Lexikon
CAL (Clinical Attachment Level)
CAL (Clinical Attachment Level) ist ein Messwert für den Zahnhalteapparat. Mit einer Parodontalsonde wird dafür der Abstand von der Schmelz-Zement-Grenze (SZG) bis zum Boden der Zahnfleischtasche: das klinische Attachmentniveau.

Die SZG ist dabei der entscheidende Referenzpunkt: Sie liegt anatomisch fest und verändert sich nicht — egal, ob das Zahnfleisch anschwillt, zurückgeht oder nach Behandlung wieder anliegt. Das macht den CAL zum zuverlässigeren Maß als die Sondierungstiefe (ST) allein, weil er den kumulativen, lebenslangen Attachmentverlust abbildet — also den gesamten Schaden, der im Laufe der Erkrankung entstanden ist.
Die Sondierungstiefe dagegen beschreibt nur die aktuelle Situation: wie tief die Tasche heute ist. Ein Zahn mit flacher Tasche, aber weit zurückgegangenem Zahnfleisch kann erheblich mehr Attachment verloren haben als ein Zahn mit tiefer Tasche bei geschwollener Gingiva. Deshalb erhebt Ihr Zahnarzt immer beide Werte zusammen: ST zeigt, was jetzt behandelbar ist — CAL zeigt, was insgesamt verloren ging.
CAL – Berechnung
Bei freiliegender Wurzel (Rezession) addieren sich Sondierungstiefe und Rezession: CAL = ST + Rezession. Bei aufgewulstetem Zahnfleisch (Hyperplasie) wird der überschüssige Gewebeanteil abgezogen: CAL = ST − Hyperplasieanteil.
Ein Beispiel: Eine Sondierungstiefe von 5 mm bei gleichzeitiger Rezession von 2 mm ergibt einen CAL von 7 mm — deutlich mehr Attachmentverlust, als die Taschentiefe allein vermuten lässt.
Umgekehrt kann eine vertiefte Tasche entstehen, ohne dass überhaupt Attachment verloren geht: Bei einer Zahnfleischwucherung (Pseudotasche) ist die Sondierungstiefe erhöht, der CAL aber normal — es liegt keine Parodontitis vor, sondern eine Gingivahyperplasie. Echte Parodontitis zeigt sich immer im CAL.

Warum der CAL klinisch so wichtig ist
Seit der Parodontitis-Klassifikation von 2018 (Tonetti, Greenwell, Kornman) ist der interdentale CAL der primäre Parameter für das Staging — also für die Bestimmung des Schweregrads einer Parodontitis:
| Stadium | Interdentaler CAL | Schweregrad |
|---|---|---|
| Stage I | 1–2 mm | Beginnend |
| Stage II | 3–4 mm | Mäßig |
| Stage III | ≥ 5 mm (Zahnverlust durch PAR: ≤ 4 Zähne) | Schwer |
| Stage IV | ≥ 5 mm (Zahnverlust durch PAR: ≥ 5 Zähne) | Sehr schwer / komplex |
Das Staging bestimmt wesentlich mit, welche Therapieschritte notwendig sind — von der geschlossenen Kürettage bei Stage I–II bis hin zu chirurgischen und regenerativen Maßnahmen bei Stage III–IV.

Neben dem CAL fließen weitere Kriterien ins Staging ein, insbesondere der röntgenologische Knochenabbau und die Zahl der durch Parodontitis verlorenen Zähne. Der CAL bleibt aber das zentrale Kriterium.
Einschränkungen
Die Messung setzt voraus, dass die Schmelz-Zement-Grenze mit der Sonde ertastet werden kann. Bei subgingivalen Restaurationsrändern (Kronen, die unter das Zahnfleisch reichen), starken Konkrementen oder anatomischen Unregelmäßigkeiten ist der Referenzpunkt nicht immer eindeutig — die Messung wird dann ungenauer. In solchen Fällen orientiert sich der Behandler zusätzlich am Röntgenbild, um den Knochenabbau einzuschätzen.
Siehe auch: → Attachment (parodontales Attachment) · → Parodontalsonde · → Taschentiefen · → Parodontitis-Stadien und Schweregrade
Literatur
Literatur und Quellenangaben
- Tonetti MS, Greenwell H, Kornman KS (2018): Staging and grading of periodontitis: Framework and proposal of a new classification and case definition. Journal of Clinical Periodontology 45(Suppl 20):S149–S161. DOI: 10.1111/jcpe.12945
- Papapanou PN, Sanz M, Buduneli N, et al. (2018): Periodontitis: Consensus report of workgroup 2 of the 2017 World Workshop on the Classification of Periodontal and Peri-Implant Diseases and Conditions. Journal of Clinical Periodontology 45(Suppl 20):S162–S170. DOI: 10.1111/jcpe.12946
- Caton JG, Armitage G, Berglundh T, et al. (2018): A new classification scheme for periodontal and peri-implant diseases and conditions – Introduction and key changes from the 1999 classification. Journal of Clinical Periodontology 45(Suppl 20):S1–S8. DOI: 10.1111/jcpe.12935
- Sanz M, Herrera D, Kebschull M, et al. (2020): Treatment of stage I–III periodontitis – The EFP S3 level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology 47(Suppl 22):4–60. DOI: 10.1111/jcpe.13290
- Deutsche Gesellschaft für Parodontologie (DG PARO) / Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK): S3-Leitlinie „Die Behandlung von Parodontitis Stadium I bis III“ – Deutsche Implementierung der EFP-S3-Leitlinie. AWMF-Registernummer 083-043, Version 1.2, Stand 01.12.2020 (Gültigkeit bis 30.11.2025 abgelaufen, Leitlinie befindet sich in Überarbeitung).
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