Lexikon

Zahnstein

Zahnstein ist mineralisierter bakterieller Zahnbelag (Plaque), der sich auf Zahnoberflächen, an Zahnfleischrändern und unter dem Zahnfleisch ablagert. Chemisch besteht er überwiegend aus Calciumphosphat-Verbindungen — vor allem Hydroxylapatit und Brushit —, eingebettet in eine organische Matrix aus abgestorbenen Bakterien, Speichelproteinen und Glykoproteinen. Zahnstein selbst verursacht keine Erkrankung, aber seine raue, poröse Oberfläche bietet lebenden Bakterien eine ideale Besiedlungsfläche. Dadurch wird er zum Risikofaktor für Gingivitis, Parodontitis und bei Implantatträgern für eine periimplantäre Mukositis. Rund 85 % der Erwachsenen in Deutschland haben Zahnstein — er ist damit einer der häufigsten Befunde in der zahnärztlichen Praxis.

Zahnstein Bildung
Massive Zahnsteinbildung in der Unterkiefer-Front

Wie entsteht Zahnstein?

Die Zahnsteinbildung ist ein zweistufiger Prozess. Zunächst lagert sich innerhalb weniger Stunden nach dem Zähneputzen ein weicher Biofilm (Plaque) auf der Zahnoberfläche an — eine strukturierte Gemeinschaft von Bakterien, die in einer Schleimschicht (extrazelluläre Matrix) eingebettet sind. Wird dieser Biofilm nicht regelmäßig entfernt, beginnt er innerhalb von 24–72 Stunden zu mineralisieren: Calcium- und Phosphat-Ionen aus dem Speichel lagern sich in die Matrix ein und kristallisieren zu Calciumphosphat. Nach etwa 10–14 Tagen ist die Plaque vollständig mineralisiert — aus weichem Belag ist harter Zahnstein geworden, der sich mit der Zahnbürste nicht mehr entfernen lässt.

Infografik: Zahnsteinbildung in vier Phasen — von der sauberen Oberfläche über Pellikel und Plaque zum mineralisierten Zahnstein
Von der Plaque zum Zahnstein: Mineralisation innerhalb von 10–14 Tagen (Quellen: Jin & Yip 2002, White 1997)

Die Mineralisationsgeschwindigkeit hängt von mehreren Faktoren ab: dem Speichel-pH-Wert (höherer pH fördert die Kristallisation), der Calciumkonzentration im Speichel, der Fließrate und der individuellen Proteinzusammensetzung. Deshalb bilden manche Menschen deutlich schneller und mehr Zahnstein als andere — unabhängig von der Putztechnik.

Supragingivaler und subgingivaler Zahnstein

KriteriumSupragingivaler ZahnsteinSubgingivaler Zahnstein (Konkrement)
LokalisationOberhalb des ZahnfleischsaumsUnterhalb des Zahnfleischsaums, in der Zahnfleischtasche
FarbeGelblich-weiß bis hellbraunDunkelbraun bis schwarz (Hämoglobin-Einlagerung)
MineralquelleSpeichelSulkusflüssigkeit (Exsudat)
PrädilektionsstellenLingualflächen der UK-Frontzähne, Bukkalflächen der OK-Molaren (Nähe der Speicheldrüsenausgänge)Überall dort, wo Zahnfleischtaschen ≥ 4 mm bestehen
HärteHart, aber leichter entfernbarExtrem hart, fest mit Wurzeloberfläche verbunden
Klinische BedeutungÄsthetisch störend, Biofilm-RetentionsflächeDirekter Beitrag zur Parodontitis-Progression

Besonders tückisch ist der subgingivale Zahnstein: Er ist für den Patienten unsichtbar, sitzt fest in der Zahnfleischtasche und unterhält dort eine chronische Entzündung. Seine dunkle Farbe entsteht durch Einlagerung von Hämoglobin-Abbauprodukten aus dem entzündeten Zahnfleisch. Die Entfernung subgingivalen Zahnsteins — das sogenannte Scaling und Root Planing (SRP) — ist der wichtigste Schritt in der systematischen Parodontitis-Therapie.

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Zahnstein und Zahnfleischerkrankungen

Klinisches Foto: Zahnstein und Zahnfleischentzündung — sichtbare supragingivale Ablagerungen mit Rötung und Schwellung der Gingiva
Klinisches Bild: Supragingivaler Zahnstein mit begleitender Gingivitis. Die mineralisierten Ablagerungen an den Zahnhälsen fördern die bakterielle Besiedlung und führen zu Rötung und Schwellung des Zahnfleischs.

Zahnstein allein löst keine Parodontitis aus — die Entzündung wird durch den lebenden Biofilm verursacht, nicht durch den mineralisierten Stein. Aber Zahnstein macht die Situation schlechter, weil er dem Biofilm eine raue, poröse Oberfläche bietet, auf der sich Bakterien besonders gut anheften können, er die häusliche Mundhygiene erschwert (Zahnbürste und Interdentalbürste gleiten nicht mehr über die Fläche), und er als mechanische Barriere verhindert, dass sich das Zahnfleisch wieder an den Zahn anlegen kann. In den Worten der aktuellen EFP-Leitlinie: Zahnstein ist ein sekundärer ätiologischer Faktor, der die Biofilm-getriebene Entzündung aufrechterhält und verstärkt.
In einigen Fällen kann aber der Zahnstein durch verdrängendes Wachstum selbst für Attachmentverlust sorgen: Zahnfleisch und Knochen gehen dann verloren.

Zahnstein sorgt für Attachmentverlust: Zahnfleisch und Knochen sind verloren gegangen

Nach Zahnsteinentfernung
Nach Zahnsteinentfernung

Zahnsteinentfernung — professionell und zu Hause

Professionelle Zahnsteinentfernung (PZR und Scaling): Der Zahnarzt oder die Dentalhygienikerin entfernt Zahnstein mit Ultraschallinstrumenten (Piezo- oder Magnetostriktionsgeräte), Handinstrumenten (Scaler, Küretten) oder dem Pulver-Wasserstrahl-Gerät (Airflow). Supragingivaler Zahnstein wird in der Regel im Rahmen einer professionellen Zahnreinigung (PZR) entfernt. Subgingivaler Zahnstein erfordert ein gezieltes Scaling und Root Planing (SRP) unter lokaler Betäubung — dies ist eine therapeutische Maßnahme im Rahmen der systematischen Parodontitis-Behandlung und seit 2021 als Kassenleistung strukturiert (PAR-Richtlinie).

Kann man Zahnstein selbst entfernen? Nein — und der Versuch ist riskant. Im Internet werden Zahnstein-Entfernungs-Sets mit scharfen Metallhaken verkauft. Diese Instrumente können den Zahnschmelz verkratzen, das Zahnfleisch verletzen und Bakterien in die Blutbahn drücken. Zahnstein, der einmal mineralisiert ist, lässt sich nur mit professionellen Instrumenten sicher und vollständig entfernen. Was der Patient tun kann — und soll —, ist die Entstehung von Zahnstein durch gründliche tägliche Plaque-Entfernung zu verlangsamen.

Kosten der Zahnsteinentfernung

LeistungKassenleistung?Eigenanteil (ca.)
Zahnsteinentfernung (einmal jährlich)Ja — BEMA-Nr. 1070 €
Professionelle Zahnreinigung (PZR)Nein — Privatleistung (GOZ 1040)80–150 €
Scaling / Root Planing (SRP) bei ParodontitisJa — seit 2021 als PAR-Kassenleistung0 € (bei genehmigtem PAR-Antrag)
UPT-Nachsorge (unterstützende Parodontitis-Therapie)Ja — bis zu 2 Jahre nach AIT0 € (danach Privatleistung)

Wichtig zu wissen: Die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt die reine Zahnsteinentfernung einmal pro Kalenderjahr als Kassenleistung. Die umfassendere professionelle Zahnreinigung (PZR), die zusätzlich Verfärbungen entfernt, poliert und fluoridiert, ist eine Privatleistung. Viele Kassen bezuschussen die PZR jedoch freiwillig mit 30–80 € pro Jahr im Rahmen von Bonusprogrammen.

Prävention — Zahnstein verlangsamen

Zahnsteinbildung lässt sich nicht vollständig verhindern — solange Speichel fließt, findet Mineralisation statt. Aber die Geschwindigkeit und das Ausmaß können durch konsequente Plaque-Entfernung deutlich reduziert werden. Die wichtigsten Maßnahmen sind: zweimal täglich Zähneputzen mit einer fluoridhaltigen Zahnpasta (die mechanische Entfernung des Biofilms ist der wichtigste Faktor), tägliche Reinigung der Zahnzwischenräume mit Zahnseide oder Interdentalbürsten, besondere Aufmerksamkeit auf die Prädilektionsstellen (Innenseite der unteren Frontzähne, Außenseite der oberen Backenzähne) und regelmäßige professionelle Reinigung alle 6–12 Monate. Spezielle Anti-Zahnstein-Zahnpasten enthalten Pyrophosphate oder Zinkverbindungen, die die Kristallisation hemmen. Ihre Wirksamkeit ist in Studien belegt, der Effekt jedoch moderat — sie ersetzen die mechanische Reinigung nicht.

Take-Home-Message: Zahnstein ist mineralisierter Zahnbelag, der sich mit der Zahnbürste nicht mehr entfernen lässt. Er verursacht selbst keine Erkrankung, aber seine raue Oberfläche fördert die Biofilm-Anheftung und damit Zahnfleischentzündungen und Parodontitis. Supragingivaler Zahnstein wird einmal jährlich kostenlos entfernt (Kassenleistung). Subgingivaler Zahnstein erfordert eine gezielte Parodontitis-Therapie. Vorbeugung: tägliche Plaque-Entfernung und regelmäßige professionelle Reinigung.

Literatur

Literatur und Quellenangaben

Jin Y, Yip HK. Supragingival calculus: formation and control. Crit Rev Oral Biol Med. 2002;13(5):426–441. DOI: 10.1177/154411130201300506

White DJ. Dental calculus: recent insights into occurrence, formation, prevention, removal and oral health effects of supragingival and subgingival deposits. Eur J Oral Sci. 1997;105(5 Pt 2):508–522. DOI: 10.1111/j.1600-0722.1997.tb00238.x

Abusleme L et al. Microbial signatures of health, gingivitis, and periodontitis. Periodontol 2000. 2021;86(1):57–78. DOI: 10.1111/prd.12362

Figuero E et al. Mechanical and chemical plaque control in the simultaneous management of gingivitis and caries: a systematic review. J Clin Periodontol. 2017;44(Suppl 18):S116–S134. DOI: 10.1111/jcpe.12674

KZBV Jahrbuch 2023. Statistische Basisdaten zur vertragszahnärztlichen Versorgung. Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung, Köln.

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