Lexikon
Zygoma-Implantat (Jochbeinimplantat)
Ein Zygoma-Implantat ist ein besonders langes Zahnimplantat (30–52,5 mm), das nicht im Kieferknochen, sondern im Jochbein (Os zygomaticum) verankert wird. Es kommt zum Einsatz, wenn im seitlichen Oberkiefer so wenig eigener Knochen vorhanden ist, dass herkömmliche Implantate keinen Halt finden — und ein aufwendiger Knochenaufbau nicht gewünscht oder nicht möglich ist. Das Konzept geht auf Prof. Per-Ingvar Brånemark zurück, der Ende der 1980er-Jahre erstmals Implantate im Jochbein setzte. Heute belegen systematische Reviews langfristige Überlebensraten von rund 95–97 % und machen Zygoma-Implantate zu einer evidenzbasierten Alternative zum klassischen Sinuslift mit verzögerter Implantation.

IMPLANTAT-SPEZIALISTEN IN IHRER NÄHE
Wann kommen Zygoma-Implantate in Frage?
Die Hauptindikation ist eine ausgeprägte Kieferknochenatrophie im seitlichen und hinteren Oberkiefer (Cawood-Howell Klasse IV–VI). In diesen Fällen bietet der Alveolarkamm zu wenig Volumen für konventionelle Implantate, und ein Sinuslift würde entweder mehrere Eingriffe erfordern oder scheitern.
| Indikation | Erläuterung |
|---|---|
| Schwere Oberkieferatrophie | Restknochenhöhe unter 4 mm im Seitenzahnbereich, Sinuslift nicht ausreichend oder abgelehnt |
| Fehlgeschlagener Knochenaufbau | Nach erfolglosem Sinuslift oder Knochenblock — Zygoma als Rückfalloption |
| Zustand nach Tumoroperation | Oberkieferdefekte nach onkologischer Resektion, bei denen kein ausreichender Restknochen verbleibt |
| Lippen-Kiefer-Gaumenspalte | Angeborene Fehlbildung mit stark reduziertem Knochenangebot im Oberkiefer |
| Multimorbide Patienten | Wenn ein langwieriger Knochenaufbau wegen Begleiterkrankungen oder Alter vermieden werden soll |
Ablauf der Behandlung
Der Eingriff erfolgt unter Vollnarkose oder tiefer Sedierung. Die Planung basiert auf einem DVT (digitale Volumentomografie), das den exakten Verlauf des Jochbeins und die verbliebene Kieferknochenhöhe zeigt. Immer häufiger kommen auch 3D-gedruckte Bohrschablonen zum Einsatz, die den Implantationspfad durch den Oberkiefer ins Jochbein millimetergenau vorgeben.
| Schritt | Was passiert | Dauer (ca.) |
|---|---|---|
| 1. Planung | DVT-Aufnahme, 3D-Planung, ggf. Bohrschablone | 1–2 Wochen vorher |
| 2. Operation | Setzen von 2 Zygoma-Implantaten + 2–4 konventionellen Implantaten im Frontzahnbereich | 2–3 Stunden |
| 3. Sofortversorgung | Festsitzende provisorische Brücke wird am selben Tag oder innerhalb von 48 Stunden eingesetzt | Wenige Stunden |
| 4. Definitive Versorgung | Nach 3–6 Monaten Einheilzeit: Endgültige CAD/CAM-Brücke | 2–3 Termine |
Chirurgische Zugangswege
In der Literatur werden zwei Hauptzugänge beschrieben, die sich in Komplikationsrate und Indikation unterscheiden:
| Zugang | Prinzip | Vorteil | Nachteil |
|---|---|---|---|
| Intrasinus (klassisch) | Implantat durchquert die Kieferhöhle | Bewährt, lange Datenlage | Höheres Sinusitis-Risiko (bis 14 %) |
| Extrasinus (ZAGA) | Implantat verläuft außerhalb der Kieferhöhle entlang der Jochbeinwand | Geringeres Sinusitis-Risiko, bessere Weichgewebe-Ästhetik | Technisch anspruchsvoller, anatomische Varianten berücksichtigen |
Die ZAGA-Klassifikation (Zygoma Anatomy-Guided Approach) nach Aparicio unterteilt die Jochbeinanatomie in fünf Typen und empfiehlt je nach Knochenrelief den optimalen Implantatpfad — intrasinus, extrasinus oder eine Kombination.
Überlebensraten und Evidenz
| Studie / Review | Nachbeobachtung | Überlebensrate |
|---|---|---|
| Tettamanti et al. 2023 (Metaanalyse) | Mittel 6,5 Jahre | 95,7 % |
| Chrcanovic et al. 2016 (Syst. Review) | Bis 12 Jahre | 95,2 % |
| Al-Nawas et al. 2023 (ITI Consensus) | 5–10 Jahre | 95–97 % |
| Konventionelle Implantate (Vergleich) | 10 Jahre | 95–97 % |
Die Überlebensraten von Zygoma-Implantaten liegen damit auf dem Niveau konventioneller Implantate — bei einer Patientengruppe, die ohne Zygoma-Implantate oft nur mit herausnehmbarem Zahnersatz versorgt werden könnte.
Mögliche Komplikationen
| Komplikation | Häufigkeit (lt. Metaanalysen) | Erläuterung |
|---|---|---|
| Sinusitis | 5–14 % | Häufigste Komplikation; Implantat durchquert beim klassischen Zugang die Kieferhöhle. Meist antibiotisch behandelbar. |
| Periimplantäre Mukositis / Periimplantitis | 3–8 % | Entzündung des Weichgewebes um das Implantat; regelmäßige Implantatpflege senkt das Risiko. |
| Oroantrale Fistel | < 2 % | Verbindung zwischen Mundhöhle und Kieferhöhle; kann operativ verschlossen werden. |
| Parästhesie / Taubheit | Selten | Vorübergehende Gefühlsstörung im Bereich der Wange; bildet sich meist innerhalb von Wochen zurück. |
| Implantatverlust | 3–5 % | Meist in der Einheilphase; erneute Implantation in der Regel möglich. |
Zygoma-Implantat vs. Sinuslift: Vergleich
| Kriterium | Zygoma-Implantat | Sinuslift + konventionelle Implantate |
|---|---|---|
| Knochenaufbau nötig? | Nein | Ja (eigener Knochen oder Knochenersatz) |
| Anzahl Eingriffe | 1 Operation | 2–3 Operationen (Sinuslift → Einheilung → Implantation) |
| Sofortversorgung möglich? | Ja — feste Zähne am selben Tag | Nein — Einheilzeit 4–9 Monate nach Sinuslift |
| Gesamtbehandlungszeit | 3–6 Monate bis definitive Brücke | 9–18 Monate |
| Narkose | Vollnarkose empfohlen | Oft in Lokalanästhesie möglich |
| Langzeitüberlebensrate | 95–97 % | 95–97 % |
| Kosten (Richtwert) | Höher pro Implantat, aber weniger Eingriffe | Geringer pro Implantat, aber Knochenaufbaukosten |
Kosten
Die Kosten für Zygoma-Implantate liegen aufgrund der Implantatlänge, der aufwendigeren Planung und des Eingriffs unter Vollnarkose deutlich über denen konventioneller Implantate. Dem stehen jedoch Einsparungen gegenüber, weil der Knochenaufbau entfällt und oft weniger Sitzungen nötig sind.
| Leistung | Richtwert (Eigenanteil) |
|---|---|
| Zygoma-Implantat (pro Stück) | 2.500–4.000 € |
| Konventionelles Implantat Frontzahn (pro Stück) | 1.000–2.500 € |
| Vollnarkose | 300–600 € |
| 3D-Planung + Bohrschablone | 500–1.000 € |
| Provisorische Sofortversorgung (Brücke) | 1.500–3.000 € |
| Definitive CAD/CAM-Brücke | 4.000–8.000 € |
| Gesamtversorgung (Richtwert) | 15.000–25.000 € |
Take-Home-Message: Zygoma-Implantate sind eine evidenzbasierte Lösung für Patienten mit stark abgebautem Oberkiefer, die einen aufwendigen Knochenaufbau vermeiden möchten. In einer einzigen Operation werden die Implantate im Jochbein verankert — feste Zähne sind noch am selben Tag möglich. Die Überlebensraten (95–97 %) sind mit konventionellen Implantaten vergleichbar. Die häufigste Komplikation ist eine Kieferhöhlenentzündung; neuere Operationstechniken senken dieses Risiko. Da der Eingriff anspruchsvoll ist, sollte er nur von erfahrenen Implantologen mit entsprechender Spezialisierung durchgeführt werden.
Literatur
Quellenverzeichnis anzeigen
- Roper MB, Vissink A, Dudding T, Pollard A, Gareb B, Malevez C, Balshi TJ, Brecht LE, Kumar V, Wu Y, Jung RE. Long-term treatment outcomes with zygomatic implants: a systematic review and meta-analysis. Int J Implant Dent. 2023;9:23. DOI: 10.1186/s40729-023-00479-x
- Chrcanovic BR, Albrektsson T, Wennerberg A. Survival and Complications of Zygomatic Implants: An Updated Systematic Review. J Oral Maxillofac Surg. 2016;74(10):1949–1964. DOI: 10.1016/j.joms.2016.06.166
- Al-Nawas B, Aghaloo T, Aparicio C et al. ITI consensus report on zygomatic implants: indications, evaluation of surgical techniques and long-term treatment outcomes. Int J Implant Dent. 2023;9(1):28. DOI: 10.1186/s40729-023-00489-9
- Aparicio C. A proposed classification for zygomatic implant patient based on the zygoma anatomy guided approach (ZAGA). Eur J Oral Implantol. 2011;4(3):269–275. PMID: 22043470
- Polido WD, Machado-Fernandez A, Lin WS, Aghaloo T. Indications for zygomatic implants: a systematic review. Int J Implant Dent. 2023;9(1):33. DOI: 10.1186/s40729-023-00480-4
- Brånemark PI et al. Zygoma fixture in the management of advanced atrophy of the maxilla. Scand J Plast Reconstr Surg Hand Surg. 2004;38(2):70–85. DOI: 10.1080/02844310310023918
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