Lexikon
PMMA in der Zahnmedizin
PMMA (Polymethylmethacrylat) ist ein Acrylkunststoff, aus dem in der Zahnmedizin meist die zahnfleischfarbene Basis herausnehmbarer Prothesen gefertigt wird. Er entsteht durch Polymerisation des flüssigen Monomers Methylmethacrylat (MMA), das dabei zu langkettigen Polymermolekülen reagiert. Daneben dient PMMA für Provisorien, Aufbissschienen, individuelle Abformlöffel und kieferorthopädische Geräte sowie als industriell vorpolymerisierte Fräsronde für die Fertigung im CAD/CAM-Verfahren.
In der Zahnarztpraxis heißt PMMA oft schlicht „Prothesenkunststoff“ oder „Kunststoff“. Der Werkstoff ist auch außerhalb der Zahnmedizin verbreitet, in der Technik ebenso wie in der Medizin. In der Orthopädie und Unfallchirurgie dient PMMA als Knochenzement, mit dem Implantate wie künstliche Gelenke im Knochen verankert werden. Er beruht auf derselben Grundchemie wie der Prothesenkunststoff, gehört aber in ein anderes Anwendungsfeld.
Aufbau und Zusammensetzung
Klassisch wird PMMA als Pulver-Flüssigkeit-System verarbeitet. Das Pulver besteht aus vorpolymerisierten PMMA-Perlen mit einem Initiator und meist Farbpigmenten für den zahnfleischähnlichen Farbton, die Flüssigkeit aus dem Monomer MMA mit Vernetzer und Stabilisator. Beim Anmischen quellen die Perlen im Monomer an. Die radikalische Polymerisation wird thermisch durch Wärme oder chemisch durch einen Aktivator gestartet, das Monomer härtet aus und bindet die Perlen zu einem festen Verbund. Ein kleiner Teil des Monomers wird dabei nicht umgesetzt und verbleibt als Restmonomer im Werkstoff. Wie viel, hängt vom Aushärtungsweg ab.
Einsatzgebiete in der Zahnmedizin
Bei Total- und Teilprothesen bildet PMMA meist den zahnfleischfarbenen Prothesenkörper, der die Prothesenzähne trägt, und es ist das übliche Material für Unterfütterungen und Reparaturen. Weitere Einsatzgebiete sind:
- Provisorische Kronen und Brücken, direkt in der Praxis, im Labor oder als gefrästes CAD/CAM-Provisorium gefertigt
- Individuelle Abformlöffel und Basisplatten
- Aufbiss- und Okklusionsschienen
- Herausnehmbare kieferorthopädische Geräte wie Platten und Retainer
- Obturatoren, die nach einer Teilentfernung des Oberkiefers den Defekt verschließen
Okklusionsschienen sollten bei einer Anwendung über mehr als einen Monat bevorzugt aus hartem Kunststoff bestehen. Schienentypen und ihre Indikationen behandelt der Eintrag Aufbissschiene.

Verarbeitungswege
Wie PMMA ausgehärtet oder gefertigt wird, bestimmt Restmonomer und Festigkeit. Für Prothesenbasen gibt es heute vier Wege.
Kaltpolymerisat (Autopolymerisat) härtet chemisch bei Raumtemperatur aus. Es enthält meist deutlich mehr Restmonomer und ist meist weniger bruchzäh und weniger farbstabil als heißpolymerisiertes PMMA. Verwendet wird es deshalb vor allem für Reparaturen, Unterfütterungen, individuelle Abformlöffel und provisorische Teilprothesen.
Heißpolymerisat wird im Labor in einer Küvette unter Wärme ausgehärtet und ist das klassische Verfahren für Prothesenbasen. Sachgerecht verarbeitet, enthält es meist nur wenig Restmonomer und nimmt meist weniger Wasser auf als Kaltpolymerisat.
CAD/CAM-gefrästes PMMA stammt aus industriell vorpolymerisierten Ronden, aus denen die Prothesenbasis oder das Provisorium nach einem digitalen Entwurf herausgefräst wird. Gefräste Basen erreichen in der Werkstoffprüfung meist eine höhere Steifigkeit und Härte und haben eine glattere Oberfläche als heißpolymerisierte. Ein Vorsprung bei der Biegefestigkeit ist nicht durchgängig gesichert. Der Hefepilz Candida albicans kann an gefrästen Oberflächen schwächer haften als an heißpolymerisierten. Ob das klinisch vor einer Prothesenstomatitis schützt, ist nicht geklärt.
3D-gedruckte Prothesenbasen entstehen schichtweise aus flüssigem Kunstharz, das im Drucker belichtet und ausgehärtet wird. Ihre Biegefestigkeit und Härte liegen meist unter denen heißpolymerisierter und gefräster Basen, sie nehmen meist mehr Wasser auf und verändern sich bei künstlicher Alterung stärker. Was das für die Haltbarkeit im Mund bedeutet, ist nicht abschließend geklärt. Das Verfahren beschreibt der Eintrag 3D-Druck in der Zahnmedizin.
| Verarbeitungsweg | Aushärtung | Festigkeit in der Werkstoffprüfung | Typische Verwendung |
|---|---|---|---|
| Kaltpolymerisat | chemisch, bei Raumtemperatur | meist geringere Bruchzähigkeit als Heißpolymerisat | Reparatur, Unterfütterung, Abformlöffel, provisorische Teilprothese |
| Heißpolymerisat | Wärme, in der Küvette | Steifigkeit und Härte meist unter gefrästem, Biegefestigkeit und Härte meist über gedrucktem PMMA | klassische Prothesenbasis |
| CAD/CAM-gefräst | industriell vorpolymerisierte Ronde | Steifigkeit und Härte meist höher als bei Heißpolymerisat, Vorsprung bei der Biegefestigkeit nicht durchgängig gesichert | Prothesenbasis, Provisorium |
| 3D-Druck | Belichtung, schichtweise | Biegefestigkeit und Härte meist niedriger als heißpolymerisiert und gefräst | Prothesenbasis |
Materialeigenschaften
PMMA hat eine geringe Dichte, lässt sich gut einfärben und einfach verarbeiten und ist kostengünstig. Seine Schwäche ist die Bruchanfälligkeit: Der Werkstoff ist spröde, seine Schlagfestigkeit gering, und gebrochene Prothesen sind ein häufiger Anlass für Reparaturen in der Zahnarztpraxis. Schlagzäh modifizierte Varianten, denen etwa Butadien-Styrol-Kautschuk zugesetzt ist, verbessern die Schlagfestigkeit. Auch Verstärkungen mit Fasern und Nanofüllstoffen werden eingesetzt. Als idealer Prothesenwerkstoff gilt PMMA trotzdem nicht.
Im Mund nimmt PMMA Wasser auf, was Maße und mechanische Eigenschaften leicht verändern kann. Poren und raue Stellen begünstigen Verfärbungen und die Ansiedlung von Candida albicans.
Nicht umgesetztes Restmonomer kann die Mundschleimhaut reizen. Heißpolymerisiertes PMMA enthält davon meist nur wenig, und aus heißpolymerisierten, gefrästen und gedruckten Basen wird in der Werkstoffprüfung meist nur wenig freigesetzt. Wie der Restmonomergehalt genormt geprüft wird und was über Unverträglichkeiten bekannt ist, behandelt der Eintrag Biokompatibilität von Zahnersatz, für Platten und Retainer der Eintrag Biokompatibilität kieferorthopädischer Werkstoffe.
Provisorische Kronen und Brücken
Bei Provisorien konkurriert PMMA mit Bis-Acryl-Kompositen, also Kunststoffen auf Dimethacrylat-Basis. Diese erreichen meist eine höhere Biegefestigkeit und Härte als PMMA. Beim direkten Aushärten entwickelt PMMA Polymerisationswärme. Gefräste PMMA-Provisorien können direkt hergestellten mechanisch überlegen sein und kommen auch für längere Tragezeiten in Betracht.
Klinische Bedeutung
Praktisch wichtig ist, dass sich PMMA-Prothesen gut reparieren lassen: Brüche, Erweiterungen und Unterfütterungen sind mit Kaltpolymerisat in der Praxis oder im Labor möglich. Über die Tragezeit können Verfärbungen und Materialermüdung auftreten.
Auf der Prothesenbasis bildet sich ein Biofilm, in dem sich Candida albicans ansiedeln kann. Der Hefepilz gilt als Hauptursache der Prothesenstomatitis, einer Entzündung der Schleimhaut unter der Prothese. Vollprothesen werden deshalb täglich außerhalb des Mundes mit einem nicht scheuernden Reinigungsmittel gebürstet und in eine Reinigungslösung eingelegt. In kochendes Wasser gehören sie nie, außerhalb des Mundes werden sie in Wasser aufbewahrt. Rund um die Uhr sollten sie nicht getragen werden, und einmal im Jahr gehören sie zur zahnärztlichen Kontrolle. Welche Reinigungsmethode am wirksamsten ist, ist nicht geklärt.
Kosten und Kassenleistung
Bei Zahnersatz zahlt die gesetzliche Krankenkasse einen befundbezogenen Festzuschuss. Seine Höhe richtet sich nach der Regelversorgung, die die Festzuschuss-Richtlinie des G-BA dem jeweiligen Befund zuordnet. Diese Kassenregel legt fest, worauf sich der Zuschuss bezieht, nicht welche Versorgung fachlich die beste ist.
Beim zahnlosen Oberkiefer (Befund 4.2) und beim zahnlosen Unterkiefer (Befund 4.4) ist nach dieser Kassenregel die Totalprothese die Regelversorgung, ihre Basis besteht in der Regel aus PMMA. Bei einem Restzahnbestand von bis zu drei Zähnen (Befund 4.1 im Oberkiefer, Befund 4.3 im Unterkiefer) sieht die Kassenregel in beiden Kiefern eine Teilprothese oder eine Totalprothese vor, die als Deckprothese über die Restzähne gestaltet wird. Interimsprothesen (Befundklasse 5) sowie Wiederherstellungen und Unterfütterungen herausnehmbaren Zahnersatzes (Befundklasse 6) sind ebenfalls festzuschussfähig. Weil der Zuschuss am Befund hängt und nicht am Werkstoff, ändert die Wahl des Prothesenkunststoffs an seiner Höhe nichts. Was selbst zu tragen ist, hängt von Ausführung und Laborkosten ab. Eine Übersicht gibt die Seite zu den Kosten einer Zahnprothese, für Übergangslösungen die Seite zur Interimsprothese.
IMPLANTAT-SPEZIALISTEN IN IHRER NÄHE
Literatur
Literatur und Quellenangaben
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