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Sekundärkaries (Karies am Rand alter Füllungen und Kronen)

Sekundärkaries (auch als Rezidivkaries, Karies am Restaurationsrand oder englisch Caries Adjacent to Restorations/Sealants – CARS bekannt) ist eine neue Kariesläsion, die sich am Rand oder unter einer bereits bestehenden Füllung, Krone oder anderen Zahnrestauration entwickelt. Im Gegensatz zur Primärkaries tritt sie nicht an einer bislang unbehandelten Zahnfläche auf, sondern entsteht durch einen Defekt oder eine Undichtigkeit an der Grenzfläche zwischen Zahnmaterial und Restauration. Sie ist eine der häufigsten Ursachen für das Versagen von Zahnrestaurationen und erfordert häufig die Reparatur oder den vollständigen Austausch der betroffenen Füllung oder Krone.

Unterschied: Primärkaries vs. Sekundärkaries

MerkmalPrimärkariesSekundärkaries
EntstehungsortUngefüllte, natürliche ZahnflächeAm Rand oder unter einer bestehenden Füllung, Krone oder Restauration
UrsacheBiofilm und Säureproduktion auf ungeschütztem ZahnRandspalt zwischen Restauration und Zahn; Biofilm-Nische; Material-Verschleiß
SichtbarkeitOft leicht sichtbar durch VerfärbungOft versteckt unter/neben der Restauration; nur im Röntgen erkennbar
BehandlungPräparation und FüllungReparatur der bestehenden Restauration oder vollständiger Austausch
PrognoseGut, wenn früh erkanntAbhängig von Ausdehnung; kann zu Zahnverlust führen, wenn ignoriert

Häufigkeit und Bedeutung

Sekundärkaries ist ein weit verbreitetes zahnmedizinisches Problem. In einer Analyse von über 4.000 Zahnrestaurationen in der Erwachsenenbevölkerung wurden etwa 3,6 Prozent aller Restaurationen mit Sekundärkaries diagnostiziert. Besonders problematisch ist die Tatsache, dass Sekundärkaries unter einer bestehenden Restauration oft nicht sofort sichtbar ist – der Zahn kann äußerlich intakt wirken, während sich unter der Füllung oder Krone bereits ein Kariesprozess abspielt. Dies macht die Früherkennung besonders wichtig, um ausgedehnte Zahnschäden zu vermeiden. Sekundärkaries ist der Hauptgrund dafür, dass Zahnrestaurationen ersetzt werden müssen: In Studien zeigten sich Sekundärkaries-Läsionen bei mehr als der Hälfte aller Restaurationswechsel.

Sekundarkaries unter Kronen
Ausgeprägte Sekundarkaries unter Kronen: Zahnverlust droht

Ursachen und Pathogenese

Sekundärkaries entsteht, wenn zwischen einer Zahnrestauration und der natürlichen Zahnsubstanz ein mikroskopisch kleiner Spalt (Randspalt) vorhanden ist oder sich mit der Zeit bildet. Dieser Spalt entstellt eine ideale Nische für Kariesbakterien (insbesondere Streptococcus mutans und Lactobacillus-Arten). Die Bakterien besiedeln den Spalt und bilden dort einen Biofilm, der Säuren produziert und den Zahn von innen heraus demineralisiert.

Ein besonderes Problem ist die sogenannte Schrumpfung von Kunststofffüllungen (Komposit). Beim Aushärten zieht sich das Komposit-Material zusammen, was automatisch zu winzigen Spalten zwischen Füllung und Zahnwand führt. Auch der natürliche Verschleiß von Restaurationen, Zahnfleischrückgang und Abnutzung der Füllungskanten tragen zur Spaltenbildung bei. Mit der Zeit entstehen zudem Risse im Schmelz und Unebenheiten in der Oberfläche, die schwer zu reinigen sind.

Zusätzlich spielt die Qualität des Zahnarzt-Materials eine Rolle: Manche Materialien setzen Ionen frei (wie fluoridhaltige Gläser oder Ionomer-Zemente), die den Zahn vor Karies schützen. Reine Komposit-Kunststoffe haben diesen Schutzeffekt nicht. Ebenso ist die Verarbeitungstechnik des Zahnarztes entscheidend – eine schlechte Randadaptation erhöht das Kariesrisiko deutlich.

Risikofaktoren

RisikofaktorBedeutung und Empfehlung
Mangelhafte MundhygieneBiofilm am Restaurationsrand wird nicht entfernt; höchstes Risiko. Tägliches sorgfältiges Zähneputzen essentiell.
Hoher ZuckerkonsumZuckersäurenproduktion durch Bakterien verstärkt den Prozess. Reduktion von Süßkram und Softdrinks wichtig.
Größe des RestaurationsrandsGrößere Randspalte führen zu höherem Risiko. Nur bei fachmännisch korrekten Restaurationen zu vermeiden.
Bereits hohe KarieslastPatienten mit Primärkaries haben höheres Sekundärkaries-Risiko. Bessere Mundhygiene-Schulung nötig.
Alter der RestaurationMit zunehmendem Alter steigt das Risiko. Höchstes Risiko nach 5+ Jahren.
RestaurationsmaterialKomposit-Füllungen zeigen höhere Sekundärkaries-Raten als Amalgam. Fluoridabgebende Materialien besser.
Zahnposition (Approximal)Nachbarflächen zwischen Zähnen schwerer zu reinigen; höheres Risiko als Kaufläche.

Symptome und Erkennung

Das Tückische an Sekundärkaries ist, dass sie oft keine Symptome verursacht, solange sie klein ist. Viele Patienten bemerken das Problem erst, wenn der Schaden schon beachtlich ist. Mögliche Warnsignale sind:

  • Dunkelbraune oder schwarze Verfärbung am Rand einer Füllung oder Krone
  • Zahnempfindlichkeit beim Kauen oder bei Temperaturreizen (siehe auch Zahnhalskaries)
  • Sichtbar lockere oder bröckelnde Füllungen
  • Schlechter Atem oder Mundgeruch lokal um die betroffene Stelle
  • Zahnstein-ähnliche Ablagerungen am Rand der Restauration

Der Zahnarzt erkennt Sekundärkaries durch mehrere Methoden: visuelle Inspektion mit der Lupe, Röntgen (Bissflügel oder Panorama) als Goldstandard, DIAGNOcam (Nahinfrot-Transilluminations-Technik) ohne Strahlenbelastung, und Fluoreszenzverfahren mit Laser-Fluoreszenz. Einen ausführlichen Methodenvergleich bietet der Eintrag Kariesdiagnostik.

Behandlung: Reparatur oder Erneuerung?

Nicht jede Sekundärkaries führt automatisch zur vollständigen Erneuerung der Restauration. Der Zahnarzt unterscheidet zwei Behandlungsansätze:

BehandlungsoptionIndikationVorteilNachteil
Reparatur (Repair)Kleine Sekundärkaries am Rand; oberflächliche DefekteSchneller, zahnschonender, kostengünstiger, bessere RandsituationNur bei oberflächlichen Defekten; schwierig bei ausgedehnten Höhlen
Erneuerung (Replacement)Große Sekundärkaries, tiefe Karieshöhle, multiple DefekteGründliche Entfernung aller kariösen Teile, bessere PrognoseMehr gesunde Zahnsubstanz entfernt, aufwendiger, teurer

Die moderne Zahnheilkunde empfiehlt minimalinvasive Reparatur: kleine Defekte lokal reparieren, nicht die gesamte Restauration wechseln. Studien zeigen, dass reparierte Restaurationen langfristig bessere Ergebnisse haben und kosteneffektiver sind.

Selbsthilfe und Mundgesundheit

Sekundärkaries lässt sich durch Prävention großteils verhindern:

  • Täglich gründlich Zähne putzen mit Fluorid-Zahnpasta, besonders am Übergang zwischen Füllung und Zahn
  • Zahnseide und Zwischenraumbürsten täglich nutzen
  • Zahnärztliche Kontrollen 1–2x pro Jahr (bei hohem Risiko öfter)
  • Professionelle Zahnreinigung 1–2x pro Jahr
  • Zucker und Säuren reduzieren
  • Fluorid-Anwendungen bei hohem Risiko
  • Alte Füllungen überprüfen lassen ab 5 Jahren

Vorbeugung in der zahnärztlichen Praxis

Der Zahnarzt kann Sekundärkaries durch Materialwahl (fluoridabgebende Materialien, Nanohybrid-Komposite), sorgfältige Präparationstechnik, moderne Adhäsiv-Systeme, Schichttechnik bei dickeren Füllungen und erhöhte Kontrolldichte vermeiden oder verzögern.

Kosten und Kassenleistung

Kassenleistung seit 01.01.2025 (BEMA 13a–d): Die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt die Behandlung einer Sekundärkaries im Rahmen der Regelversorgung. Seit der BEMA-Reform zum 01.01.2025 zählen auch plastische zahnfarbene Füllungen (Komposit) zur Regelleistung – allerdings in einer wirtschaftlich kalkulierten Ausführung, die nicht jeden Anspruch an Ästhetik, Material oder Technik abdeckt.

  • BEMA 13a – einflächige Füllung: 33 Punkte
  • BEMA 13b – zweiflächig: 41 Punkte
  • BEMA 13c – dreiflächig: 53 Punkte
  • BEMA 13d – vier- und mehrflächig: 63 Punkte

Der Euro-Gegenwert ergibt sich aus dem regionalen Punktwert der jeweiligen KZV (2025 bundesweit zwischen ca. 1,16 € und 1,23 € pro Punkt). Eine einflächige Kassen-Füllung entspricht damit rund 38–41 €, eine vierflächige rund 73–78 € Honorar an den Zahnarzt – ohne Material- und Technikzuschläge.

Mehrkostenvereinbarung: heute der Regelfall

In der Praxis wird bei der Reparatur oder Erneuerung einer Restauration mit hochwertigem Komposit fast immer eine Mehrkostenvereinbarung nach § 28 Abs. 2 SGB V abgeschlossen. Die Kasse zahlt den BEMA-Anteil als Regelversorgung, der Patient trägt die Differenz zur privatzahnärztlichen Leistung nach GOZ. Gründe dafür sind die aufwendige Mehrschicht-Adhäsivtechnik, individuelle Farbanpassung, Kofferdam-Isolation, die Reparaturpräparation am alten Restaurationsrand oder der Einsatz ionenabgebender Materialien (z. B. Glasionomer-Hybride) zur Sekundärkaries-Prophylaxe. Eine reine Regelversorgung ohne Zuzahlung bleibt die Ausnahme – meist auf einfache einflächige Defekte im nicht sichtbaren Bereich beschränkt.

Relevante GOZ-Positionen für die Privat- bzw. Mehrkostenleistung:

  • GOZ 2080 – einflächige Komposit-Füllung in Adhäsivtechnik
  • GOZ 2090 – zweiflächig
  • GOZ 2100 – dreiflächig
  • GOZ 2120 – vier- und mehrflächig

Abgerechnet wird üblicherweise mit dem 2,3-fachen bis 3,5-fachen Steigerungssatz. Typische Patientenzuzahlung bei einer Sekundärkaries-Behandlung mit Komposit liegt damit bei:

  • Einflächig: ca. 40–80 € Mehrkosten
  • Zweiflächig: ca. 70–130 €
  • Dreiflächig: ca. 110–200 €
  • Vier- und mehrflächig: ca. 160–300 €

Bei größeren Defekten wird statt einer direkten Füllung häufig eine laborgefertigte Keramik-Einlagefüllung (Inlay/Onlay) empfohlen. Hier greift die Regelversorgung nur für den BEMA-Füllungsanteil – die Differenz zur Keramik-Restauration trägt der Patient oder eine private Zahnzusatzversicherung. Privatpatienten rechnen ausschließlich nach GOZ ab; der Tarif der jeweiligen PKV regelt den Erstattungsumfang. Bei jeder Mehrkostenvereinbarung besteht Anspruch auf einen schriftlichen Heil- und Kostenplan vor Behandlungsbeginn.

Mehr zu den Kosten von Zahnfüllungen

Wann sollte ich zum Zahnarzt gehen?

Dunkelbraune Verfärbungen am Restaurationsrand, Zahnempfindlichkeit, lockere oder bröckelnde Füllungen, Schwellungen am Zahnfleisch oder Zahnschmerzen erfordern zeitnah eine zahnärztliche Kontrolle. Füllungen ab etwa fünf Jahren sollten routinemäßig röntgenologisch überprüft werden, da Sekundärkaries unter intakt wirkenden Restaurationen häufig klinisch stumm verläuft.

Take-Home-Box: Sekundärkaries entsteht am Rand alter Füllungen durch mikroskopische Spalten. Sie ist eine häufige Ursache für Restaurationswechsel. Prävention: konsequente Mundhygiene, regelmäßige Kontrollen und professionelle Zahnreinigung 1–2x pro Jahr. Kleine Sekundärkaries können oft repariert werden – das spart Zahn und Kosten.

Literatur und Quellenangaben

1. Springer Nature – Clinical Oral Investigations (2020). „Secondary caries: what is it, and how it can be controlled, detected, and managed?“ https://link.springer.com/article/10.1007/s00784-020-03268-7

2. Nature – Scientific Reports (2022). „Secondary caries and marginal adaptation of ion-releasing versus resin composite restorations: a systematic review and meta-analysis.“ https://www.nature.com/articles/s41598-022-19622-6

3. Cochrane Database of Systematic Reviews (2014). „Replacement versus repair of defective restorations in adults: resin composite.“ https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7388846/

4. Cureus (2025). „Longevity of Repair Versus Replacement of Partially Fractured Direct Composite Restorations in Permanent Teeth: A Systematic Review and Meta-Analysis.“ DOI: 10.7759/cureus.88307

5. AWMF Register (2025). „S3-Leitlinie Kariesprävention bei bleibenden Zähnen.“ https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/083-021

6. Kassenzahnärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein (2025). „Anpassung BEMA-Nr. 13 ab 01.01.2025.“ https://www.kzv-sh.de/fuer-die-praxis/abrechnung/abrechnungshinweise/anpassung-bema-nr-13/

7. Taylor & Francis Online (2016). „Effectiveness of near-infrared transillumination in early caries diagnosis.“ https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/13102818.2016.1232606

8. MDPI (2024). „Atlas of Dental Near-Infrared Transillumination Images.“ https://www.mdpi.com/2075-4418/14/11/1154

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