Lexikon

Mukositis in der Zahnmedizin (orale Mukositis)

Mukositis bezeichnet die Entzündung einer Schleimhaut. Im zahnmedizinischen und onkologischen Sprachgebrauch stehen hinter dem Wort vor allem zwei Krankheitsbilder, die außer dem entzündeten Gewebe wenig gemeinsam haben: die orale Mukositis als Schädigung der Mund- und Rachenschleimhaut, meist als Folge einer Krebstherapie, und die periimplantäre Mukositis als Entzündung der Schleimhaut rund um ein Zahnimplantat. Die deutsche Fassung der internationalen Klassifikation der Krankheiten führt die orale Mukositis unter dem Schlüssel K12.3 als eigenes, ulzeratives Krankheitsbild in der Gruppe der Stomatitiden und nennt dort ausdrücklich die medikamenteninduzierte, die strahleninduzierte und die virale Form. Die ulzerative Mukositis der übrigen Abschnitte des Verdauungstrakts – also außerhalb von Mundhöhle und Rachen – wird gesondert verschlüsselt.

Fachlich beschreibt die orale Mukositis eine Schädigung der Schleimhaut im Mund- und Rachenbereich, die durch eine Tumortherapie hervorgerufen wird. Kennzeichnend sind eine Atrophie des Plattenepithels, eine Schädigung der Gefäße und Ulzerationen; hinzu kommen Wechselwirkungen mit dem Speichelfluss und mit der Keimbesiedlung der Mundhöhle. Für die Zahnmedizin ist der Begriff damit doppelt bedeutsam: Die Mundhöhle ist der Ort, an dem sich diese Nebenwirkung zeigt – und die zahnärztliche Vorbereitung und Begleitung gehören nach der Leitlinie zur supportiven Therapie zum Standard der onkologischen Versorgung.

Formen

Der Begriff fasst mehrere Erkrankungen zusammen, die sich in Ursache und Verlauf deutlich unterscheiden:

  • Orale Mukositis unter systemischer Tumortherapie – ausgelöst durch eine Chemotherapie oder durch eine Chemotherapie im Rahmen einer Blutstammzelltransplantation, mit oder ohne Ganzkörperbestrahlung.
  • Radiogene orale Mukositis – Folge einer Bestrahlung im Kopf-Hals-Bereich, mit oder ohne begleitende Systemtherapie.
  • Virale Mukositis – im Klassifikationssystem als eigene Ausprägung der oralen Mukositis geführt.
  • Mukositis des übrigen Verdauungstrakts – außerhalb von Mundhöhle und Rachen; sie wird gesondert verschlüsselt und ist kein zahnmedizinisches Thema.
  • Periimplantäre Mukositis – die Entzündung der Schleimhaut um ein Zahnimplantat; sie steht in keinem Zusammenhang mit einer Krebstherapie und wird weiter unten gesondert behandelt.

Ursachen und Risikofaktoren

Wie die orale Mukositis entsteht, ist nicht vollständig entschlüsselt. Nach heutigem Verständnis ist sie nicht die Reaktion auf ein einmaliges schädigendes Ereignis, sondern ein dynamischer Vorgang in mehreren Phasen: der unmittelbaren Schädigung der Erbsubstanz, der vermehrten Bildung von Botenstoffen, deren Verstärkung im Gewebe, der Phase aus Ulzeration und Entzündung und schließlich der Wundheilung. Beteiligt sind unter anderem Entzündungsbotenstoffe, die Zellteilung, die Bindegewebsmatrix und Veränderungen der Mundflora.

Wie häufig und wie schwer die Erkrankung auftritt, schwankt stark – abhängig von der Art der Behandlung und von der einzelnen Patientin oder dem einzelnen Patienten. Als individuelle Risikofaktoren gelten:

  • schlechte Mundgesundheit und Mundhygiene
  • ein verringerter Speichelfluss
  • genetische Faktoren
  • eine eingeschränkte Nieren- oder Leberfunktion
  • eine vorausgegangene Tumortherapie, etwa bei Kopf-Hals-Tumoren
  • Alter und Geschlecht

Beschwerden und Schweregrade

Vor allem in der Ulzerationsphase hat die orale Mukositis eine Reihe klinischer Folgen: Schmerzen, eine eingeschränkte Aufnahme von Nahrung und Flüssigkeit, ein erhöhtes Infektionsrisiko und dadurch eine deutliche Einschränkung der Lebensqualität. Die aufgebrochene Schleimhaut neigt zur Superinfektion; bei stark verminderter Zahl weißer Blutkörperchen steigt zusätzlich das Risiko, dass Keime in die Blutbahn gelangen.

Für die Einstufung sind mehrere Skalen gebräuchlich, am häufigsten die der Weltgesundheitsorganisation sowie die Toxizitätskriterien des US-amerikanischen Krebsinstituts und der Radiation Therapy Oncology Group. Sie weichen leicht voneinander ab, verbinden aber alle die Inspektion des Mund- und Rachenraums mit den klinischen Zeichen der Schleimhautschädigung. Die Skala der Weltgesundheitsorganisation stuft so ein:

GradBefund an der SchleimhautNahrungsaufnahme
0normal–
1Wunden und Rötungen–
2Rötungen und Ulzerationenfeste Nahrung möglich
3Ulzerationenflüssige Ernährung
4blutende Ulzerationenüber den Mund nicht möglich
Einteilung der oralen Mukositis nach der Skala der Weltgesundheitsorganisation. Ein Gedankenstrich bedeutet, dass die Skala für diesen Grad keine Aussage zur Nahrungsaufnahme trifft.

Verlauf

Die Wundheilung geschieht meist von selbst und hängt vom Zusammenspiel zwischen Binde- und Deckgewebe ab. Nach einer Bestrahlung im Kopf-Hals-Bereich sind die akuten Veränderungen überwiegend rückbildungsfähig. Als Spätfolgen können erweiterte kleinste Gefäße, eine dünner gewordene und eine trockene Schleimhaut zurückbleiben; wie ausgeprägt die Mundtrockenheit ausfällt, hängt auch davon ab, wie stark die Speicheldrüsen mitgeschädigt wurden. Die Mundschleimhaut gilt als typisches Gewebe, an dem sich Spätfolgen aus der Stärke der akuten Reaktion ergeben.

Von der Schleimhautreaktion zu unterscheiden ist eine seltenere, aber schwerwiegende Spätfolge der Bestrahlung am Kiefer: die Osteoradionekrose des Kiefers. Sie betrifft den Knochen, nicht die Schleimhaut, und wird gesondert dargestellt.

Vorbeugung und Behandlung

Die Leitlinie zur supportiven Therapie bei onkologischen Patientinnen und Patienten spricht die Vorbeugung mit ihrem stärksten Empfehlungsgrad aus: Eine standardisierte Mundpflege soll in allen Altersgruppen und bei allen Behandlungsarten erfolgen, bei denen ein Risiko für eine orale Mukositis besteht. Dazu gehören

  • regelmäßiges Spülen zur Befeuchtung des Mundes,
  • die Pflege der Zähne mit einer weichen Zahnbürste,
  • die Reinigung der Zahnzwischenräume mit Zahnseide oder Interdentalbürsten,
  • das Meiden von Reizstoffen – alkohol- oder zuckerhaltige Lösungen, Tabak, scharfe und heiße Speisen, säurehaltige Lebensmittel,
  • die fortlaufende Kontrolle auf Läsionen und Schmerzen,
  • vorbeugende Maßnahmen durch die Zahnärztin oder den Zahnarzt sowie
  • eine engmaschige klinische Kontrolle und Beratung während der laufenden Therapie.

Patientinnen und Patienten mit einem Risiko für eine orale Mukositis sollen darüber hinaus zu regelmäßigen vorbeugenden Mundspülungen angeleitet werden; diese sollten mit Wasser oder mit physiologischer Kochsalzlösung erfolgen. Im Rahmen einer Strahlentherapie kommt die Fluoridierung zum Schutz der Zähne hinzu.

Zahnärztliche Vorbereitung und Begleitung

Die zahnärztliche Begleitung einer Tumortherapie – die Beurteilung und Behandlung von Infektionen und Begleiterkrankungen an Zähnen und Mundschleimhaut – gilt nach der Leitlinie als Standard der Versorgung, ausdrücklich auch für die Vorbeugung der oralen Mukositis. Sie umfasst:

  • die Versorgung kariöser, erhaltungswürdiger Zähne,
  • das Glätten scharfer Kanten an Zähnen und Zahnersatz,
  • gegebenenfalls die Entfernung geschädigter, schlecht gepflegter Zähne,
  • die Sanierung von Schleimhautdefekten,
  • die Behandlung und Vorbeugung von Druckstellen unter Prothesen sowie
  • eine angemessene Fluoridierungsprophylaxe.

Wie sich diese Vorbereitung zeitlich in eine Krebsbehandlung einfügt und worauf während der Therapie zu achten ist, beschreibt die Seite Chemotherapie und Zahnbehandlung ausführlicher.

Weitere Maßnahmen

Für einzelne Therapieformen bestehen gezielte Empfehlungen. Bei einer Chemotherapie mit Bolusgabe von 5-Fluorouracil soll die Mundschleimhaut durch das Lutschen von Eiswürfeln über rund eine halbe Stunde gekühlt werden. Ist eine orale Mukositis eingetreten, sollten die Mundpflegeprotokolle begleitend fortgeführt werden; ein bestimmter Zusatz zur Spüllösung wird dabei nicht empfohlen. Reichen periphere Schmerzmittel nicht aus, sollen Opioide eingesetzt werden – Auswahl, Dosierung und Dauer legt das behandelnde Ärzteteam fest. Für die photobiomodulierende Therapie, auch Low-Level-Lasertherapie genannt, liegt bei einer Mukositis unter alleiniger Chemotherapie – außerhalb der Blutstammzelltransplantation – keine ausreichende Evidenz vor, um dafür oder dagegen zu raten. Im Rahmen einer Blutstammzelltransplantation kann sie dagegen zur Vorbeugung eingesetzt werden.

Periimplantäre Mukositis

Von alldem zu trennen ist die periimplantäre Mukositis. Sie bezeichnet die durch bakterielle Beläge ausgelöste Entzündung der Schleimhaut rund um ein Zahnimplantat, bei der der tragende Knochen keinen fortschreitenden Abbau zeigt. Kommt Knochenverlust hinzu, spricht man von einer Periimplantitis. Mit der oralen Mukositis unter Krebstherapie hat sie weder Ursache noch Verlauf noch Behandlung gemeinsam – gemeinsam ist allein das Wort für die entzündete Schleimhaut.

Die ausführliche Darstellung mit Häufigkeit, Abgrenzung zur Periimplantitis, Symptomen, Diagnostik, Behandlung, Vorbeugung und Kassenleistung steht im eigenen Eintrag Periimplantäre Mukositis.

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Literatur

Literatur und Quellenangaben

Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen. AWMF-Registernummer 032-054OL, Entwicklungsstufe S3, Version 2.1, Stand 02.04.2025, gültig bis 01.04.2030. Langfassung Juni 2026, Kapitel 7 (Orale Mukositis durch systemische Tumortherapie) und Kapitel 11.9 (Radiogene Mukositis). register.awmf.org

Elad S, Cheng KKF, Lalla RV, et al. MASCC/ISOO clinical practice guidelines for the management of mucositis secondary to cancer therapy. Cancer. 2020;126(19):4423–4431. DOI: 10.1002/cncr.33100

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): ICD-10-GM Version 2026, K12.3 Orale Mukositis (ulzerativ). klassifikationen.bfarm.de

Heitz-Mayfield LJA, Salvi GE. Peri-implant mucositis. J Clin Periodontol. 2018;45(Suppl 20):S237–S245. DOI: 10.1111/jcpe.12953

Schwarz F, Derks J, Monje A, Wang HL. Peri-implantitis. J Clin Periodontol. 2018;45(Suppl 20):S246–S266. DOI: 10.1111/jcpe.12954

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