Lexikon

Mundgeruch (Halitosis)

Mundgeruch (Halitosis) bezeichnet einen unangenehmen Geruch aus der Mundhöhle, der in rund 85–90 % der Fälle seine Ursache auch im Mund hat. Flüchtige Schwefelverbindungen (VSC) wie Schwefelwasserstoff und Methylmercaptan entstehen durch den bakteriellen Abbau schwefelhaltiger Aminosäuren auf dem Zungenrücken und in parodontalen Taschen. Die Prävalenz wird je nach Definition auf 15–30 % der Allgemeinbevölkerung geschätzt.

Intraoral vs. extraoral: Wo Mundgeruch entsteht

Der weitaus größte Teil der Halitosis-Fälle – in der Literatur werden 85–90 % genannt – entsteht im Mund selbst. Hauptquellen sind der bakterielle Belag auf dem hinteren Zungendrittel, unbehandelte Parodontitis mit tiefen Zahnfleischtaschen, Karies, undichte Füllungen und Kronenränder sowie mangelhafte Prothesenhygiene. Nur etwa 10–15 % der Fälle sind extraoral bedingt – etwa durch chronische Erkrankungen der oberen Atemwege und der Tonsillen, Refluxkrankheit oder seltene systemisch-metabolische Ursachen wie eine Leberinsuffizienz oder einen entgleisten Diabetes mellitus.

Steckbrief

MerkmalDetails
FachbegriffHalitosis (Foetor ex ore / Foetor e naribus)
ICD-10R19.6 – Halitosis
FormenEchte Halitosis (physiologisch/pathologisch), Pseudohalitosis, Halitophobie
Prävalenzca. 15–30 % der Erwachsenen
HauptursachenZungenbelag (ca. 40–70 %), Parodontitis, Karies, mangelhafte Mundhygiene; selten extraoral (gastroösophageal, metabolisch)
DiagnostikOrganoleptische Bewertung, Halimeter (VSC-Messung), OralChroma (Gasanalyse)

Pathogenese und Klassifikation

Die Klassifikation nach Miyazaki unterscheidet echte Halitosis (physiologisch, z. B. morgendlicher Mundgeruch, und pathologisch intra- oder extraoraler Genese), Pseudohalitosis (subjektiv empfundener, objektiv nicht nachweisbarer Geruch) und Halitophobie (anhaltende Angst vor Mundgeruch trotz fehlender Evidenz). Intraorale pathologische Halitosis wird hauptsächlich durch gramnegative Anaerobier auf dem hinteren Zungendrittel verursacht, die Cystein und Methionin zu Schwefelwasserstoff (H₂S) und Methylmercaptan (CH₃SH) abbauen. Parodontale Taschen, unversorgte Karies, mangelhafter Zahnersatz und Mundtrockenheit verstärken die VSC-Produktion.

Diagnostik: vom Goldstandard zur Gasanalyse

Die organoleptische Bewertung durch einen kalibrierten Untersucher gilt als Goldstandard der Halitosis-Diagnostik, weil sie alle geruchsaktiven Stoffe erfasst – auch solche, die keine Schwefelverbindungen sind. Ergänzend misst der Halimeter die Gesamtkonzentration flüchtiger Schwefelverbindungen (VSC) in der Atemluft als einfachen Summenwert. Eine präzisere Einordnung erlaubt der OralChroma, der Schwefelwasserstoff (H₂S), Methylmercaptan (CH₃SH) und Dimethylsulfid (CH₃)₂S einzeln erfasst – und damit Rückschlüsse auf intraorale, parodontale oder extraorale Ursachen ermöglicht.

Therapie: Das 5-Stufen-Konzept

Die Behandlung orientiert sich an einem pragmatischen Stufenkonzept, das mit einer gängigen, einfachen Einzelmaßnahme beginnt – der mechanischen Zungenreinigung – und bei bleibender Halitosis gezielt um häusliche Mundhygiene, antibakterielle Mundspülungen, Parodontitistherapie und zahnärztliche Sanierung ergänzt wird; mit hoher Sicherheit als wirksam belegt ist dabei keine einzelne Maßnahme, und welche den anderen überlegen ist, lässt sich nicht sagen. Ziel ist nicht nur die kurzfristige Geruchsreduktion, sondern das Beheben der mikrobiellen Ursache.

Halitosis Therapie in 5 Stufen: Zungenreinigung, Mundhygiene, Mundspülung, Parodontitis-Therapie, zahnärztliche Sanierung
Das 5-Stufen-Konzept der Halitosis-Therapie: von der Zungenreinigung bis zur zahnärztlichen Sanierung.

Literatur

Quellenverzeichnis anzeigen

Silva MF, Leite FRM, Ferreira LB, Pola NM, Scannapieco FA, Demarco FF, Nascimento GG. Estimated prevalence of halitosis: a systematic review and meta-regression analysis. Clin Oral Investig. 2018;22(1):47–55. DOI: 10.1007/s00784-017-2164-5

Tural MK, Öztürk-Zeytin ÖN, Tural E, Open AE. Investigation of volatile sulfur compound level and halitosis in patients with gingivitis and periodontitis. Sci Rep. 2023;13:13175. DOI: 10.1038/s41598-023-40391-3

Yaegaki K, Coil JM. Examination, classification, and treatment of halitosis; clinical perspectives. J Can Dent Assoc. 2000;66(5):257–261. PMID: 10833869

DG PARO / DGZMK. S3-Leitlinie Die Behandlung von Parodontitis Stadium I bis III. AWMF-Register-Nr. 083-043. 2020.

Kumbargere Nagraj S, Eachempati P, Uma E, Singh VP, Ismail NM, Varghese E. Interventions for managing halitosis. Cochrane Database Syst Rev. 2019;12(12):CD012213. DOI: 10.1002/14651858.CD012213.pub2

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