Lexikon
Frenektomie
Die Frenektomie (auch Frenulektomie oder Bändchenentfernung) ist die chirurgische Entfernung eines Mundschleimhaut-Bändchens (Frenulum) einschließlich seines Ansatzes am Knochen. Als Bändchen bezeichnet man die schmalen Schleimhautfalten, die Lippen und Zunge mit dem Kieferkamm beziehungsweise dem Mundboden verbinden. Betroffen sind vor allem das Lippenbändchen (Frenulum labii) und das Zungenbändchen (Frenulum linguae). Setzt ein Bändchen zu tief, zu breit oder zu straff an, kann es die Zähne, das Zahnfleisch oder die Beweglichkeit der Zunge stören – dann wird ein operativer Eingriff erwogen. Die Frenektomie gehört zu den kleineren Eingriffen der zahnärztlichen Chirurgie und wird ambulant unter örtlicher Betäubung durchgeführt.
Frenektomie, Frenotomie und Frenuloplastik
Im Sprachgebrauch werden drei Begriffe oft vermengt, die unterschiedliche Eingriffe bezeichnen. Die Wahl des Verfahrens richtet sich nach Ansatz, Breite und Funktion des Bändchens sowie nach dem Behandlungsziel. Die folgende Übersicht grenzt die drei Verfahren voneinander ab.
| Verfahren | Was geschieht | Typische Anwendung |
|---|---|---|
| Frenotomie | einfache Durchtrennung des Bändchens, ohne den Ansatz zu entfernen | kurzes Zungenbändchen beim Säugling; schnelle Entlastung |
| Frenektomie | vollständige Entfernung des Bändchens samt Ansatz | tief ansetzendes Lippenbändchen; ausgeprägter Zug auf das Zahnfleisch |
| Frenuloplastik | Durchtrennung und plastische Neuformung des Gewebes (z. B. Z-Plastik, VY-Plastik) | Verlängerung und Neuausrichtung, um Narbenzug zu vermeiden |
Die Grenzen sind fließend: Bei der Frenuloplastik wird das Bändchen nicht nur getrennt, sondern der Verlauf durch versetzte Schnittführung neu gestaltet, damit die Wunde spannungsfrei ausheilt und sich kein neuer, ziehender Strang bildet. In der Praxis kombiniert die behandelnde Zahnärztin oder der Oralchirurg diese Techniken je nach Befund.
Bändchen im Mund und ihre Funktion
Im Mund gibt es mehrere Frenula. Das obere Lippenbändchen verbindet die Oberlippe mit dem Zahnfleisch oberhalb der mittleren Schneidezähne, das untere Lippenbändchen die Unterlippe mit dem Unterkiefer. Seitlich liegen die Wangenbändchen. Diese Falten spannen sich im Mundvorhof (Vestibulum) auf und begrenzen die Beweglichkeit von Lippen und Wangen in sinnvollem Maß. Das Zungenbändchen verbindet die Unterseite der Zunge mit dem Mundboden und steuert mit, wie weit sich die Zungenspitze anheben und vorstrecken lässt.
Ein Bändchen wird erst dann behandlungsbedürftig, wenn sein Ansatz ungünstig liegt. Zieht das Lippenbändchen bis auf den Kieferkamm oder zwischen die Zähne, überträgt jede Lippenbewegung Zug auf die Gingiva. Ist das Zungenbändchen zu kurz, bleibt die Zunge in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt. Ob daraus ein klinisches Problem entsteht, entscheidet nicht das Aussehen allein, sondern die Funktion – also ob Zahnstellung, Zahnfleisch, Nahrungsaufnahme oder Sprache tatsächlich beeinträchtigt sind.
Lippenbändchen und Zahnlücke
Ein tief zwischen die mittleren oberen Schneidezähne einstrahlendes Lippenbändchen kann mit einer Lücke zwischen diesen Zähnen einhergehen – einem sogenannten medialen oder echten Diastema. Der Zusammenhang gilt allerdings als nicht so eindeutig, wie er oft dargestellt wird: Ein systematischer Überblick über die verfügbaren Studien fand zwar eine Verbindung zwischen einem tief ansetzenden Lippenbändchen und einer Mittellücke, betont aber, dass das Bändchen nur einer von mehreren Faktoren ist und die Lücke im Milch- und frühen Wechselgebiss häufig von selbst kleiner wird. Die Bewertung des Bändchenansatzes bei Kindern ist zudem untersucherabhängig und nicht immer reproduzierbar.
Für die Behandlung folgt daraus eine wichtige Reihenfolge beim Zeitpunkt: Wird eine Mittellücke kieferorthopädisch geschlossen, erfolgt die Bändchenkorrektur in der Regel begleitend oder erst nach dem kieferorthopädischen Lückenschluss – nicht vorab. So lässt sich das narbige Restgewebe nutzen, um die geschlossene Lücke zu stabilisieren und ein erneutes Auseinanderweichen der Zähne zu erschweren. Eine vorschnelle Frenektomie im frühen Wechselgebiss ohne funktionelle Notwendigkeit gilt daher als nicht sinnvoll.
Neben der Zahnstellung spielt der mechanische Zug eine Rolle. Ein straffes Lippenbändchen kann am Zahnfleischsaum ziehen, die Reinigung erschweren und einen Zahnfleischrückgang begünstigen; bei Trägern von herausnehmbarem Zahnersatz kann es außerdem den Halt einer Prothese stören, weil die Prothesenbasis nicht bis an das ziehende Band heranreichen kann. In diesen Fällen zielt die Frenektomie darauf, den störenden Zug dauerhaft zu beseitigen.
IMPLANTAT-SPEZIALISTEN IN IHRER NÄHE
Zu kurzes Zungenbändchen (Ankyloglossie)
Ist das Zungenbändchen zu kurz oder setzt es zu weit vorn an der Zungenspitze an, spricht man von einer Ankyloglossie (Zungenbändchen zu kurz, umgangssprachlich „angewachsene Zunge“). Die Zunge lässt sich dann nur eingeschränkt anheben oder vorstrecken; beim Herausstrecken kann die Spitze herzförmig eingezogen wirken. Bei Säuglingen kann eine ausgeprägte Ankyloglossie das Stillen erschweren, weil die Zunge die Brustwarze nicht richtig umfassen kann – mit schmerzhaftem Saugen für die Mutter und erschwerter Nahrungsaufnahme für das Kind. Später kann in einzelnen Fällen die Bildung bestimmter Laute betroffen sein.
Bei Stillproblemen durch ein zu kurzes Zungenbändchen wird häufig eine einfache Durchtrennung (Frenotomie) durchgeführt. Kontrollierte Studien zeigen, dass dieser kleine Eingriff die mütterlichen Beschwerden beim Stillen rasch verringern kann; die Wirkung auf objektiv gemessene Stillparameter ist dagegen weniger eindeutig belegt. Ein aktueller systematischer Überblick kommt zu dem Schluss, dass die Frenotomie die Beschwerden der Mutter kurzfristig senkt, die Datenlage zur Verbesserung des Stillerfolgs insgesamt aber begrenzt bleibt. Die Indikation wird deshalb individuell gestellt – nicht allein anhand des Aussehens des Bändchens, sondern anhand der tatsächlichen Stillprobleme. Der Eingriff wird von einer erfahrenen Ärztin oder einem Arzt der MKG-Chirurgie beziehungsweise der Kinderheilkunde durchgeführt.
Operationsverfahren
Für die Durchtrennung oder Entfernung eines Bändchens stehen mehrere Techniken zur Verfügung, die sich in Wundversorgung, Blutungsneigung und Heilungsverlauf unterscheiden. Alle Verfahren gehören in das Feld der Oralchirurgie und werden ambulant erbracht.
- Konventionell (Skalpell): Das Bändchen wird mit dem Skalpell durchtrennt beziehungsweise ausgeschnitten und die Wunde in der Regel mit feinen Nähten verschlossen. Das Verfahren ist bewährt, kostengünstig und erlaubt eine präzise plastische Neuformung (Frenuloplastik).
- Laser: Mit einem chirurgischen Laser lässt sich das Bändchen weitgehend blutungsarm abtragen; eine Naht ist oft nicht nötig. In vergleichenden Untersuchungen empfanden Behandelte nach einer Laser-Frenektomie tendenziell weniger Schmerzen und Funktionseinschränkungen als nach dem konventionellen Vorgehen. Dem stehen höhere Gerätekosten gegenüber.
- Elektrochirurgie: Hier trennt ein hochfrequenter Strom das Gewebe und verschließt zugleich kleine Gefäße. Das Verfahren ist ebenfalls blutungsarm, erfordert aber Zurückhaltung in der Nähe von Knochen und bei Trägern bestimmter Herzschrittmacher.
Die Wahl hängt vom Befund, vom Alter der behandelten Person und von der Ausstattung der Praxis ab. Für die reine Durchtrennung eines Säuglings-Zungenbändchens genügt meist ein sehr kurzer Eingriff; für ein breit ansetzendes Lippenbändchen mit Zug auf das Zahnfleisch ist häufig eine plastische Versorgung günstiger.
Ablauf, Anästhesie und Heilung
Der Eingriff erfolgt beim Erwachsenen und älteren Kind unter örtlicher Betäubung und dauert meist nur wenige Minuten. Nach der Betäubung wird das Bändchen durchtrennt oder entfernt; bei der Frenektomie wird der Ansatz mitgenommen, bei der Frenuloplastik die Schnittführung versetzt vernäht. Kleine Wunden können auch offen granulieren. Bei sehr jungen Säuglingen wird die Frenotomie des Zungenbändchens oft ohne oder mit minimaler Betäubung sehr rasch durchgeführt, sodass das Kind unmittelbar danach wieder angelegt werden kann.
Die oberflächliche Heilung ist in der Regel nach ein bis zwei Wochen abgeschlossen. In dieser Zeit sind eine schonende Reinigung des Wundgebiets, weiche Kost und der Verzicht auf mechanische Reizung wichtig. Häufig werden leichte Bewegungs- oder Dehnübungen empfohlen, damit sich das durchtrennte Band nicht erneut narbig verkürzt. Ernste Komplikationen sind selten; möglich sind Nachblutungen, Schwellung, vorübergehende Schmerzen und, bei ungünstiger Heilung, eine erneute Strangbildung, die eine Nachkorrektur erfordern kann.
Kosten und Kassenleistung
Eine medizinisch begründete Bändchenkorrektur ist unter bestimmten Voraussetzungen eine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung. Im einheitlichen Bewertungsmaßstab für zahnärztliche Leistungen (BEMA) sind dafür zwei Positionen maßgeblich: die Position „Beseitigen störender Schleimhautbänder“ (BEMA-Nr. 57, SMS) sowie die spezielle „Korrektur des Lippenbändchens bei einem echten Diastema“ (BEMA-Nr. 61, Dia). Ob die Kasse den Eingriff übernimmt, hängt von der medizinischen Notwendigkeit im Einzelfall ab; die Praxis klärt das vorab.
Wird die Bändchenkorrektur als Privatleistung erbracht, richtet sich die Abrechnung nach der Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ). Für das Lippenbändchen ist die Position 3280 vorgesehen („Lösen, Verlegen und Fixieren des Lippenbändchens und Durchtrennen des Septums bei echtem Diastema“), bewertet mit 270 Punkten. Nicht zu verwechseln ist diese mit der GOZ-Position 3240, die eine Vestibulumplastik beschreibt und kein Bändchen betrifft. Die folgende Tabelle zeigt die Gebühr für die GOZ-Position 3280 bei den üblichen Steigerungssätzen (Punktwert 5,62421 Cent).
| GOZ 3280 (270 Punkte) | 2,3-fach | 3,5-fach | 5,0-fach |
|---|---|---|---|
| Gebühr Lippenbändchen | 34,93 € | 53,15 € | 75,93 € |
Hinzu kommen gegebenenfalls Betäubung, Naht- und Verbandmaterial sowie ambulante Operationszuschläge. Die genannten Beträge sind die reine Leistungsgebühr; eine verbindliche Aufstellung erstellt die behandelnde Praxis vorab. Der Gebührenrahmen endet beim 3,5-fachen Satz (§ 5 Abs. 1 GOZ); jede darüber hinausgehende Vergütung – auch der hier ausgewiesene 5,0-fache Satz – bedarf einer schriftlichen Vereinbarung nach § 2 GOZ.
Auf einen Blick
- Was: chirurgische Entfernung eines Mundschleimhaut-Bändchens (Frenulum) samt Ansatz – meist Lippen- oder Zungenbändchen.
- Abgrenzung: Frenotomie = reine Durchtrennung, Frenektomie = komplette Entfernung, Frenuloplastik = Durchtrennung mit plastischer Neuformung.
- Lippenbändchen: tiefer Ansatz kann Mittellücke (Diastema), Zahnfleischzug und Prothesenprobleme begünstigen; Korrektur meist begleitend zur oder nach der Kieferorthopädie.
- Zungenbändchen: zu kurz = Ankyloglossie; bei Säuglingen mögliche Stillprobleme, Entlastung durch Frenotomie.
- Technik: Skalpell, Laser oder Elektrochirurgie; ambulant unter örtlicher Betäubung, Heilung meist in ein bis zwei Wochen.
- Kosten: bei medizinischer Notwendigkeit Kassenleistung (BEMA-Nr. 57 bzw. 61), sonst privat nach GOZ 3280.
Literatur
Literatur und Quellenangaben
- Tadros S, Ben-Dov T, Catháin ÉÓ, Anglin C, April MM (2022): Association between superior labial frenum and maxillary midline diastema – a systematic review. Int J Pediatr Otorhinolaryngol 156:111063. DOI: 10.1016/j.ijporl.2022.111063
- Boutsi EA, Tatakis DN (2011): Maxillary labial frenum attachment in children. Int J Paediatr Dent 21(4):284–288. DOI: 10.1111/j.1365-263X.2011.01121.x
- Suter VGA, Bornstein MM (2009): Ankyloglossia: facts and myths in diagnosis and treatment. J Periodontol 80(8):1204–1219. DOI: 10.1902/jop.2009.090086
- O’Shea JE, Foster JP, O’Donnell CPF, Breathnach D, Jacobs SE, Todd DA, Davis PG (2017): Frenotomy for tongue-tie in newborn infants. Cochrane Database Syst Rev 3:CD011065. DOI: 10.1002/14651858.CD011065.pub2
- Buryk M, Bloom D, Shope T (2011): Efficacy of neonatal release of ankyloglossia: a randomized trial. Pediatrics 128(2):280–288. DOI: 10.1542/peds.2011-0077
- Junqueira MA, Cunha NNO, Costa e Silva LL, Araújo LB, Moretti ABS, Couto Filho CEG, Sakai VT (2014): Surgical techniques for the treatment of ankyloglossia in children: a case series. J Appl Oral Sci 22(3):241–248. DOI: 10.1590/1678-775720130629
- Chaubal TV, Dixit MB (2011): Ankyloglossia and its management. J Indian Soc Periodontol 15(3):270–272. DOI: 10.4103/0972-124X.85673
- Kara C (2008): Evaluation of patient perceptions of frenectomy: a comparison of Nd:YAG laser and conventional techniques. Photomed Laser Surg 26(2):147–152. DOI: 10.1089/pho.2007.2153
- Pie-Sánchez J, España-Tost AJ, Arnabat-Domínguez J, Gay-Escoda C (2012): Comparative study of upper lip frenectomy with the CO2 laser versus the Er,Cr:YSGG laser. Med Oral Patol Oral Cir Bucal 17(2):e228–e232. DOI: 10.4317/medoral.17373
Aktualisiert am:
Verantwortlicher Autor

