Werbeversprechen bei Medizinprodukten nicht OK: Verbraucherzentrale gewinnt vor Gericht gegen Zahnschienen-Hersteller

Die Verbraucherzentrale NRW ging erfolgreich gegen einige Anbieter von Zahnschienen vor, die im Rahmen ihrer Werbekampagnen Risiken einer Zahnkorrektur verschwiegen, negative Bewertungen unter Verschluss hielten und Möglichkeiten einer Behandlung ausschmückten.

Aufklärungspflicht bei Medizinprodukten

Zahnkorrektur ist ein ernstzunehmendes Thema und bei den dafür verwendeten Zahnschienen handelt es sich um Medizinprodukte. Man sollte sich vor einer Behandlung über einige Punkte im Klaren sein, zum Beispiel dass nicht jede Zahnfehlstellung mit Schienen korrigiert werden kann, nicht immer das gewünschte Ergebnis erzielt wird oder dass eine Zahnverschiebung zu Kieferproblemen führen kann. Ein seriöser Anbieter würde darüber aufklären und ein realistisches Bild des möglichen Ergebnisses zeichnen. Beklagte Hersteller „DrSmile", „PlusDental“ und „SmileDirectClub“ gehen mit ihrer Vermarktung alles andere als seriös ins Rennen. Darum gab es jetzt auch einen auf den Deckel.

„Dein perfektes Lächeln“ und andere Märchen

Eine ausgefuchste Masche ist auch, alle negativen (1 und 2 Sterne-Bewertungen) auf der eigenen Webseite auszublenden und zu behaupten, es hätte noch nie unzufriedene Patienten gegeben. Weitere Aussagen waren „die Schienen tun nicht weh und arbeiten nur minimal mit Druck“ und „eine Schiene kann immer eine klassische Zahnspange ersetzen“. Wenn man sich überlegt, wie die Schienen funktionieren, kommt man von selbst drauf: mit Druck. Die Zähne werden bewegt, das tun sie nicht einfach so. Und man will zeitnah Ergebnisse erzielen, also braucht es mehr als minimalen Druck. Bei komplizierten Fehlstellungen bzw. stark verschachtelten Zähnen funktioniert die Begradigung durch Schienen nicht und sie können mehr Schaden anrichten, als man denkt.

Zahnkorrektur mit Schienen? Ja, aber beim Zahnarzt!

Zahnbewegung durch Zahnschienen ist keine neue Erfindung. Neu ist nur, dass man als Unternehmen damit Geld verdienen kann. Unter Aufsicht des Zahnarztes wird mit seriösen Dentalfirmen ein Konzept für eine Zahnbegradigung ausgearbeitet und der Ablauf überwacht. Es wird über Risiken und Möglichkeiten aufgeklärt und unrealistischen Erwartungshaltungen ein Riegel vorgeschoben. Dort steht Ihre Zahngesundheit an erster Stelle. Bei Medizinprodukten hat der Arzt übrigens keine Handelsspanne. Soll heißen, an dem Produkt selbst verdient Ihr Zahnarzt nichts.

Verbraucherzentrale, kannst du uns vor uns selbst schützen?

Höher, schneller, weiter und dabei verdammt gut aussehen. Stars und Sternchen leben uns vor, wie man auszusehen hat: glatt gebügelt, strahlend weisse und gerade Zähne, dicke Lippen, schlanke zu Topform trainierte Körper und so weiter. Dass solche Körper in den seltensten Fällen so geboren wurden, ist eigentlich jedem klar. Kleine Eingriffe zur Eigenoptimierung sind längst keine Heimlichkeit mehr. Normal also, dass das Thema Einzug in die Werbung erhält. Weil man es will.

Produktempfehlung oder Manipulation: wo zieht man die Grenze in der Werbung?

Man akzeptiert, was man als normal empfindet. Oder anders gesagt, wieso sollte man etwas hinterfragen, was schon immer so war? Mit Shampoo wäscht man sich nicht bloß die Haare, man erhält den ultimativen Seidenglanz. Bodylotion beugt nicht einfach trockener Haut vor, es macht sie streichelzart und begehrenswert. Zahnpasta sorgt nicht für gesunde Zähne und beugt Karies vor, es zaubert ein unwiderstehlich weißes Lächeln (da hat der Mann, der sich in der Werbung eben noch alleine im Bad die Zähne geputzt hat, plötzlich eine attraktive Frau neben sich, die sich auch die Zähne putzt, toll!). Eine Zahnschiene, die krumme Zähne zum wunderschönen geraden Hollywood-Lächeln wandelt, reiht sich in diese Versprechen wunderbar ein, oder nicht?

Konsequenzen

Nach Erfolg der Verbraucherzentrale vor Gericht, müssen die Zahnschienen-Hersteller ihre Werbeslogans ändern. Als Konsequenz zieht sich der amerikanische Anbieter SmileDirectClub komplett aus Deutschland zurück. Die beiden anderen Firmen werden sich sicher etwas neues ausdenken, womit sie ihre Kunden einlullen können. Denn der Wunsch nach dem perfekten Aussehen ist da und die Leute sind bereit, sich von der Perspektive auf ein "optimiertes Selbst" abholen zu lassen.

 

Quelle: Verbraucherzentrale NRW

Letzte Aktualisierung am Dienstag, 12. Juli 2022

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