Lexikon

Sulkusflüssigkeit (GCF)

Die Sulkusflüssigkeit tritt aus dem Sulkus, dem schmalen Spalt zwischen Zahnfleisch und Zahn, aus und hat eine Spülfunktion. Die GCF (Gingival Crevicular Fluid) entsteht als Transsudat: Blutplasma aus dem gingivalen Kapillarplexus im subepithelialen Bindegewebe und tritt durch die vergleichsweise weiten Interzellularräume des Saumepithels (junctionales Epithel) in den Sulkus über und fließt von dort nach aussen ab. Der Durchtrittsweg sind die sogenannten leaky junctions des Saumepithels — Zellverbindungen, die durchlässig genug für Plasmabestandteile und Immunzellen sind, Bakterien aber aufhalten.

Zusammensetzung

Die Sulkusflüssigkeit enthält Bestandteile des angeborenen und erworbenen Immunsystems: Antikörper (vor allem IgG und IgA), Komplementfaktoren, Enzyme und neutrophile Granulozyten. Diese Bestandteile gelangen passiv mit dem Transsudat oder aktiv (Neutrophile durch chemotaktische Wanderung) in den Sulkus. Bei Entzündung kommen Zytokine, Matrixmetalloproteinasen und weitere Entzündungsmediatoren hinzu.

Fließrate und diagnostische Bedeutung

Im gesunden Sulkus ist die Fließrate gering. Bei einer Gingivitis oder Parodontitis steigt die Gefäßpermeabilität, das Transsudat wird zum Exsudat, und die Sulkusflussrate nimmt deutlich zu. Der Anstieg korreliert mit der Taschentiefe und dem Entzündungsgrad. Klinisch lässt sich die Sulkusflüssigkeitsmenge mit Filterpapierstreifen messen (z. B. Periotron-Verfahren). Da die GCF die Entzündungsaktivität am Sulkusboden widerspiegelt, wird sie in der Forschung als nichtinvasives diagnostisches Fenster für den Parodontalzustand untersucht.

Abwehrfunktion — und ihre Grenzen

Der Netto-Flüssigkeitsstrom ist nach außen gerichtet: Die GCF spült den Sulkus aus und transportiert dabei Bakterien und ihre Stoffwechselprodukte mechanisch in Richtung Mundhöhle. Dieser Spülmechanismus funktioniert im flachen, gesunden Sulkus. In vertieften parodontalen Taschen — wo Bakterien subgingival auf der Wurzeloberfläche sitzen — reicht der nach koronal gerichtete Spülstrom nicht aus, um die Bakterien zu erreichen. Die eigentliche Abwehr in der Tiefe leisten neutrophile Granulozyten, die chemotaktisch (also entlang des Bakterienkonzentrationsgradienten) aus den Blutgefäßen des umgebenden Bindegewebes in Richtung der Infektionsquelle wandern — unabhängig von der Fließrichtung der GCF.

Abgrenzung zur Flüssigkeit im Parodontalspalt

Die Sulkusflüssigkeit ist funktionell strikt zu trennen von der interstitiellen Flüssigkeit im Desmodont (Parodontalspalt). Die Desmodont-Flüssigkeit bewegt sich nicht dauerhaft in eine Richtung, sondern oszilliert lastabhängig: Bei mechanischer Belastung wird sie aus dem Gewebe herausgedrückt, bei Entlastung wieder aufgenommen. Sie dient der Mechanotransduktion (Übertragung mechanischer Reize auf die Zellen des Desmodonts, die daraufhin Umbauprozesse einleiten), nicht der Spülung oder Immunabwehr. Der Parodontalspalt ist im gesunden Zustand durch das Saumepithel nach koronal abgedichtet — es besteht keine offene Verbindung zum Sulkus. Ein dritter Abflussweg für Gewebsflüssigkeit verläuft über die regionale Lymphdrainage.

Siehe auch:
Parodont (Zahnhalteapparat)
Attachment
Attachmentverlust
Rezession
biologische Breite
Parodontitis

Literatur

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