Lexikon
Kiefergelenk
Das Kiefergelenk (lateinisch Articulatio temporomandibularis) ist die bewegliche Verbindung zwischen Unterkiefer und Schädelbasis. Es verbindet den Gelenkkopf des Unterkiefers mit der Gelenkpfanne des Schläfenbeins und ermöglicht zusammen mit der Kaumuskulatur jede Bewegung des Unterkiefers – vom Kauen und Schlucken bis zum Sprechen und Gähnen. Anatomisch ist es ein paariges Gelenk: Die beiden Kiefergelenke der rechten und linken Seite arbeiten immer gemeinsam, weil der Unterkiefer ein einziger U-förmiger Knochen ist. Diese Kopplung macht das Kiefergelenk zu einem der am häufigsten beanspruchten Gelenke des Körpers.
Aufbau und Bestandteile des Kiefergelenks
Das Kiefergelenk gehört zu den anatomisch anspruchsvollsten Gelenken des menschlichen Körpers. Es ist kein einfaches Scharniergelenk, sondern eine Kombination aus Dreh- und Gleitgelenk – fachlich als ginglymoarthrodiales Gelenk bezeichnet. Damit beide Bewegungsformen reibungsarm ablaufen können, sind mehrere Strukturen präzise aufeinander abgestimmt.
- Gelenkkopf (Kondylus, Caput mandibulae): Der walzenförmige obere Abschnitt des aufsteigenden Unterkieferastes. Er bildet den beweglichen Teil des Gelenks und ist mit Faserknorpel überzogen.
- Gelenkpfanne (Fossa mandibularis): Eine Vertiefung im Schläfenbein, in die der Gelenkkopf eingebettet ist. Davor liegt der Gelenkhöcker (Tuberculum articulare), über den der Kopf bei weiter Mundöffnung nach vorne gleitet.
- Discus articularis (Gelenkscheibe): Eine bikonkave Faserknorpelscheibe zwischen Kopf und Pfanne. Sie teilt den Gelenkraum in eine obere und eine untere Kammer und gleicht die unterschiedlichen Formen von Kopf und Pfanne aus.
- Gelenkkapsel (Capsula articularis): Eine bindegewebige Hülle, die das Gelenk umschließt und mit der Gelenkscheibe verwachsen ist. Ihre Innenschicht (Membrana synovialis) bildet die Gelenkflüssigkeit, die das Gelenk ernährt und schmiert.
- Bänder: Das seitliche Band (Ligamentum laterale) verstärkt die Kapsel und begrenzt übermäßige Bewegungen. Zusätzlich stabilisieren das Ligamentum sphenomandibulare und das Ligamentum stylomandibulare das Gelenk von außen.
- Kaumuskulatur: Vier paarige Muskeln bewegen den Unterkiefer – der Schläfenmuskel (M. temporalis), der Kaumuskel (M. masseter) sowie der innere und äußere Flügelmuskel (M. pterygoideus medialis und lateralis). Der äußere Flügelmuskel setzt teilweise direkt an der Gelenkscheibe an und steuert deren Bewegung.
Eine Besonderheit gegenüber den meisten anderen Gelenken des Körpers ist, dass die Gelenkflächen nicht mit dem üblichen glasigen Knorpel (hyalinem Knorpel), sondern mit dem widerstandsfähigeren Faserknorpel überzogen sind. Dieser Faserknorpel ist gegenüber wiederholter Druckbelastung belastbarer und besitzt eine gewisse Fähigkeit zur Selbstreparatur. Im Unterschied zu vielen Körpergelenken bleibt der Gelenkkopf des Unterkiefers zudem bis ins Erwachsenenalter eine wichtige Wachstumszone des Gesichtsschädels.
Versorgt wird das Kiefergelenk über Äste der äußeren Halsschlagader, vor allem der oberflächlichen Schläfenarterie und der Kieferarterie. Die sensible Innervation, also die Vermittlung von Druck- und Schmerzempfinden, erfolgt über Äste des Unterkiefernervs (eines Astes des fünften Hirnnervs), insbesondere den Ohrschläfennerv (Nervus auriculotemporalis). Diese Nähe zum Ohr erklärt, warum Beschwerden im Kiefergelenk häufig als Schmerz im oder vor dem Ohr empfunden werden.
Auf einen Blick
Was es ist: Das Kiefergelenk (Articulatio temporomandibularis) ist die paarige Verbindung zwischen Unterkiefer und Schädelbasis.
Bestandteile: Gelenkkopf, Gelenkpfanne mit Gelenkhöcker, dazwischen die Gelenkscheibe (Discus), umgeben von Gelenkkapsel und Bändern; bewegt durch die Kaumuskulatur.
Besonderheit: Es vereint zwei Bewegungen – ein Drehen (Rotation) und ein Gleiten (Translation). Beide Kiefergelenke arbeiten immer gemeinsam.
Aufgabe: Es ermöglicht Kauen, Schlucken, Sprechen und die Mimik und gehört zu den am häufigsten bewegten Gelenken des Körpers.
Bewegungsformen: Drehen und Gleiten
Die Beweglichkeit des Kiefergelenks beruht auf dem Zusammenspiel der beiden Gelenkkammern, die durch die Gelenkscheibe getrennt sind. In der unteren Kammer findet vor allem das Drehen statt, in der oberen Kammer das Gleiten. Beim normalen Mundöffnen laufen beide Bewegungen nacheinander ab: Die ersten rund zwei Zentimeter Öffnung entstehen überwiegend durch eine Drehbewegung des Gelenkkopfes in der Pfanne. Bei weiterer Öffnung gleitet der Kopf zusammen mit der Gelenkscheibe nach vorne und unten über den Gelenkhöcker. Diese Kombination erlaubt es, den Mund weit zu öffnen, ohne dass das Gelenk dabei aus seiner Führung springt.
Neben dem Öffnen und Schließen ermöglicht das Kiefergelenk auch das Vorschieben des Unterkiefers (Protrusion), das Zurückziehen (Retrusion) sowie seitliche Mahlbewegungen (Laterotrusion). Bei den Mahlbewegungen arbeiten beide Gelenke unterschiedlich: Auf der einen Seite dreht sich der Kopf weitgehend an Ort und Stelle, während er auf der Gegenseite nach vorne gleitet. Dieses fein abgestimmte Wechselspiel ist die Grundlage des Kauens.
Das Kiefergelenk ist das einzige Doppelgelenk des menschlichen Körpers: Rechtes und linkes Gelenk sind über den einen Unterkieferknochen fest miteinander verbunden und bilden funktionell eine Einheit – ein eng gekoppeltes Gelenkpaar. Eine Gelenkbewegung findet deshalb nie isoliert auf nur einer Seite statt: Beide Kiefergelenke bewegen sich immer gemeinsam und zwangsläufig gekoppelt. Selbst bei einer scheinbar einseitigen Mahlbewegung ist die Gegenseite stets mitbeteiligt, indem ihr Gelenkkopf nach vorne gleitet, während sich der Kopf der Arbeitsseite an Ort und Stelle dreht.
| Merkmal | Drehen (Rotation) | Gleiten (Translation) |
|---|---|---|
| Bewegung des Gelenkkopfes | dreht sich weitgehend an Ort und Stelle | gleitet mit der Gelenkscheibe nach vorne und unten über den Gelenkhöcker |
| Ort im Gelenk (Kammer) | untere Kammer (zwischen Gelenkkopf und Gelenkscheibe) | obere Kammer (zwischen Gelenkscheibe und Pfanne) |
| Phase beim Mundöffnen | Beginn der Öffnung (etwa die ersten 2 cm) | weite Öffnung darüber hinaus sowie Vorschieben des Unterkiefers |
| Typische Funktion | Sprechen, kleine Kaubewegungen | weites Öffnen (Gähnen, Abbeißen) und Mahlbewegungen |
Die Lage der Gelenkköpfe in den Gelenkpfannen wird nicht nur durch Muskeln und Bänder bestimmt, sondern auch über die Okklusion, also die Verzahnung der Zähne, mitgesteuert. Beim Zusammenbeißen führen die Zahnkontakte den Unterkiefer in seine Schluss-Endposition; diese Verzahnung legt fest, wo der Unterkiefer am Ende der Schließbewegung zur Ruhe kommt, und beeinflusst damit die Position der Gelenkköpfe mit. Verzahnung und Gelenkstellung sind also eng aufeinander abgestimmt.
Funktion beim Kauen, Schlucken und Sprechen
Das Kiefergelenk ist Teil des sogenannten Kauorgans – eines funktionellen Verbunds aus Kiefergelenken, Kaumuskulatur, Zähnen und Zahnhalteapparat. Damit dieses System reibungslos arbeitet, müssen die Gelenkbewegungen, der Muskeltonus und der Zusammenbiss der Zähne aufeinander abgestimmt sein. Die Art, wie die Zähne beim Schließen aufeinandertreffen, wird als Okklusion bezeichnet und beeinflusst, wie der Unterkiefer im Gelenk geführt wird.
Beim Kauen zerkleinern die Zähne die Nahrung durch wiederholte Öffnungs-, Schließ- und Mahlbewegungen; die Gelenkscheibe federt dabei den Druck ab und verteilt die Kräfte gleichmäßig. Beim Schlucken stabilisiert der kurzzeitige Zahnkontakt den Unterkiefer. Beim Sprechen sorgen feine, schnelle Bewegungen des Unterkiefers für die Lautbildung – hier überwiegt die Drehbewegung. Da der Mensch täglich mehrere tausend Mal schluckt und über den Tag verteilt lange spricht und kaut, gehört das Kiefergelenk zu den am häufigsten bewegten Gelenken überhaupt.
Klinische Bedeutung im Überblick
Weil das Kiefergelenk so stark beansprucht wird und eng mit Muskulatur und Zahnkontakten zusammenhängt, kann sein Zusammenspiel gestört werden. Funktionsstörungen des Kauorgans werden unter dem Oberbegriff craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) zusammengefasst. Typische Beschwerden sind Schmerzen vor dem Ohr, Knack- oder Reibegeräusche im Gelenk, eine eingeschränkte Mundöffnung sowie Verspannungen der Kaumuskulatur. Eine häufige Ursache für Überlastung ist das unbewusste Pressen und Knirschen der Zähne. Ausführliche Informationen zu Symptomen, Diagnostik und Behandlung der CMD sowie zum Knirschen finden sich auf den jeweils eigenen Ratgeberseiten.
- Beschwerdebild und Behandlung im Detail: Seite zur craniomandibulären Dysfunktion (CMD)
- Zähneknirschen und Pressen als Überlastungsfaktor: Lexikoneintrag Bruxismus

Für die Beurteilung des Kiefergelenks spielt es auch in der Zahnmedizin eine Rolle, ob die Bewegungen des Unterkiefers außerhalb des Mundes nachvollzogen werden können. Dazu dienen Instrumente wie der Gesichtsbogen und der Artikulator, mit denen die Lage des Oberkiefers zu den Kiefergelenken auf ein Modell übertragen wird. So lassen sich Zahnersatz und Schienen so gestalten, dass sie zur individuellen Gelenkführung passen. Erkrankungen, Fehlstellungen oder Verletzungen, die das knöcherne Gelenk selbst betreffen, fallen in den Bereich der MKG-Chirurgie. Das Kiefergelenk steht zudem in enger Beziehung zum umgebenden Knochen, etwa dem zahntragenden Alveolarknochen.
IMPLANTAT-SPEZIALISTEN IN IHRER NÄHE

Literatur
Literatur und Quellenangaben
Bordoni B, Brizuela M. Anatomy, Head and Neck, Temporomandibular Joint. StatPearls. Treasure Island (FL): StatPearls Publishing; 2025. PMID: 30860721. ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK538486
Wilkie G, Al-Ani Z. Temporomandibular joint anatomy, function and clinical relevance. Br Dent J. 2022;233(7):539-546. doi: 10.1038/s41415-022-5082-0
Alomar X, Medrano J, Cabratosa J, et al. Anatomy of the temporomandibular joint. Semin Ultrasound CT MR. 2007;28(3):170-183. doi: 10.1053/j.sult.2007.02.002
Ananthan S, Pertes RA, Bender SD. Biomechanics and Derangements of the Temporomandibular Joint. Dent Clin North Am. 2023;67(2):243-257. doi: 10.1016/j.cden.2022.11.004
Shaffer SM, Brismee JM, Sizer PS, Courtney CA. Temporomandibular disorders. Part 1: anatomy and examination/diagnosis. J Man Manip Ther. 2014;22(1):2-12. doi: 10.1179/2042618613Y.0000000060
de Oliveira LRLB, Alves IDS, Vieira APF, et al. Temporomandibular joint: from anatomy to internal derangement. Radiol Bras. 2023;56(2):102-109. doi: 10.1590/0100-3984.2022.0072-en
Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie (DGFDT), Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK). S2k-Leitlinie Okklusionsschienen zur Behandlung von craniomandibulären Dysfunktionen und in der präprothetischen Therapie. AWMF-Registernummer 083-051; 2024. register.awmf.org/de/leitlinien/detail/083-051
Bordoni B, Brizuela M. Anatomy, Head and Neck, Temporomandibular Joint. In: StatPearls [Internet]. Treasure Island (FL): StatPearls Publishing; 2025. PMID: 30860721. ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK538486
Wilkie G, Al-Ani Z. Temporomandibular joint anatomy, function and clinical relevance. Br Dent J. 2022;233(7):539–546. doi: 10.1038/s41415-022-5082-0
Kattadiyil MT, Alzaid AA, Campbell SD. The Relationship Between Centric Occlusion and the Maximal Intercuspal Position and Their Use as Treatment Positions for Complete Mouth Rehabilitation: Best Evidence Consensus Statement. J Prosthodont. 2021;30(S1):26–33. doi: 10.1111/jopr.13316
Aktualisiert am:
Verantwortlicher Autor

