Lexikon

Okklusion (Biss, Zusammenbiss)

Die Okklusion (von lat. occludere = verschließen) beschreibt in der Zahnmedizin jeden Kontakt zwischen den Zähnen des Ober- und Unterkiefers. Sie umfasst nicht nur die statische Verzahnung beim Zusammenbeißen, sondern das gesamte funktionelle Zusammenspiel von Zähnen, Kiefergelenken, Kaumuskulatur und Zahnhalteapparat. Eine ausgewogene Okklusion ist Voraussetzung für beschwerdefreies Kauen und Sprechen — und entscheidend für die Langlebigkeit von Zahnersatz und Zahnimplantaten.

Okklusion bei Zahnimplantaten: Natürlicher Zahn mit Eigenbeweglichkeit vs. starr verankertes Implantat mit implantatprotektiver Okklusion
Natürlicher Zahn (links): breite Kaufläche, Eigenbeweglichkeit 25–100 µm. Implantat (rechts): schmalere Kaufläche, zentrale Krafteinleitung, starr verankert.

IMPLANTAT-SPEZIALISTEN IN IHRER NÄHE

Implantologen mit Preisgarantie
Erweiterte Suche

Wichtige Okklusionsbegriffe

BegriffBedeutungKlinische Relevanz
Zentrische Okklusion (ZO)Maximaler, gleichmäßiger Zahnkontakt beim geraden Zusammenbeißen — die „Schlussbissstellung“Referenzposition für jeden Zahnersatz; Ausgangspunkt der Okklusionsgestaltung
Zentrische Relation (ZR)Physiologisch korrekte Position der Kiefergelenkköpfchen in der Gelenkgrube — unabhängig von den ZähnenIdealerweise stimmen ZO und ZR überein; Abweichungen können CMD auslösen
Dynamische OkklusionZahnkontakte bei Unterkieferbewegungen (Vorschub, Seitwärtsbewegung, Retrusion)Bestimmt, welche Zähne bei Kieferbewegungen führen und entlasten
FrontzahnführungBeim Vorschieben des Unterkiefers trennen die Frontzähne die Seitenzähne voneinanderSchützt Seitenzähne und Implantate vor exzessiven horizontalen Kräften
EckzahnführungBei Seitwärtsbewegung führt der Eckzahn — die Seitenzähne haben keinen KontaktGilt als protektives Okklusionskonzept; reduziert Seitwärtskräfte auf Seitenzähne
GruppenfunktionMehrere Seitenzähne führen gemeinsam bei SeitwärtsbewegungAlternative zur Eckzahnführung; häufig bei abgenutztem Gebiss oder Implantatversorgungen

Okklusionstypen nach Angle

Die Angle-Klassifikation (Edward Angle, 1899) teilt die Okklusion nach der Lagebeziehung des oberen und unteren ersten Molaren ein. Sie ist bis heute das weltweit gebräuchlichste Einteilungsschema:

Angle-KlasseBeschreibungHäufigkeit
Klasse I (Normokklusion)Oberer erster Molar liegt eine halbe Prämolarenbreite vor dem unteren — regelrechte VerzahnungCa. 55–60 % der Bevölkerung
Klasse II (Distalbiss)Unterkiefer liegt zurück (Rückbiss); Untergruppen: Division 1 (protrudierte Frontzähne) und Division 2 (retrudierte Frontzähne)Ca. 30–35 %
Klasse III (Mesialbiss)Unterkiefer liegt vor (Vorbiss); untere Frontzähne stehen vor den oberenCa. 5–10 %

Okklusion bei Zahnimplantaten

Die Okklusionsgestaltung bei implantatgetragenem Zahnersatz unterscheidet sich grundlegend von der bei natürlichen Zähnen. Der entscheidende Unterschied: Natürliche Zähne besitzen über ihr Parodont eine Eigenbeweglichkeit von 25–100 µm — sie federn unter Belastung minimal ein. Implantate sind dagegen starr im Knochen verankert (Osseointegration) und bewegen sich nur 3–5 µm. Diese fehlende Pufferzone bedeutet, dass Implantate Kaukräfte nahezu ungefiltert an den umgebenden Knochen weiterleiten.

Implantatprotektive Okklusion — Prinzipien

PrinzipUmsetzungZweck
Zentrale KrafteinleitungKontaktpunkte in der Mitte der Kaufläche platzierenKraft wird axial in die Implantatachse geleitet — minimale Biegebeanspruchung
Schmalerer KauflächentischKaufläche 30–40 % schmaler als beim natürlichen ZahnReduziert horizontale Kräfte und Hebelwirkung
Leichter InfraokklusionskontaktImplantatkrone liegt 20–30 µm tiefer als die NachbarzähneKompensiert die fehlende Eigenbeweglichkeit; natürliche Zähne federn zuerst ein
Vermeidung von SeitwärtskräftenKeine Führungsfunktion für die Implantatkrone bei SeitwärtsbewegungenScherkräfte werden vom Implantat ferngehalten
Frontzahn- oder Eckzahnführung erhaltenNatürliche Frontzähne oder Eckzähne übernehmen die FührungImplantat-Seitenzahnkronen werden bei Kieferbewegungen entlastet

Wie viel weißt du über Zahnimplantate?

Zum Quiz

Folgen einer gestörten Okklusion

Eine fehlerhafte Verzahnung — ob bei natürlichen Zähnen oder Implantaten — kann weitreichende Folgen haben:

ProblemMögliche UrsacheFolge
Überlastung einzelner Zähne / ImplantateFrühkontakt (ein Zahn trifft zuerst), zu hohe KroneZahnschmerzen, Lockerung, Knochenabbau am Implantat
Bruxismus (Zähneknirschen)Okklusale Interferenzen, StressAbrasion, Keramikabplatzungen, Schraubenlockerung am Implantat
CMD (Kiefergelenkstörung)Diskutierter, wissenschaftlich nicht gesicherter Zusammenhang mit OkklusionsmerkmalenMöglicherweise assoziierte Beschwerden wie Kiefergelenkschmerzen, Kopfschmerzen, Ohrgeräusche
Schraubenlockerung am ImplantatExzessive seitliche Kräfte auf die SuprakonstruktionLockerung der Abutmentschraube, Nachziehen oder Austausch nötig
Knochenabbau (Periimplantitis)Chronische Überbelastung in Kombination mit bakterieller EntzündungFortschreitender Knochenverlust, im Extremfall Implantatverlust

Eine ausführliche Übersicht zu Ursachen, Einteilung und Behandlungsmöglichkeiten einer gestörten Okklusion finden Sie im Beitrag Okklusionsstörung.

Okklusionsdiagnostik

MethodePrinzipEinsatz
Okklusionsfolie / ShimstockDünne Folie (8–12 µm) zwischen den Zähnen zeigt Kontaktpunkte anRoutine bei jeder Kroneneinprobe
ArtikulationspapierFarbmarkierung der Kontaktpunkte auf den KauflächenSchnelle visuelle Kontrolle in der Praxis
Digitale Okklusionsanalyse (T-Scan)Drucksensor misst Kraft und zeitlichen Ablauf der KontaktePräzise Analyse bei komplexen Implantatversorgungen
Funktionsanalyse im ArtikulatorGipsmodelle im Kausimulator — Analyse der KieferbewegungenPlanung von Totalrehabilitationen und umfangreichem Zahnersatz

Take-Home-Message: Die Okklusion — das Zusammenspiel Ihrer Zähne beim Zubeißen und Kauen — ist ein oft unterschätzter Faktor für die Langlebigkeit von Zahnersatz und Implantaten. Bei Implantaten fehlt die natürliche Eigenbeweglichkeit, weshalb die Kontaktpunkte besonders sorgfältig eingestellt werden müssen (implantatprotektive Okklusion). Wenn Sie nach einer neuen Krone oder Brücke das Gefühl haben, dass der Biss „nicht stimmt“, sprechen Sie Ihren Zahnarzt darauf an — eine frühzeitige Korrektur kann Folgeschäden verhindern.

Literatur

Quellenverzeichnis anzeigen
  1. Kim Y, Oh T-J, Misch CE, Wang H-L. Occlusal considerations in implant therapy: clinical guidelines with biomechanical rationale. Clin Oral Implants Res. 2005;16(1):26–35. DOI: 10.1111/j.1600-0501.2004.01067.x
  2. Sheridan RA, Decker AM, Plonka AB, Wang H-L. The Role of Occlusion in Implant Therapy. Implant Dent. 2016;25(6):829-837. DOI: 10.1097/ID.0000000000000488
  3. Aldowish AF, Alsubaie MN et al. Occlusion and Its Role in the Long-Term Success of Dental Restorations: A Literature Review. Cureus. 2024. DOI: 10.7759/cureus.73195
  4. Schwarz MS. Mechanical complications of dental implants. Clin Oral Implants Res. 2000;11(Suppl 1):156–158. DOI: 10.1034/j.1600-0501.2000.011S1156.x
  5. Angle EH. Classification of malocclusion. Dental Cosmos. 1899;41:248–264, 350–357.

Aktualisiert am:

Verantwortlicher Autor