Lexikon
Zahnkorrosion
Als Korrosion wird in der Zahnmedizin die chemische, biochemische und elektrochemische Auflösung von Substanz durch nicht-bakterielle Säuren, proteolytische Enzyme und elektrische Potenzialunterschiede bezeichnet. Der Begriff hat zwei getrennte Bedeutungen: Zum einen bildet er in der revidierten Verschleiß-Terminologie (als „Biokorrosion“) den Oberbegriff für die chemisch-elektrochemische Auflösung der Zahnhartsubstanz, unter den die rein säurebedingte Erosion als Untergruppe fällt. Zum anderen bezeichnet er die werkstoffkundliche Materialkorrosion von Dentallegierungen – Amalgam, Gold- und Nichtedelmetalllegierungen – im Mundmilieu, bei der Metallionen freigesetzt werden. Die klinische Ausprägung der säurebedingten Zahnauflösung ist ausführlich im eigenständigen Eintrag zur Erosion beschrieben; dieser Eintrag konzentriert sich auf die begriffliche Einordnung und die Materialkorrosion.
Auf einen Blick
- Korrosion beschreibt zwei Dinge: die (bio)chemisch-elektrochemische Auflösung von Zahnhartsubstanz und die Korrosion metallischer Restaurationen.
- In der revidierten Terminologie nach Grippo ist Korrosion (Biokorrosion) der Oberbegriff, unter den die klassische Erosion als säurebedingte Form fällt.
- Materialkorrosion betrifft Amalgam, Gold- und Nichtedelmetalllegierungen und kann Metallionen freisetzen.
- Treffen unterschiedliche Metalle im Mund aufeinander, kann galvanische Korrosion entstehen.
- Details zur klinischen Ausprägung der säurebedingten Zahnauflösung: siehe Erosion.
Abgrenzung: Korrosion, Erosion und Materialkorrosion
Die häufigste Verwechslung besteht zwischen Korrosion und Erosion. In der revidierten Verschleiß-Terminologie ist die Erosion nicht der Oberbegriff, sondern die klassische, säurebedingte Ausprägung der chemischen Zahnhartsubstanz-Auflösung; Korrosion (Biokorrosion) fasst zusätzlich enzymatisch-proteolytische und elektrochemische Vorgänge mit ein. Daneben steht die werkstoffkundliche Materialkorrosion, die nicht den Zahn, sondern die Restauration betrifft. Die folgende Tabelle stellt die drei Konzepte gegenüber. Die ausführliche Darstellung des klinischen Bildes, der Ursachen und der Diagnostik der säurebedingten Auflösung findet sich im Eintrag zur Erosion.
| Merkmal | Korrosion / Biokorrosion (Zahn) | Materialkorrosion (Legierung) |
|---|---|---|
| Betroffenes Objekt | Zahnhartsubstanz (Schmelz, Dentin, Wurzelzement) | Metallische Restauration, nicht der Zahn |
| Einordnung | Oberbegriff für chemisch-elektrochemische Auflösung; die säurebedingte Erosion ist eine Untergruppe | Eigenständiges werkstoffkundliches Phänomen |
| Auslöser | Nicht-bakterielle Säuren, proteolytische Enzyme, elektrochemische Effekte | Elektrolyt Speichel, pH-Wechsel, Kontakt unterschiedlicher Metalle |
| Bakterien beteiligt? | Nein (unterscheidet sich damit von Karies) | Nein (rein elektrochemisch) |
| Typische Folge | Flächiger Substanzverlust, oft mit Abrasion/Attrition kombiniert | Metallionenfreisetzung, matte Oberfläche, galvanische Effekte |
Für die säurebedingte Zahnhartsubstanz-Auflösung – extrinsische und intrinsische Säurequellen, klinisches Erscheinungsbild, Diagnostik und Vorbeugung – wird auf den eigenständigen Eintrag zur Erosion verwiesen. Sie tritt an der Zahnhartsubstanz selten isoliert auf, sondern meist gemeinsam mit mechanischem Verschleiß durch Abrasion und Attrition; deshalb beschreibt der übergeordnete Begriff Zahnhartsubstanzverlust die klinische Realität oft treffender als ein einzelner Mechanismus.
Materialkorrosion und galvanische Korrosion
Metallische Werkstoffe im Mund sind einem dauerhaft korrosiven Umfeld ausgesetzt. Speichel wirkt als Elektrolyt, der pH-Wert schwankt mit Nahrung und Getränken, hinzu kommen mechanische Belastung, Temperaturwechsel und Kontakt mit Mikroorganismen. Unter diesen Bedingungen geben Legierungen Metallionen an die Mundflüssigkeit ab. Bei Amalgam ist die Korrosion ein zentraler Vorgang, über den Bestandteile freigesetzt werden können; bei Nichtedelmetalllegierungen wie Kobalt-Chrom werden unter anderem Kobalt- und Chromionen abgegeben. Edelmetalllegierungen mit hohem Goldanteil gelten als vergleichsweise korrosionsbeständig.
Eine besondere Form ist die galvanische Korrosion: Berühren sich im Mund zwei unterschiedliche Metalle oder Legierungen – etwa eine Goldkrone und eine Amalgamfüllung – bildet sich über den Speichel als Elektrolyt ein galvanisches Element. Dabei wird das unedlere Metall verstärkt korrodiert und gibt vermehrt Ionen ab; es können messbare galvanische Ströme entstehen. Auch im Zusammenhang mit Titanimplantaten und weiteren intraoral eingebrachten Metallen wird oraler Galvanismus beschrieben. Ob daraus klinisch relevante Beschwerden entstehen – etwa metallischer Geschmack, ein Brennen der Schleimhaut oder kurze Missempfindungen –, hängt von der Materialkombination und der individuellen Empfindlichkeit ab. Solche Symptome sind unspezifisch und erfordern eine zahnärztliche Abklärung mit Ausschluss anderer Ursachen.
Terminologische Einordnung nach Grippo
Der Begriff Korrosion stammt in der Lehre vom Zahnhartsubstanzverlust aus einer revidierten Terminologie, die auf die Arbeiten von Grippo und Mitarbeitern zurückgeht. Im klassischen Modell stehen vier Mechanismen nebeneinander: mechanischer Abrieb durch Fremdkörper (Abrasion), Abrieb durch Zahn-zu-Zahn-Kontakt (Attrition), die säurebedingte chemische Auflösung (Erosion) und der keilförmige Substanzverlust durch Biegespannung (Abfraktion). In der revidierten Systematik wird der Begriff Biokorrosion als übergeordnete Kategorie eingeführt, die alle chemischen, biochemischen (enzymatisch-proteolytischen) und elektrochemischen Auflösungsvorgänge zusammenfasst. Die klassische Erosion ist damit nicht mehr der Oberbegriff, sondern die auf Säure beschränkte Untergruppe dieser breiter gefassten Kategorie.
Praxis und Vorbeugung
Die Behandlung richtet sich nach dem betroffenen Strang. Bei der Korrosion der Zahnhartsubstanz stehen die Ausschaltung der Auslöser und der Schutz der Substanz im Vordergrund – die konkreten Maßnahmen sind im Eintrag zur Erosion ausgeführt. Bei der Materialkorrosion besteht die Therapie in der Beurteilung und gegebenenfalls dem Austausch betroffener Restaurationen; verursacht eine Metallkombination galvanische Effekte oder Beschwerden, kann die Vereinheitlichung der Werkstoffe oder der Wechsel auf korrosionsbeständigere beziehungsweise metallfreie Materialien sinnvoll sein. Die Entscheidung erfolgt individuell und nur nach zahnärztlicher Untersuchung. Zur Vorbeugung tragen bei:
- Säurebelastung senken: saure Getränke und Speisen bewusst konsumieren und nach Säurekontakt nicht sofort putzen (Details siehe Erosion).
- Materialwahl bedenken: bei neuen Restaurationen mögliche Metallkombinationen mit der Zahnärztin oder dem Zahnarzt besprechen, um galvanische Effekte zu vermeiden.
- Regelmäßige Kontrollen: ermöglichen die frühe Erkennung von Substanzverlust und korrodierten Restaurationen.
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Literatur
Literatur und Quellenangaben
- Grippo JO, Simring M, Schreiner S. Attrition, abrasion, corrosion and abfraction revisited: a new perspective on tooth surface lesions. J Am Dent Assoc. 2004;135(8):1109–1118. doi:10.14219/jada.archive.2004.0369
- Grippo JO, Simring M, Coleman TA. Abfraction, Abrasion, Biocorrosion, and the Enigma of Noncarious Cervical Lesions: A 20-Year Perspective. J Esthet Restor Dent. 2012;24(1):10–23. doi:10.1111/j.1708-8240.2011.00487.x
- Schlueter N, Amaechi BT, Bartlett D, et al. Terminology of Erosive Tooth Wear: Consensus Report of a Workshop Organized by the ORCA and the Cariology Research Group of the IADR. Caries Res. 2020;54(1):2–6. doi:10.1159/000503308
- Arakelyan M, Spagnuolo G, Iaculli F, et al. Minimization of Adverse Effects Associated with Dental Alloys. Materials (Basel). 2022;15(21):7476. doi:10.3390/ma15217476
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