten. Und zugleich fassen sie ihren Patienten tief in die Tasche – wie bei dir zahlen die Krankenkassen ja oft nicht für Knochenersatzmaterial. Es kommt einem schon der Gedanke dass die Augmentation für Behandler lukrativ sein könnte. Geht es gut, umso besser. Geht es schief, verdient man selbst oder ein Kollege dann auch noch an den Folgen.

Der laxe Umgang mit den Knochenersatzmaterialien stellt meiner Meinung nach einen Medizinskandal größten Ausmaßes dar. Ich meine, dass die Zahnärztekammern hier längst hätten handeln müssen, unter anderem mit einer Meldepflicht für Schäden im Zusammenhang mit Knochenersatzmaterialien. Vermutlich wird vielen Betroffenen der Schaden gar nicht bekannt.

Du solltest meines Erachtens um Knochenersatzmaterial einen weiten Bogen machen, solange die Entzündungen oder Infektionen noch nicht über einen langen Zeitraum hinweg ausgeheilt sind. Es dürfen lange Zeit keine Schmerzen vorhanden sein. Manche Ärzte warten ein ganzes Jahr. Die schnelle Augmentation, ein Entfernen des defekten Gewebes und gleich erneut augmentierten – das wäre mit Sicherheit fatal, wie es auch Walburga beschreibt. Wäre es so einfach, gäbe es die Kontraindikationen in den Gebrauchsanweisungen nicht. Das scheinen sich manche Ärzte in einem folgenschweren Irrtum zu befinden. Ausräumen des defekten Gewebes heißt nicht, dass man alle Bakterien erwischt. Die verbliebenen Bakterien würden sofort das neue Knochenersatzmaterial besiedeln und das Ganze ginge von vorne los. Hat sich erst einmal eine chronische Osteomyelitis gebildet kann es, wie gesagt, unter Umständen sogar Jahre dauern, bis sie mit der geeigneten Diagnostik gefunden wird.

Alles Gute und viele Grüße

Andreas



Conny286
Mitglied seit 11. 11. 2018
3 Beiträge

Vielen Dank für die aufschlussreichen Informationen, Aufklärung und wichtigen Hinweise. Ich habe mir in der Uni-zahnklinik einen Termin für eine Zweitmeinung geholt, für den 7.12.18. Ich werde im Forum berichten, was dort passiert, empfohlen, gesagt wird. Bin echt gespannt...



Walburga
Mitglied seit 15. 11. 2018
2 Beiträge

Ich gespannt, was sie sagen und drücke die Daumen, dass sie Ihnen weiterhelfen können.



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