Lexikon
Lithiumdisilikat (e.max®)
Lithiumdisilikat (Li₂Si₂O₅) ist eine Glaskeramik, die in der zahnärztlichen Prothetik als Material für Kronen, Veneers, Inlays, Onlays und kurze Brücken eingesetzt wird. Der bekannteste Handelsname ist IPS e.max (Ivoclar Vivadent), der in der Praxis häufig synonym mit dem Material selbst verwendet wird. Lithiumdisilikat vereint zwei Eigenschaften, die sich bei Dentalkeramiken sonst gegenseitig ausschließen: eine hohe Biegefestigkeit (360–400 MPa) und eine hervorragende Transluzenz, die der natürlichen Zahnsubstanz nahekommt. Damit schließt es die Lücke zwischen den hochästhetischen, aber bruchempfindlichen Feldspatkeramiken und dem extrem festen, aber opaken Zirkonoxid.
Werkstoffeigenschaften
Lithiumdisilikat gehört zur Familie der Glaskeramiken — es besteht aus einer amorphen Glasmatrix, in die nadelförmige Lithiumdisilikat-Kristalle eingebettet sind. Diese Kristalle machen etwa 70 % des Volumens aus und verleihen dem Material seine Festigkeit, während die Glasmatrix für die Lichtdurchlässigkeit sorgt. Die Materialeigenschaften im Überblick: Die Biegefestigkeit liegt bei 360–400 MPa (zum Vergleich: Feldspatkeramik 80–120 MPa, Zirkonoxid 900–1.200 MPa), die Bruchzähigkeit bei 2,5–3,0 MPa·m¹/², das Elastizitätsmodul bei 95 GPa (ähnlich dem Dentin mit 18 GPa und dem Schmelz mit 84 GPa) und die Härte bei 5,8 GPa. Ein entscheidender Vorteil: Lithiumdisilikat lässt sich sowohl mit Flusssäure ätzen als auch mit Silan konditionieren — das ermöglicht eine adhäsive Befestigung, die die Gesamtfestigkeit der Restauration deutlich erhöht (Verbund Keramik + Befestigungskomposit + Zahnsubstanz).
Lithiumdisilikat vs. Zirkonoxid — Materialvergleich
| Eigenschaft | Lithiumdisilikat (e.max) | Zirkonoxid (3Y-TZP) |
|---|---|---|
| Biegefestigkeit | 360–400 MPa | 900–1.200 MPa |
| Transluzenz | Hoch — zahnähnlich | Gering bis mittel (Multilayer besser) |
| Adhäsive Befestigung | Ja — Flusssäure-Ätzung + Silan | Nein — nur mechanisch/selbstadhäsiv |
| Indikation | Einzelkronen, Veneers, Inlays, kurze Brücken (3-gliedrig) | Einzelkronen, Brücken (auch langspannig), Implantat-Abutments |
| Ästhetik | Exzellent — Frontzahn-Goldstandard | Gut — mit Verblendung oder Multilayer sehr gut |
| Abrasion Antagonist | Gering — schmelzähnlich | Höher — abhängig von Oberflächenpolitur |
| Verarbeitung | Presstechnik (Lost-Wax) oder CAD/CAM (Fräsen + Kristallisation) | CAD/CAM (Fräsen + Sinterung) |
| Überlebensrate 5 Jahre (Einzelkronen, Meta-Analyse) | 96,6 % (Leuzit-/Lithiumdisilikat-verstärkte Glaskeramik) | 92,1 % (dicht gesinterte Zirkonoxidkeramik) |
Die Materialwahl zwischen Lithiumdisilikat und Zirkonoxid hängt von der Indikation ab. Für Frontzahnkronen und Veneers, bei denen Ästhetik und Transluzenz entscheidend sind, ist Lithiumdisilikat die erste Wahl. Für Seitenzahnbrücken mit hoher Kaubelastung, langspannige Konstruktionen und Implantat-Abutments bietet Zirkonoxid die nötige Festigkeit. Bei Einzelkronen im Seitenzahnbereich sind beide Materialien gleichwertig.
IMPLANTAT-SPEZIALISTEN IN IHRER NÄHE
Klinische Anwendungen
Veneers und Frontzahnkronen: Lithiumdisilikat gilt als Goldstandard für minimalinvasive Frontzahnrestaurationen. Durch die hohe Transluzenz und die Möglichkeit der adhäsiven Befestigung können extrem dünne Schichtstärken realisiert werden — Veneers ab 0,3 mm, Kronen ab 1,0 mm. Das Ergebnis ist ein natürliches, lebendiges Farb- und Lichtspiel, das von natürlichen Zähnen kaum zu unterscheiden ist.

Seitenzahnkronen und Inlays/Onlays: Im Seitenzahnbereich bietet Lithiumdisilikat ausreichend Festigkeit für Einzelkronen und Teilrestaurationen. Die adhäsive Befestigung stabilisiert zusätzlich den geschwächten Restzahn — ein Vorteil gegenüber konventionell zementierten Zirkonoxid-Kronen, die den Zahn nicht verstärken.
Kurze Brücken (3-gliedrig) und Kronenverblockung: Lithiumdisilikat ist für 3-gliedrige Brücken bis zum Prämolarenbereich zugelassen. Für Molarenbrücken oder langspannige Konstruktionen reicht die Festigkeit auf keinen Fall aus — hier ist Zirkonoxid das Material der Wahl. Aber auch bei kleinen Frontzahnbrücken und verblockten Kronen tun sich viel Zahntechniker schwer, diesem Material das Vertrauen bei der Stabilität auszusprechen. Die ästhetisch perfekte Einzelkrone bleibt die Hauptindikation Für e.max®.

Implantatkronen: Auf Zahnimplantaten wird Lithiumdisilikat häufig als monolithische Krone auf einem individuellen Titan- oder Zirkonoxid-Abutment eingesetzt. Besonders im Frontzahnbereich ergibt die Kombination aus zahnfarbenem Abutment und transluzenter Lithiumdisilikat-Krone ein ästhetisch herausragendes Ergebnis.
Kosten
| Restauration | Kosten (ca.) | Kassenleistung? |
|---|---|---|
| Veneer (Lithiumdisilikat) | 500–1.200 € | Nein — reine Privatleistung |
| Einzelkrone Front (e.max) | 700–1.200 € | Festzuschuss für Kronenversorgung (ca. 180 €) |
| Einzelkrone Seitenzahn (e.max) | 600–1.000 € | Festzuschuss für Kronenversorgung (ca. 180 €) |
| Inlay/Onlay (e.max) | 400–800 € | Festzuschuss für Füllungsversorgung (gering) |
| 3-gliedrige Brücke (e.max) | 1.500–2.500 € | Festzuschuss für Brückenversorgung (ca. 430 €) |
| Implantatkrone auf Titan-Abutment | 800–1.500 € (nur Suprakonstruktion) | Festzuschuss für Zahnersatz (ca. 180 €) |
Lithiumdisilikat-Restaurationen sind in der Regel teurer als metallkeramische Versorgungen, aber günstiger als handgeschichtete Zirkonoxid-Verblendkronen. Der Preisunterschied erklärt sich durch die Materialkosten (e.max-Rohlinge oder Pressrohlinge) und den zahntechnischen Aufwand für die Individualisierung. Der Festzuschuss der gesetzlichen Krankenversicherung richtet sich nach dem Befund (Regelversorgung), nicht nach dem gewählten Material — die Differenz zur Regelversorgung trägt der Patient als Eigenanteil.
Take-Home-Message: Lithiumdisilikat (e.max) ist die vielseitigste Dentalkeramik der Gegenwart — stark genug für Seitenzahnkronen, ästhetisch genug für Frontzahn-Veneers. Der entscheidende Vorteil gegenüber Zirkonoxid: die Möglichkeit der adhäsiven Befestigung, die den Zahn stabilisiert und die Langlebigkeit erhöht. Für langspannige Brücken oder extremen Kaudruck bleibt Zirkonoxid das Material der Wahl. Meta-analytisch geschätzte Überlebensraten von rund 97 % nach fünf Jahren belegen die klinische Bewährung.
Literatur
Literatur und Quellenangaben
Pieger S et al. Clinical outcomes of lithium disilicate single crowns and partial fixed dental prostheses: a systematic review. J Prosthet Dent. 2014;112(1):22–30. DOI: 10.1016/j.prosdent.2014.01.005
Gehrt M et al. Clinical results of lithium-disilicate crowns after up to 9 years of service. Clin Oral Investig. 2013;17(1):275–284. DOI: 10.1007/s00784-012-0700-x
Sailer I et al. All-ceramic or metal-ceramic tooth-supported fixed dental prostheses (FDPs)? A systematic review of the survival and complication rates. Part I: Single crowns (SCs). Dent Mater. 2015;31(6):603–623. DOI: 10.1016/j.dental.2015.02.011
Ivoclar Vivadent. IPS e.max Scientific Documentation. Schaan, Liechtenstein. 2023.
Gracis S et al. A new classification system for all-ceramic and ceramic-like restorative materials. Int J Prosthodont. 2015;28(3):227–235. DOI: 10.11607/ijp.4244
Rauch A et al. Long-term survival of monolithic tooth-supported lithium disilicate crowns fabricated using a chairside approach: 15-year results. Clin Oral Investig. 2023;27(7):3983–3989. DOI: 10.1007/s00784-023-05023-0
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