Lexikon
DIR-System
DIR-System (Herstellerangabe: „Dynamic Intraoral Registration“) bezeichnet ein Verfahren der instrumentellen Funktionsanalyse, das auf einem intraoralen Stützstift-Registrat beruht. Anders als optische oder ultraschallbasierte Aufzeichnungssysteme misst es nicht berührungslos von außen, sondern über eine im Mund getragene Messschablone. Die allgemeine Systematik der Funktionsdiagnostik ist im verlinkten Eintrag dargestellt; dieser Beitrag beschreibt das konkrete Konzept, seine Handhabung und die dazu verfügbare Studienlage. Anbieter ist nach eigenen Angaben die Gesellschaft für Funktionsdiagnostik DIR System mbH & Co. KG.
Das Wichtigste in Kürze
- Intraorales Stützstift-Registrat: Der Unterkiefer wird über eine im Mund getragene Messschablone unter definierter Kaukraft geführt und elektronisch aufgezeichnet.
- Die Registriermethode als solche (Stützstift- beziehungsweise Pfeilwinkelregistrierung) ist etabliert; das proprietäre DIR-Konzept wird als zertifiziertes Behandlungskonzept mit Schulungen angeboten.
- Zum Konzept liegen indexierte Mess- und Reproduzierbarkeitsstudien vor; eine kontrollierte Studie, die einen Behandlungsvorteil speziell des DIR-Produkts belegt, wurde bei der Recherche nicht gefunden.
- Für Patientinnen und Patienten fällt kein separater Gerätepreis an – abgerechnet wird die Funktionsanalyse nach GOZ.
Funktionsprinzip
Nach Herstellerangaben wird eine Messschablone mit einem Sensor auf den Zähnen platziert. Die Patientin oder der Patient führt damit definierte Unterkieferbewegungen unter einer festgelegten Kaukraft aus, während die Bewegung in Echtzeit elektronisch übertragen wird. Aus der so erfassten aktuellen Kieferrelation (IST-Position) leitet die zugehörige Software nach Angaben des Anbieters eine rechnerische Zielposition ab. Diese wird anschließend über eine sogenannte DIR-Schiene umgesetzt, bevor eine definitive prothetische Versorgung erfolgt. Technisch handelt es sich damit um eine Variante der intraoralen Stützstiftregistrierung, die um eine elektronische Erfassung und eine Auswertesoftware ergänzt ist.
Anwendung und Handhabung
Der Ablauf gliedert sich nach Herstellerangaben in die intraorale Registrierung, die softwaregestützte Auswertung, eine Behandlungsphase mit der DIR-Schiene und die abschließende Versorgung. Das Verfahren wird nicht als reines Gerät, sondern als zertifiziertes Behandlungskonzept mit Franchise-Charakter und begleitenden Schulungen vertrieben; behandelnde Praxen durchlaufen dafür nach Angaben des Anbieters eine Zertifizierung. Als Einsatzbereiche werden die Ermittlung der Kieferrelation vor umfangreichem Zahnersatz und die Diagnostik bei craniomandibulärer Dysfunktion (CMD) genannt. Die therapeutische Schiene ordnet sich in das allgemeine Feld der Positionierungsschiene ein.
Wissenschaftliche Einordnung
Der Anbieter führt unter der Rubrik „Forschung und Wissenschaft“ mehrere Arbeiten zum DIR-Konzept auf. Bei transparenter Betrachtung handelt es sich dabei überwiegend um Kongress-Poster, einen Beitrag in einer nicht indexierten deutschen Fachzeitschrift (Deutsche Zahnärztliche Zeitschrift, DZZ) sowie Artikel in der Fachpresse. Solche Formate dokumentieren die Entwicklungsarbeit, durchlaufen aber nicht durchgängig ein unabhängiges Begutachtungsverfahren.
Unabhängig indexiert und peer-reviewt sind einzelne Arbeiten aus dem Umfeld der Methode. Sie haben den Charakter von Mess-, Reproduzierbarkeits- und Bildgebungsstudien und wurden an Gesunden oder an kleinen Kollektiven durchgeführt – etwa zu Registriertechniken und ihrer Auswirkung auf die Kondylenposition oder zu bildgebenden Begleitbefunden. Diese Arbeiten stützen Aussagen zur Messung und Reproduzierbarkeit, nicht jedoch einen unmittelbaren Patientennutzen.
Eine gezielte Recherche in PubMed und über Crossref fand keine kontrollierte klinische Wirksamkeitsstudie, die einen Behandlungsvorteil speziell des DIR-Produkts für Patientinnen und Patienten nachweist. Die einzige in diesem Umfeld indexierte randomisierte kontrollierte Studie untersuchte die Okklusionsschienen-Therapie allgemein bei Kopfschmerz mit begleitender Kiefergelenkstörung; sie fand beim primären Schmerz-Endpunkt keinen Vorteil gegenüber der Standardversorgung, war als kleine Pilotstudie angelegt und nennt das DIR-Produkt im Abstract nicht.
Das Geschäftsmodell und die Evidenzbasis des DIR-Konzepts wurden zudem fachöffentlich diskutiert; die Standeszeitschrift der Zahnärzteschaft griff das Thema unter dem Titel „Ein Geschäftsmodell spaltet“ auf. Insgesamt gilt: Die intraorale Stützstift- beziehungsweise Pfeilwinkelregistrierung ist als Registriermethode etabliert. Das proprietäre DIR-Konzept selbst ist bislang nicht durch kontrollierte Outcome-Studien belegt; weitergehende Aussagen zu einer „idealen Kieferrelation“ sind daher als Herstellerposition zu lesen und nicht als gesicherter klinischer Nutzennachweis.
Kosten (GOZ)
Auch beim DIR-System zahlen Patientinnen und Patienten keinen gesonderten Gerätepreis. Die diagnostische Leistung wird über die Positionen der Funktionsanalyse nach GOZ abgerechnet; die tatsächlich berechneten Positionen hängen vom Aufwand im Einzelfall ab. Etwaige Kosten für die anschließende Schienentherapie oder die definitive Versorgung sind davon getrennt zu betrachten.
| GOZ-Nr. | Leistung | Punkte | 2,3-fach | 3,5-fach | 5,0-fach |
|---|---|---|---|---|---|
| 8065 | Registrieren von Unterkieferbewegungen mittels elektronischer Aufzeichnung zur Einstellung voll adjustierbarer Artikulatoren und Einstellung nach den gemessenen Werten, je Sitzung | 850 | 109,95 € | 167,32 € | 239,03 € |
| 8030 | Kinematische Ermittlung der Scharnierachse | 550 | 71,15 € | 108,27 € | 154,67 € |
| 8010 | Registrieren der zentrischen Kondylenposition (Zentrallage) | 180 | 23,28 € | 35,43 € | 50,62 € |
| 8080 | Diagnostische Modellanalyse | 250 | 32,34 € | 49,21 € | 70,30 € |
Weiterführend
Die übergeordnete Methodik ist im Eintrag zur Funktionsanalyse beschrieben. Verwandte elektronische Aufzeichnungsverfahren sind unter Axiographie und Kondylographie dargestellt, die therapeutische Umsetzung unter Positionierungsschiene. Als weitere Systeme der instrumentellen Funktionsanalyse sind auf implantate.com der Freecorder BlueFox und das Cadiax-System beschrieben.
Literatur
Quellen und weiterführende Literatur
- Gesellschaft für Funktionsdiagnostik DIR System mbH & Co. KG: Konzept- und Produktinformation. dir-system.de (Herstellerangaben).
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S2k-Leitlinie „Instrumentelle zahnärztliche Funktionsanalyse“, Registernummer 083-017.
- The influence of different registration techniques on condyle displacement and electromyographic activity in stomatognathically healthy subjects: a prospective study. J Prosthet Dent. 2012. PMID: 22230915.
- Reproducibility of condyle position and influence of splint therapy on different registration techniques in asymptomatic volunteers. Cranio. 2013. PMID: 23461260.
- The influence of different registration positions on condyle displacement in symptomatic patients. Oral Surg Oral Med Oral Pathol Oral Radiol. 2014. PMID: 24528791.
- Association of decrease in insula fMRI activation with changes in trait anxiety in patients with craniomandibular disorder (CMD). Behav Brain Res. 2020. PMID: 31697982.
- Saha FJ et al. Effects of occlusal splint therapy in patients with migraine or tension-type headache and comorbid temporomandibular disorder: a randomized controlled trial. Medicine (Baltimore). 2019. PMID: 31415392. DOI: 10.1097/MD.0000000000016805.
- Zahnärztliche Mitteilungen (zm): „Ein Geschäftsmodell spaltet“, Ausgabe 3/2017 (Fachpresse-Rezeption).
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