Lexikon
Intraoralscan (Digitaler Abdruck)
Ein Intraoralscan ist die berührungsarme optisch-elektronische Erfassung von Zähnen, Zahnfleisch und Kieferkamm mit einer kleinen Handkamera, die direkt im Mund geführt wird. Aus den Bilddaten berechnet die Software fortlaufend ein dreidimensionales Oberflächenmodell der Mundsituation, das am Bildschirm entsteht — ganz ohne die herkömmliche Abdruckmasse, die viele Patienten als unangenehm empfinden. Das amtliche Gebührenverzeichnis für Zahnärzte führt die Leistung unter der Bezeichnung optisch-elektronische Abformung. Der Scan ersetzt damit genau den Arbeitsschritt, für den bisher Abformlöffel und Abformmasse nötig waren.
Dieser Eintrag behandelt die Erfassung selbst: Technik, Ablauf, Genauigkeit und Grenzen. Wie Erfassung, Konstruktion und Fertigung als Gesamtprozess zusammenwirken, fasst der Eintrag zum digitalen Workflow zusammen. Was anschließend mit dem Datensatz geschieht — Konstruktion am Rechner und maschinelle Fertigung des Zahnersatzes — ist im Eintrag zu CAD/CAM beschrieben. Wie eine Behandlung ohne Abdruck praktisch abläuft, welche Schritte in der Praxis anfallen und was Patienten dabei erwartet, zeigt der Ratgeber zu Zahnersatz ohne Abdruck durch Scan und CAD/CAM.

IMPLANTAT-SPEZIALISTEN IN IHRER NÄHE
Technik und Funktionsprinzip
Alle heute gebräuchlichen Geräte arbeiten optisch und lassen sich auf drei Bausteine zurückführen: Sie projizieren Licht auf die Oberfläche, sie bestimmen aus dem zurückgeworfenen Licht für jeden Bildpunkt den Abstand zur Kamera, und sie rekonstruieren aus den Einzelaufnahmen ein zusammenhängendes Oberflächennetz. Die Systeme unterscheiden sich darin, mit welcher Lichtprojektion und welchem Verfahren der Abstandsbestimmung sie das lösen — und diese Unterschiede wirken sich auf den klinischen Gebrauch aus.
Praktisch spürbar werden sie bei Handhabung und Größe des Kamerakopfs, bei der Einarbeitungszeit, bei der Frage, ob die Zahnoberflächen vor der Aufnahme mattiert werden müssen, beim vorgegebenen Scanpfad, beim Wiederfinden der Position nach einer Unterbrechung und bei der Qualität des berechneten Netzes. Die Darstellung am Bildschirm wirkt dabei oft glatter und sicherer, als die zugrunde liegenden Daten es sind; das ist ein Grund, die Genauigkeit nicht nach dem Bildeindruck zu beurteilen. Ein weiterer Unterschied betrifft die Erfassung der Kieferrelation, die moderne Geräte im selben Arbeitsgang mitregistrieren.
Ablauf der Aufnahme
Die Aufnahme läuft in einer festen Reihenfolge ab. Sie beginnt mit der Trockenlegung, endet mit der Übergabe des Datensatzes und lässt sich an jeder Stelle unterbrechen und fortsetzen. In klinischen Untersuchungen war der Scan gegenüber der konventionellen Abformung durchweg der schnellere Weg. Zeitangaben in Minuten lassen sich daraus nicht ableiten; sie hängen von Gerät, Umfang und Übung ab.
Die einzelnen Arbeitsschritte — von der Trockenlegung bis zur Übergabe des Datensatzes — sind im Ratgeber Zahnersatz ohne Abdruck aus Patientensicht aufgeschlüsselt.
Die Zuordnung beider Kiefer zueinander gehört zum Scan dazu: Der Datensatz enthält am Ende nicht nur die Form der Zahnreihen, sondern auch ihre Lage zueinander in Okklusion. Ein gesonderter Arbeitsschritt mit Bissregistrat entfällt damit im Regelfall.

Erfassung von Implantatpositionen
Ein Implantat sitzt im Knochen unter der Schleimhaut; die Kamera sieht es nicht. Erfasst wird deshalb ein Übertragungsteil: der Scanbody, im Lexikon auch als Scanabutment geführt. Er wird nach der Einheilphase auf das Implantat geschraubt und trägt eine eindeutige, dem System zugeordnete Geometrie. Die Software erkennt diese Geometrie im Datensatz und berechnet daraus Position und Achsrichtung des Implantats im Kiefer. In der konventionellen Technik übernimmt diese Aufgabe der Abformpfosten. Scanbodies sind damit keine Zubehörteile, sondern präzise Übertragungsinstrumente, von deren korrekter Auswahl und Verschraubung die Passung der späteren Suprakonstruktion abhängt.

Wie zuverlässig die Position im Datensatz landet, hängt an der Bauform des Scanbodys, am Gerät und an der Scantechnik — und daran, wie viele Zahnimplantate über welche Spanne erfasst werden. Bei einzelnen Implantaten und kurzen Spannweiten steht der Scan der konventionellen Abformung in der Genauigkeit nicht nach. Untersucht ist das bislang überwiegend am Modell.


Genauigkeit
Genauigkeit wird in Studien als Abweichung gegenüber einer bekannten Referenz gemessen. Für Diagnostik und für kurze Scanstrecken gilt der Intraoralscan als zuverlässig einsetzbar. Wird dagegen ein vollständiger Kieferbogen erfasst, nehmen die Abweichungen zu — und zwar systematisch: Kurze Strecken und gleichmäßig geformte Oberflächen liefern die verlässlicheren Werte. Zwischen den einzelnen Gerätesystemen fallen die Ergebnisse zudem unterschiedlich aus.
Für Kronen und kurzspannige Brücken ist die Frage gut untersucht: Meta-Analysen zu Randspalt und innerer Passung kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass der digitale Weg Restaurationen mit vergleichbarer oder besserer Passung liefert als der konventionelle. Bei Implantatabformungen liegen beide Verfahren dicht beieinander; welches im Einzelfall vorn liegt, wechselt mit der Ausgangssituation. Bei großen Spannweiten kippt das Bild: Einen rein digitalen Weg tragen die Übersichtsarbeiten dort weder auf natürlichen Zähnen noch auf Implantaten, und für die Abformung eines vollständigen Kiefers bleibt die konventionelle Technik als gleichwertige Möglichkeit stehen. Eine pauschale Empfehlung, bei jeder prothetischen Versorgung zu scannen, lässt sich daraus nicht ableiten.
| Klinische Situation | Was die Studienlage zeigt | Konsequenz für die Praxis |
|---|---|---|
| Inlay, Onlay, Einzelkrone | Randspalt und innere Passung vergleichbar oder besser als konventionell | Digitaler Weg gut belegt |
| Kurzspannige Brücke, ein Quadrant | Genauigkeit nimmt mit kürzerer Scanstrecke zu | Digitaler Weg gut belegt |
| Kurzspannige Implantatversorgung mit Scanbody | Vergleichbar zur konventionellen Abformung, Belege überwiegend aus Laborversuchen | Vertretbar; Übung mit dem System vorausgesetzt |
| Ganzkiefer oder weitspannige Brücke auf natürlichen Zähnen | Abweichungen nehmen mit der Spanne zu; Übersichtsarbeiten stützen den digitalen Weg hier nicht | Konventionelle Abformung bleibt gleichrangige Option |
| Weitspannige oder stark angulierte Implantatversorgung | Datenlage uneinheitlich, klinische Studien fehlen weitgehend | Entscheidung im Einzelfall, Verfahren nach Situation wählen |

Die konventionelle Abformung ist kein überholtes Verfahren, sondern in bestimmten Situationen weiterhin die belastbarere Wahl. Der Vergleich fällt deshalb nicht in allen Punkten zugunsten des Scans aus.
Welches Verfahren in welchem Punkt vorn liegt, ist im Ratgeber Gegenüberstellung von Scan und Abformung Kriterium für Kriterium aufgeschlüsselt.
Anwendungsgebiete
Übersichtsarbeiten sehen den Intraoralscan als ausreichend genau für eine ganze Reihe festsitzender Restaurationen — von Inlays und Onlays über Käppchen und Gerüste bis zu Einzelkronen und festsitzendem Zahnersatz auf natürlichen Zähnen wie auf Implantaten. Außerhalb der festsitzenden Versorgung reicht das Spektrum von der ästhetischen Planung über Stiftaufbauten bis zu herausnehmbarem Teilzahnersatz und Defektprothesen.
- Einzelkrone auf einem Implantat: Der Scanbody überträgt die Implantatposition, aus der anschließend Krone und Abutment konstruiert werden.
- Festsitzender Zahnersatz auf Zähnen: Kronen und kurzspannige Brücken, häufig aus Zirkonoxid oder anderen vollkeramischen Werkstoffen.
- Schablonengeführte Implantation: Der Oberflächenscan wird mit einer digitalen Volumentomographie überlagert und dient als Grundlage für die navigierte Implantation und die daraus abgeleitete 3D-Bohrschablone.
- Sofortversorgung: Erfassung der Implantatlage unmittelbar nach dem Eingriff als Grundlage für Provisorien.
- Kieferorthopädie: Grundlage für Aligner und individuell gefertigte Apparaturen sowie für Verlaufskontrollen ohne wiederholte Abformung.
Weitspannige Konzepte auf wenigen Implantaten, etwa nach dem All-on-4-Prinzip, gehören dagegen in die Gruppe der Situationen, in denen die Verfahrenswahl im Einzelfall zu treffen ist. Welche Versorgungsformen darauf aufbauen, ist im Überblick zum Zahnersatz dargestellt.

Grenzen des Verfahrens
Die Grenzen des Verfahrens ergeben sich weniger aus Patientenmerkmalen als aus den Bedingungen am Zahn und aus der Größe der Aufgabe. Die Kamera bildet ausschließlich Oberflächen ab, die frei liegen und trocken sind. Wo das nicht sicherzustellen ist, bleibt die konventionelle Abformung das Mittel der Wahl — darin liegt kein Rückschritt, sondern eine Frage der Indikation.
Welche Störfaktoren im Praxisalltag auftreten und wie sie sich umgehen lassen, ist unter Störfaktoren beim Intraoralscan aufgeschlüsselt.
Kosten und Abrechnung
Im privaten Gebührenrecht zählt die Aufnahme nicht zu Labor oder Material, sondern ist eine eigene Position der Gebührenordnung für Zahnärzte (Nummer 0065), bemessen je Kieferhälfte oder Frontzahnbereich; die einfache digitale Bissregistrierung ist darin enthalten. Eine konventionelle Abformung desselben Bereichs ist daneben nicht berechnungsfähig. Für gesetzlich Versicherte ist die Aufnahme selbst keine Kassenleistung — der Festzuschuss bemisst sich nach dem Befund und bezieht sich auf den Zahnersatz, nicht auf das Abformverfahren.
Für die Konstruktion am Rechner und die maschinelle Fertigung kennt das Gebührenverzeichnis keine eigene Position. Diese Schritte erscheinen in den Material- und Laborkosten und sind im Eintrag zu CAD/CAM beschrieben.
Die konkreten Beträge nach Steigerungssatz und die Regeln zum befundorientierten Festzuschuss stehen im Ratgeber Beträge und Festzuschuss beim Zahnersatz ohne Abdruck.
Literatur
Literatur und Quellenangaben
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- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). S2k-Leitlinie Intraoralscan in der Zahnmedizin, Registernummer 083-049, Version 1.0, Stand 31.10.2025, gültig bis 30.10.2030. Federführend: Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK); mit-federführend: Deutsche Gesellschaft für computergestützte Zahnheilkunde (DGCZ). register.awmf.org
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