Lexikon
Wurzelkaries
Wurzelkaries ist eine Karies an freiliegenden Zahnwurzeloberflächen — also unterhalb der Schmelz-Zement-Grenze, wo das schützende Zahnzement durch Zahnfleischrückgang oder parodontalen Knochenabbau zugänglich wird. Sie schreitet in der Regel schneller voran als die klassische Kronenkaries, weil das Wurzeldentin deutlich weniger mineralisiert ist als Zahnschmelz.
Wurzelkaries unterscheidet sich in nahezu allen Punkten von der Kronenkaries: anderer kritischer pH-Wert, andere Risikogruppen, andere Behandlung. Besonders betroffen sind Menschen über 60, Patienten nach Parodontitis-Therapie und Patienten mit Mundtrockenheit oder Polymedikation.
| Was ist das? | Karies an freiliegender Wurzel |
| Häufigkeit | Ab 65: 59 % (DMS 6, 2025) |
| Hauptursache | Rezession, Speichelmangel |
| Erste Anzeichen | Lederartige Verfärbung, oft stumm |
| Behandlung | Fluorid, SDF, Komposit, GIZ |
| Verwechslung mit | Zahnhalskaries, NCCL |
| Vorbeugen | Sanftes Putzen, Fluorid, PZR |
| Zum Zahnarzt | Verfärbung oder Empfindlichkeit |
Häufigkeit: Wie verbreitet ist Wurzelkaries?
Wurzelkaries ist eine typische Alterserkrankung. Mit zunehmendem Lebensalter steigt die Häufigkeit deutlich an, weil immer mehr Menschen ihre eigenen Zähne bis ins hohe Alter behalten und damit auch die freiliegenden Wurzeloberflächen zunehmen.
In Deutschland zeigt die Sechste Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS 6, 2025) bei den 35- bis 44-Jährigen eine Wurzelkaries-Prävalenz von 13,8 %, bei den 65- bis 74-Jährigen von 59,1 %. Im Vergleich zur DMS V (2014) hat sich die Prävalenz bei den jüngeren Senioren mehr als verdoppelt — eine direkte Folge des erfolgreichen Zahnerhalts.
Global liegt die gepoolte Prävalenz nach einer aktuellen Metaanalyse bei rund 41 % und variiert regional erheblich, mit höheren Werten in Asien-Ozeanien (rund 47 %) und niedrigeren in Nordamerika (rund 37 %). Mit steigender Lebenserwartung und besserem Zahnerhalt ist global mit weiter zunehmender Prävalenz zu rechnen.
Schmelzkaries und Wurzelkaries – zwei verschiedene Erkrankungen
Wer Wurzelkaries wie Schmelzkaries behandelt oder ihr vorbeugen will, scheitert. Die beiden Formen unterscheiden sich fundamental – und diese Unterschiede erklären, warum Wurzelkaries tückischer ist. Hinzu kommt ein prognostischer Unterschied, der oft übersehen wird: Eine zerstörte Zahnkrone lässt sich ersetzen. Selbst bei weitgehend zerstörter Krone kann ein Zahn mit Stiftaufbau und künstlicher Krone erhalten werden – vorausgesetzt, die Wurzel ist intakt. Die Wurzel ist das tragende Fundament, und dieses Fundament ist nicht ersetzbar. Ein kariös zerstörter Wurzelabschnitt hat keine prothetische Lösung. Wurzelkaries erreicht damit einen Point of no return, der weit früher kommt als bei jeder Kronenkaries.
| Merkmal | Schmelzkaries | Wurzelkaries |
|---|---|---|
| Gewebe | Zahnschmelz | Wurzelzement, Dentin |
| Mineralisation | hoch | deutlich niedriger |
| Kritischer pH | ca. 5,5 | schon ab ca. 6,2 |
| Lokalisation | Kau- und Approximalflächen | Zahnhals, Wurzel |
| Zielgruppe | Kinder, junge Erwachsene | Senioren, PAR-Patienten |
| Voraussetzung | intaktes Zahnfleisch | Wurzel liegt frei |
| Progression | langsam, oft Jahre | schneller — weiches Dentin |
| Schmerz | oft früh durch Reize | häufig stumm |
Anmerkung zur Schmerz-Zelle: Die Wurzel ist weniger sensibel innerviert als die Krone, und die Pulpa kann mit Reaktivdentin (Reizdentin/Tertiärdentin) auf den fortschreitenden Defekt reagieren. Bei aktiver, schnell progredienter Wurzelkaries reicht dieser Schutzmechanismus klinisch oft nicht aus — die Läsion bleibt lange unbemerkt und meldet sich erst, wenn sie pulpanah ist.
Wie entsteht Wurzelkaries? – Pathophysiologie in vier Schritten
Wurzelkaries setzt zwei Dinge voraus, die beim jungen, gesunden Gebiss nicht gegeben sind: eine freiliegende Wurzeloberfläche und einen Plaque-Biofilm, der lange genug unbeeinflusst arbeiten darf. Die Demineralisation verläuft am Wurzelzement deutlich leichter als am Schmelz, weil der kritische pH-Wert näher am neutralen Bereich liegt.
- Exposition der Wurzel: Gingivale Rezession, parodontale Taschen oder nach Parodontalbehandlung entstehende Knochenabbauzonen legen Wurzelzement und Dentin frei. Ohne freiliegende Wurzel keine Wurzelkaries.
- Plaque-Besiedlung: Die freiliegende Wurzel wird von einem karieserzeugenden Biofilm mit Streptococcus mutans, Lactobacillus-Arten und Aktinomyzeten kolonisiert.
- Demineralisation: Bakterielle Säuren senken den lokalen pH-Wert unter 6,0. Da Dentin und Zement schon bei diesem pH entmineralisieren, beginnt der Mineralverlust deutlich früher als am Schmelz.
- Zerstörung der Kollagenmatrix: Anders als am Schmelz (fast rein anorganisch) folgt am Wurzeldentin ein enzymatischer Abbau der organischen Kollagenmatrix. Dadurch wird die Läsion schneller tief und weich.
Zur raschen Progression kommt eine anatomisch bedingte Pulpagefährdung, die bei Kronenkaries in dieser Form nicht existiert. Der Weg von der Läsion bis zur Pulpa ist bei Wurzelkaries deutlich kürzer als bei einer Kronenkaries: An der Wurzel fehlt die schützende Schmelzschicht ganz, das Wurzelzement ist nur eine sehr dünne Schicht und bietet praktisch keine Barriere — direkt darunter beginnt das weiche Wurzeldentin. Hinzu kommen Seitenkanäle im Furkations- und apikalen Bereich, die eine direkte Verbindung zwischen Läsion und Pulpa schaffen können. Das Ergebnis: Eine Wurzelkaries, die äußerlich noch moderat wirkt, kann bereits pulpanah sein und schneller zur Pulpitis und zur Notwendigkeit einer Wurzelkanalbehandlung führen als eine vergleichbare Kronenkaries.
Erreicht die Karies tatsächlich den Nerv, wird der Zahnerhalt unsicher. Eine saubere Wurzelkanalbehandlung an einem kariös zerstörten Wurzelbereich ist technisch deutlich anspruchsvoller als an einer kariesfreien Wurzel: Die Trockenlegung ist erschwert, und die anschließende dichte Versorgung des Wurzeldefekts — Aufbau, Krone, Randdichtigkeit — gelingt häufig nur eingeschränkt. Bei ausgedehnter Wurzelkaries mit Pulpabeteiligung muss deshalb regelmäßig auch die Extraktion mit Ersatz durch Brücke, Prothese oder Implantat als Alternative mitgedacht werden.
Risikofaktoren: Wer bekommt Wurzelkaries?
| Risikofaktor | Mechanismus | Was tun |
|---|---|---|
| Alter über 60 | Mehr Rezession, weniger Speichel | Prophylaxe, Fluoridlack |
| Rezession / Parodontitis | Wurzel liegt frei | UPT, Interdentalreinigung |
| Mundtrockenheit | Speichel-Puffer fehlt | Kaugummi, Speichelersatz |
| Speichelhemmende Medikamente | Reduziert Speichelfluss | Hausarzt: Plan prüfen |
| Diabetes mellitus | Begünstigt Parodontitis | Blutzucker stabilisieren |
| Kronen mit weiten Rändern | Plaqueretention | Ränder polieren |
| Häufiges Zuckern | pH bricht früh ein | Frequenz senken |
Zu den Medikamenten mit Speichelhemmung zählen unter anderem Antidepressiva, Antihypertensiva, Antihistaminika, Diuretika und Anticholinergika. Bei Polymedikation summieren sich die Effekte häufig.

Symptome und Diagnose
Wurzelkaries bleibt lange stumm. Die erste Auffälligkeit ist häufig eine weiche, lederartige Verfärbung am Zahnhals, die sich mit der zahnärztlichen Sonde eindrücken lässt. Die Farbe reicht von hellbraun über gelb bis dunkelbraun-schwarz; aktive Läsionen sind eher hell und weich, chronisch-inaktive eher dunkel, hart und glänzend.
- Aktive Läsion: weiche Oberfläche, hellbraun bis gelblich, oft bedeckt von Plaque, tastbare Kavität oder Mulde.
- Inaktive Läsion (arrestiert): harte, dunkelbraun-schwarz gefärbte Oberfläche, glatt, nicht plaquebedeckt – das Ziel jeder Therapie.
- Empfindlichkeit auf Kälte, Süßes oder beim Zähneputzen ist möglich, aber unzuverlässig – viele Läsionen sind völlig schmerzfrei.
- Röntgendiagnostik: Bissflügelaufnahmen zeigen die Läsion als keilförmige Aufhellung unterhalb des Kronenrandes. Wichtig zur Beurteilung der Tiefe.
Behandlung: Wann Füllung, wann Silberfluorid?
Die moderne Behandlung der Wurzelkaries richtet sich nach Aktivität und Tiefe der Läsion. Oberflächliche, aktive Läsionen lassen sich oft ohne Bohrer stoppen; tiefe, kavitierte Läsionen brauchen eine Restauration.
- Biofilmkontrolle und professionelle Zahnreinigung: Grundlage jeder Therapie. Ohne Plaquekontrolle kommen alle anderen Maßnahmen nicht zur Wirkung.
- Silberdiaminfluorid (SDF 38 %): Eine ein- bis zweimal jährliche Applikation auf aktive Wurzelkaries-Läsionen kann diese stoppen, ohne dass gebohrt werden muss. Mehrere systematische Übersichtsarbeiten zeigen Wirksamkeit gegenüber Placebo, die genaue Effektgröße ist aber nicht eindeutig zu beziffern. Vorteile: nicht-invasiv, schnell, kostengünstig. Nachteil: Die behandelte Fläche wird dauerhaft schwarz. Besonders geeignet für multimorbide Senioren, Pflegeheimbewohner und Patienten mit hoher Zahl aktiver Läsionen.
- Fluoridlack (22.600 ppm): Zwei- bis viermal pro Jahr appliziert reduziert Fluoridlack die Inzidenz neuer Wurzelkaries-Läsionen deutlich. Standardmaßnahme bei erhöhtem Risiko.
- Füllungstherapie: Bei kavitierten Läsionen wird überwiegend mit Komposit oder Glasionomerzement (GIC) gefüllt. Beide Materialien zeigen in klinischen Studien grundsätzlich vergleichbare Erfolgsraten bei der Versorgung von Wurzelkaries — im direkten Vergleich gibt es keinen klaren Sieger. GIC bietet kariesprotektive Fluoridabgabe und haftet auch in feuchter Umgebung — vorteilhaft an schwer trockenzulegenden Wurzellagen. Komposit punktet bei Ästhetik und mechanischer Beständigkeit im sichtbaren Bereich.
- Karies-Infiltration (ICON®): Für nicht-kavitierte Läsionen eine mikroinvasive Alternative, die die Porosität der Läsion versiegelt. Abrechnung als Privatleistung.
- Extraktion: Nur bei tief zerstörten Zähnen, bei denen der Erhalt prognostisch schlecht ist und eine Wurzelkanalbehandlung nicht sinnvoll erscheint.
Was Sie selbst tun können
- Hochdosierte Fluorid-Zahnpasta (5.000 ppm, verschreibungspflichtig): Zweimal täglich bei erhöhtem Wurzelkaries-Risiko, verschrieben vom Zahnarzt. Studien zeigen eine deutliche Verminderung der Läsionsreaktivierung gegenüber 1.450 ppm.
- Interdentalreinigung täglich: Wurzelkaries entsteht bevorzugt interdental. Interdentalbürsten sind hier wirksamer als Zahnseide – die richtige Bürstengröße muss zahnärztlich bestimmt werden.
- Weiche Zahnbürste und richtige Technik: Harte Bürsten oder horizontales Schrubben verschlimmern Rezessionen. Schonende Technik (z. B. modifizierte Bass-Technik) erhält die Wurzeloberfläche.
- Speichelfluss fördern: Zuckerfreie Kaugummis (Xylit), ausreichend Wasser trinken, bei dauerhafter Mundtrockenheit Speichelersatz aus der Apotheke.
- Zuckerfrequenz senken: Wurzelkaries reagiert empfindlicher auf häufige Säureimpulse als Schmelz. Jede Nascherei zwischendurch ist ein Risiko – besser Süßes zur Hauptmahlzeit.
- Medikamentenliste prüfen: Bei Polymedikation mit dem Hausarzt über xerostomiearme Alternativen sprechen.
Vorbeugung in der Zahnarztpraxis
- Risikoeinstufung bei jedem Recall: Rezession, Speichelfließrate, Medikamente, DMF-Index, bisherige Läsionen.
- Halbjährliche Fluoridlack-Applikation, bei hohem Risiko viermal jährlich.
- Jährliche SDF-Anwendung an Risikoflächen bei Senioren und Pflegepatienten – wo Ästhetik nachrangig ist, überwiegt der Kariesschutz deutlich.
- Parodontale Erhaltungstherapie (UPT) in individuellem Intervall – je engmaschiger, desto weniger neue Wurzelkariesläsionen.
- Mundhygieneinstruktion altersgerecht: Interdentalbürsten, elektrische Bürsten mit Drucksensor, Spüllösungen (0,05 % NaF täglich oder 0,2 % wöchentlich).
Take-Home-Message
- Wurzelkaries ist keine normale Karies am falschen Ort, sondern eine eigenständige Erkrankung mit höherem kritischen pH-Wert (6,0 – 6,7), anderer Anatomie und anderer Zielgruppe.
- Sie entsteht ausschließlich an freiliegenden Wurzeln – Rezession und Parodontitis sind die Haupttreiber.
- Die wichtigsten Therapieoptionen sind Silberdiaminfluorid (SDF), Fluoridlack, Komposit- oder Glasionomerfüllungen und die hochdosierte Fluorid-Zahnpasta (5.000 ppm).
- Wer über 60 ist, Medikamente gegen trockenen Mund nimmt oder eine Parodontitis-Vorgeschichte hat, gehört in die engmaschige Prophylaxe – halbjährlich, bei hohem Risiko öfter.
- Wurzelkaries lässt sich in den meisten Fällen stoppen, ohne den Zahn zu verlieren, wenn sie früh erkannt wird.
Literatur
Literatur und Quellenangaben
- Jordan AR, Meyer-Lückel H, Kuhr K, Sasunna D, Bekes K, Schiffner U: Karieserfahrung und Versorgung in Deutschland: Ergebnisse der 6. Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS 6). Deutsche Zahnärztliche Zeitschrift 2025; 80(2): 90–100.
- Maklennan A, Chun-Yuan L, et al. Meta-Analysis of Global Distribution of Root-Caries Prevalence in Middle-Aged and Elderly. Caries Res 2025; 59(4): 298–314. DOI: 10.1159/000542783
- Oliveira BH, Cunha-Cruz J, Rajendra A, Niederman R. Controlling caries in exposed root surfaces with silver diamine fluoride: A systematic review with meta-analysis. J Am Dent Assoc 2018; 149(8): 671–679.e1. DOI: 10.1016/j.adaj.2018.03.028
- Subbiah GK, Gopinathan NM. Is Silver Diamine Fluoride Effective in Preventing and Arresting Caries in Elderly Adults? A Systematic Review. J Int Soc Prev Community Dent 2018; 8(3): 191–199. DOI: 10.4103/jispcd.JISPCD_99_18
- Hendre AD, Taylor GW, Chávez EM, Hyde S. A systematic review of silver diamine fluoride: effectiveness and application in older adults. Gerodontology 2017; 34(4): 411–419. DOI: 10.1111/ger.12294
- Meyer-Lueckel H, Machiulskiene V, Giacaman RA. How to Intervene in the Root Caries Process? Systematic Review and Meta-Analyses. Caries Res 2019; 53(6): 599–608. DOI: 10.1159/000501588
- Hayes M, Brady P, Burke FM, Allen PF. Failure rates of class V restorations in the management of root caries in adults — a systematic review. Gerodontology 2016; 33(3): 299–307. DOI: 10.1111/ger.12167
- Walsh T, Worthington HV, Glenny AM, et al. Fluoride toothpastes of different concentrations for preventing dental caries. Cochrane Database Syst Rev 2019; 3: CD007868. DOI: 10.1002/14651858.CD007868.pub3
- Ekstrand KR, Poulsen JE, Hede B, Twetman S, Qvist V, Ellwood RP. A randomized clinical trial of the anti-caries efficacy of 5,000 compared to 1,450 ppm fluoridated toothpaste on root caries lesions in elderly disabled nursing home residents. Caries Res 2013; 47(5): 391–398. DOI: 10.1159/000348581
- Takahashi N, Nyvad B. Ecological Hypothesis of Dentin and Root Caries. Caries Res 2016; 50(4): 422–431. DOI: 10.1159/000447309
- Zhang J, Sardana D, Wong MCM, Leung KCM, Lo ECM. Factors associated with dental root caries: a systematic review. JDR Clin Trans Res 2020; 5(1): 13–29. DOI: 10.1177/2380084419849045
IMPLANTAT-SPEZIALISTEN IN IHRER NÄHE
Aktualisiert am:
Verantwortlicher Autor
