Lexikon

Radikuläre Zyste

Die radikuläre Zyste – auch apikale Zyste, Wurzelzyste oder periapikale Zyste genannt – ist ein flüssigkeitsgefüllter, von Epithel ausgekleideter Hohlraum an der Wurzelspitze eines Zahnes. Sie entsteht als entzündliche Folge einer apikalen Parodontitis, also einer Entzündung des Gewebes rund um die Wurzelspitze, nachdem die Zahnpulpa abgestorben ist. Definitionsgemäß handelt es sich um eine entzündlich-odontogene Kieferzyste, deren Innenwand mit einem mehrschichtigen Plattenepithel überzogen ist – genau dieses Epithel unterscheidet die radikuläre Zyste vom apikalen Granulom, das kein Epithel besitzt.

Auf einen Blick

Die radikuläre Zyste ist die mit Abstand häufigste odontogene Kieferzyste. Sie wächst an der Wurzelspitze eines abgestorbenen Zahnes und ist eine Folge der dortigen chronischen Entzündung.

Sie verursacht oft lange keine Beschwerden und wird häufig als Zufallsbefund auf einem Röntgenbild entdeckt – als runde, scharf begrenzte Aufhellung am Wurzelende eines Zahnes, der auf den Vitalitätstest nicht reagiert.

Behandelt wird zunächst die Ursache: durch eine Wurzelkanalbehandlung. Bleibt sie bestehen oder ist sie groß, folgt ein chirurgischer Eingriff (Zystektomie, oft kombiniert mit einer Wurzelspitzenresektion), seltener die Zahnextraktion.

Was ist eine radikuläre Zyste?

Eine Zyste ist allgemein ein abgeschlossener, mit Flüssigkeit oder breiigem Inhalt gefüllter Hohlraum, der von einer eigenen Gewebewand umgeben ist. Im Kiefer unterscheidet man entzündliche und entwicklungsbedingte Zysten. Die radikuläre Zyste gehört zu den entzündlichen odontogenen Zysten, also zu den Zysten, die ihren Ursprung in zahnbildendem Gewebe haben und durch eine Entzündung ausgelöst werden.

Das entscheidende Merkmal: Die radikuläre Zyste sitzt an der Spitze (lateinisch Apex) einer Zahnwurzel und ist innen von einem mehrschichtigen, nicht verhornten Plattenepithel ausgekleidet. Sie ist die direkte Folge eines abgestorbenen, nicht mehr durchbluteten Zahnnervs. Synonyme Bezeichnungen sind apikale Zyste, periapikale Zyste oder Wurzelzyste; gelegentlich wird sie auch als apikale parodontale Zyste bezeichnet. Eine Sonderform ist die Residualzyste – eine radikuläre Zyste, die nach dem Ziehen des Verursacher-Zahnes im Kiefer zurückbleibt, weil sie bei der Extraktion nicht vollständig mit entfernt wurde.

Häufigkeit und Einordnung

Die radikuläre Zyste ist die häufigste Zyste der Kieferknochen überhaupt. In einer systematischen Übersichtsarbeit, die über 18.000 odontogene Zysten auswertete, entfiel mehr als die Hälfte aller Fälle auf die radikuläre Zyste; sie war damit deutlich häufiger als die zweithäufigste Form, die follikuläre (dentigene) Zyste. Lehrbuch- und Übersichtsquellen ordnen den Anteil der radikulären Zyste an allen odontogenen Zysten in der Größenordnung von rund der Hälfte bis etwa zwei Drittel ein.

Betroffen sind ganz überwiegend bleibende Zähne von Erwachsenen; der Häufigkeitsgipfel liegt im mittleren Erwachsenenalter. Da die radikuläre Zyste zwingend einen abgestorbenen Zahnnerv voraussetzt, geht ihr fast immer eine ausgedehnte Pulpitis mit anschließendem Absterben der Pulpa voraus – meist als Spätfolge einer tiefen Karies, seltener nach einem Zahntrauma.

Entstehung und Pathophysiologie

Am Anfang steht immer ein toter Zahn: Bakterien und Zerfallsprodukte aus der abgestorbenen Pulpa gelangen über die Wurzelkanäle bis zur Wurzelspitze und lösen dort eine chronische Entzündung des umliegenden Gewebes aus – die apikale Parodontitis. Häufig bildet sich dabei zunächst entzündliches Granulationsgewebe, das apikale Granulom. Dieses Granulom besitzt noch kein Epithel.

Im Wurzelhautgewebe rund um die Wurzelspitze liegen mikroskopisch kleine Epithelreste, die sogenannten Malassez-Epithelreste – Überbleibsel aus der Zahnentwicklung. Entzündungsbotenstoffe und Wachstumsfaktoren, die im entzündeten Granulationsgewebe freigesetzt werden, regen diese ruhenden Epithelreste zur Teilung und Vermehrung an. Die wuchernden Epithelzellen schließen schließlich einen Hohlraum ein und kleiden ihn aus. So entsteht aus dem zuvor epithellosen Granulom eine echte, epithelausgekleidete Zyste.

Im Inneren der Zyste sammeln sich Zellabbauprodukte an. Dadurch steigt der osmotische Druck im Hohlraum, Flüssigkeit strömt nach und die Zyste dehnt sich langsam, aber stetig aus. Mit dem wachsenden Innendruck verdrängt sie den umgebenden Kieferknochen – die Zyste wird so über die Zeit größer und kann benachbarte Strukturen verschieben. Man unterscheidet bei diesem Prozess klassisch drei Phasen: die Anregung der Epithelreste (Initiation), die eigentliche Hohlraumbildung und schließlich das langsame Größenwachstum.

Schema der Entstehung einer radikulären Zyste: vom toten Zahn über die apikale Parodontitis und das Granulom mit Malassez-Epithelresten bis zur epithelausgekleideten Zyste
Entstehung der radikulären Zyste: Ein abgestorbener Zahn führt zu einer apikalen Parodontitis und einem Granulom; aus den dort angeregten Malassez-Epithelresten bildet sich der epithelausgekleidete Zystenhohlraum.

Abgrenzung: Granulom, radikuläre Zyste und Residualzyste

An der Wurzelspitze eines abgestorbenen Zahnes können verschiedene Befunde entstehen, die auf dem Röntgenbild ähnlich aussehen, sich aber grundlegend unterscheiden. Wichtig ist vor allem die Unterscheidung zwischen dem apikalen Granulom (ohne Epithel) und der echten radikulären Zyste (mit Epithel). Sicher voneinander trennen lassen sich diese beiden nur durch die feingewebliche Untersuchung (Histologie) des entfernten Gewebes – auf dem Röntgenbild allein gelingt das nicht zuverlässig.

MerkmalApikales GranulomRadikuläre ZysteResidualzyste
GrundnaturEntzündliches GranulationsgewebeEpithelausgekleideter HohlraumVerbliebene Zyste nach Zahnverlust
EpithelKein EpithelPlattenepithel-AuskleidungPlattenepithel-Auskleidung
Verursacher-ZahnVorhanden, abgestorbenVorhanden, abgestorbenBereits gezogen
RöntgenbildAufhellung am WurzelendeRunde, scharf begrenzte AufhellungAufhellung in zahnlosem Bereich
Sichere DiagnoseNur feingeweblichNur feingeweblichNur feingeweblich

Histologisch zeigt die radikuläre Zyste eine dünne Auskleidung aus mehrschichtigem, nicht verhorntem Plattenepithel auf entzündlich durchsetztem Bindegewebe. Das apikale Granulom dagegen besteht aus chronisch entzündetem Granulationsgewebe mit Entzündungszellen, Blutgefäßen und Bindegewebsfasern – ohne Epithelsaum. Die Residualzyste ist feingeweblich mit der radikulären Zyste identisch; sie unterscheidet sich nur dadurch, dass der ursächliche Zahn bereits entfernt wurde.

Symptome: Warum die Zyste oft unbemerkt bleibt

Eine radikuläre Zyste wächst typischerweise langsam und ist über lange Zeit beschwerdefrei. Solange sie klein ist und sich nicht zusätzlich infiziert, bemerkt sie der Betroffene meist gar nicht. Sehr häufig wird sie deshalb als Zufallsbefund auf einem Röntgenbild entdeckt, das aus einem ganz anderen Grund angefertigt wurde.

Mögliche Hinweise, wenn die Zyste größer wird oder sich akut entzündet, können sein:

  • eine langsam zunehmende, anfangs schmerzlose Vorwölbung oder Auftreibung des Kieferknochens
  • Druckgefühl oder eine Lockerung benachbarter Zähne, wenn die Zyste deren Wurzeln verdrängt
  • Schmerzen, Schwellung oder eine Zahnfistel mit Eiterabfluss, sobald sich die Zyste akut infiziert
  • ein Zahn, der auf Kältereiz oder elektrische Vitalitätsprüfung nicht reagiert (Zeichen des abgestorbenen Nervs)

Gerade weil die radikuläre Zyste so lange stumm bleiben kann, ist sie ein gutes Argument für regelmäßige zahnärztliche Kontrollen mit gelegentlicher Röntgendiagnostik – so wird sie entdeckt, bevor sie den Kieferknochen großflächig zerstört.

Diagnostik

Die Diagnose einer radikulären Zyste stützt sich auf mehrere Bausteine, die zusammen ein klares Bild ergeben:

  • Vitalitätsprüfung: Der zugehörige Zahn reagiert nicht mehr auf Kälte- oder elektrische Reize – ein zentraler Hinweis, denn eine radikuläre Zyste setzt einen abgestorbenen Zahnnerv voraus.
  • Röntgen / OPG: Auf dem Zahnfilm oder dem Orthopantomogramm (OPG) zeigt sich eine rundlich-ovale, meist scharf begrenzte Aufhellung am Wurzelende, oft mit einem feinen verdichteten Randsaum.
  • DVT: Bei größeren oder anatomisch heiklen Befunden liefert die digitale Volumentomographie (DVT) ein dreidimensionales Bild und zeigt die räumliche Ausdehnung sowie die Nähe zu wichtigen Strukturen wie Kieferhöhle oder Nervkanal.
  • Feingewebliche Untersuchung: Die endgültige, sichere Diagnose – und vor allem die Abgrenzung zum Granulom oder zu anderen Zysten – liefert erst die histologische Untersuchung des entfernten Gewebes.

Wichtig zu wissen: Allein anhand des Röntgenbildes lässt sich eine radikuläre Zyste nicht sicher von einem apikalen Granulom unterscheiden – beide erscheinen als periapikale Aufhellung. Die Größe gilt nur als grober Anhaltspunkt; eine zuverlässige Trennung gelingt erst feingeweblich. Ergänzende Verfahren wie hochauflösende Schnittbildgebung werden in der Forschung untersucht, um diese Unterscheidung schon vor dem Eingriff zu verbessern.

Zahnröntgenaufnahme mit einer periapikalen Aufhellung am Wurzelende, vereinbar mit einer radikulären Zyste an einem bleibenden Zahn
Periapikale Aufhellung am Wurzelende auf der Röntgenaufnahme – ein typischer Befund bei radikulärer Zyste beziehungsweise apikaler Parodontitis am bleibenden Zahn.

Behandlung Schritt für Schritt

Ziel jeder Behandlung ist es, die entzündliche Ursache zu beseitigen und die Zyste zu entfernen, damit der Kieferknochen ausheilen kann. Welcher Weg gewählt wird, hängt vor allem von Größe und Lage der Zyste, dem Zustand des betroffenen Zahnes und der Nähe zu empfindlichen Nachbarstrukturen ab.

  1. Wurzelkanalbehandlung (Ursachenbeseitigung): Bei begrenzten Befunden wird zunächst der abgestorbene Zahn von innen behandelt. Die Wurzelkanäle werden gereinigt, desinfiziert und dicht verschlossen, um die Infektionsquelle auszuschalten. Kleinere periapikale Läsionen können danach von selbst ausheilen.
  2. Wurzelspitzenresektion mit Zystektomie: Bleibt die Läsion bestehen oder ist sie größer, wird sie chirurgisch ausgeschält (Zystektomie). Häufig wird dabei gleichzeitig die infizierte Wurzelspitze gekappt – die Wurzelspitzenresektion. Die komplette Entfernung der Zystenwand wird fachlich als Vorgehen nach Partsch II bezeichnet.
  3. Zahnextraktion: Ist der Zahn nicht erhaltungswürdig, wird er gezogen und die Zyste über die Extraktionswunde mit ausgeräumt. Wird dabei Zystengewebe übersehen, kann daraus später eine Residualzyste entstehen.
  4. Marsupialisation / Zystostomie bei großen Zysten: Sehr große Zysten lassen sich nicht immer in einem Schritt vollständig entfernen, ohne wichtige Strukturen zu gefährden. Dann wird die Zyste eröffnet und zu einer offenen Nische umgewandelt, um den Innendruck zu senken (Vorgehen nach Partsch I). So kann sich der Hohlraum allmählich verkleinern und mit Knochen auffüllen, bevor – falls nötig – ein zweiter, kleinerer Eingriff folgt.

Nach der Entfernung wird das Gewebe routinemäßig feingeweblich untersucht. Das sichert die Diagnose und schließt seltene, aber wichtige andere Veränderungen aus, die auf dem Röntgenbild ähnlich aussehen können.

Prognose und Rezidiv

Die Aussichten nach sachgerechter Behandlung sind insgesamt gut. Entscheidend ist, dass sowohl die Infektionsquelle im Wurzelkanal als auch das Zystengewebe vollständig beseitigt werden. Eine Untersuchung an 70 chirurgisch behandelten periapikalen Läsionen zeigte, dass größere Läsionen und echte Zysten eine ungünstigere Ausheilung aufweisen als kleine Befunde – ein Beleg dafür, dass die vollständige Entfernung des erkrankten Gewebes für die Heilung wichtig ist.

Wird Zystengewebe nicht vollständig entfernt, kann der Befund erneut auftreten oder als Residualzyste bestehen bleiben. Deshalb gehören die vollständige Ausräumung und eine feingewebliche Kontrolle zum Standard, ergänzt durch radiologische Verlaufskontrollen, bis der Knochen sichtbar wieder aufgefüllt ist.

Kosten und Kassenleistung

Die operative Entfernung einer Zyste ist grundsätzlich eine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung. Im einheitlichen Bewertungsmaßstab für zahnärztliche Leistungen (BEMA) ist die Operation einer Zyste durch Zystektomie unter der Position 56a (ZY1) abgebildet, die Operation durch orale Zystostomie unter 56b (ZY2). Für gesetzlich Versicherte wird der Eingriff damit als Sachleistung über die Krankenkasse abgerechnet; die primäre Wundversorgung ist in der Leistung enthalten.

Bei privat Versicherten oder bei Wahlleistungen erfolgt die Abrechnung nach der Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ). Der Rechnungsbetrag ergibt sich aus der Punktzahl der Leistung, dem Punktwert von 5,62421 Cent und einem Steigerungsfaktor, den die Praxis je nach Aufwand festlegt. Die folgende Tabelle zeigt die beiden zentralen GOZ-Positionen für die Zystektomie mit den üblichen Steigerungsfaktoren 2,3 (Regelsatz), 3,5 und 5,0:

GOZ-PositionPunkteFaktor 2,3Faktor 3,5Faktor 5,0
3200 – Zystektomie als selbstständige Leistung50064,68 €98,42 €140,61 €
3190 – Zystektomie in Verbindung mit Osteotomie oder Wurzelspitzenresektion27034,93 €53,15 €75,93 €

Diese Beträge umfassen nur die reine Zystektomie-Position. Der Gebührenrahmen endet beim 3,5-fachen Satz (§ 5 Abs. 1 GOZ); jede darüber hinausgehende Vergütung – auch der hier ausgewiesene 5,0-fache Satz – bedarf einer schriftlichen Vereinbarung nach § 2 GOZ. Hinzu kommen je nach Eingriff weitere abrechenbare Leistungen wie die örtliche Betäubung, die Wurzelspitzenresektion, gegebenenfalls ein Operationskostenzuschlag bei ambulanter Durchführung sowie eventuell Maßnahmen zum Auffüllen von Knochendefekten. Die Zystostomie ist in der aktuellen GOZ nicht mehr als eigene Position enthalten und wird privat analog nach § 6 Abs. 1 GOZ berechnet. Die genauen Kosten hängen immer vom Einzelfall ab – ein schriftlicher Heil- und Kostenplan schafft vor dem Eingriff Klarheit.

IMPLANTAT-SPEZIALISTEN IN IHRER NÄHE

Implantologen mit Preisgarantie
Erweiterte Suche

Literatur

Literatur und Quellenangaben
  • Wang LL, Olmo H. Odontogenic Cysts. StatPearls [Internet]. Treasure Island (FL): StatPearls Publishing; 2022. PMID: 34662043. ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK574529
  • Johnson NR, Gannon OM, Savage NW, Batstone MD. Frequency of odontogenic cysts and tumors: a systematic review. J Investig Clin Dent. 2014;5(1):9-14. doi:10.1111/jicd.12044. PMID: 23766099. doi.org/10.1111/jicd.12044
  • Bilodeau EA, Collins BM. Odontogenic Cysts and Neoplasms. Surg Pathol Clin. 2017;10(1):177-222. PMID: 28153133. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28153133
  • Weber AL. Imaging of cysts and odontogenic tumors of the jaw. Definition and classification. Radiol Clin North Am. 1993;31(1):101-120. PMID: 8419968. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/8419968
  • Carrillo C, Peñarrocha M, Bagán JV, Vera F. Relationship between histological diagnosis and evolution of 70 periapical lesions at 12 months, treated by periapical surgery. J Oral Maxillofac Surg. 2008;66(8):1606-1609. PMID: 18634947. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18634947
  • Juerchott A, Pfefferle T, Flechtenmacher C, et al. Differentiation of periapical granulomas and cysts by using dental MRI: a pilot study. Int J Oral Sci. 2018;10(2):17. doi:10.1038/s41368-018-0017-y. PMID: 29777107. doi.org/10.1038/s41368-018-0017-y
  • Patil S, Alkahtani A, Bhandi S, et al. Ultrasound Imaging versus Radiographs in Differentiating Periapical Lesions: A Systematic Review. Diagnostics (Basel). 2021;11(7):1208. doi:10.3390/diagnostics11071208. PMID: 34359291. doi.org/10.3390/diagnostics11071208

Aktualisiert am:

Verantwortlicher Autor