Lexikon

Positionierungsschiene

Die Positionierungsschiene ist eine therapeutische Aufbissschiene, die den Unterkiefer nicht nur abstützt, sondern ihn gezielt in eine zuvor festgelegte Lage führt. Weil sie den Unterkiefer häufig nach vorn verlagert, sind die Bezeichnungen Repositionierungsschiene sowie anteriore Repositionierungsschiene, kurz ARS, geläufig. Anders als eine rein entspannende Schiene verfolgt sie ein klar umschriebenes Lageziel und darf erst nach einer sorgfältigen Funktionsdiagnostik eingegliedert werden.

Auf einen Blick: Die Positionierungsschiene verändert die Stellung des Unterkiefers gegenüber dem Oberkiefer und soll das Zusammenspiel von Gelenkkopf und Knorpelscheibe verbessern. Ihr Einsatz setzt eine instrumentelle Funktionsanalyse voraus, denn die Zielposition muss messtechnisch bestimmt werden. Sie eignet sich für ausgewählte Gelenkbefunde, wird zeitlich begrenzt getragen und erfordert eine strenge Indikationsstellung.

Therapieziel und Wirkprinzip

Ziel der Behandlung ist die Umlagerung des Unterkiefers in eine definierte Position, in der das Kiefergelenk günstiger belastet wird. Bei einer Verlagerung der Knorpelscheibe mit Reposition kann die vorverlagerte Unterkieferstellung dazu führen, dass Gelenkkopf und Diskus wieder in ein regelrechtes Verhältnis zueinander finden. Die Schiene hält diese Beziehung während der Tragezeit aufrecht und soll dem Gewebe Gelegenheit zur Anpassung geben.

Damit unterscheidet sich der Ansatz grundlegend von einer stabilisierenden Schiene: Nicht das Lösen von Muskelspannung steht im Vordergrund, sondern die aktive Führung in eine neue Kieferrelation. Weil diese Führung in die bestehende Okklusion eingreift, muss die Zielposition genau geplant und laufend überwacht werden.

Gesichtsbogen zur Übertragung der Kieferrelation im Rahmen der instrumentellen Funktionsanalyse
Mit einem Gesichtsbogen wird die Lage des Oberkiefers registriert – ein Baustein der instrumentellen Funktionsanalyse vor der Positionierungsschiene.

Voraussetzung: instrumentelle Funktionsanalyse

Vor der Anfertigung steht die Bestimmung der Kieferrelation. Über ein Registrat wird die angestrebte Unterkieferlage – häufig ausgehend von der zentrischen Relation – erfasst und auf die Modelle übertragen. Ergänzend lassen sich die Bewegungen des Unterkiefers elektronisch aufzeichnen; dieses Vorgehen der Axiographie beziehungsweise Kondylographie bildet die Bahnen der Kondylen ab und unterstützt die Planung der Zielposition. Die zugrunde liegende Funktionsanalyse folgt dem methodischen Rahmen der einschlägigen zahnärztlichen Leitlinie.

Für die elektronische Kieferbewegungsaufzeichnung stehen verschiedene Systeme zur Verfügung, beispielhaft das DIR-System oder der Freecorder BlueFox. Diese Geräte dienen der Registrierung der Unterkieferbewegungen; eine Aussage über eine Überlegenheit einzelner Systeme lässt sich aus der vorliegenden Evidenz nicht ableiten. Belegt ist die Methode als solche, nicht das einzelne Gerät. Zu beachten ist zudem, dass die Genauigkeit solcher Aufzeichnungen vom eingesetzten Verfahren und Gerät abhängt.

Ablaufdiagramm der Positionierungsschiene: instrumentelle Funktionsanalyse, Registrat der Zielposition und Umlagerung des Unterkiefers nach anterior
Vom Befund zur Schiene: Funktionsanalyse, Zielpositions-Registrat und Umlagerung des Unterkiefers.

Anwendungsgebiete und Evidenz

Hauptindikation ist die Diskusverlagerung mit Reposition, bei der die Knorpelscheibe beim Öffnen zurückgleitet und ein Knacken verursacht. Systematische Übersichtsarbeiten beschreiben für die anteriore Repositionierungsschiene einen kurzfristigen Nutzen: Schmerzen und Gelenkgeräusche können sich unter der Behandlung verringern. Die Datenlage zur langfristigen Wirkung und zur Überlegenheit gegenüber anderen Schienentypen bleibt jedoch begrenzt und uneinheitlich.

Die Behandlung wird deshalb als Baustein eines Gesamtkonzepts verstanden und nicht als dauerhafte Lösung. Bei bereits fortgeschrittenen, degenerativen Gelenkveränderungen wie einer Kiefergelenksarthrose ist der Nutzen einer Umlagerung kritisch abzuwägen, da hier andere Behandlungsziele im Vordergrund stehen.

Risiken und Grenzen

Die gezielte Verlagerung des Unterkiefers ist nicht ohne Risiko. Wird die Schiene über längere Zeit ununterbrochen in vorverlagerter Position getragen, drohen bleibende Veränderungen des Bisses: Die Zähne finden ihre ursprüngliche Verzahnung möglicherweise nicht mehr, sodass ein offener Biss oder eine dauerhafte Bisslageänderung entstehen kann. Solche Folgen sind aufwendig zu korrigieren.

Aus diesem Grund gelten eine strenge Indikationsstellung, eine zeitlich begrenzte Tragedauer und eine engmaschige Kontrolle als unverzichtbar. Die Positionierungsschiene gehört in erfahrene Hände und in ein überwachtes Behandlungskonzept.

Abgrenzung

Die Positionierungsschiene lässt sich anhand ihres Lageziels und der erforderlichen Vordiagnostik von anderen Bauformen trennen. Wichtig ist die Unterscheidung zur Schnarch- oder Protrusionsschiene: Auch diese verlagert den Unterkiefer nach vorn, verfolgt aber ein völlig anderes Ziel, nämlich das Offenhalten der oberen Atemwege im Schlaf.

SchienentypTherapiezielVoraussetzung / Besonderheit
Schutz- bzw. KnirscherschieneSchutz der Zähne vor AbriebschädenOhne Vordiagnostik, keine Lageänderung
RelaxierungsschieneMuskelentspannung, Gelenkentlastung ohne UmlagerungGleichmäßige Abstützung, keine Zielposition
PositionierungsschieneFührung des Unterkiefers in eine definierte ZielpositionErfordert eine instrumentelle Funktionsanalyse

Kosten und Kassenleistung

Privat wird die Schiene selbst über die GOZ-Ziffer 7010 abgerechnet. Der eigentliche diagnostische Aufwand fällt zusätzlich an: Die instrumentelle Funktionsanalyse ist keine einzelne Gebührenziffer, sondern der Leistungsblock 8010 bis 8100. Welche Positionen davon zum Ansatz kommen, richtet sich nach dem gewählten Verfahren; die elektronische Aufzeichnung der Unterkieferbewegungen entspricht den Ziffern 8050 und 8065. Grundlage der Beträge sind die Punktzahl, der Punktwert von 5,62421 Cent und der Steigerungsfaktor.

GOZ-ZifferLeistungPunkte2,3-fach3,5-fach5,0-fach
7010Aufbissbehelf mit adjustierter Oberfläche800103,49 €157,48 €224,97 €
8000Klinische Funktionsanalyse50064,68 €98,42 €140,61 €
8010Registrieren der gelenkbezüglichen Zentrallage18023,28 €35,43 €50,62 €
8050Unterkieferbewegungen, halbindividuell50064,68 €98,42 €140,61 €
8065Unterkieferbewegungen, elektronisch registriert850109,95 €167,32 €239,03 €

Der Gebührenrahmen endet beim 3,5-fachen Satz (§ 5 Abs. 1 GOZ); jede darüber hinausgehende Vergütung – auch der hier ausgewiesene 5,0-fache Satz – bedarf einer schriftlichen Vereinbarung nach § 2 GOZ.

Der Block 8000 bis 8100 umfasst weitere Positionen, etwa für die Bestimmung der Scharnierachse oder die Modelldiagnostik, die je nach Diagnostiktiefe hinzukommen. In der gesetzlichen Krankenversicherung sind funktionsanalytische und funktionstherapeutische Leistungen nur eingeschränkt vorgesehen; bei entsprechender Indikation klärt die Praxis den Leistungsumfang individuell.

Einordnung im Behandlungskonzept

Die Positionierungsschiene ist der lageverändernde Baustein der Schienentherapie und damit anspruchsvoller als die entspannenden Varianten. Steht die Lösung muskulärer Verspannungen im Mittelpunkt, ist stattdessen die Relaxierungsschiene vorzuziehen. Die diagnostischen Verfahren – Funktionsanalyse, Axiographie und Kondylographie – werden in eigenen Beiträgen vertieft. Einen Überblick über alle Bauformen gibt der Beitrag zur Aufbissschiene; Ursachen, Diagnostik und Gesamtbehandlung sind im Ratgeber zur kraniomandibulären Dysfunktion (CMD) ausführlich dargestellt.

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Literatur

Literatur und Quellen
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  • Maheshwari K, Srinivasan J et al. (2024): Effectiveness of anterior repositioning splint versus other occlusal splints in the management of temporomandibular joint disc displacement with reduction: A meta-analysis. The Journal of Indian Prosthodontic Society. DOI: 10.4103/jips.jips_355_23
  • Dhar A, Kumar S et al. (2023): Assessing the Efficacy of Anterior Repositioning Splints in the Management of Temporomandibular Disc Displacement: A Systematic Review and Meta-Analysis. Cureus. DOI: 10.7759/cureus.47689
  • Farook TH, Rashid F et al. (2022): Variables influencing the device-dependent approaches in digitally analysing jaw movement – a systematic review. Clinical Oral Investigations. DOI: 10.1007/s00784-022-04835-w
  • Xu R, Song Y et al. (2024): Investigation of the accuracy of dynamic condylar position: A model study. Journal of Dentistry. DOI: 10.1016/j.jdent.2024.104889
  • AWMF-Leitlinie 083-017 (S2k): Instrumentelle zahnärztliche Funktionsanalyse und Kieferrelationsbestimmung. Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
  • AWMF-Leitlinie 083-051 (S2k): Okklusionsschienen bei kraniomandibulärer Dysfunktion. Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
  • Al-Ani MZ, Gray RJ et al. (2000): Stabilisation splint therapy for temporomandibular pain dysfunction syndrome. Cochrane Database of Systematic Reviews. DOI: 10.1002/14651858.CD002778

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