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Perikoronitis
Die Perikoronitis ist eine Entzündung der Schleimhaut, die einen teilweise durchgebrochenen oder im Kiefer verbliebenen Zahn bedeckt. Betroffen ist fast immer der untere Weisheitszahn: Über seiner noch nicht vollständig sichtbaren Krone liegt eine Schleimhautfalte, die sogenannte Schleimhautkapuze oder das Operculum. Unter dieser Kapuze sammeln sich Speisereste und bakterieller Zahnbelag (Plaque) in einer Nische, die mit der Zahnbürste kaum erreichbar ist. Vermehren sich dort Bakterien, entzündet sich das Gewebe – es entsteht die Perikoronitis. Synonyme Bezeichnungen sind Perikoronaritis, Dentitio difficilis (erschwerter Zahndurchbruch) und umgangssprachlich Weisheitszahnentzündung. Dieser Beitrag beschreibt das Krankheitsbild selbst – seine Ursachen, Symptome, Diagnostik und die Behandlung der Entzündung. Die operative Entfernung des Zahns als ursächliche Lösung wird im Beitrag zur Weisheitszahnentfernung ausführlich dargestellt; Aufbau und Lage des dritten Molaren erläutert der Eintrag Weisheitszahn.
Auf einen Blick
Perikoronitis ist die Entzündung der Schleimhautkapuze über einem teildurchgebrochenen Zahn – in der großen Mehrheit der Fälle am unteren Weisheitszahn. Ursache ist die Ansammlung von Plaque und Speiseresten in der schwer zu reinigenden Nische unter der Kapuze.
Typische Beschwerden sind Schmerzen und Schwellung im hinteren Unterkiefer, schlechter Geschmack, Mundgeruch und eine eingeschränkte Mundöffnung. Erste Behandlung ist die lokale Reinigung und Spülung unter der Kapuze. Treten Episoden wiederholt auf, ist die Entfernung des Weisheitszahns die dauerhafte Lösung. Antibiotika sind nur bei Ausbreitungszeichen wie Fieber, ausgeprägter Kieferklemme oder Gesichtsschwellung angezeigt.
Häufigkeit und Einordnung
Die Perikoronitis gehört zu den häufigsten akuten Beschwerdebildern rund um den Weisheitszahn. Verlässliche Bevölkerungszahlen sind begrenzt, doch die vorliegenden Untersuchungen zeichnen ein klares Bild. In einer Kohorte junger Erwachsener (Militärrekruten) lag die Häufigkeit bei knapp fünf Prozent, wobei die Altersgruppe zwischen 20 und 25 Jahren den größten Anteil stellte. Rund 95 Prozent dieser Entzündungen betrafen die unteren Weisheitszähne.
Der Altersgipfel fällt mit dem typischen Durchbruchszeitraum der Weisheitszähne zusammen: Die meisten Fälle treten zwischen dem 20. und 29. Lebensjahr auf, also genau dann, wenn die dritten Molaren in die Mundhöhle vordringen. Eine ausgeprägte Bevorzugung eines Geschlechts ist nach derzeitiger Datenlage nicht eindeutig belegt. Die Lage des Zahns beeinflusst das Risiko: Senkrecht (vertikal) stehende Weisheitszähne, deren Krone teilweise durchbricht, sind häufiger betroffen als waagerecht (horizontal) im Knochen liegende Zähne, da bei letzteren keine offene Kapuzennische zur Mundhöhle entsteht. Auch der Bezug zur Mundhygiene ist belegt: Je mehr Zahnbelag im Bereich des durchbrechenden Zahns vorhanden ist, desto häufiger kommt es zur Entzündung.
Ursachen und Entstehung
Beim Durchbruch eines Zahns öffnet sich der zuvor abgeschlossene, keimfreie Raum zwischen Zahnkrone und Zahnsäckchen zur Mundhöhle hin. Bei einem nur teilweise durchgebrochenen (teilretinierten) Weisheitszahn bleibt ein Teil der Krone von einer Schleimhautfalte bedeckt – dem Operculum beziehungsweise der Schleimhautkapuze. Zwischen dieser Kapuze und der Zahnkrone entsteht eine enge, tiefe Tasche.
Diese Tasche ist mit Zahnbürste, Zahnseide und Mundspülung kaum zu erreichen. Sie bietet damit ideale Bedingungen für Bakterien, die wenig oder keinen Sauerstoff benötigen (anaerobe Keime). Speisereste lagern sich unter der Kapuze ab und fördern zusätzlich das Bakterienwachstum. Die mikrobielle Besiedlung der Perikoronitis unterscheidet sich dabei von der einer klassischen Zahnfleisch– oder Zahnbetterkrankung; in Untersuchungen wurden Keime wie Actinomyces oris, Fusobacterium nucleatum, Treponema denticola und Eikenella corrodens in hoher Zahl nachgewiesen. Vereinfacht gesagt entsteht die Perikoronitis durch eine Bakterienüberwucherung in einem engen, schlecht zu reinigenden Raum.
Ein zusätzlicher Faktor ist mechanisches Trauma durch den Gegenzahn: Bricht der obere Weisheitszahn ebenfalls durch, kann er beim Zubeißen auf die Schleimhautkapuze des unteren Zahns drücken. Diese wiederholte Reizung verursacht kleine Schleimhautverletzungen und verstärkt die Beschwerden. Allgemeine Faktoren wie ein geschwächtes Immunsystem (etwa bei schlecht eingestelltem Diabetes), Stress, ein Infekt der oberen Atemwege oder hormonelle Schwankungen können einen Schub begünstigen.
Akute und chronische Perikoronitis im Vergleich
Das Krankheitsbild kann in unterschiedlicher Ausprägung auftreten. Die akute Form beginnt plötzlich mit deutlichen Entzündungszeichen, die chronische Form verläuft über längere Zeit mit milderen, immer wieder aufflackernden Beschwerden.
| Merkmal | Akute Perikoronitis | Chronische Perikoronitis |
|---|---|---|
| Beginn | plötzlich, rasch zunehmend | schleichend, über längere Zeit |
| Schmerz | ausgeprägt, oft ausstrahlend | mild, dumpf, wiederkehrend |
| Schwellung | deutlich, ggf. mit Eiteraustritt | gering oder fehlend |
| Allgemeinzeichen | möglich (Fieber, Lymphknoten) | meist keine |
| Verlauf | akuter Schub, behandlungsbedürftig | oft wiederkehrend in Episoden |
Ob die Entzündung von selbst abklingt, hängt entscheidend von der Lage des Zahns ab: Bricht der Weisheitszahn in eine günstige, gut zu reinigende Position durch, bildet sich die Kapuze zurück und die Beschwerden verschwinden dauerhaft. Bleibt der Zahn dagegen in einer ungünstigen Lage stecken, bleibt die schwer zu reinigende Nische bestehen – und damit die Gefahr wiederkehrender Entzündungen.
Symptome
Die Beschwerden beginnen meist örtlich im hinteren Unterkiefer, im Bereich des durchbrechenden Weisheitszahns. Typisch ist ein zunächst lokaler Schmerz mit Schwellung, der sich auf die umliegenden Strukturen ausbreiten kann und sich beim Kauen und im Verlauf verstärkt. Häufige Zeichen sind:
- Schmerz und Druckgefühl hinter dem letzten Backenzahn, oft zum Ohr oder in den Hals ausstrahlend
- Schwellung und Rötung der Schleimhautkapuze, ggf. mit Austritt von Eiter
- unangenehmer Geschmack und Mundgeruch (Foetor)
- eingeschränkte Mundöffnung (Kieferklemme, Trismus) durch Reizung der Kaumuskulatur
- tastbare, schmerzhafte Lymphknoten am Hals und unter dem Kiefer
- Schluckbeschwerden sowie in fortgeschrittenen Fällen Fieber und Abgeschlagenheit
Eine zunehmende Kieferklemme, eine Schwellung des Gesichts, Schluckstörungen oder eine veränderte Stimme sind Warnzeichen für eine Ausbreitung der Entzündung in tiefere Gewebsräume und erfordern eine rasche zahnärztliche Vorstellung.
Diagnostik
Die Diagnose stellt der Zahnarzt in erster Linie klinisch. Bei der Inspektion zeigt sich im hinteren Unterkiefer eine gerötete, geschwollene und druckschmerzhafte Schleimhautkapuze über dem durchbrechenden Weisheitszahn; häufig lässt sich unter Druck Eiter aus der Tasche ausdrücken. Geprüft werden außerdem das Ausmaß der Mundöffnung, die Lymphknoten am Hals und Allgemeinzeichen wie Fieber.
Eine Röntgenaufnahme ist ein wichtiges Hilfsmittel, um die Lage des Weisheitszahns zu beurteilen. Als Standard dient die Panoramaschichtaufnahme (Orthopantomogramm, OPG), die beide Kiefer im Überblick zeigt und die Stellung und Durchbruchsrichtung der dritten Molaren darstellt. Daraus lässt sich abschätzen, ob der Zahn in eine reinigbare Position durchbrechen kann oder dauerhaft eine entzündungsanfällige Nische bleibt. Bei komplexer Lage – etwa enger Nachbarschaft zum Unterkiefernerv – kann eine dreidimensionale Aufnahme (digitale Volumentomographie, DVT) ergänzend sinnvoll sein. Differenzialdiagnostisch sind unter anderem ein Fremdkörper unter der Schleimhaut, eine Karies am Weisheitszahn oder Nachbarzahn sowie ein Zahnabszess abzugrenzen.
Behandlung der Entzündung
Ein einheitliches, für alle Fälle gültiges Behandlungsschema gibt es nicht; das Vorgehen richtet sich nach Schwere der Entzündung und Lage des Zahns. Entscheidend ist, frühzeitig zu behandeln, um Beschwerden zu lindern und eine Ausbreitung zu verhindern. Die Behandlung folgt in der Regel diesen Schritten:
- Lokale Reinigung und Spülung: Bei milden Beschwerden ohne Ausbreitungszeichen ist die örtliche Behandlung erste Wahl. Die Tasche unter der Schleimhautkapuze wird gespült (irrigiert), etwa mit steriler Kochsalzlösung oder einer Chlorhexidin-Lösung, um Speisereste und Bakterien zu entfernen. Mit feinen Instrumenten wird die Nische mechanisch gereinigt (Debridement).
- Schmerz- und Entzündungsmanagement: Zur Linderung kommen vor allem entzündungshemmende Schmerzmittel (NSAR) zum Einsatz; auch örtliche Betäubung oder topische Mittel können helfen.
- Entfernung der Schleimhautkapuze (Operkulektomie): Liegt der Zahn in einer günstigen, durchbruchsfähigen Position, kann die überdeckende Schleimhautkapuze chirurgisch entfernt werden – mit Skalpell, Laser oder Elektrochirurgie. Damit verschwindet die tiefe Tasche. Bei ungünstiger Zahnlage bleibt die schwer reinigbare Region jedoch bestehen, sodass die Entzündung erneut auftreten kann.
- Entfernung des Weisheitszahns als ursächliche Lösung: Kann der Zahn nicht in eine funktionsfähige, gut zu reinigende Stellung durchbrechen oder kommt es wiederholt zu Entzündungen, ist die Entfernung des Weisheitszahns die dauerhafte Lösung. Sie beseitigt die uneinsehbare Nische vollständig. Details zum Eingriff finden Sie unter Weisheitszahnentfernung.
- Antibiotika nur bei systemischer Ausbreitung: Antibiotika sind kein Standard, sondern bleiben Fällen mit Hinweisen auf eine Ausbreitung vorbehalten – etwa Fieber, Gesichts- oder Halsschwellung, ausgeprägter Kieferklemme oder tastbar entzündeten Lymphknoten. In diesen Situationen werden Wirkstoffe wie Amoxicillin oder Metronidazol eingesetzt. Bei Penicillinallergie kam früher regelhaft Clindamycin zum Einsatz; sein Stellenwert ist heute deutlich eingeschränkt. Bei reiner lokaler Entzündung sind Antibiotika dagegen nicht angezeigt; ihr unkritischer Einsatz gilt als wesentlicher Treiber der Antibiotika-Übernutzung in der Zahnmedizin.
Verursacht ausschließlich der obere Gegenzahn durch ständiges Aufbeißen die Reizung, kann in Einzelfällen auch dessen Entfernung erwogen werden – meist jedoch nur als Zwischenlösung, bis der eigentlich verantwortliche untere Weisheitszahn entfernt werden kann. Früher wurde diskutiert, ob eine Zahnextraktion während einer akuten Entzündung das Risiko einer Ausbreitung erhöht; nach heutiger Datenlage sollte eine indizierte Entfernung nicht verzögert werden, sofern begleitende Maßnahmen wie Drainage und gegebenenfalls Antibiotika erfolgen.
Komplikationen
Bleibt eine Perikoronitis unbehandelt, kann sich die zunächst örtliche Entzündung in benachbarte Gewebsräume von Kopf und Hals ausbreiten. Möglich sind die Bildung eines Abszesses sowie eine flächenhafte Ausbreitung in die Logen unter der Zunge, unter dem Kiefer oder seitlich des Rachens (Phlegmone beziehungsweise Logenabszess). Solche tiefen Rauminfektionen müssen früh erkannt werden, da eine verzögerte Behandlung im Extremfall die Atemwege bedrohen kann. Auch eine ausgeprägte, anhaltende Kieferklemme gehört zu den möglichen Folgen. Die Behandlung solcher fortgeschrittener Verläufe gehört in die Hand der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie beziehungsweise Oralchirurgie.
Vorbeugung
Da die Perikoronitis durch eine Bakterienüberwucherung in schwer zu reinigenden Bereichen entsteht, ist eine sorgfältige Mundhygiene der wichtigste vorbeugende Faktor. Gründliches Zähneputzen bis in den hinteren Mundbereich, die Reinigung der Zwischenräume und antibakterielle Mundspülungen senken die Bakterienlast am Durchbruchsort. Patientinnen und Patienten sollten die Warnzeichen kennen, um frühzeitig zahnärztliche Hilfe zu suchen – je früher die Behandlung beginnt, desto milder verläuft die Episode.
Eine weitere Möglichkeit der Vorbeugung ist die Beseitigung der zukünftigen Infektionsquelle. Zeigt die Röntgenaufnahme, dass ein Weisheitszahn voraussichtlich nicht in eine funktionsfähige Stellung durchbrechen kann und damit ein erhöhtes Entzündungsrisiko trägt, kann seine Entfernung erwogen werden. Fachlich gilt: Nach einer zweiten Episode einer Perikoronitis am selben Zahn ist die Entfernung des betroffenen Weisheitszahns eine anerkannte Indikation. Eine pauschale vorsorgliche Entfernung beschwerdefreier, vollständig im Knochen liegender Weisheitszähne wird dagegen nicht generell empfohlen, sondern nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung entschieden.
Kosten und Kassenleistung
Die Behandlung der Perikoronitis umfasst die akute Versorgung der Entzündung und gegebenenfalls die Entfernung des Weisheitszahns als ursächliche Lösung. Die akute Erstversorgung – klinische Untersuchung, Spülung und Reinigung der Tasche – ist bei gesetzlich Versicherten eine Leistung der Krankenkasse (Sachleistung). Auch die operative Entfernung des Weisheitszahns durch Osteotomie ist bei medizinischer Indikation eine Kassenleistung.
Für Privatversicherte und bei zusätzlichen Wahlleistungen wird nach der Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ) abgerechnet. Die Entfernung der Schleimhautkapuze entspricht der Position GOZ 3070 (Exzision von Schleimhaut oder Granulationsgewebe). Diese Position wird mit 45 Punkten bewertet; bei einem Punktwert von 5,62421 Cent ergeben sich je nach Steigerungsfaktor die folgenden Honorare:
| Leistung (GOZ) | 2,3-fach | 3,5-fach | 5,0-fach |
|---|---|---|---|
| 3070 – Exzision Schleimhautkapuze | 5,82 € | 8,86 € | 12,65 € |
Bei gesetzlich Versicherten entspricht die Entfernung der Schleimhautkapuze als selbständige Leistung der BEMA-Position 49 (Exz1, Exzision von Mundschleimhaut oder Granulationsgewebe für das Gebiet eines Zahnes). Die operative Weisheitszahnentfernung wird bei gesetzlich Versicherten über die BEMA-Position 47a (Ost1, Entfernen eines Zahnes durch Osteotomie einschließlich Wundversorgung, bewertet mit 58 Punkten) abgerechnet; bei stark verlagerten Zähnen kommen höher bewertete Positionen in Betracht. Eine ausführliche Aufstellung der Kosten für den chirurgischen Eingriff finden Sie im Beitrag zur Weisheitszahnentfernung.
IMPLANTAT-SPEZIALISTEN IN IHRER NÄHE
Literatur
Literatur und Quellenangaben
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